Habichdoch!

Fortsetzung von Hautnah (Kapitel 1), Space Invaders (Kapitel 2), Verkorkt (Kapitel 3), Strafzimmer (Kapitel 4), Schnurlos (Kapitel 5), Murmeltier und Sehnsucht (Kapitel 6), Holzklasse (Kapitel 7), Zurück in die Zukunft (Kapitel 8), Sucht und Ordnung (Kapitel 9), Hättichmal (Kapitel 10), Nie wieder zweite Liga! (Kapitel 11), Traumfahrer (Kapitel 12), Hitzeschwelle (Kapitel 13) und Erfischend (Kapitel 14)

Das Tageslicht hatte noch längst nicht seine volle Reife erreicht, als ich erwachte. Frühstück gab es erst in zwei Stunden. Also beschloss ich, ein wenig durch die kleinen Straßen zu schlendern. Seit zwei Wochen trat ich das erste Mal wieder vors Haus und sog die faule Morgenluft Meter tief ein. Ich bog nach links in Richtung Kanal und Hebebrücke, die Carlotta und mich zum Greifen nah zerrissen hat. Auf meinem Weg begegneten mir nur ein paar Hunde, die auf die Straße kackten. Unauffällig ihre standen ihre Herrchen an der nächsten Ecke, rauchten und schauten sich auf ihrem Iphone Internet- Pornos an. In der Nähe des alten Hafenbeckens, der Darsena, ging ich einem immer dichter werdenden Strom entgegen. Alte Frauen mit knöchernen Bastkörben und weißhaarige Stockgreise mit angehängten Plastiktüten schlurften schweren Schrittes umher. Hinter einem Torbogen tat sich auf einmal ein idyllisch gelegenes Plätzchen mit einem kleinen Markt vor mir auf. Emsig und lautstark bot ein bunter Haufen Heuchler und Händler seine Waren feil. Der Maronenröster predigte neben der würzigen Käsefrau, der Obst- und Gemüsepflücker wetterte zwischen Wurst, Eiern und Blumen. Der triste Bäcker tauschte grade am Klamottenstand Brötchen gegen ein Sixpack Socken und gegenüber lockte ein süßes Marmeladenmädchen. Das eingelegte Gemüse schwieg und lauschte staunend dem tätowierten Rattengesicht, das Mikrofasertücher und Fenstergummis anpries. Jeden Meter auf diesem Einkaufsmoloch mischte Merkur ein anderes traumatisches Wahrnehmungs- und Erlebnisdrama aus der Palette der Farben von Rembrandt bis van Gogh mit Geruchssequenzen von fäkal bis floristisch.
Vor einem Metzgerwagen blieb ich stehen. Abgerissene Extremitäten verendeter Huf- und Klauentiere, gefleckter Wiederkäuer und rosiger Allesfresser baumelten an Arm dicken Tauen links und rechts hinter einem grobschlächtigen und dumpf blickenden Borg. Seine Schürze war Blut verschmiert wie nach einer Kreuzigung. Hinter der beschlagenen Auslage tobte grade eine Schlacht zwischen einem Fliegengeschwader und einer einzelnen Mücke, die verzweifelt hinter einer Motorradhelm großen Schüssel mit Sexual- und Sinnesorganen unklarer Genese Deckung vor dem nächsten Angriff suchte. Auf stumpfen Blechschalen stapelten sich Felddecken große Fleischfahnen in unterschiedlichen Eiterfarben. Angewidert brummte ich „Igitt“ in mich hinein, „was ist das denn?“ „Das ist Trippa“, sagte Carlotta, die wie aus heiterem Himmel neben mir stand, ich blickte in ein Lächeln, zart wie eine junge Rose, „ein Vormagen der Kuh, eine Spezialität der Region“. Sie nahm meine Hand und ließ sie nicht wieder los, „komm, ich lad‘ Dich zum Essen ein!“ „Was gibt es denn?“, fragte ich. „Cozze alla tarantina!“

ENDE

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