Der Wind hängt schwer in den Segeln. Tief sticht der Bug in die schwarze See. Die Mannschaft wimmelt emsig auf Deck. Ratten huschen durch ihre Beine auf der Suche nach einer Mahlzeit. Die Sonne versinkt soeben am Horizont, die Nacht kündigt sich trüb und kalt an.
Unten in seiner Kajüte rollt der Kapitän eine Seekarte auf seinem wuchtigen Tisch aus und zähmt die Widerspenstige mit einem Tintenfass und einem schweren Goldring. Unruhig geht er hin und her. Die halbe Mannschaft ist an Skorbut erkrankt. Doch seit auch sein Steuermann und Freund Bartolomeu fiebernd mit dem Leben ringt, hat er kein Auge mehr zugetan. Übermüdet streckt er sich. Dann beugt er sich über die Karte und guckt sich die bisherige Route skeptisch an. Ihm fehlt der Anhalt, wo genau sie sich befinden. Er ist ein großartiger Seemann und hervorragender Taktiker in jeder Schlacht, die Mannschaft nennt ihn deswegen ehrfürchtig Neptun, aber mit der astronomischen Navigation an Sonne und Sternen steht er auf Kriegsfuß. Verzweifelt nimmt er noch einmal den Stechzirkel und schlägt einige Bögen auf der Karte von ihrer letzten bekannten Position aus. An der Stelle, an der er ein kleines Kreuz einzeichnet, ist die Karte im Umkreis von 200 Seemeilen blau. Verzweifelt stützt er den Kopf in die Hände. Sein einziger Vertrauter in dieser Misere ist der Smutje Mo und der ist dem Alkohol zugetan wie der Teufel der sündigen Seele. Wütend wischt er die Karte mit einem Bärenhieb vom Tisch, als es an der Tür klopft. “Ja”, brummt er. Mo poltert aufgeregt in die Kajüte, “Käp’tn”, stammelt er, “kommen Sie schnell!” Noch ehe er eine Antwort bekommt, stürmt Mo auch schon wieder an Deck. Der Kapitän stampft hinterher. Im Dämmerlicht der heranbrechenden Nacht stolpert er über Holzstücke und Metallteile, die überall auf den Planken herum liegen. Die Mannschaftstraube verstummt und gibt eine Gasse frei, als sie ihren Kommandanten bemerken. Sechs mastdicke Arme halten dabei den tobenden Steuermann in Schach. “Was ist hier los?” Keiner der Maaten wagt es zu sprechen. Mit einem lauten Krachen zertritt der Kapitän eine Backskiste. Dann endlich traut sich Mo: “Er hat in seinem Fieberwahn die letzten Fässer mit Trinkwasser zerschlagen!” “Hängt den dreckigen Wichtel auf!”, ist Neptuns erster Impuls zu sagen. Doch dann besinnt er sich, vielleicht ist Bartolomeu der einzige, der sie noch retten kann. “Bringt ihn nach unten und gebt ihm von dem, was noch übrig ist, zu essen und zu trinken!”, knurrt er und stiert dabei jeden mit dem kalten Blick eines Henkers an. Angstvoll schauen die Männer zur Seite, keiner sagt ein Ton. Jeder weiß, dass er selbst statt des Steuermannes am Mast hängen könnte, wenn er sich dem Befehl des Kapitäns widersetzt. Neptun dreht sich um und verschwindet wortlos nach Achtern zum Steuerrad. Er scheucht den Rudergänger fort, übernimmt seinen Platz und starrt in die Dunkelheit. Lange steht er da, unbeweglich