Timewalk oder: Murmeltiertag in Borgholzhausen

Über eine schier endlose Landstraße fuhr ich durch dichten Nebel. Ich suchte nach Lichtpunkten in der Dunkelheit, doch selbst die Scheinwerferkegel meines Autos wurden nach etwa zwei Metern unbarmherzig wie von einem riesigen, schwarzen Maul verschluckt. Die Tankanzeige war schon lange im zweiten Untergeschoss angekommen und blinkte hektisch. Die Chance, lebend gefunden zu werden, wenn mir jetzt das Benzin ausginge, glich einer homöopathischen Hochpotenz. Ich tastete nach dem Reservekanister um festzustellen, dass er im Schuppen beim Rasenmäher stand. Nervös hielt auf einer kleinen Anhöhe an. Ich drehte das Radio stumm, kurbelte das Fenster hinunter und lauschte Minuten lang. Hier und da glaubte ich, etwas zu hören, aber es war zu weit entfernt um herauszufinden, was es war. Mit einem Mal wurden die Geräusche lauter. Es war, als habe jemand eine Tür geöffnet. Schweres, dumpfes Grollen waberte zu mir herüber. Ich spitzte die Ohren, weitete die Nüstern. Mit einem Mal erkannte ich den Rhythmus: Es war Smoke on the water von Deep Purple! Irritiert versuchte ich, die Richtung der Musik auszumachen, aber das war hoffnungslos unter diesen Bedingungen. Vorsichtig ließ ich den Wagen langsam den Hügel hinunter rollen, immer mit dem Ohr im nächtlichen Fahrtwind. Es gab eh nur zwei Richtungen: Die, aus der ich gekommen war und die, in die ich fuhr. Wie beim Blinde Kuh – Spiel tastete ich mich voran, der lauter werdenden Musik nach. Nach endlosen Minuten, die langsam wie Adventssonntage im Nieselregen verrannen, bog ich auf einen Schotterparkplatz ein und stellte den Wagen ab. An einem Gebäude flackerte im staubigen Fenster blass – grau ein Open – Schild, Fetzen von Child of vision wehten mir entgegen. Ich ging hinüber, öffnete die Tür und betrat durch dichte Rauchschwaden einen zum Bersten gefüllten Wirtsraum. Im Menschengetümmel suchte ich mir nahe der Theke einen Platz und blickte mich stumm um. Es wirkte, als seien die, die noch Heizöl im Tank ihres Strich – 8er hatten, heute Abend in die Stadt gefahren (sie hätten mir entgegenkommen müssen!).
Alle anderen waren hier: die Bedienung mit blondiertem Haar (und nach Tosca roch), die Zigeunerin, der Bürgermeister, der Vorsitzende des Geflügelzüchtervereins (der letztes Jahr mit dem Kaninchenzuchtverein „Deutsche Riesen“ fusioniert hatte), die Bewegungssportgruppe (Abteilung Ausdruckstanz), die Frauengruppe von den Weight Watchers. Auf einer kleinen Bühne spielte eine Band guten, alten Rock. Und ich mittendrin.

„Was trinkst du?“, fragte mich Tosca. „Ein Guinness“, schrie ich zurück. „Was ist das denn? Das kenne ich nicht!“. „Dann bring mir ein Pils. Habt ihr das?“. Ich wartete nur noch darauf, ein Wicküler zu bekommen und in DM bezahlen zu können. Kurze Zeit später stellte sie mir einen großen Glashumpen auf den Tisch und machte ein X auf den Deckel. „Habt ihr auch was zu essen?“, fragte ich sie. „Da musst du hinten raus, da wird gegrillt!“. Draußen war nicht viel los, eine Frau in weißer Kittelschürze hinter einer Biergartengarnitur drehte grade Würstchen und riesige Fleischlaken um. Ich bestellte eine Bratwurst mit Kartoffelsalat („Hausgemacht“, wie sie extra betonte) und bekam eine Portion, bei der selbst die Hunde im Waisenhaus noch hätten mitessen können und satt geworden wären. Mit einem Wagenrad von Teller ging ich wieder hinein. Die Band spielte Dr. Green is dead und ich fragte mich, ob er an der Portion gestorben war oder ob er noch hier vor Ort erschossen wurde, weil er nicht aufaß? Um mich herum verhüllten Tropfkerzen Flaschen mit grotesken Mänteln, Kunstblumen blühten wie frisch verliebt, Häkeldeckchen auf den Tischen erstrahlten in Persilweiß und alte Männer gingen hüftsteif die steilen Stufen zu den moosgrün gefliesten Toiletten hinab und kamen als windelnasse Jungspunde wieder herauf.

Ich freue mich schon auf das nächste Konzert dieser Band.

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