Sucht und Ordnung

Fortsetzung von Hautnah (Kapitel 1), Space Invaders (Kapitel 2), Verkorkt (Kapitel 3), Strafzimmer (Kapitel 4), Schnurlos (Kapitel 5), Murmeltier und Sehnsucht (Kapitel 6), Holzklasse (Kapitel 7) und Zurück in die Zukunft (Kapitel 8)

Ich stieg als letzter aus dem Hogwards Express aus, den Blick suchend über die kahlen Holzbänke und den schmalen Gang zur Tür umher streifend. Doch meine vage Hoffnung, die verlorene Hälfte meines Tickets doch noch zu finden, war vergebens. Jetzt stand ich mit meinem Gepäck verloren auf Gleis 9 3/4, die Mittagshitze war selbst hier unter den kühlenden Rundbögen zu spüren. Trotzdem pulsierte die Metropole um mich herum. Überall schlängelten sich Ameisenstraßen entlang, verdickten sich einen Moment zu einer sechsspurigen Autobahn, um sich im nächsten Augenblick wieder zu trennen und zu verschiedenen Abfahrten zu strömen. Minuten lang beobachtete ich den Berufsverkehr, meinen Rucksack zwischen die Beine geklemmt. Für eine Nicht- Ameise war es die Hölle. Ich überlegte, ob ich den Rückzug antreten sollte, so sehr war ich von allem verunsichert und überfordert. Am Ende der großen Halle erspähte ich das Reisezentrum. Ich wollte eben zum Schalter gehen, um nach der nächsten Verbindung zu fragen. Plötzlich stutzte ich und starrte konzentriert zum Ausgang. War das nicht Carlotta? Sie musste gekommen sein, um mich abzuholen! Dass ich daran nicht gedacht habe, ich hatte ihr doch meine Zugverbindung mitgeteilt! Aufgeregt wollte ich los rennen, mein Herz schlug mir bis zum Steißbein, als ich über meinen Rucksack stolperte und auf das selbige stürzte. Mit Schmerz verzerrtem Gesicht kullerte ich über den Bahnsteig, mir wurde schwarz vor Augen. Sofort bildeten die Ameisen eine Traube um mich herum, ihr Anführer bellte ein paar Befehle und acht Arbeiterinnen trugen mich in ihren Bau zum Opferraum.
Ich merkte, wie jemand mir die Stirn kühlte, nur schemenhaft konnte ich das Gesicht einer Frau erkennen. Ich stellte mir vor, dass es Carlotta wäre, die mich nach einem schweren Unfall liebevoll pflegte. Drei Tage und Nächte saß sie an mein Bett und wich einzig in der Visitenzeit kurz zur Toilette. Eine Diät, die eine ohnehin wunderschöne Frau nicht gebraucht hätte. Dann, am Ende des vierten Tages, erwachte ich plötzlich und blickte in ein Lächeln, zart wie eine junge Rose. Ich versuchte ein Wort zu formen, doch meine Lippen blieben stumm. Sie legte mir ihren Zeigefinger auf den Mund und bedeutete mir, nichts zu sagen. Ich merkte, dass ich das auch gar nicht konnte, da noch ein Fallrohr dicker Tubus samt Beatmungsschlauch darin steckte. Sofort begann ich zu würgen. Hektische Piepstöne der Überwachungsmonitore schlugen über zwei Oktaven Alarm und polterten wild durch einander, als hätte ich bei Donkey Kong den Highscore gebrochen. Dann ging alles sehr schnell: Drei Sanitätsameisen stürmten in geordnetem Marsch herbei. Während zwei Arme mich absaugten, zwei den Block des Tubus öffneten und mich von dem Krötentunnel befreiten, legte mir Arm Nummer fünf eine Infusion an, sechs stellte das Krankenbett in Schocklage und die Geldspielautomaten ab. Eigentlich hätte eine Ameise dafür gereicht, überlegte ich mir. So schnell wie sie gekommen waren, verschwanden sie auch wieder.
Als ich aus meinem Dämmerschlaf erwachte, lag ich in einem großen, aber nahezu leeren Raum. Ich schaute mich um. Auf dem verloren wirkenden Nachttisch lag eine Zeitung, ich schielte auf das Titelblatt, ganz Italien fiebere dem Champions League – Finale entgegen. „Wieso“, dachte ich mir, „das habe ich doch schon vor Ewigkeiten geguckt“. Dann fiel mein Blick auf den Abreißkalender mit der Tageslosung neben dem Kruzifix und schließlich auf die Digitaluhr mit Datumsanzeige über der Tür. Irgendetwas stimmte hier nicht. Das hier war Zweifels ohne das Ospedale Maggiore in Mailand. Hier schlummerte irgendwo in einer Formaldehydlösung meine Gallenblase, das gute Stück musste ich vor knapp zwei Jahren hierlassen, ich erkannte es wieder. Heiser grübelte ich darüber nach, was überhaupt geschehen war. Aber ich kam in meiner Erinnerung immer nur bis zum Mittagessen bei Don Pascale, zur Trippa, zu Carlotta. Und bis dahin, dass ich eine Woche sterbens- und liebeskrank in meiner Sägemühle eine halbe Tagesreise entfernt von hier lag. Was aber danach kam, lag völlig im Dunkeln.

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