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Archiv für Januar 2010

Yoga

Ich kann das nicht. Ich kann nicht durch die Hände einatmen, durch die Füße wieder ausatmen und dabei einen Katzenbuckel machen. Dazu fehlt mir ein Gen. Ich will das auch gar nicht. Ich will lieber hier, von meiner Liege aus, dabei zuschauen, beim Bauch- Beine- Po- Workout für Stewardessen. Dann mache ich den schläfrigen Hund: Langgestreckt, den Kopf auf die verschränkten Pfoten gelegt, blinzle ich mit einem Auge hinüber und sabbere aus dem Maul. Das kann ich gut!

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Nasser

Unser Nasser ist kaputt …

Mein Sohn meinte die Waschmaschine, die im Keller neben dem Trockner steht.

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Kitsch

Kitsch ist, aus Zucker Bonbon machen. Kunst nimmt dafür Scheiße.

Simon Borowiak

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Hexenschuss

Der Rücken knartscht, ich komme kaum aus dem Sessel heraus. Verspannt wie eine Bassgitarre beim Wetterwechsel ziehe ich mich gekrümmt am Handlauf den Flur entlang, bis zum Fahrstuhl. Da steht schon ein Pulk halsstarriger Rennschnecken mit ihren Rollatoren. Starr vor Schreck stolpere ich Käptitän Ahab in seine beigen Mephisto- Schuhe und reiße dabei einen künstlichen Ficus von der Fensterbank. Während sich der Silberrücken noch umdreht, schiebe ich mich auf der anderen Seite vorbei und soeben als letzter in den Fahrstuhl. Ich drücke fix auf “Keller/ Physikalische Therapie”. Die grauhaarigen Atze- Schröder- Doubletten richten ihre Sportwagen wieder in Fahrtrichtung aus, als die Tür grade schließt. Ich schaue durch den Spalt in das zornige Antlitz des wahnsinnigen Walfängers, als ein Stock mit dickem Gummipuffer nach mir schlägt. Mit einem lauten “Knack” entgehe ich der ungerechtfertigten Attacke in letzter Sekunde. Wir halten am Verwaltungstrakt in der ersten Etage. “Speisesaal, Erdgeschoss”, rufe ich, “alle aussteigen!”. 10 Minuten später bin ich alleine im Fahrstuhl. Zufrieden mit mir pule ich zwischen den Zähnen, als der finstere Einbeinige zusteigt. Der Ruck des anfahrenden Fahrstuhls sticht mir ins Kreuz.

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Januargefühl

Ein richtiges Januargefühl wollte sich nicht einstellen. Woher denn auch, bei einem Wetter draußen wie im März: Schnee und Eiseskälte. Die Hände tief in den Taschen vergraben, stand sie an der Haltestelle und wartete auf den Bus, der schon seit einer viertel Stunde überfällig (und überflüssig) war wie ihre Monatsblutung. Sie trat von einem auf das andere Bein und fixierte die Kreuzung, aus der er kommen sollte. Das winterliche Treiben setzte eben zum Gnadenstoß an, als der Bus um die Ecke bog. Steif wie ein Eistaucher im Baikalsee nestelte sie mit klammen Fingern nach ihrem Portemonnaie, kaufte sich ein Ticket und taumelte zu einem freien Platz. Sie setze sich ans Fenster, wischte ein kleines Loch in die vereisten Scheiben und spähte hindurch. Es war noch stockfinster, nur wenige Autos waren unterwegs. Ein dumpfer Knall zerschnitt das Brummen des Motors, als mit einem Mal der Bus abrupt stoppte. Einige Fahrgäste rutschten auf ihren Sitzen näher an die Scheiben, um besser sehen zu können, als ein weiterer dumpfer Knall ihre Neugier erstach. “Scheiße, scheiße, scheiße”, hörte sie den Busfahrer sagen. Kurze Zeit später öffnete er mit einem Zischen die vordere Tür und stieg hinaus. Stimmenfetzen wehten herüber, groteske Schatten spielten Fangen. Endlich trat der Busfahrer mit lautem Poltern und Stampfen wieder ein. In der einen Hand hielt er einen toten Schneemann, in der anderen eine doppelläufige Flinte.
Dann war Stille. Der Wind hatte aufgehört zu wehen und die Schneeflocken verharrten regungslos in der Luft. Fadenschnippsel huschten auf blassrotem Hintergrund vor ihren Augen hin und her, ihr Atem rasselte und ihr Brustkorb hob und senkte sich wie eine Qualle beim Schreittanz. Sie schreckte hoch, als es hupte. Sie saß noch immer an der Haltestelle, die Haare nass von der Scheibe des Wartehäuschens, an die sie ihren Kopf gelehnt hatte. Schlüssel und Handy waren ihr aus der Hand geplumpst. Der Bus stand genau vor ihrer Nase. Der Fahrer rief durch die Tür: “Wollen Sie jetzt mit oder weiterschlafen?”

Dies ist mein Beitrag zu Donna’s Schreibprojekt.

