Nie wieder zweite Liga!

Fortsetzung von Hautnah (Kapitel 1), Space Invaders (Kapitel 2), Verkorkt (Kapitel 3), Strafzimmer (Kapitel 4), Schnurlos (Kapitel 5), Murmeltier und Sehnsucht (Kapitel 6), Holzklasse (Kapitel 7), Zurück in die Zukunft (Kapitel 8), Sucht und Ordnung (Kapitel 9) und Hättichmal (Kapitel 10)

Exakt nach dem gleichen Krankheitsverlauf wie schon zuvor, wurde ich nach einer Woche entlassen. Carlotta hatte sich in dieser Zeit nicht bei mir gemeldet und auch sonst niemand. Ein wenig enttäuscht stand ich mit meinem Gepäck und einer Fußbandage in der prallen Mittagsglut vor dem Mailänder Dom. Majestätisch schob sich der gotische Marmorbau empor. Hier auf dem Vorplatz versammelten sich mehr scheiß Tauben als Zuschauer zu manchem Heimspiel von Arminia auf der guten alten Alm. Aber das ist eine andere Geschichte. Durch das Getümmel steuerten zwei junge Mädchen auf mich zu, einen Arm wie einen Handtuchhalter unter einem leichtem Stoff verborgen, in der anderen Hand hielten sie eine Begrüßungsrose. Ich hob meinen Rucksack auf, blaffte sie an und drohte, ihnen das Kettenkarussell um die Ohren zu schlagen. Sie huschten aus einander und begeisterten direkt neben mir einen dicken Touristen mit Krücken, der über so viel italienische Gastfreundschaft ganz hin und weg war und erst im Hotel bemerkte, dass sein prall gefülltes Reiseportemonnaie ganz weg war. Ich überlegte, was ich jetzt tun sollte. Ich kannte mich ein wenig aus in der Stadt, jetzt aber wollte mir nichts Gescheites einfallen, also bummelte ich zum Naviglio Grande, dem großen Kanal von Mailand. Zahlreiche Brücken überspannten die gegenüber liegenden kleinen Uferstraßen. Dicht an dicht drängelten sich hier Bars, Clubs, Mode- und Schmuckboutiquen, Ateliers und winzige Galerien. Im schwarzen Wasser dazwischen dümpelten Restaurant- und Ausflugskähne beengt auf Reede wie polnische LKW am ehemaligen Grenzübergang Helmstedt. Morgens belagerten Reisebussrentner und Blechzeltvagabunden wie zur Maueröffnung jeden Stehplatz doppelt und am Abend stürmte die einheimische Gameboy- Generation die morschen Schaluppen, die selbst der Klabautermann sich weigerte zu betreten. Ich lehnte mich über ein Geländer und schaute Gedanken verloren einer schwimmenden Plastiktüte hinterher, als ich plötzlich Carlotta auf der anderen Seite aus einem Hinterhof die Straße betreten sah. Ich glaubte meinen Augen kaum, schrie und jubelte wie beim Unentschieden gegen Osnabrück in der Saison 2003/2004, das uns den Aufstieg in die 1. Bundesliga und den Titel „Rekordaufsteiger“ sicherte. Sie sah verdammt gut aus und ich konnte sogar auf diese Entfernung sehen, dass sie abgenommen hatte. Dann blickte sie endlich hoch, ließ ihre Tasche fallen, bekam von zwei jungen Mädchen eine Rose zur Begrüßung und wir beide rannten, ein jeder auf seiner Seite des Kanals, zur nächsten Brücke. Wir brüllten und riefen und erzählten uns die vergangenen Wochen. Die letzten Meter schon begann es zu klingeln und rot zu leuchten, dann hob sich unsere Brücke direkt vor uns empor und eine pralle Gondel mit gaffenden Ausreisewilligen schob sich quälend langsam hindurch. Ich verlor Carlotta aus den Augen, dann zerrten mich zwei Carabinieri aus dem wartenden Pulk und stellten mich dem vierbeinigen dicken Touristen gegenüber. Er nickte grimmig. Es war schon früher Abend, als ich die Polizeiwache verlassen durfte. Die Brücke war geschlossen und Carlotta wieder einmal aus meinem Leben verschwunden. Ich trank ein Bier im Scimmie und schiffte von einem verlassenen Seelenverkäufer in den Kanal. Müde suchte ich mir in der Nähe eine kleine Pension. Sie war teuer, aber ich hoffte, dass Carlotta hier im Viertel wohnte und ich sie wieder träfe. Die Lage war weniger aussichtslos als gestern, ich hatte heute wenigstens ein paar Anhaltspunkte mehr. Ich legte mich auf das Bett und klappte sofort zusammen wie ein Schulbutterbrot. Mühsam und ächzend schälte ich mich wieder hinaus. Mit dem Bit- Adapter aus meinem Victorinox – Taschenmesser schraubte ich die Tür vom Kleiderschrank ab und schob sie unter die Matratze. Herrlich. Dann schlüpfte ich unter das Labyrinth von geschichteten Bezügen und Decken und schlief einfach nur ein.

Ich will mehr!

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