wie eine Galionsfigur. “Zum Klabauter!”, murmelt er plötzlich und spuckt ins Wasser, erst jetzt bemerkt er den aufziehenden Sturm. Schon brechen hohe Wellen über dem Schiff zusammen. Die Mannschaft hat mit Neptun schon viele Abenteuer überstanden, aber jetzt sehen sie den Sensenmann schon blinzeln. Zum Segel reffen und Abwettern ist es zu spät. Kurzentschlossen stellt Neptun das Schiff in den Wind. Es bäumt sich auf wie ein verwundeter Stier. Dumpf knarren die Masten unter der Last. Die Taue sind bis zum Zerreißen gespannt. Die Winschen jammern und ächzen, die Spanten bellen hungrig. Mit einem lauten Schlag reißt sich das Rahsegel am Fockmast los. Mit letzter verzweifelter Kraft klettert Afonso, sein Bootsmann, den Mast hoch und schafft es, das Segel loszuschneiden. Peitschend frisst der Sturm sein erstes Opfer. Afonso schaut hinterher, als ein Blitz krachend den Nachthimmel für einen kurzen Augenblick erleuchtet. “Land!”, schreit er, “”Land in Sicht!” Ungläubig rennen die Männer zur Reling und starren aufs Meer. Doch in der Dunkelheit können sie nichts erkennen. Neptun brüllt: “Auf eure Posten!” und nimmt Kurs in die Richtung, die ihm Afonso gezeigt hat. Das Schiff dreht sich nur störrisch, immer wieder driftet es ab. Dann endlich tauchen tatsächlich Schatten in der Dunkelheit auf. Langsam schieben sie sich näher. Gaffend und feixend stehen die Männer zusammen. Plötzlich bekommt das Schiff Schlagseite. Wie von einem riesigen Seeungeheuer getreten sackt es zur Seite. Wer sich nicht halten kann, wird umhergewirbelt oder von Bord geschmissen. Neptun reißt das Ruderrad herum, er muss das Schiff wieder in den Wind stellen, damit es sich aufrichtet. Schon rollt die nächste Welle heran und droht das Schiff zu zerschlagen. Im letzten Moment greift der Wind in die klammen Segel, hievt es in die Höhe und schiebt es vor der Welle her. Es gelingt Neptun, das Schiff in den Windschatten der Insel zu manövrieren. Dann läuft es knatschend und knirschend auf Grund auf. Die Ratten verlassen das sinkende Schiff. Erschöpft starrt Neptun in die Dunkelheit.
Mit ‘Kapitän’ getaggte Artikel
Dreizack
Veröffentlicht in DiaGonal, Getaggt Auge, Horizont, Kapitän, Leben, Nacht, Segel, Sonne, Tür, Wasser, Welle, Wichtel, Wind am 9. April 2011 | Kommentar schreiben »
Potpourri
Veröffentlicht in DiaGonal, Getaggt Abend, Adventskalender, Auge, Auto, Bofrostmann, Brötchen, Deich, Ei, Ende, Frau, Fußball, Haar, Horizont, Huhn, Kapitän, Karawane, Kind, Leben, Luft, Mann, Möwe, Meer, Murmeltier, Muschel, Nacht, Nase, Ohr, Playmobil, Radio, Ruhe, Sand, Schuhe, Schule, Segel, Seife, Sonne, Strand, Tag, Tür, Wasser, Weihnachten, Welle, Wichtel, Wind, Windschutzscheibe am 5. März 2011 | 3 Kommentare »
Das wollte ich schon länger mal machen: Eine Geschichte schreiben, in der alle meine Schlagwörter (“Tag-Links”, siehe am rechten Rand) mindestens einmal vorkommen. Ich probiere es mal alphabetisch!
