Murmeltier und Sehnsucht

Fortsetzung von Hautnah (Kapitel 1), Space Invaders (Kapitel 2), Verkorkt (Kapitel 3), Strafzimmer (Kapitel 4) und Schnurlos (Kapitel 5)

Gut eine Woche nach der Einladung bei Don Pascale war ich wieder bei Sinnen. Ich hatte 5 kg abgenommen und davon die Hälfte in Bartbehaarung investiert. Jeder Yeti wäre froh gewesen, endlich einen Paarungspartner gefunden zu haben, meinem Spiegel wurde aber schwarz vor Augen. Ich nahm das verstaubte Rasiermesser vom Waschbeckenrand und schäumte meinen Kopf aus. Die Klinge musste sich mehrere Male knisternd und knackend wie ein Lagerfeuer durch unwegsames Gelände graben, ehe endlich so etwas wie ein Gesicht zum Vorschein kam. Zahlreiche Glutnester brannten rot auf meiner Haut. Rückwärts pfeifend ging ich zum alten Brunnen hinter dem Haus. Grillen und Zikaden verstummten, als ich den ächzenden Eimer hochzog. Das Wasser darin war kalt und klar wie ein Gletschersee. Ich schmiss mir zwei Hände davon auf das Lavafeld, das zischend erlosch. Mit meinem Saunagesicht ging ich in die Küche und setzte einen Espresso auf. Nach ein paar Minuten röchelte es gluckernd auf dem Herd. Ich nahm die Cafetière von der Flamme, goss mir den kochenden Schwarzsirup ein und setzte ich mich auf meine wilde Terrasse. Sie war unaufgeräumt, überall standen und lagen Fundstücke herum: Rinden, Steine, Blätter, Zapfen, Kastanien, aber für mich war es der Quell verwöhnter Momente. Hier saß ich gerne, hier bekam meine Seele Flügel und erhob sich hoch über meine alte Mühle. So weit sie blicken konnte, so sehr genoss sie jeden einzelnen Moment. Jeder Baum wurde zum Drehort, jede Wiese zum Theater, jeder Bach zum Hauptdarsteller und jeder Tag zum Happy End. Mit Ausnahme der letzten Woche, da lag meine Seele zerschunden und ausgekotzt in der Ecke. Jetzt kehrte langsam wieder Leben in die Totgesagte zurück. Ich wollte mir grade einen Glühfaden anzünden, als sie von weit oben Ermes, unseren Dorfbriefträger, mit seiner alten 72er Gilera Strada über die Serpentinen brausen sah und in mir eine stille Hoffnung weckte. Kurze Zeit später hörte ich ihn den Kiesweg hinaufdonnern. Ich hatte ihn längere Zeit nicht gesehen, eigentlich niemanden und ich fühlte mich der Sprache wieder mächtig genug. So tranken wir noch einen Cappuccino zusammen und plauderten ein wenig. Über dieses und jenes, über den Sommer und den Ausbruch der Pest in Afrika, über Don Pascale, seinen Großvater, und die Frauen im Allgemeinen. Und schließlich überreichte er mir schelmisch grinsend eine Postkarte und ich wusste sofort, dass er sie gelesen hatte. Noch bevor ich ihm eine Walnuss an den Kopf werfen konnte, sprang er spottend auf seine Postkutsche und trieb die Pferde an. Als er endlich verschwunden war, betrachtete ich die Karte: Ein Mann mit schwarzem Zylinder hielt ein blinzelndes Murmeltier ins Licht. Die Bank bebte, als ich mich setzte und mir das Herz, als ich las:

Caro amico, ich musste leider schon abreisen, ohne dich noch einmal wieder gesehen zu haben. Unseren Abend bei Don Pascale habe ich sehr genossen. Und dann warst du so plötzlich verschwunden, dass ich dich nicht einmal mehr nach deiner Telefonnummer fragen konnte! Ich habe gewartet, dass du zurück kommst. Ich habe gehofft, dass du es ernst meinst, dass Deine Empfindung für mich alles verschlingt. Ich habe geglaubt, du meinst mich, nicht die Trippa! Jetzt fühlt sich mein Herz so schwer an wie ein Stein. Mein Hunger, dich wieder in meine Arme zu schließen, brennt lichterloh in mir. Komm mich doch in Mailand besuchen. Mein Onkel weiß, wo. In Liebe, Carlotta.

Und plötzlich war mir klar, was alles durch den Magen geht.

Hier geht es weiter mit dieser Geschichte.

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