Traumfahrer

Fortsetzung von Hautnah (Kapitel 1), Space Invaders (Kapitel 2), Verkorkt (Kapitel 3), Strafzimmer (Kapitel 4), Schnurlos (Kapitel 5), Murmeltier und Sehnsucht (Kapitel 6), Holzklasse (Kapitel 7), Zurück in die Zukunft (Kapitel 8), Sucht und Ordnung (Kapitel 9), Hättichmal (Kapitel 10) und Nie wieder zweite Liga! (Kapitel 11)

Kurz nach Sonnenaufgang stemmte ich mich klebrig aus meiner Kajüte, mein erster Blick fiel auf mein Handy: Keine Nachricht, kein Anruf und keine Kontakte! Es schien, als habe mein Zeitsalto rückwärts nicht nur mein Handy resettet und alles gelöscht, sondern auch das von Carlotta. Wackelig taumelte ich in meine Shorts, mein lädierter Fuß schmerzte immer noch vom Sturz über meinen Rucksack. Die Ärzte meinten, ich sollte mich schonen, damit der Knochen heilen könne und nicht steif verwachse. Vorsichtig humpelte ich die steile Treppe hinunter zum Frühstückraum. Unten erwartete mich ein karges Buffet wie in einer schwäbischen WG: Brötchen, Marmelade, Caffè. Fertig. Aus. Ich packte mir brummig zwei Weißmehlkugeln und sieben Pröbchen Sauerkirschkonfitüre auf einen Teller, griff mir die Corriere della sera vom Vortag von der Theke und setzte mich an einen freien Tisch am Fenster. Tief stach ich das Messer in das hohle Weizenmausoleum, teilte es, füllte es Rand hoch mit dem klebrigen Wespenlockstoff und biss hinein. Ein dicker Spritzer Fruchtmus stürzte herab und traf Carlotta, die mich aus dem Kulturteil anblickte. Erschrocken hustete ich den Teigling wieder hoch und wischte ihr den roten Kleckshut beiseite. „Ausstellungseröffnung“ überflog ich den Artikel hektisch, schüttete mir den lauen und übersüßten Caffè in den Ösophagus, schnappte nach der Zeitung und stürzte auf die Straße.
Draußen war ein Sommer, wie ich ihn noch nie erlebt hatte, nicht in Mailand, nicht in Bielefeld oder irgendeiner anderen Metropole. Trotz der Frühe waren Stehplätze im Schatten bereits ausverkauft, das Blau des Himmels geschmolzen, ich blickte einfach hindurch in die explodierende Sonne. Die Hitze war unerträglich. Im Kanal blubberte das Wasser, Tauben gingen zu Fuß, weil die Luft zu dünn zum Fliegen war. Der Asphalt auf den Straßen war weich wie eine Ritter Sport Zartbitter im Handschuhfach eines Fiat Ritmo. Teerpappe tropfte in langen Fäden von den Dächern und erschlug einen Fahrradkurier. Ich versuchte, mir mit einer Markisenkurbel sein Velo zu angeln, sank dabei aber selbst ein wie in frischer Hundewurst. Fluchend schmiss ich das glühende Brandeisen in den Kanal. Tür um Tür kämpfte ich mich voran, drückte mich eng an die Hausmauern, turnte über überbackene Nagetiere und tänzelte über Lavaschollen, aber dieser Schmelzofen erstreckte sich endlos und unbarmherzig vor mir wie eine Wüste. Mein Liquor begann zu kochen, ich stolperte und schlug breitseits in die lodernde Pfanne. Erst am Abend schälte mich ein Wasserwerfer der Carabinieri wieder heraus. Frittiert und labbrig schleppte ich mich zurück in meine Pension, trug dickschichtig Speisequark und Olivenöl auf meinen Leib auf, wickelte mich in Aluminiumfolie und schaltete den Fernseher ein. Alle privaten Kanäle brachten Sondersendungen über die größte Hitzewelle Norditaliens seit der Erstausstrahlung von Sex in the city: Auf dem Grund des ausgetrockneten Lago Maggiore tauchte das Bernsteinzimmer auf. In einer Dringlichkeitssitzung beschloss Silvio Berlusconi, es im Palazzo Grazioli, seinem Wohnhaus in Rom, wieder aufzubauen. Der schmierige Breitkopfaal grinste mich in Full HD an, Arm in Arm mit einer schlanken Brünetten. Wahrscheinlich eine Medienreferentin im Praktikum, kurz vor ihrer mündlichen Abschlussprüfung. Dann verlas er seinen 2- Punkte- Plan zur Bewältigung der Klimakatastrophe:
1.) Ab sofort darf Trinkwasser nur noch schluckweise verzehrt werden, und
2.) Auf den Verkauf von Reservekanistern, Fässern und Eimern wird eine Sondersteuer erhoben.
Noch ehe der Staubsaugervertreter mit dem Charme einer Filtertüte die Auflösung des Parlaments, sowie die Privatisierung aller öffentlichen Sendeanstalten und Verlage verkünden konnte, schaltete ich auf um. MilanoArte berichtete von einer Künstlerin, die aus Kutteln und Schmelzkäse eine lebensgroße Plastik des Ministerpräsidenten und selbsternannten Nachtclubpapstes gefertigt hat und nun eifrig in ihrem Heimatdorf im kühleren Süden an der Umsetzung des Vatikans im Maßstab 1:32 arbeitete. Die Kamera schwenkte auf eine Sägemühle, neben der Tür stand eine mir gut vertraute Bank. Zoom auf Carlotta, ein Reporter fragte sie aus dem Off, wie sie zu diesem außergewöhnlichen Material gekommen sei. Plötzlich begann das Bild zu flackern, die Stimmen rissen ab und klangen blechern. Dunkelheit legte sich über die ganze Stadt, der Strom kroch in seine unterirdischen Höhlen zurück.

Fortsetzung bitte! Hier!

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