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Haferschleim

Ich war mal krank. Musste sogar ins Krankenhaus. Sollte sogar da bleiben. Am nächsten Nachmittag spielte aber Arminia Bielefeld- Bayern München. Ich wollte nicht bleiben. Ich wollte auf den Block, wo ein anständiger Fan hingehört, wenn er in Bielefeld wohnt. Ich musste aber bleiben. Ich hatte aber meine Dauerkarte und mein Trikot eingepackt. Komisch. Ich dachte, höre ich das Spiel eben im Radio. So blieb ich eine Nacht, bat die Schwester, mir den Zugang zu ziehen, weil er weh täte und machte dann einen GAAANZ langen Spaziergang. Am Stadion vorbei. Zufällig. Und als Fan hatte ich natürlich mein Trikot an. Und meine Dauerkarte dabei. Vielleicht könnte ich die ja noch einem Freund geben. War aber keiner da. Warn schon alle auffem Block. Ging ich also mal gucken. Hallo sagen. War ein geiles Spiel. Ham aber verloren.
Am Abend gabs wieder Haferschleim im Krankenhaus. Lauwarm. Das Zeug schmeckt ja wie aufgeweichtes Löschpapier in Grau. Sieht auch so aus. Also erst einmal einen Teebeutel reinhängen. Dann gings schon besser runter. Mit weniger Würgen. Mein Körpergewicht näherte sich inzwischen dem einer gusseisernen Bratpfanne. Dann kam Ostern. Ich löste kleine eingeschmuggelte Schokohäschen im Haferschleim auf. Das war schon ein anorektisches Festmahl. Sehr empfehlen kann ich auch einen etwa 2 cm langen Streifen Zahnpasta. Nimmt man Signal, ist es quasi sogar Haferschleim rot- weiß. Nach 5 Tagen und 7 Kilo geschmolzenem Körpergewicht hätte ich jede Schwesternschülerin zugunsten eines Butterkekses nackt liegen lassen. Dann gab es Aufbaukost. Ich dachte, dass mich das aufbaut. Vergeblich suchte ich unter der Portionsmarmelade (Aprikose!) nach Aufschnitt. Wie ein Huhn, nicht wie ein Mann, pickte ich meine Scheibe Un-ge- Toast und mopste mir bei entlassenen Mitpatienten Magermilch- Joghurts vom Tablett, bevor die abgeräumt wurden. Am Abend, nachdem mich das erste Mal die osteuropäische Außenhandelsvertreterin nach Brötchen zum Frühstück gefragt hatte, wurde ich entlassen. Schlank wie ein Zaunpfahl, geil wie ein Murmeltier nach dem Winterschlaf und der Kühlschrank leer wie eine Halle zwei Stunden nach Ende eines Konzertes von Hansi Hinterseer.

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Der graue Riese

Das Meer zeigte sich von seiner rauen Seite. Grollend warf der graue Riese seine kalten Arme ans Ufer. Sein eisiger Atem fegte dicke Schneeflocken vor sich her wie eine Horde aufgescheuchter Krabben beim Schulausflug. Aufgepeitschte Gischt küsste mich feucht wie eine junge Affäre. Benommen stolperte ich über seine Gebeine den Strand entlang, der inzwischen schon knietief unter Schnee begraben lag. Am Horizont blinzelte mir ein Zyklop aufmunternd zu.

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Schlafräuber

Davon spuken auch gerne welche durchs oder ums Haus (besonders dann, wenn ich mal extra früh schlafen gegangen bin!):

Späte Anrufer, Zeitverschiebungsvergesser, SMS-Signaltöne, Poltergeister, Taschenlampengespenster, Klingeljäger, Klingelhosen, Krähen auf dem Kamindach, Eulenheulen, Ameisenhusten, Flohräuspern, Froschfürze, Mückensummen, Hundebellen, Magenknurren, Netzteilbrummen, automatisiertes Reinigungsprogramm Drucker, Stand-by-Lämpchen, Autotürenzuschläger, Motorenaufheuler, Scharfbremser, Alarmanlagenbesitzer, Vor dem Fenster – Unterhalter, marodierende Horden, Zahlungsaufforderungen, Hähnchenschnitzel in Gorgonzolasoße, Heimniederlagen, Auswärtsniederlagen, Heimsiege, Auswärtssiege, Unentschieden (egal wo), Martins-Singer, Sternsinger, Schiefsinger, Schleudergänge, Schlagregen, Schneeschipper, Schlüsselklimperer, Verliebt sein, Zeitumstellung, Zeitungseinwerfer, Vollmond, Doppeltermine, piepende Wecker, kratzende Bettwäsche, tropfende Wasserhähne, knartschende Lattenroste, klappernde Türen, kalte Füße, “Ich muss noch die Mülltonne an die Straße stellen” – Gedanken (alternativ: “In vier Stunden muss ich wieder aufstehen”, “Habe ich das Auto abgeschlossen?”, “Wie hieß der/die/das bloß?”, “Was koche ich morgen?”, “Was habe ich heute gegessen?”, “Wer bin ich überhaupt?”).

Wenn das morgen alles weg ist, dann schlaf ich erst mal aus!

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Davon geistern im Moment viele durchs Haus:

Kleine Notizzettel, blinkende Anrufbeantworter, SMS-Signaltöne, Stofftiere und lange Unterhosen mit Löchern, ferngesteuerte Autos und Taschenlampen mit leeren Akkus, volle Wäschekörbe, leere Kühlschränke, harte Brötchen, keine Eier, Zahlungsaufforderungen, Weihnachtsdeko, Adventskalender, Pfandflaschen, Altpapier, Schneeschipper, zugefrorene Scheiben, Matsch im Flur, nasse Schuhe, gerissene Schnürsenkel, verklemmte Jalousien, durchgebrannte Glühlampen, Steinschlag in der Windschutzscheibe, Winterreifen im Schuppen, Abfallkalender, Koffer, unaufgeräumte Kinderzimmer, nicht gemachte Betten, Nachts plötzlich piepende Wecker, Elternstunden in der Kita, Fortbildungen am Freitag, Hunger in der Mittagspause, Klebefilm- und Scherenverstecker, Brillen- und Hausschlüsselverschlürer!!

Wenn das morgen alles weg ist, ja Scheiß in Dreck, was mach ich dann?!

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