Rattenschwanz

Neulich habe ich mir einen neuen Schuhschrank gekauft. So einen schicken aus lackiertem Metall. Das ist sehr praktisch, weil ich Zettelchen von der Schulpflegschaft, dem Finanzamt oder der Altkleidersammlung vom DRK mit Magneten dranpinnen kann. An einer Klappe ist ein kleiner Griff, mit dem öffnen sich alle vier Türen dann gleichzeitig. Das ist auch sehr praktisch, weil ich so meine ganzen Schuhe sofort im Blick habe, für jede Jahreszeit ein Paar. Die Übergangsschuhe stehen darunter. Das hat System, es ist ja öfter Übergangswetter als Frühlingsanfang. Auf der obersten Klappe habe ich mit schwarzen Klebebuchstaben DRINGEND säuberlich aufgeklebt, darunter BALD, auf der dritten klebt SPÄTER und ganz unten NIE. Für die GEZ- Anmeldung oder das Jahreslos der ARD- Fernsehlotterie mit dem bettelnden Konterfei des ältesten Apotheken Umschau- Lesers aus Österreich, Frank Elstner.
Da mir der Schrank beim Öffnen aber immer entgegen kippen will, gehe ich eben in den Keller, um die Bohrmaschine zu holen. Über das Zettel Sortieren ist es schon dunkel geworden, ich will das Licht einschalten. Die Birne brutzelt ein paar Sekunden, ehe sie in der Fassung verstirbt. Scheiß Energiespardreck. Ich stolpere die letzte Stufe hinunter, reiße die Arme hoch und die Wäscheleine herunter. Das Spannbettlaken umhüllt mich, mein limbisches System schüttet vor Schmerz Endorphine aus, mir wird Tag hell vor Augen, als ich auf die Knie sinke. In dem Moment klingelt es an der Tür. Ich tapse mumifiziert nach oben und öffne. Es ist der Bofrostmann, er sieht wieder erholt aus. Ich kaufe ihm ein 2,5 Liter- Paket Fürst- Pückler- Eis ab und kühle meine Knickgelenke. Die Suppe tropft mir in die Gummistiefel, die nicht in den Schuhschrank passen und die ich deswegen im Haus anhabe. Mit dem Sand darin verdichtet sich die Dreifachcreme zu einer schnell abbindenden Masse. Freie Radikale lösen dabei eine exotherme Reaktion aus, die mich wie Pinocchio auf glühenden Kohlen steppen lässt. Ich halte mich am Schuhschrank fest. Das metallische Krachen lockt den Bofrostmann zurück, der grade meinem Nachbarn, dem pensionierten Oberstudienrat a. D. levitiertes Wasser verkauft. Er bringt mich in die Notfallambulanz. Noch in der gleichen Nacht werden mir die Stiefel amputiert, die Füße in archäologischer Puzzlearbeit entbunden und die Knie fixiert. Ich muss 14 Tage zu Hause liegen, der Bofrostmann kommt jetzt täglich.
Wenn ich wieder laufen kann, tausche ich den Schuhschrank gegen eine Magnetpinnwand um. Von dem Geld, das übrig bleibt ist, kaufe ich mir ein Jahreslos beim Grottenolm und eine neue Energiesparlampe. Und ich lade den Bofrostmann zum Eis ein. Fürst- Pückler.

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