Strafstoß

Fortsetzung von Freu Dich nicht zu spät! (Kapitel 1), Abstelltraum (Kapitel 2), Strebergarten (Kapitel 3), Wortgeflecht (Kapitel 4), Kassensturz (Kapitel 5), Gleicheitrige (Kapitel 6), Gesichtsyoga (Kapitel 7) und Übergangsbinde (Kapitel 8)

Ich sitze in der offenen Beifahrertür und rauche, meine nackten Füße spielen mit dem Gras. Das Ticken des Warnblinkers und das Zirpen der Grillen auf den Feldern sind die einzigen Geräusche, die durch die Stille schleichen. Schon vor zwei Stunden habe ich Murat losgeschickt, von irgend woher ein paar Liter Diesel zu besorgen, damit ich noch rechtzeitig zum Sonntagsspiel zurück bin. Ich drücke die Kippe zu den anderen Knickwinkeln in den großen Porzellanascher, den ich auf das Armaturenbrett gestellt habe. Mein Blick fällt auf die Uhr, die Partie wird bald angepfiffen und Murat ist immer noch nicht wieder da. Was macht der bloß?! Der kann was erleben! Nervös drehe ich am Autoradio, Uli Zwetz berichtet bereits live. Ich brülle die Mannschaftsaufstellung mit, Spucketropfen klatschen von innen an die Windschutzscheibe. Mit zitternden Fingern fische ich die letzte Zigarette aus der Packung, zünde sie mir an, nehme einen großen Schluck aus dem Regal, hänge meinen Schal aus der Tür und singe lauthals die Hymne mit. Plötzlich schaudert es mich und ich denke an die Zeit zurück, als das Stadion noch liebevoll „Alm“ hieß, eine Bretterbude und zugleich eine Festung war und keine Glas- Arena. Der Ball war aus echtem Leder und die Bratwurst groß wie ein Unterarm. Murat und ich kickten oft mit seinem abgewetzten Tango Rosario auf der Straße, ein knarrendes Saba- Radio stand im offenen Fenster und brüllte in unregelmäßigen Abständen „Tor, Tor, Tor“. Die größte und unvergessene Legende aber geschah an einem verregneten März- Samstag, als die arroganten Krachledernen dahoam mit 4:0 untergingen. Ich stand mit Pickeln und Arbeitshandschuhen im Gartentor und habe vor Freude geweint. Vom Pfandgeld aus Opas Keller habe ich mir heimlich die nächste Eintrittskarte gekauft und stand fortan zu jedem Heimspiel auf der Tribüne, habe gejubelt und geschimpft, gestaunt und geflucht wie ein Großer. Am Ende der Saison sind wir trotzdem abgestiegen. Mich aber hatte eine Leidenschaft gepackt, die mich nicht mehr losgelassen hat. Und ausgerechnet heute geht es gegen die Unaussprechlichen aus Telgte- West. Genau deswegen sollte ich auch jetzt auf den vertrauten Betonstufen stehen und meine Mannschaft anfeuern, so lange sie noch auf Gras spielt. Es geht zwar um nix mehr, aber mein Herzblut ist immer noch blau.
Gespannt sauge ich jedes Wort auf, das aus den Boxen klingt. Die Atmosphäre schwappt zu mir herüber und ich hüpfe im Auto, weil ich kein Preuße bin, die Winkekatze überm Tacho spielt verrückt. Noch ein Schluck der schottischen Malzbrause. Der Schiri pfeift grade einen Elfmeter, als ich Murat im Rückspiegel zurückkriechen sehe. Schnell suche ich den Deutschlandfunk mit irgendeinem klassischen Kammerkonzert und ratsche mit den Fingern gelangweilt über das Lüftungsgitter.

Murat sagt kein Wort, als er einen verbeulten Blechtrichter in den Tankstutzen hängt und aus einem schwarzen Gülleeimer selbst gepresstes Rapsöl nachgießt.
„Hast du Zigaretten mit gebracht?“, frage ich giftig.
Er schießt die leere Plaste wütend aufs Feld, „nein“, knurrt er. „Was hörst du denn da eigentlich für einen Rotz?“, will er wissen, „läuft heute nicht Fußball?“
„Warum sagst du das nicht gleich“, kreische ich empört und suche einen anderen Sender. „Alles muss ich selber machen“, sage ich und zeige ihm bedauernd die Flasche, „außer fahren!“

Ich kann es nicht lassen! Hier treibt mich der nächste Wahnsinn!

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