Baumfieber

Weihnachten stand vor der Tür und wieder einmal hatte es diese endlosen Diskussionen gegeben. Seit zwei Wochen stritten sie jeden Abend darüber, ob sie am ersten Feiertag ihre Eltern zu Gans mit Rotkohl und Klößen besuchen oder zu seinen Eltern fahren, wo es traditionell Kartoffelsalat mit Bockwürstchen im Brötchen gibt.
„Immer dieses heilige Gedudel im Oberhemd“, dachte er und schüttelte sich, „und diese scheiß schweren handgeriebenen Kanonenkugeln, die den fetten Vogel vom Himmel geschossen haben …“ Mit Grauen erinnerte er sich an das heuchlerische Bestaunen des oberförsterlich erschlagenen grün- (n)adeligen Waldbewohners mit echten Bienenwachskerzen im letzten Jahr (das Mistding piekste, war nach zwei Tagen kahl wie ein katholisches Kirchenoberhaupt und auf allen Fotos sah man diesen dämlichen Löscheimer!). Der Gedanke an einen diskret zugeschobenen Büttenumschlag mit 50 Euro stimmte ihn auch nicht fröhlicher.
Daheim aber tauchten hunderte kleine Lämpchen die Rundfichte, eine schnittgrüne Konifere, in ein heimeliges und verheißungsvolles Licht. Engelschöre verkündeten die heilige Nacht. Mutter deckte durch Berge von Geschenkaltpapier watend den Tisch mit ihrem himmlischen hausgemachten Kartoffelsalat, ein kulinarisches Weihnachtsgedicht. Ihm lief bei diesem Gedanken das Wasser im Munde zusammen. Und die 20 Euro konnte er gut gebrauchen.

„Schön, dass ihr da seid“, riss sie ihn aus den Träumen, als sie die Tür öffnete, „ich hab heute zur Abwechslung ‚mal Gans gemacht!“

Dies ist mein Beitrag zu Donna’s Schreibprojekt.

Advertisements

6 Gedanken zu “Baumfieber

  1. april 12. Dezember 2009 / 12:21

    Einfach köstlich zu lesen, originell geschrieben und ganz aus dem Leben. Gans mit Knödeln und Rotkohl scheint doch wirklich abschreckend zu wirken 😉 Schön, dass ich dein Blog durch diese Aktion kennengelernt habe.

    Gefällt mir

  2. chinomso 12. Dezember 2009 / 12:52

    Wenn man bedenkt, wie viele Familien jedes Jahr brav den so ungeliebten Zirkus mitmachen, wo sie doch längst damit durch sind. Nur um den himmlischen Friedens Willen? Schon krass irgendwie.

    Schöne und so wirklichkeitsnahe Geschichte.
    Hab ich amüsiert gelesen.

    Gefällt mir

  3. Brigitte 12. Dezember 2009 / 13:13

    Deine Geschichte gefällt mir sehr gut. Ja, der Gans kann man manchmal einfach nicht entkommen 😉

    Wünsch dir einen schönen Tag
    Liebe Grüsse von der Insel
    Brigitte

    Gefällt mir

  4. Donna 12. Dezember 2009 / 13:29

    Klasse! Ja, wenn man es besonders gut meint, liegt man auch mit einer GanS oftmals ganZ falsch…
    Eine gelungene Geschichte!

    Dir wünsche ich ein Adventswochenende ganZ nach deinem Geschmack.

    LG – Donna

    Gefällt mir

  5. Jorge D.R. 13. Dezember 2009 / 21:27

    Eine lustige Geschichte. Tja, manchmal kommt man um die Gans einfach nicht herum. Ich hingegen vermisse sie schon fast wieder. Ganz besonders vermisse ich Klöse und Rotkraut ***lechz*** Bei uns gibts nur noch Turkey.
    Schön, dass ich dich jetzt kenne 🙂

    Liebe Grüße
    Jorge D.R.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.