Rund um die Frau

Das habe ich so in einer kleinen ostwestfälischen Stadt gelesen. Da, wo ich nicht tot überm Zaun hängen möchte. Aber das ist hier jetzt nicht von Belang. Die Messe könnte unter diesem Titel überall in Deutschland stattfinden.
Auf ausgetretenen Pfaden strömt die Zielgruppe hinein in den Dschungel der pastell- farbenen Begehrlichkeiten von Schmuck, Parfüm, Dessous, Wellness und Fitness, Haartrends, Dekorieren, Urlaub, Essen und Trinken und Trennungsberatung. Ihre andersgeschlechtlichen Tragehilfen trotten mürrisch hinterher, es ist Samstag, Bundesligazeit.
Direkt am Eingang präsentiert der Ortsverein von den Weight Watchers unter dem Slogan „Rund war die Frau“ Ernährungstipps und Punktetabellen. Diät-Assistentinnen reichen ungesüßten Tee und stilles Wasser zu gedünstetem Rohkostschnitzel auf einem ungeschälten Wildreismantel. Im Inneren der Halle hält die Vorsitzende des Anorexie- Verbandes, die einer Brausestange Konkurrenz machen könnte, einen Multimedia- Vortrag zum Thema „Ich esse meine Suppe nicht“ und projiziert ein verzerrtes, dünnes Kerlchen auf Wand und Decke. Ich mache mit beiden Händen ein tolles Schattenbild (ein Murmeltier!) und werde prompt mit Süßstoffwürfeln beworfen. Fluchend flüchte ich hinter einen Vorhang, als ein schriller Schrei das Gemurmel zerreißt, der von den kalten Metallwänden zurückgeworfen wird. Entsetzt drehe ich mich um und bekomme im gleichen Augenblick einen Seegraskorb um die Ohren geschlagen. Pröbchen, Rabattgutscheine, Traubenzucker, bedruckte Einkaufswagenchips, Feuerzeuge und Kugelschreiber purzeln wild umher. Erst am Hara- Stand kann ich meine Verfolgerinnen abschütteln, indem ich mich durch den Pulk interessierter doppelter X- Chromosomenträger in die erste Reihe drängele. Mit einem revolutionären neuen Putzsystem mehr und einem gefühlten Monatsverdienst weniger schleiche ich von dannen und lasse mich erschöpft in einem Massage- Sessel nieder. Das schwarze Leder klebt schwer auf meinem durchschwitzten Trikot. Ich schaue auf die Uhr, Halbzeit. Ich werfe 5 Euro in den Automatenschlitz und will grade die Zwischenergebnisse auf meinem Handy abrufen, als mich vier stählerne Hände von hinten packen. Ich blicke in zwei stiernackige PEZ- Gesichter, die mit offenen Mündern und schiefen Nasen zur Tür nicken. Ohne Widerstand schnappe ich mir meinen Eimer und vor der Türe ein wenig frische Luft. Die Sonne sticht mir in den Augen. Die Sportschau um 18 Uhr verpasse ich, weil ich erst die Schlüssel und dann das Auto nicht finde.
Nächste Woche ist wieder Messe, diesmal „Rund um den Mann“. Da gehe ich sicher hin, Gina Wild gibt Autogramme!

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