Erfischend

Fortsetzung von Hautnah (Kapitel 1), Space Invaders (Kapitel 2), Verkorkt (Kapitel 3), Strafzimmer (Kapitel 4), Schnurlos (Kapitel 5), Murmeltier und Sehnsucht (Kapitel 6), Holzklasse (Kapitel 7), Zurück in die Zukunft (Kapitel 8), Sucht und Ordnung (Kapitel 9), Hättichmal (Kapitel 10), Nie wieder zweite Liga! (Kapitel 11), Traumfahrer (Kapitel 12) und Hitzeschwelle (Kapitel 13)

Ab Samstag sanken tatsächlich die Temperaturen ein wenig. Der Pegel des modrigen Naviglio kletterte bis zur Niedrigmarke der großen Dürrekatastrophe von 1976. Der aufgeweichte Asphalt erstarrte wie ein Arminia- Fan nach dem entscheidenden Gegentor in der Nachspielzeit, Abstieg, Liga 4. Die Buschfeuer am Rande der Stadt verloschen, der Wind hauchte sanft durch die Straßen und die Schatten der Häuser hörten auf zu schwitzen. Mit jedem Tag begann das Leben mehr Normalität zurück zu gewinnen, die es vor der Sonneneruption gehabt hatte. Schon nach einer Woche war es wieder möglich, das Haus zu verlassen, ohne dass sich gleich Nekrosen auf der Haut bildeten. Auf dem Domplatz verteilte der Katastrophenschutz Hilfsgüter und Sonnencreme an die hungernde Bevölkerung, die Carabinieri klemmten Strafzettel hinter die Windschutzscheiben und mein Pensionswirt brachte einen neuen Spülkasten an. Ich ließ mir darin ein Fußbad ein und genoss den Abend bei einer Flasche Rotwein und einer Partie Tetris auf meinem Gameboy. Geschickt rotierte ich mit den primär- und sekundärfarbigen Würfeln herum, verschob sie nach links und rechts und packte in jede noch so kleine Lücke ein Päckchen wie ein UPS- Fahrer. Die Musik fiepte dazu gemächlich in einer Endlosschleife ein Sankt- Martinlied. Ich sammelte allerlei Leckeres und Süßes ein. Dann plötzlich platzte das Versandzentrum wie in der Vorweihnachtszeit aus allen Nähten, der heilige Bischof zerteilte seinen ollen Mantel jetzt in Techno- Frequenz. Immer schneller wirbelten mir bunt verpackte Geschenke um die Ohren, dicke, dünne, große, kleine. Schließlich stürzte ein riesiger Überseekoffer herab und blockierte die Einfahrt. Das Förderband schmiss noch ein paar unnütze Last- Minute- Präsente hinterher. Rien ne vas plus. Das Spiel war aus. Frustriert brach der Klodeckel unter mir zusammen. Meine Füße noch im Wasserkasten, strampelte ich wie eine Wespe im Apfelsaft, ehe ich mich aus dieser misslichen Lage befreien konnte. Mit nassen Hosen und einem neuen Highscore stand ich im Badezimmer, als es auf einmal klopfte. Ich hüpfte zur Tür, öffnete und blickte in den dunklen Flur, doch es war niemand da. Na ja, vielleicht hatte ich mich auch nur verhört oder mein Zimmernachbar wollte sich über den Krach beschweren und bullerte mit der Fernbedienung gegen die morsche Wand. Doch dann fiel mein Blick auf den pieksigen Kokosteppich unter meinen nackten Füßen. Ein verschlissener Karton lag da, als sei er aus dem Spiel gefallen. Verwundert bückte ich mich und hob ihn auf. Ich schlug die Tür hinter mir und ging wieder in mein Zimmer zurück. Angestrengt legte ich mein Ohr auf den Kasten, aber er schwieg wie ein Apnoetaucher. Mit dem wohltuenden Gedanken, jeder Zeit in die Luft fliegen zu können, riss ich ihn auf, wühlte mich durch eine Schicht Verpackungsflocken und zog ein angeschmortes Handy heraus. Ich drehte es hin und her und versuchte es einzuschalten. Es krähte ein paar Töne und begrüßte mich mit den Worten „Trippa ist Tod auf Raten“. Ein eisiger Schreck durchfuhr mich, als ich darin MEIN Handy wieder erkannte, dass ich dem Kaltbeinigen in den Rachen geworfen hatte. Mit zitternden Händen starrte ich es an, mir war mit einem Mal so kalt, dass mein Atem sichtbar wurde. Blassgraue Wolken entstiegen meinem Maul, der Pelz auf meinem Rücken stellte sich auf. Zäher Geifer tropfte mir von den Lefzen, als ich nach der letzten SMS blätterte, für die ich beinahe meinen Esbit betriebenen Dampfwandler hergegeben hätte:

Flupp*!* Dies*ist*eine*Mailschnuppe*.* Sie*bringt*dir*Glück*. *Sende*sie*an*6*ganz*ganz*liebe*Menschen* weiter*und*sie*wird*dir*einen*Wunsch*erfüllen*!* Alles Liebe*,* Carlotta*.*

Sprachlos, gedankenlos und kopflos klickte ich auf „Weiterleiten“, trug sechsmal Carlottas Nummer ein und jagte die SMS in den Äther oder zum Teufel, ich wusste es nicht so genau. Ich änderte meinen Begrüßungstext in „Tod ist Trippa zum Braten“, versenkte die schnurlose Wählscheibe im Spülkasten und legte mich schlafen.

Zum letzten Mal!

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