Die Businessfrau – Gesichter einer Reise

(Liebe Leser, auf einer Fahrt mit vielen Hindernissen und Unwägbarkeiten zu einer Fortbildung in das vom Bundesligaabstieg bedrohte Köln entstand im Zug ein erster Entwurf „Gesichter einer Reise“. Aus Zeitvertreib beobachtete ich fremde Menschen und lauschte fremden Gesprächen und stellte mir vor, was die wohl beruflich machen oder wie sie leben. So trug ich Indizien über Menschen zusammen, mit denen ich selbst vielleicht keins oder nur drei Worte gesprochen habe. Sie dennoch mit Worten zu beschreiben und dabei mit verschiedenen Erzählstilen zu spielen, empfinde ich als reizvoll.

Die Businessfrau traf ich im ICE von Dortmund nach Bielefeld. Den Grobtext/ die Notizen habe ich jetzt mit einer Mittelohrentzündung und einer Tasse Salbeitee überarbeitet und verwoben. Ich hoffe, es gefällt euch.

@ Isabelle: Ich liebe Dich und das ist mit Worten nicht zu beschreiben!)

„Ist hier noch frei?“, fragt sie höflich und zeigt auf den Platz mir gegenüber. Ich schrecke aus meinem MURP oder die hohe Kunst der Unvollkommenheit hoch und schaue in ein zartes Gesicht mit hochgesteckten Haaren. Kleine Locken fallen ihr in die Stirn. „Ja“, sage ich knapp, ohne meinen Blick abzuwenden. Es ist eng und stickig im Zug. Sie setzt sich und nimmt ihren Mantel und ihr Gepäck auf den Schoß. Ich klappe meinen Uschmann zusammen und schaue hinaus. Schneeflocken trommeln ans dunkle feuchte Fenster. Im nebeligen Spiegelbild der Scheibe erkenne ich, wie sie einen Laptop aus ihrer Aktentasche zieht und ihn aufklappt. Ich wende den Kopf wieder ihr direkt zu. An ihrem Hals schmiegt sich eine feine Kette mit einer dezenten Perle, die passenden Ohrstecker glitzern matt. Der taillierte dunkelblaue Nadelstreifenblazer skizziert eine attraktive Frau. Sie weiß es. Darunter trägt sie eine schnörkellose helle Bluse, die über ihrer Weiblichkeit spannt. Durch einen Spalt zwischen den Knöpfen lockt ein weißes Trikotunterhemd, ich grüße freundlich zurück. Versunken streift sie sich eine Strähne von der Nase, öffnet den obersten Knopf ihrer Bluse, greift mit der rechten Hand hinein zur Schulter und zupft den Träger zurück. Schade. Dann blickt sie mich an und lächelt. Hinter der randlosen Brille erblühen ihre Augen. „Steigen Sie hier aus?“, fragt sie mich. „Nein“, sage ich, „ich habe noch ein Stück.“ Sie fasst sich ans Ohr, ihre Finger tauchen in ihre Haare und lösen kleine Wellenbewegungen aus.
Irgendwann kündigt das Nordlicht am Horizont meinen Bahnhof an. „Ich muss die nächste Abfahrt raus“, sage ich. „Na dann, gute Heimreise“, antwortet sie. Ich schaue in das kalte Neonlicht und nicke.

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Ein Gedanke zu “Die Businessfrau – Gesichter einer Reise

  1. wildgans 16. Dezember 2010 / 14:50

    Solches aus dem Alltag Gegriffenes mag ich gar sehr – es ist authentisch, aktuell, intensiv, mitreisend und mitreißend 🙂
    Gruß von Sonja

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