Es ist Heiligabend. Soeben öffne ich das letzte Törchen vom Adventskalender. Was ist das denn? Ich traue meinen Augen nicht: Ein kleines Schokoladenauto. Und wer steigt grade aus? Der Bofrostmann! Wo will der denn so spät hin? Will der etwa noch Tiefkühl- Brötchen ausliefern? Wo denn? Hier in dieser unwirtlichen Gegend, mitten am Deich? Hier gehen die Eier zu Ende, die Frauen spielen Fußball und Haare wachsen am Horizont! Was in aller Welt hat der hier verloren? Leise schleiche ich ihm nach. Das gespenstische Licht des Mondes verzerrt die Schatten der Hühner im Garten von Kapitän Ahab zu einer Karawane Fleisch fressender Saurier. Plötzlich bleibt der Bofrostmann stehen und blickt sich misstrauisch um. Ich zucke zusammen. Hat er mich gesehen? Dämonisch sieht er aus, als würde er Kinder fressen. Ich fürchte um mein Leben, als er einige Schritte auf mein Versteck zugeht. Sein eisiger Atem stirbt in der klirrenden Kälte, kaum dass er sein Maul verlässt. “Ich bin ein Mann” , denke ich, “zum Sterben ist jetzt keine Zeit!” und laufe weg. Meine Schritte hallen in der Dunkelheit wie die Schläge des Belzebubs zum Altweiberfasching auf dem glühenden Amboss. Atemlos renne ich zum Meer. “Heiliges Murmeltier, steh mir bei”, schreie ich. Der graue Riese schmeißt unbarmherzig seine kalten Arme nach mir und spült Muscheln um meine Füße. Unsichtbare Möwen schreien durch die Nacht. Meine Nase saugt den salzigen Odem des Todes ein, in den Ohren knistert es nach zertretenem Playmobil. Das Radio in meinem Kopf spielt Julis “Woanders zu Hause”. Dann ist plötzlich Ruhe. Kognitiver Stromausfall. Unendliche Stille. Das Meer schweigt, als habe Neptun Mittagsschlaf verordnet und drohe jedem, der dieses Gesetz missachtet, mit einer Einzelstunde Eurythmie. Mit meinen Zehen presse ich den Sand in meinen Schuhen immer wieder zusammen, bis sich ein kleiner Damm darin bildet. Die Welt um mich herum ist stumm, wie in der Schule beim Englisch- Unterricht, mucksmäuschen still. Selbst die Segel eines trüben, vorüberziehenden Seelenverkäufers halten sich an das unausgesprochene Redeverbot. Ich fröstle.
Mit lautem Getöse poltert die Brandung Ruptus artig wieder los, glitschig wie Seife prescht sie mir ihre klamme Gischt ins Antlitz. Ich muss spucken und kneife die Augen zusammen. Als ich sie wieder öffne, brennt die Sonne, obwohl es eben noch stockfinster war. Bis zu den Knien eingegraben stehe ich am Strand, es ist heller Tag. Hinter mir entdecke ich eine schimmernde Tür. Das Wasser frisst gierig ihren Rahmen und drückt an die Buhnen.
“Das Leben ist wie die Flut an Weihnachten” , denke ich, “was die Welle nicht reißt, das reißt der Wichtel!”
In der Tür drehe ich mich noch einmal um und blicke ein letztes Mal zum Ende der Welt. Der Wind bläst mir ins Gesicht, das hält die Windschutzscheibe nicht.
Irgendwann ist Feierabend
Veröffentlicht in DiaGonal, Getaggt Auge, Bofrostmann, Fußball, Huhn, Kapitän, Leben, Luft, Mann, Radio, Sand, Schule, Tag am 19. Februar 2011 | 1 Kommentar »
Irgendwann platzt mir die Wutschnur. Dann ist einfach genug. Dann muss ich meinem Ärger Luft machen. Wenn ich nicht mehr an mir halten kann, muss es raus. So spielt das Leben. Der Frust hat sich zuvor Wochen lang seinen Weg vorbei an Galle, Magen und Leber gesucht und dabei eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Letzte Woche mussten mir in einer Notoperation alle inneren Organe entfernt werden. Jetzt ist wieder Sonntag und ich stehe mit Braunüle und dem Bofrostmann im Fanblock. Der Schiedsrichter ist wie immer eine schwarze Sau, kann Abseits nicht von Abszess unterscheiden. Der hat uns nicht erst einmal verpfiffen. Wenn ich diesen plattfüßigen Schwanenprinz schon sehe, kriege ich einen optischen Tinnitus. Das fühlt sich an wie eine Pfeife im Auge. Er ist ein Schwippschwager von Ante Šapina und Sandkastenfreund von Robert Hoyzer. Auf dem Schulhof blieb er bei der Mannschaftswahl immer als einziger übrig und musste deshalb den siffigen Tennisball nach jedem Tor aus den Dornenbüschen pflücken. Ausgerechnet diesen Hobbyarchäologen haben die grauen Herren vom DFB zum Schiri gemacht. Die wären besser auch im Sandkasten geblieben. Da hätte es wenigstens was aufs Maul gegeben.
