Hitzeschwelle

Fortsetzung von Hautnah (Kapitel 1), Space Invaders (Kapitel 2), Verkorkt (Kapitel 3), Strafzimmer (Kapitel 4), Schnurlos (Kapitel 5), Murmeltier und Sehnsucht (Kapitel 6), Holzklasse (Kapitel 7), Zurück in die Zukunft (Kapitel 8), Sucht und Ordnung (Kapitel 9), Hättichmal (Kapitel 10), Nie wieder zweite Liga! (Kapitel 11) und Traumfahrer (Kapitel 12)

Weit nach Mitternacht flackerten vereinzelt Lichter wieder auf, wahrscheinlich wurden erst die öffentlichen Gebäude mit Bruzzelmasse aus Notstromaggregaten versorgt. Der Großteil der Stadt blieb jedoch schwarz wie eine Neumondnacht in Wanne- Eickel. Ich schaute auf das Wetter-App meines Handys: Immer noch 24 Grad. Die 5- Tages- Prognose versprach steigende Temperaturen, Abkühlung erst am Samstag auf etwas unterhalb des Siedepunktes. Mit zittrigen Fingern überflog ich die Schlagzeilen der Nachrichten: Ganz Mailand war durch den Stromausfall von der Außenwelt abgeschnitten, der öffentliche Nahverkehr komplett zusammen gebrochen. Korrupte Beamte plünderten ein Freibad im Schutze der Dunkelheit und ein Video zeigte einen Kanaltaucher, wie er von einer achtlos weggeworfenen Eisenstange eines Touristen in kurzer Hose erschlagen wurde. Die Welt ist schlimm, dachte ich. Die Stadtverwaltung riet den Einwohnern daher dringend, ihre Häuser nicht zu verlassen und tagsüber die Kellerräume aufzusuchen. Das Militär hat eine Luftbrücke zur Sicherstellung der Trinkwasserversorgung eingerichtet. Aus Mitteln des europäischen Katastrophenfonds können alle Betroffenen dafür ab Montag in der örtlichen Präfektur einen Berechtigungsschein beantragen. Ohne Meldebescheinigung werde ich sicher leer ausgehen, überlegte ich, ging ins Bad und drehte den Wasserhahn am Waschbecken auf. Er würgte und erbrach sauren Schleim in die Schüssel. Auch die Dusche rotzte nur braune Brühe ins Moosgrün. Mit dem Zahnputzbecher schöpfte ich einen Schluck Hoffnung aus dem Spülkasten und stillte meinen Durst.
Aus dem Zimmer nebenan rief mich das Handy zurück, es spielte Message in a bottle von Police. Ich blätterte zu meinem Postfach,  jubelte, als ich Carlottas Nummer erkannte und klickte auf die Absenderkennung. Doch so sehr ich auch darauf herumdrückte, nichts geschah. Ich flitze noch einmal ins Bad, kramte im Kulturbeutel nach einem alten Zahnstocher und tackerte damit wild auf dem Display herum. Mit war, als forderte der Tod ausgerechnet in diesem Moment eine alte Schuld ein, die ich ihm vor langer Zeit versprochen hatte, als ich in der Kinderkur den Wurstebrei nicht essen wollte. „Hol’s der Teufel“, hatte ich damals geschimpft, ohne mir im Klaren darüber zu sein, was das denn wirklich bedeutete und wann. Verzweifelt versuchte ich nun, mit ihm zu verhandeln und bot im Tausch für diese eine SMS meine gute, alte Dampfmaschine oder meine UFO- Sammlung von 1975 an. Doch es half alles nichts, der greise Alte zeigte mir sein zahnloses Antlitz, nahm das Funknetz und die Server. Mein Kredit war abgelöst, die Publikumswette verloren. Thomas Gottschalk setzte sich zu mir auf die Couch und tröstete mich, ich sei ja noch so klein gewesen und Michelle müsste jetzt halt die kalte Stippgrütze essen. Mit einem lauten „Fuck the devil“ warf ich mein Handy in Richtung Kanal. Lautlos verschwand es in der dunklen Nacht. Dort, wo es hätte landen müssen, stieg bleicher, kalter Nebel empor. Ich schloss schnell mein Fenster, zog die Vorhänge zu, setzte mich auf die Bettkante und starrte vor mich hin. Ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte, ich hatte keinen Plan B. Hitze, Durst und Hunger belagerten die Stadt und vor meiner Tür trachtete mir der Tod nach dem Leben. Plötzlich krachte und knisterte, donnerte und dröhnte es draußen. Alle Angst und Zweifel vergessen, riss ich das Fenster wieder auf. Dort, wo eben noch eine kleine Rauchsäule waberte, züngelten bereits erste Flammen in den Himmel. Ohne nachzudenken stemmte ich im Bad mit brachialer Gewalt den Wasserkasten von der Wand, polterte damit die Treppen hinunter und rannte über die Straße. Heiße Schwefel- und Ammoniakdämpfe schlugen mir entgegen, versengten mir die Haare, bissen mich in Lunge und Augen. Mit letzter Kraft warf ich mich hindurch und schaffte es schließlich, das Höllenfeuer zu ertränken. Zischend erlosch es. „Fuck the devil“, sagte ich noch einmal, drehte mich um und ging zurück in meine Pension. Flackernde Lichter begleiteten mich auf meinem Weg.


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