Hättichmal

Fortsetzung von Hautnah (Kapitel 1), Space Invaders (Kapitel 2), Verkorkt (Kapitel 3), Strafzimmer (Kapitel 4), Schnurlos (Kapitel 5), Murmeltier und Sehnsucht (Kapitel 6), Holzklasse (Kapitel 7), Zurück in die Zukunft (Kapitel 8) und Sucht und Ordnung (Kapitel 9)

Aber wieso war ich in Mailand?! Und wenn ich hier war, wo war dann Carlotta? So langsam dämmerte mir, dass zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ein glaubwürdiger Zeitsprung gelungen war. Und das ausgerechnet mir, der ich in Sport immer nur eine „Vier“ in der Grundschule hatte, weil die rhythmische Gymnastik meine Note immer wieder nach unten zog. Ich wusste nicht, wer sich diesen Quatsch mit dem Zeitkatapult überhaupt ausgedacht hat: Einstein, Bill Gates oder James T. Kirk. Sie gingen jedenfalls alle davon aus, dass man die Vergangenheit und die Zukunft am gleichen Ort quasi verschieben könne. Die lineare Raumkrümmung hatten sie aber alle nicht bedacht, denn allem Anschein nach hatte mein Zeitsprung zwar funktioniert, mich dabei leider viel zu weit und an einen ganz anderen Ort geschleudert. Das machte es nicht wirklich leichter! Dabei habe ich mir immer gewünscht, manche Dinge ganz anders zu machen, wenn ich noch einmal die Gelegenheit dazu hätte. Zum Beispiel würde ich nie wieder in Lycos- Aktien investieren, auf Arminia Bielefeld wetten oder 100 DM beim Hütchenspiel in Amsterdam setzen. Ich hätte im Bad nur zehn Zentimeter weiter unten gebohrt und mir den Wasserschaden erspart. Und wenn ich Mitte 30 endlich das Micky Maus- Abo gekündigt hätte und nicht die Hausratversicherung mir wegen offener Beitragszahlungen, dann hätte ich behaupten können, ein Schlauch an der Waschmaschine wäre geplatzt. Und nie, wirklich nie wieder, würde ich meinen Sohn Kevin Pascal nennen. Das war kein Name, das war eine Diagnose! Schade auch, dass ich Kahn keins auf die Fresse gehauen habe, als er im Matheunterricht beim Tintenpatronenkugelfußballspielen mein Geodreieck zerbrochen hat. Ich traute mich nicht, er trug schon damals ein rohes Schnitzel als Sternzeichen um den Baumstamm dicken Hals, hatte einen geistigen Horizont wie ein Dessertteller und Hände groß wie Bratpfannen. Ich kniff auch, als ich auf der Klassenfahrt Astrid beim Flaschendrehen mit Zunge küssen sollte. Ich kriegte keinen Ton heraus, als Christine Neubauer eines Tages in der Hotellobby im Urlaub neben mir stand. Aber am meisten wurmte mich das mit der Pille und Natascha damals im Strandkorb auf Borkum. Es wehte ein eisiger Wind, die Wellen schlugen hoch, wir hatten zwei Flechthäuschen Kopf an Kopf gestellt und uns unter meinen Fleece- Pullover gekuschelt. Es war unsere letzte gemeinsame Nacht, ehe sie mit ihren Eltern zurück in den Harz fuhr. Wenn ich manchmal doch nur ein bisschen mutiger gewesen wäre, dann wäre vieles ganz anders gelaufen. Vielleicht wäre ich dann schon Opa! Ich verwarf diesen Gedanken sofort wieder, aber so langsam leuchtete mir ein, warum es mir so schäbig ging: Ich lag durch den Zeitsprung wieder mit dem gleichen unbekannten Fieber und Wahn wie schon vor zwei Wochen im Bett. Ich hatte also gute Überlebenschancen. Aber etwas ganz Besonderes ging mir nicht mehr aus dem Kopf: Was war in der Zwischenzeit geschehen, woran ich mich nicht erinnern konnte? Würde ich Carlotta jemals wieder sehen?

Der nächste (Teil) bitte!

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