Als der Schieber wieder einmal einen Vorteil für uns in aussichtsreicher Entfernung zum Tor abpfeift, brülle ich ihm meine ganze Wut entgegen, bis ich mein Stottertrauma überwunden habe: A- A- A- Arschloch! Die Fans in schwarz- weiß- blau nicken mir anerkennend zu und schmeißen Feuerzeuge und Pfandbecher aufs Spielfeld. Ich hebe den Daumen. Mann kennt sich. Viele stehen hier seit ihren Tanzschultagen zusammen. Die meisten waren mit der schnellen Schantall hinterm Vorhang mal auf Tuchfühlung. Ich hatte Pickel und keine Puch Maxi S, sondern ein Klapprad. Arschloch hat sie zu mir gesagt, als ich es trotzdem probiert habe. Ich habe mich dann mit Pommes-Walli getröstet, die hatte ein lahmes Bein, eine Zahnspange und eine Hercules Prima mit Prilblumen. Zu ihrem 15. Geburtstag habe ich ihr ein Yes- Törtchen mit einer roten Kerze geschenkt. Sie war so gerührt, dass sie mich rangelassen hat. Ich bin einmal um den ganzen Block gefahren. Ohne Helm. Die Jungs vor der Atari- Konsole waren neidisch und die Vorstadt- Hühner schauten mir mit offenen Mündern hinterher. Sogar Schantall. Hinterm Holunder habe ich sie dann doch rumgekriegt.
Als das 1:0 für die anderen fällt, sind grade mal fünf Minuten gespielt. Ich gehe mir ein Bier holen. Kurz vor der Halbzeitpause steht es drei Bier. Im Radio stirbt Uli Zwetz, als Hoyzer unseren Kapitän wegen eines harmlosen Tacklings in der Nachspielzeit vom Platz stellt. Mit dem Pausenpfiff bauen Hartz IV- Flüchtlinge im einsetzenden ostwestfälischen Nieselregen Gartenpavillions auf und rollen Monitore auf den Rasen. Hackfressen in dunkelblauen Moderations- Sakkos analysieren das Spiel, zeigen alle Abseits- Tore noch einmal und prophezeien den Abstieg. Der gegnerische Block skandiert passend dazu: Nie wieder zweite Liga! Meine Mannschaft kommt wie verwandelt aus der Kabine, mit noch weniger Moral und verliert den Ball schon beim Anstoß. Die Arena raunt und ächzt wie die Titanic am Unglückstag. Die ging nur schneller unter, das hier dauert schon mein Leben lang.
Als der Ball sich nach einem schnellen Konter aus Abseits verdächtiger Position doch noch in die gegnerischen Maschen senkt, hole mir ein Bier und rufe A- A- A- Arminia!
Der Jever- Mann
Veröffentlicht in DiaGonal, Getaggt Auto, Brötchen, Kapitän, Möwe, Meer, Ohr, Segel, Sonne, Strand, Tag, Wasser, Wind am 16. August 2010 | 5 Kommentare »
Kapitel 1
Ich gehe noch einmal in den Garten hinaus, hinten zum Stall. Klopf ist nirgends zu sehen. Ich hebe das Holzhäuschen hoch und schiebe das Stroh ein wenig an die Seite. Er ist auch diesmal in seinem Lieblingsversteck. Schnell stopfe ich ihn in meinen Rucksack. Er tut so, als merkt er es gar nicht. Dann renne ich zum Auto. Papa und seine neue Freundin warten schon. Sie hupt und fächert mit den Armen, ich solle mich beeilen. Eigentlich ist es ja Papa, der es so eilig hat, wir hätten noch über eine halbe Stunde Zeit, hat Isabelle gesagt. Und zum Bahnhof seien es nur zehn Minuten. „Wo warst du denn noch?