Zimmer frei

Sie wusste nicht, wie sie in dieses Zimmer gekommen war. Allem Anschein nach war sie eingeschlafen, obwohl es grade erst Abend wurde. Sie lag auf einem Sofa, jemand hatte ihr eine Wilde – Kerle – Decke übergelegt. Vorsichtig versuchte sie aufzustehen, aber sie war zu schlapp und sackte wieder zurück. Langsam, als könnte etwas kaputt gehen, schaute sie sich um. Ihre Augen mussten sich erst an das dämmrige Licht gewöhnen. Es war ein kleiner Raum mit furnierten Jugendzimmermöbeln und einer quietschgrünen Tapete mit Fix- und Foximotiv. Oma Eusebia drosch grade mit dem Nudelholz auf ihren nixnutzen Enkel Lupo ein. Ein Diercke Weltatlas mit braunem Textileinband ruhte auf einem Regalboden unter dem Einbauschreibtisch. Meyers Lexikon von A – Z stützte eine lange Reihe von Pitje Puck Bänden. Eine orangefarbene Liebe ist…- Kerze zielte genau auf das Polizeiauto von Playmobil im Fach darüber. Der Deckel einer Truhenbank stand offen und ein Monchichi schaute putzig heraus. Überall auf dem grob gemusterten Schlingenteppich lagen wild verstreut fischertechnik – Teile und Anleitungen. Ein roter Kleinwagen war in einen Unfall verwickelt, die Windschutzscheibe war dabei zersplittert. Eine Traube Plastiksoldaten stand drum herum und glotzte doof. Die Raupe Nimmersatt fraß sich grade durch ein Törtchen, für Kapitän Blaubär war nichts mehr übrig, der kleine Tiger war krank und ein Murmeltier vom letzten Weltspartag kuschelte mit einer Porzellanmöwe.
Dann hörte sie draußen Schritte und Stimmen. Durch einen Spalt in der Tür schob sich ein größer werdender Lichtkeil ins Zimmer. Mucksmäuschen still hielt sie den Atem an und kniff die Augen zusammen. Es raschelte und murmelte, dann fiel die Tür wieder ins Schloss. Ohne sich doch noch bemerkbar machen zu können, sank sie in den Schlaf zurück.
„Leihen?“, schrie Eusebia, „Dir? Nein, mein Lieber! Wenn du Geld haben willst, musst du es verdienen!“ „Aber Oma, es ist doch nur, weil .. Lupinchen hat Geburtstag!“, stammelte Lupo. Aber Oma kannte kein Erbarmen und jagte ihn zum Haus heraus. Nichts wie weg! Der arme Kerl wollte nur noch zurück in seinen alten Turm, sprang in sein Auto und brauste davon. Er konnte einem kleinen Äffchen, das plötzlich vor ihm auftauchte, nicht mehr ausweichen und fuhr vor eine Bonduelle – Litfaßsäule. Sofort strömten Dutzende Schaulustige von überall her zusammen. Ein dicker Mann in grüner Daunenjacke stopfte sich einen Muffin in den Mund, eine Frau im Pelz blickte vom Geldautomaten auf. Schon brauste ein Polizeiwagen heran. Ein großer, stattlicher Schutzmann stieg aus und rief: „Ahoi, ihr Landratten, alles im Lot auf ‚em Boot?“
„Pst“, machte da eine Kinderstimme und stellte einen Teller heiße Bouillon auf den Tisch am Sofa, „Mama ist doch an der Bushaltestelle eingefroren und hat sich verkältet!“

Dies ist mein Beitrag zu Donna’s Schreibprojekt.

12 Gedanken zu “Zimmer frei

  1. Eva 20. Februar 2010 / 13:30

    Interessante, Erinnerungen bringende Geschichte, danke dafür!

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  2. writresscorner 20. Februar 2010 / 13:51

    Schöne Geschichte. Weckt auch bei mir Erinnerungen. Gute Idee mit der Hörversion. Alles Liebe Karin

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  3. Donna 20. Februar 2010 / 14:39

    Sehr gern gelesen und gehört! Einfach gut!!!! Danke!

    Liebe Grüße – Donna

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  4. chinomso 20. Februar 2010 / 16:00

    Ach wie schön. So ‚was ist sicher jeder Mutter mal passiert. So oder so ähnlich. Die Idee, daraus eine Geschichte zu machen, ist sehr außergewöhnlich. Das weckt echt Erinnerungen.

    Beinahe hätte ich die Hör-Version übersehen.
    Das ist ja mal ein echtes Highligt. Hören anstatt lesen bei Donnas Schreib- Projekt.

    Find ich gut.

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  5. Brigitte 20. Februar 2010 / 17:12

    Kinderzimmer scheinen alle ähnlich auszusehen 🙂

    Liebe Grüsse
    Brigitte

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  6. Jorge D.R. 21. Februar 2010 / 10:48

    Wie sich doch die Kinderzimmer gleichen 😉
    Schöne Geschichte!

    LG
    Jorge D.R.

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  7. spini 21. Februar 2010 / 11:21

    Leider sind meine Boxen defekt, es las sich aber sehr schön und weckte wie bei vielen Erinnerungen. 🙂
    Lieben Gruß
    spini

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  8. Quer 21. Februar 2010 / 20:08

    Da ist ja ganz schön was los im Wunderland Kinderzimmer!
    Eine überaus fantasievolle Geschichte.

    Gruss, Brigitte

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  9. gori 21. Februar 2010 / 20:34

    Geniale Idee mit der Hörversion! In der Geschichte entdecke ich ein wenig die Spielecke meiner Kleinen wieder 🙂

    Gerne gelesen!

    Liebe Grüße,
    gori

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  10. wildgans 21. Februar 2010 / 21:53

    Wow!
    Damals hatte ich die Masern und lernte das Plüschsofamuster auswendig….
    Kinderfunkzeiten.
    Beim Vorlesen werden Betonungen Text verdeutlichend eingesetzt. Die Oma hätte lauter kreischen können 🙂
    Cool.

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