Die Augen gucken mit

Fortsetzung von Der Jever- Mann (Kapitel 1), Faltiger Autist (Kapitel 2), Du bist nicht mehr mein Freund! (Kapitel 3) und Zauberpuste (Kapitel 4)

Kapitel 5

Das Wellenbad ist unser Fluchtort für windige oder verregnete Inseltage. Also sind wir in unserem Urlaub öfter dort, als Papa in der vergangenen Saison im Fußballstadion. Die Handtücher und Badehosen haben es schwer, wieder zu trocken. Matt hängen sie abends auf dem Balkon über dem klapprigen Wäscheständer.

Vollgepackt wie zur Einberufung stiefeln wir an diesem Morgen los. Ich schleudere meine Badeclogs im Looping hoch und treffe dabei meinen Bruder. Gelbe Karte. Mist. Am Bäcker haben wir Hunger, doch Papa meint, wir hätten eben erst gefrühstückt. Es beginnt zu regnen. Nach 20 Minuten kommen wir durchnässt an.
Am Eingang ist es voll wie auf einer Ü40- Party um halb zwölf beim Gratis- Sekt. Männer in Adiletten und mit ausgebleichten Wasservogelstelzen reihen sich entnervt hinter Frauen mit Portemonnaies dick wie Leitz- Ordner. Endlich checken wir ein. In der Sammelumkleide untersuchen jedes Schließfach laut klappernd nach vergessenen Euro- Stücken. Im Sauseschritt ziehen wir uns um, duschen kurz und verschwinden gleich zur Rutsche.

Papa liegt im „Eierkocher“, wie er den Whirlpool nennt. Junge Mädchen mit hochgesteckten Haaren lassen sich das Bikini- Oberteil zu Doppel- D aufblasen. Babys mit Badewindeln und Schwimmflügeln trudeln wie junge Hunde umher. Alte Frauen mit Hautfalten wie geplatzte Luftballons suchen prustend ihren Zahnersatz. Hilfsbereite, aber kurzsichtige Greise fischen nur gelbliche Zehennägel aus dem Wasser. Tätowierte Verkäuferinnen lassen sich grinsend die Klitoris massieren, käselaibige Urologen die Prostata.
Im Strömungskanal blockieren Dorfjugendliche mit Luftmatratzen die Weiterfahrt oder picklige Fremdenverkehrsazubis hängen am Brückengeländer. Tröstende Väter werden fort gerissen und holen mit den Armen rudernd die Schwimmmeisterin von den Beinen. Übergewichtige Fastfood- Verzehrer werden von den Düsen brutal in den Unterleib geschossen, so dass sie ihre letzte Mahlzeit in das Salzwasser retournieren. Der Überlauf quittiert es röchelnd.
Hackfleisch gesichtige Kite- Surfer in extralangen Shorts donnern die Rutsche herunter wie Polen die A2 nach Osten, dünnhäutige Spaghetti- Girls kommen erst nach einer Ewigkeit frostbleich unten an.
Klare, grüne, blaue oder dunkle Schwimmbrillen springen vom Beckenrand bunten Tauchringen hinterher. Aus ihren Badehosen und Mündern steigen Blasen empor, als sie sich die Köpfe rammen.
Künstliche Pflanzen sind mit Snickers- Papier und Tampons dekoriert, in der Dusche trägt ein haariger Dermatologe Proben auf Nährkulturen auf.
Nach nicht einmal drei Stunden meint Papa, wir müssen raus. Wir wollen nur noch einmal rutschen und duschen kurz. In der Sammelumkleide untersuchen wir jedes Schließfach laut scheppernd nach vergessenen Euro- Stücken. Am Ausgang müssen wir nachzahlen und wollen aus einem schwitzenden Automaten ein Eis.

Auf dem Rückweg am Strand zertrampelt Papa jede Burg. Warum ist der bloß so aggressiv?

Wann wird’s mal wieder richtig Sommer? Vielleicht hier!

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