“, will Papa prompt wissen. „Ich habe nur Klopf auf Wiedersehen gesagt“, flunkere ich. Dann geht es los. Wie Bolle freue ich mich auf diesen Urlaub. Es ist der erste, seit Mami weg ist. Papa hat uns eine Schnitzeljagd versprochen, mit Knicklichtern, Taschenlampen, Gartenfackeln und Grillen am Strand. Ich bin mal gespannt, ob er diesmal hält, was er verspricht. Isabelle kommt schnell voran und zwanzig Minuten zu früh stehen wir vor dem Hauptbahnhof. Zusammen heben sie die Koffer aus dem Auto, weil Papa noch dolle Rückenschmerzen hat. Die beiden knutschen noch eine Weile, weil Isabelle erst in ein paar Tagen hinterher kommt. Dann wird die Zeit doch wieder knapp. Wie immer streite ich mich mit meinem Bruder darüber, wer jetzt den Trolli holen darf. Wer den Chip einwerfen darf. Wer ihn zuerst schieben darf. Wer zuerst im Fahrstuhl auf hoch oder runter drückt. Wer den Trolli zurück bringt. Es steht 3:2 für mich. Mein Bruder schimpft, dann könne er ja gleich zu Hause bleiben. Dann hätte ich Papa für mich. Aber er steigt doch ein. Schwer bepackt laufen wir durch den Zug bis zu unseren Plätzen. Er sitzt neben Papa, Mist, unentschieden. Dafür mache ich als erster die Tasche mit dem Proviant auf und schnappe mir eine Bifi- Roll. Der Zug ist schön leer, wir hätten gar keine reservierten Plätze gebraucht. Nach knapp einer Stunde müssen wir das erste Mal umsteigen. Papa schimpft, was wir denn alles eingepackt hätten. Am Bahnsteig auf der anderen Seite fährt unser nächster Zug grade ein. Papa wird hektisch, ich denke das erste Mal an Klopf. Freundliche Menschen um uns herum helfen uns und irgendwie schaffen wir es doch. Elende sieben Waggons schieben und stoßen wir unsere Koffer durch die erste Klasse und das Bordbistro bis bis zu unseren neuen Sitzen. Auch hier schön leer. Wie steht es denn jetzt eigentlich? Na ja, egal. Wir schnicken halt, Bombe und Rakete gibt es nicht, das habe ich dem Doofmann schon einhundert Mal gesagt. Eine olle Schachtel beschwert sich, wir seien zu laut, hier im Zug säßen noch andere Leute und wollten arbeiten oder sich erholen. Papa stellt sich taub, wir machen weiter. Wir müssen wieder umsteigen, diesmal ist der Zug rappel voll, Füße ragen in den Gang, Koffer versperren den Weg. Warum hat Papa nicht reserviert? Weil er es trotzdem hinkriegt! Die nächsten beide Male müssen wir nur auf das Gleis gegenüber. Das schaffen wir locker. Es ist auch wieder deutlich leerer. Wir spielen mit der Bordtoilette, die eine lustige automatische Tür hat. Papa ist eingeschlafen. Ich füttere Klopf mit Papas mitgebrachtem Tomaten- Mozzarella- Brötchen. Als der Zug nicht weiterfährt, wecken wir ihn. Soeben huschen wir noch in den letzten Bus. Den Koffer auf den Knien rumpeln wir über Kopfsteinpflaster bis zum Fähranleger. Ein gewagtes Spiel mit der Zeit. Als der Kapitän dreimal trötet, hat Papa auch endlich die Tickets in der Hand und die Koffer abgegeben. Zusammen mit den Ratten erklimmen wir das überfüllte Deck. Der Wind pfeift um unsere Ohren und um kleine Birken, die das Fahrwasser markieren. Erschöpft kuschele ich mich an Papa. Die Sonne blendet mich. Die Sportvereinskameraden Wittmund auf Auswärtsspiel wärmen sich mit obergärigen Getränken auf, die Jugendreisegruppe aus Schieder blockiert Minuten lang für ein Foto die Treppe zum Heck und zu den Propellern. Die Drecksmöwen kreuzen für jeden Bissen gegen den Wind und ich schlafe ein. Ein letzter Ritt mit der Bimmelbahn zwischen Jack Wolfskin- Jacken, Bench- Fleecepullovern, Schöffel- Westen, Fahrrädern, Kinderwagen, plärrenden Kindern mit Nutella- Schnuten und schweren Windeln, zwischen Okzident und Orient, als wir endlich den Inselbahnhof erreichen. Mein Bruder und ich sind zu müde, um Papa tragen zu helfen. An der alten Museumslokomotive warten wir auf ihn. Er kommt mit einem quietschenden Bollerwagen und einem langen Gesicht zurück.
