Abstelltraum

Fortsetzung von Freu Dich nicht zu spät! (Kapitel 1)

Montag mittag steht endlich der Laster mit unserer ersten Lieferung quer auf dem Bürgersteig vorm Geschäft. Murat schaut schon seit den frühen Morgenstunden aus dem Schaufenster, zählt verstreichende Minuten und vorübereilende Passanten. Als er endlich das Butterschiff sieht, springt er panisch auf und stürzt hinaus. Ein Packer in einem bekleckerten Unterhemd surrt grade auf der Ladebühne herab. Bass erstaunt glotzt Murat auf die Palette, die sich vor seinen Augen senkt. „Voll krass, man!“, murmelt er. Wir hatten bei ebay in Österreich bei einer „Riesigen Lagerauflösung!“ zugeschlagen und gieren jetzt auf unsere Ware. Rumpelnd schiebt der Schluchtenscheißer den Hubwagen in unser Lager, lässt ihn ab und trollt sich zum Laster, einen weiteren Fichtensarg zu holen. Murat tanzt die ganze Zeit herum wie ein Derwisch zum Zuckerfest, bis ich ihn die Brechstange suchen schicke. Toni setzt in der Zwischenzeit den zweiten und letzten Holzcontainer ab, hält mir mürrisch die Frachtpapiere unter die Nase und springt dann in seine bunt beleuchtete Fahrstube zurück. Kurze Zeit später bläst der Diesel eine dicke, schwarze Rauchwolke in den Himmel und von den nahe gelegenen Bergen hallt mehrfach das Zischen der Druckluftbremse zurück. In einer Bewegung verschwindet er hinter der nächsten Ecke und Murat taucht wieder auf. „Wo bleibst du?“, bluffe ich, nehme ihm den Polenschlüssel aus der Hand und hebe damit krachend und knarzend den Deckel an. „Mach das Licht aus, hol die Kerzen und den Asti aus dem Kühlschrank“, befehle ich, „diesen Moment wollen wir genießen wie das erste Mal!“ Ich bin mir nicht sicher, ob Murat weiß, was ich meine, warte aber geduldig, bis er mit dem Stearinstengel neben mir steht. Langsam zähle ich den Countdown rückwärts, exakt bei „Null“ splittert die Paneele auseinander und poltert zu Boden. Murat haucht das Wachsfeuerchen aus und wir stehen im Dunklen. Als er das grelle Neonlicht wieder einschaltet, löst sich die Spannung auf wie eine Aspirin plus C im warmen Wasser. Ich bin mir jetzt sicher, dass er nicht wusste, was ich meine. Ungeschönt fällt unser Blick auf eine Lage aufgeweichter Faltkartons, ein feiner Pelz nagt schon in den Ecken. Mit dem Kuhfuß schiebe ich den matschigen Pulp beiseite und lande bei einer noch trockenen Schicht. Ich stutze und schaue Murat an, „was hast du da gekauft?“, frage ich. „3800 Überraschungskartons!“ Mir fällt scheppernd der Donnerbalken aus der Hand. Der Spumante flutet mir direkt ins Stammhirn und hält die Gipfelkonzentration auf letaler Plateauhöhe. Mein Augeninnendruck steigt, meine Zunge klebt am Gaumen und in meinen Ohren rauscht ein Intercity. Schaum quillt mir aus dem Maul, ungelenk schleudere ich meine Arme hin und her. Murat weicht bleich zurück, taumelt und sucht hinter dem zweiten Pritschenkoffer Deckung. Zitternd zeige ich darauf, „wa i da in?“, quetsche ich zwischen den Zähnen hindurch. „Da … da“, stammelt er, „sind Wundertüten drin!“ Dann rennt er los, das Glockenspiel über dem Eingang klingelt zart und er verschwindet in einer Schülerbrandung, die grade aus einem Bus strömt. Mit großen Augen gaffe ich ihm hinterher. Ich will ihn jagen und reißen, aber meine Beine schlurfen nur mürbe über den Boden, als habe mir ein abhängiger und hagerer Anästhesist seine Tagesdosis Fentanyl verabreicht. Krachend falle ich gegen die hölzerne Laube und rutsche an ihrer Nordwand herunter, wütende Späne schlagen mir in den Rücken.  Schwer verwundet robbe ich mich zum Bierkasten und versuche, mir mit tauben Händen ein Flasche zu öffnen. Dann holt mich der Nachtfrost, die Tür steht Sperrangel weit offen.

Am anderen Morgen liegt etwa Knie tief dichter Schnee auf den Straßen. Er hat sich schon etwa 2 Meter weit durch das Mauerloch zu mir hineingefressen und meinen Bockermann bereits bis auf den Knochen abgenagt. Ich schrecke hoch, als mir ein Schneeball genau in die Fresse fliegt. Schnaubend puste ich den Eisrotz beiseite und schaue hinaus. Draußen steht Murat, vermummt wie Tenzing Norgay beim Everest- Aufstieg 1953. Er hält einen Schneeschipper in der Hand, „na“, ruft er, „ist das ein geiles Wetter?“ Verwirrt schaue ich mich um, flüchtige Gedanken rauschen mit exakt 33 1/3 U/min um einen silbernen Mitteldorn durch meine Hippocampi. Der Tonarm setzt knackend im Jahr 79 auf, „Kiss“ stürmen grade die Charts. Wir Jungs spielen Luftgitarre auf dem Schulhof wie Paul Stanley und die Mädchen knabbern Flips auf Kellerparties. „Du Spinner, mach die Tür zu und geh in die Schule!“, brülle ich raus. Murat tritt einen Schritt näher, „alles klar, Chef?“, fragt er. Ratschend springt die Nadel auf meiner Zeitplatte ins Jahr 84. Verpickelt stehe ich mit Lederschlips beim Abschlussball, alle Bräute unter 90 kg sind schon vergriffen. Übrig bleiben nur noch Pommes-Walli mit einer vier Pfund schweren Zahnspange und einem lahmen Bein und die schnelle Schantall, die mit jedem schon mal hinterm Vorhang auf Tuchfühlung war, nur mit mir nicht. „Und es hat Zoom gemacht“, singe ich. „Das merke ich“, sagt der Kaffeeröster mir gegenüber und zeigt auf 12 verstreute, leere Bierflaschen, „hast du die alle getrunken?!“ Ich zucke zusammen und stoße an den massiven Drehteller in meinem Kopf. Der Abtastdiamant hüpft polternd über die schwarzen Vinylrillen und setzt dumpf auf wie Knight Rider beim Sprungversuch über die Berliner Mauer. Wir schreiben das Jahr 1989. Mit lautem Getöse kracht der fahrende Ritter mitten hinein. Sie fällt in sich zusammen wie ein Altenburger Kartenhaus. Ein terracotta gebrannter David Hasselhoff steigt aus, hält nach Freiheit Ausschau und tanzt dabei wie ein Braunbär auf Koks. Etwa 20000 Sandys und Mandys grölen ihm zu und werfen Strickschlüpfer auf die Bühne. Einer trifft mich hart am Kopf, ich erwache. „Murat, was ist los?“, frage ich, „warum räumst du nicht auf?“ „Chef, bist du nicht mehr sauer?“ Ich rappele mich hoch, „los, wir müssen die Ware auspacken und den Laden aufmachen! Was stehst du hier so dumm rum und hältst Maulaffen feil?“

Fortsetzung hier

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Ein Gedanke zu “Abstelltraum

  1. Aiman 14. Januar 2012 / 14:17

    Ich bin eben durch Zufall auf die Seite gekommen. Gefaellt mir sehr.

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