So weit das Auge reist

(überarbeitete Fassung)

»Schneller, die Oase ist nicht mehr weit«, schreit er mir ins Ohr.
Ich blicke stumm auf. Die Wüste flimmert wie die A2 im Gegenlicht vor den Kühltürmen des Kohlekraftwerks. Müde und schwer setze ich einen Fuß vor den nächsten. Dann endlich keimen die ersten Palmenblätter am Horizont. Vor Aufregung stolpere ich eine Senke hinunter. Doch die kühle Hoffnung rollt sich auf wie eine Leinwand am Ende des Dia-Abends.
»Nein«, stammele ich und sinke auf die Knie.
Mit beiden Händen greife ich in den glühenden Sand und schmeiße ihn in die Luft. Ich kneife die Augen zusammen und ziehe die Schultern hoch, als er wie ein Meteoritenschauer auf mich herunterprasselt. Zornig schüttele ich mir den Kies aus den Haaren.
Mein kleiner Mann ruft wieder: »Los, raff dich auf! Du schaffst es!«
Ich will ihn ignorieren. Zu oft hat er mich schon falsch beraten. Wie damals, als er meinte, ich solle mich zu dem Kurs anmelden »Männer kochen anders« und ich mich in einem Anti-Aggressionstraining für Akademiker wiederfand. Nur verhärmte Sozialarbeiter und Referendare in Latzhosen. Das war vielleicht ein Reinfall.
Das nächste Mal drängte er mich zu einem Niederländisch-Sprachkurs und dann war ich im Urlaub doch im Harz.
Aber diesmal hat er wahrscheinlich Recht. Hier Burgen zu bauen, rettet mich nicht. Matt rappele ich mich hoch und blinzele in die Sonne, die erbarmungslos meinen Liquor zum Sieden bringt. Jeder Schritt gleicht dem stechenden Schmerz einer Spinalanästhesie.
Mühsam schleppe ich mich durch die Senke und bereits auf halben Weg höre ich das muntere Feilschen der Kamelhändler. Endlich tauchen Zelte aus dem Gekrümel auf und es riecht nach Bratapfel mit Zimt.
»Vorsicht«, tönt es hohl aus meiner Gedankenlaube.
»Ruhe!«, murmele ich, »ich weiß schon, was ich tue!«
Mit letzter Kraft krieche ich an toten Schädeln im Wüstensand vorbei bis zum ersehnten Wasserloch. Durstig stecke ich meinen Schlund hinein und saufe in großen Schlucken das trübe Nass.
In diesem Moment tritt mir ein Beduine in die Rippen und zeigt grinsend seine schwarze Zahnpracht. Ich zucke zusammen und setze mich auf.
»Ich habe dich gewarnt«, ruft da mein kleiner Begleiter wieder, »das hast du jetzt davon.«
»Ach, halt‘s Maul«, sage ich zu ihm, »du hast mir die Suppe mit dieser Karawane überhaupt erst eingebrockt! Bleib doch hier, wenn du bange bist.«
Dann stehe ich auf und gehe auf das größte Tipi zu. Ich schiebe den schweren Baumwollstoff zur Seite und trete ein. Das Einkaufsparadies von Teppich Kibek eröffnet sich mir in all seiner Pracht. Der Garten Eden des Vorwerkmannes, die Welttournee seines Kobolds, das Eldorado der Milbenallergiker. Und ich mittendrin. Der Beduine von Loch Ness betritt das Zelt.
»Willst du kaufen schöne Kelim?«, fragt er.
»Wie alt ist sie denn?«, frage ich zurück.
»Was wie alt?«
»Die Kelim!«
»Kelim ist ganz neu! Guckst du hier«, sagt er und geht zu einem Haufen Vorleger, blättert darin herum und zupft von unten eine Katzendecke hervor.
Kritisch reibe ich den Stoff zwischen Daumen und Zeigefinger.
»Die kratzt ja«, sage ich, »hast du nichts Besseres?« und gehe auf einen Stapel zu, den er mir bewusst nicht gezeigt hat.
»Was ist mit dem da?«, will ich wissen und zeige auf einen alten Fetzen, der aussieht, als habe Ali Baba darauf an einem Stück die Sahara und alle arabischen Wüsten durchritten.
Entgeistert guckt er mich an, »das ist ganz besondere Teppich«, stammelt er.
»Ich weiß«, entgegne ich, »aber genau den will ich! Den und keinen anderen! Was kostet er?«
»Du willst wirklich habe fliegende Teppich?«, fragt er noch einmal.
»Ja.«
»Dann du musst mir gebe kleine Mann von deine Schulter!«
»Meinen Dschinn? Niemals!«, entrüste ich mich
Er geht einen Schritt auf mich zu, »gib!« zischt er.
Zögerlich fasse ich meinen Begleiter am Rockzipfel, er tanzt und tobt wie Daniel Küblböck in der ersten Staffel von DSDS. Ich greife fester zu und halte ihn am ausgestreckten Arm dem Zeltgesicht entgegen. Er will eben zupacken, da schnellt meine Hand mit dem Superstar zurück.
»Und genügend Wasser für drei, nein, für vier Tage dazu!«, pokere ich und gucke finster in seine gierigen Augen.
»Du bist schlimmer als wie meine Brüder«, knurrt er, willigt aber doch ein.
Schnell ruft er zwei Schergen hinein, die draußen den Filzvorleger und den Kaktussaft bereitstellen sollen. Er selbst stopft den Dschinn in ein altes Holzfass und nagelt den Deckel zu. Dann schlägt er seinen Kaftan über den Arm und weist mir den Weg mit einer eleganten, fast hesterschen Geste hinaus. Dort liegt mein Teppich plan im Streugut, mitten drauf glänzen vier pralle Bocksbeutel ledern in der Sonne.
Die vermummten Gebrauchtwagenverkäufer stehen feixend und johlend drum herum, Schwielensohler schieben spöttisch ihre Kiefer vor und zurück. Ich bahne mir einen Weg hindurch, setze mich auf den zerschlissenen Fußabtreter und durchkämme mit beiden Händen akribisch den dünnen Flor. Hohn prasselt auf mich nieder wie Reis auf das vermeintlich glückliche Brautpaar. Nach scheinbaren Ewigkeiten ertasten meine Finger das, wonach sie suchten. Ich richte mich auf und ziehe ruckartig einen goldenen Faden heraus. Unter den bass erstaunten Gesichtern der Campinggemeinde im luftigen Tuch hebe ich flatternd ab. Ein unfassbarer Jubel, wie ihn sonst nur die nackten Jungs von Tokio Hotel beim Girls Day kennen, weht zu mir empor. Hoch oben über ihrem Outletstore blicke ein letztes Mal zurück und sage meinem alten Dschinn Lebewohl.
Ich kann bis hier hören, wie er verzweifelt an die Wände seines Gefängnisses pocht.


(Originalfassung als Audiodatei)

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