Wir erstürmen die Wohnung wie Dieter Bohlen früher die Charts. Dann wollen wir an den Strand, mein Bruder und ich. Papa möchte erst eine Pause machen. Beim Hüpfen auf der Matratze komme ich höher als mein Bruder, stoße mir aber den Kopf. Ich entdecke als erster die Fernbedienung und schalte den Fernseher ein. Ein Shanty- Chor vor einem großen Segelschiff liebt die Stürme. Papa kann nicht einschlafen und wir ziehen uns wieder an. Über rot geklinkerte Wege stürmen wir an Juckpulverbüschen, Knallerbsensträuchern und kahlen Kiefern vorbei, im Slalom um jeden Pöller, Anker und Bojen in Vorgärten zählend, mit Schwung über eingegrabene Paletten die Dünentäler hinunter und an Papas Hand wieder hinauf. Hinter der letzten Biegung liegt das Meer dann plötzlich da: Groß, weit und grau. Was Klopf jetzt wohl macht, fällt mir plötzlich ein. Dann stößt mir der Wind die Kapuze vom Kopf und ich meinen Bruder. Laut brüllend wie auf Kaperfahrt erobern wir die Welt. Papa fällt um wie der Jever- Mann.
Zimmer frei
Veröffentlicht in DiaGonal, Getaggt Abend, Auge, Auto, Brötchen, Frau, Kapitän, Kind, Mann, Möwe, Murmeltier, Playmobil, Tür, Windschutzscheibe am 20. Februar 2010 | 12 Kommentare »
Sie wusste nicht, wie sie in dieses Zimmer gekommen war. Allem Anschein nach war sie eingeschlafen, obwohl es grade erst Abend wurde. Sie lag auf einem Sofa, jemand hatte ihr eine Wilde – Kerle – Decke übergelegt. Vorsichtig versuchte sie aufzustehen, aber sie war zu schlapp und sackte wieder zurück. Langsam, als könnte etwas kaputt gehen, schaute sie sich um. Ihre Augen mussten sich erst an das dämmrige Licht gewöhnen. Es war ein kleiner Raum mit furnierten Jugendzimmermöbeln und einer quietschgrünen Tapete mit Fix- und Foximotiv. Oma Eusebia drosch grade mit dem Nudelholz auf ihren nixnutzen Enkel Lupo ein. Ein Diercke Weltatlas mit braunem Textileinband ruhte auf einem Regalboden unter dem Einbauschreibtisch. Meyers Lexikon von A – Z stützte eine lange Reihe von Pitje Puck Bänden. Eine orangefarbene Liebe ist…- Kerze zielte genau auf das Polizeiauto von Playmobil im Fach darüber. Der Deckel einer Truhenbank stand offen und ein Monchichi schaute putzig heraus. Überall auf dem grob gemusterten Schlingenteppich lagen wild verstreut fischertechnik – Teile und Anleitungen. Ein roter Kleinwagen war in einen Unfall verwickelt, die Windschutzscheibe war dabei zersplittert. Eine Traube Plastiksoldaten stand drum herum und glotzte doof. Die Raupe Nimmersatt fraß sich grade durch ein Törtchen, für Kapitän Blaubär war nichts mehr übrig, der kleine Tiger war krank und ein Murmeltier vom letzten Weltspartag kuschelte mit einer Porzellanmöwe.
Dann hörte sie draußen Schritte und Stimmen. Durch einen Spalt in der Tür schob sich ein größer werdender Lichtkeil ins Zimmer. Mucksmäuschen still hielt sie den Atem an und kniff die Augen zusammen. Es raschelte und murmelte, dann fiel die Tür wieder ins Schloss. Ohne sich doch noch bemerkbar machen zu können, sank sie in den Schlaf zurück.
“Leihen?”, schrie Eusebia, “Dir? Nein, mein Lieber! Wenn du Geld haben willst, musst du es verdienen!” “Aber Oma, es ist doch nur, weil .. Lupinchen hat Geburtstag!”, stammelte Lupo. Aber Oma kannte kein Erbarmen und jagte ihn zum Haus heraus. Nichts wie weg! Der arme Kerl wollte nur noch zurück in seinen alten Turm, sprang in sein Auto und brauste davon. Er konnte einem kleinen Äffchen, das plötzlich vor ihm auftauchte, nicht mehr ausweichen und fuhr vor eine Bonduelle – Litfaßsäule. Sofort strömten Dutzende Schaulustige von überall her zusammen. Ein dicker Mann in grüner Daunenjacke stopfte sich einen Muffin in den Mund, eine Frau im Pelz blickte vom Geldautomaten auf. Schon brauste ein Polizeiwagen heran. Ein großer, stattlicher Schutzmann stieg aus und rief: “Ahoi, ihr Landratten, alles im Lot auf ‘em Boot?”
“Pst”, machte da eine Kinderstimme und stellte einen Teller heiße Bouillon auf den Tisch am Sofa, “Mama ist doch an der Bushaltestelle eingefroren und hat sich verkältet!”
Dies ist mein Beitrag zu Donna’s Schreibprojekt.
Hexenschuss
Veröffentlicht in DiaGonal, Getaggt Haar, Kapitän, Schuhe, Tür am 20. Januar 2010 | 3 Kommentare »
Der Rücken knartscht, ich komme kaum aus dem Sessel heraus. Verspannt wie eine Bassgitarre beim Wetterwechsel ziehe ich mich gekrümmt am Handlauf den Flur entlang, bis zum Fahrstuhl. Da steht schon ein Pulk halsstarriger Rennschnecken mit ihren Rollatoren. Starr vor Schreck stolpere ich Käptitän Ahab in seine beigen Mephisto- Schuhe und reiße dabei einen künstlichen Ficus von der Fensterbank. Während sich der Silberrücken noch umdreht, schiebe ich mich auf der anderen Seite vorbei und soeben als letzter in den Fahrstuhl. Ich drücke fix auf “Keller/ Physikalische Therapie”. Die grauhaarigen Atze- Schröder- Doubletten richten ihre Sportwagen wieder in Fahrtrichtung aus, als die Tür grade schließt. Ich schaue durch den Spalt in das zornige Antlitz des wahnsinnigen Walfängers, als ein Stock mit dickem Gummipuffer nach mir schlägt. Mit einem lauten “Knack” entgehe ich der ungerechtfertigten Attacke in letzter Sekunde. Wir halten am Verwaltungstrakt in der ersten Etage. “Speisesaal, Erdgeschoss”, rufe ich, “alle aussteigen!”. 10 Minuten später bin ich alleine im Fahrstuhl. Zufrieden mit mir pule ich zwischen den Zähnen, als der finstere Einbeinige zusteigt. Der Ruck des anfahrenden Fahrstuhls sticht mir ins Kreuz.
Generation Langstrumpf
Veröffentlicht in DiaGonal, Getaggt Abend, Auto, Kapitän, Mann, Nase, Ohr, Schule, Wasser am 15. Oktober 2009 | Kommentar schreiben »
Ich komme aus der Pipi Langstrumpf- Generation, als 2 x 3 noch 4 machte. Freitags Abend lief Väter der Klamotte in schwarz- weiß. Das machte nichts, der Fernseher hatte ja auch noch keine Farbe. Ich und meine drei Schwestern wurden alle in der Badewanne durch das selbe Wasser gezogen (lieber Gott, lass mich wenigstens zweiter gewesen sein, der Geburtsreihenfolge nach!). Ede Zimmermann ging mit Konrad Töns aus Zürich und Peter Nidetzky aus Wien in Aktenzeichen XY… ungelöst auf Verbrecherjagd. In Western von Gestern flogen die Kugeln tief. Pinocchio bekam eine lange Nase und rote Ohren, wenn er nur an Schneewittchen dachte. Biene Maja sammelte Honig und es war noch ein bisschen Frieden. Heintje kriegte seine ersten Pickel.
Dann wurde ich eingeschult. Vor dem Genossenschaftshaus stand ich mit Holger unter meinem Kletterbaum, meine gold- metallicfarbene Schultüte im Arm. Papa bestach den Eismann, dass er uns die Kugel für 10 Pfennig verkaufte. Der Sommer war heiß, auch wenn Rudi Carrell das nicht wahr haben wollte. Ich saß in Papas altem Opel Kapitän, setzte mir seine Prinz- Heinrich- Mütze aus Cord auf und fühlte mich wie wohl wie Ernst August von Hannover. Der aber legte viele Jahre später oft einen Gang zu, ich nahm ihn raus. Im Schatten meines Kletterbaumes rollte ich dann ganz langsam rückwärts. Bis unter Holgers Papas Kohlenlaster. Als dann die Reparaturrechnung bei uns im Briefkasten war, obwohl der ja auf unser Auto gefahren ist, malte ich alle Kästen an. Bis auf unseren, ich bin ja nicht doof.
Das alles geschah noch lange, bevor ich schreiben konnte. Ich war ein helles Kerlchen, spielte gerne Bananenkästchen in der Schule und hörte wohl gerade zu, als die Rechtschreibung von das und daß erklärt wurde. Ich merkte mir die Regel, dass das Das mit, wenn das Das nicht, dass es dann ohne sz geschrieben wird, gut und schrieb im Diktat trotzdem eine 6. Ich hatte 17 Mal daß mit s und z geschrieben.
Ich brauchte lange, um mich von diesem Schock zu erholen. Erst mit der ersten Liebe, die mich überfiel, schrieb ich im Unterricht mit (Willst du mit mir gehen? Kreuze an: Ja, nein, vielleicht). Lesen lernte ich so auch: Ja, aber erst, wenn ich mit Holger Schluss gemacht habe!
Die Panik lässt nach
Veröffentlicht in DiaGonal, Getaggt Abend, Kapitän, Luft, Möwe, Meer, Ruhe, Tag am 15. Oktober 2009 | 4 Kommentare »
Ich möchte von meinem Fenster das Meer rauschen hören, die salzige Luft schnuppern, dem Geschrei der Möwen lauschen.
Ich lass mir einen Bart wachsen, rauche Pfeife und trinke Rotwein. Abends zünde ich mir im Kamin ein Feuer an, obwohl ich Angst habe, Spinnen könnten sich im aufgeschichteten Spaltholz versteckt haben. Ich lebe von der Luft und der Liebe, vom Schreiben und Schmökern, vom Malen und Maulen. In meinem Kapitänshäuschen genieße ich die Ruhe, jeden Tag.
All die Katastrophen sterben aus, die Panik lässt nach.
Ruhe
Veröffentlicht in DiaGonal, Getaggt Auge, Horizont, Kapitän, Kind, Meer, Nase, Ohr, Playmobil, Ruhe, Segel, Sonne, Tür, Wasser, Welle, Wind am 9. Oktober 2009 | Kommentar schreiben »
Ich möchte die Sonne am Horizont zischend und brodelnd im Meer verschwinden hören. Ich möchte ihrer stillen Lebendigkeit lauschen.
Wie mit dem Kopf halb unter Wasser, wenn ich zwischen Playmobil- Booten der Kinder in der Badewanne liege. Nur Augen und Nase schauen noch heraus. In den Ohren knistert Badeschaum, Hitzeschwaden steigen aus dem Wasser empor. Alle Geräusche verschwinden. Ich schließe meine Augen.
In meinem Kopf entsteht eine Musik aus einem vergangenen Jahrhundert. Unter der heißen Sonne prescht das riesige Schiff über das weite Meer. Die Masten stöhnen und ächzen unter der Last des Windes in den Segeln. Der Bug sticht tief in die Wellen, Gischt spritzt hoch empor. Der Kapitän blinzelt ins helle Licht, brüllt den Matrosen ein paar Befehle zu. Schon kurze Zeit später liegt das Schiff wieder ruhiger in der See. Der Kapitän geht zurück unter Deck.
Ich tauche auf und öffne die Augen. Mein Badezimmer schwimmt. Ich ziehe mich an, mache die Moby Dick- CD aus und schließe die Tür zum Kinderzimmer. Endlich Ruhe!












