Die Stille am Teich

Ich betrachtete die Stille. Kein Wind kräuselte das Spiegelbild. Irgendetwas stimmte da nicht …

Ich überlegte, was es wohl war. Irgendwie schienen die Farben blasser zu sein und die Geräusche klangen dumpf wie im Bauch eines alten Schiffes. Was war geschehen? Wo war ich? Ich saß zwar wie immer hier im Park auf meiner Bank, aber es war es nicht so wie sonst. Verunsichert guckte ich herum. Ich wollte wissen, ob es den anderen Menschen, die um den kleinen Teich wandern, auch so geht, aber was ich sah, irritierte mich erst recht: Sie gingen alle rückwärts, jedoch fiel das offenbar niemandem außer mir auf. Nur ich saß dumm rum und verstand die Welt nicht mehr.

»Was ist, wenn die Welt plötzlich eckig wäre?«, schoss es mir durch den Kopf, »kann sie sich dann noch drehen, oder schiebt sie sich bloß wie eine Schrankwand von Ecke zu Ecke?«

Misstrauisch starrte ich ein Pärchen an, das wie selbstverständlich rückwärts auf mich zu schlenderte. Dazu hätten sie allerdings vorher schon einmal an mir vorbeigegangen sein müssen. Aber warum kann ich mich daran nicht erinnern?! Ich schaute auf meine Uhr: Stolz und rebellisch drehte der Sekundenzeiger die Runden entgegengesetzt seines üblichen Tuns.

Mir fiel fast die Kinnlade in den Schoß, als sich plötzlich eine junge, verdammt hübsche Frau zu mir auf die Bank setzte und fragte: »Tsgam ud nie sie?«

Wieder blieb mir nichts anderes übrig, als ein blödes Gesicht zu machen. Das hier ging auf keinen Fall mit rechten Dingen zu. Irgendetwas stimmte nicht und ich wusste nicht, was.

Irgendetwas ist ja immer.

Auge um Auge

Es ist mein letzter Wurf.
Danach ist das Spiel aus. Aus und vorbei. Es gibt keine Verlängerung, kein Rückspiel. Es gibt nur diesen einen Wurf.
Ich stehe an der Abwurflinie, gehe in die Knie, wiege die schwere Kugel in der Hand, streiche den Sand herunter, versuche die Entfernung abzuschätzen, den Winkel zu treffen und das Spiel mit diesem letzten Wurf herumzureißen. Alles oder nichts. Ich hole vorsichtig Schwung, pendele den Arm vor und zurück, halte inne, stocke, zögere, schaue noch einmal.
Der kleine Holzball liegt etwa fünf Meter von mir entfernt, verdeckt durch zwei andere Spielkugeln.

Es ist mein letzter Wurf.

Er entscheidet, ob ich dem Teufel meine Seele geben muss. Ich weiß, dass mich jetzt nur ein göttlicher Treffer retten kann, um seine beiden Kugeln wegzustoßen und meine eigene am nächsten an die Holzkugel zu platzieren. Doch mit Gott war ich noch nie per du.
Trotzdem murmele ich ein Gebet vor mich hin: „Komm, Herr Jesus, sei unser Gast“, und schaue dem Teufel dabei tief in seine rotorange glühenden Augen. Doch anstatt meine Kugel wohlüberlegt in Richtung der anderen zu werfen, hole ich weit von unten nach oben aus. In dem Moment, als meine Hand schnurstracks zum Himmel zeigt, sage ich: „Amen.“
„Ich sehe nichts!“, zischt der Teufel wütend und blinzelt gegen das gleißende Licht der Sonne.
Schnell trete ich einige Schritte nach vorne, „von hier kannst du besser gucken!“, behaupte ich und winke ihn zu mir.
Widerwillig folgt er meiner Aufforderung, ohne seinen Blick vom Himmel abzuwenden. Unbemerkt lasse ich die Kugel aus meiner anderen Hand plumpsen. Sie schubst seine beiden mit einem leisen Klonk zur Seite.
„Oah, jetzt hast du sie verpasst“, stöhne ich, buffe ihn in die Rippen und zeige zu Boden. „Das, das …“, stottert er irritiert und glotzt mich an, als wäre er eben dem Schöpfer begegnet.

„Hüte dich“, blaffe ich ihn harsch an und hebe meinen Zeigefinger, „du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.“

„Revanche?“, fragt er kleinlaut und ich nicke.

Simsalabim

Da sitze ich nun in meinem kurzen Hemd, ohne Besteck, um die Suppe wieder auszulöffeln. Das geht niemals gut! Wie soll das funktionieren? Das passt ja gar nicht zusammen! Mannomann, hätte ich das bloß eher gewusst! Doch Hättich ist ein anderer Vogel als Habicht. Und sowas kommt von sowas. Die Wahrheit ist: Ich habe es auch nicht verhindert.
Manchmal wünschte ich, ich könnte einfach sagen: »Simsalabim, Sesam öffne dich!«, und schon würde sich knarzend ein großes Tor vor mir auftun. Helles, glitzerndes Licht umhüllt mich augenblicklich, süße Düfte kitzeln meine Gaumenhöhle und zauberhafte Klänge locken mich, einzutreten. In ein Land, das für jeden etwas anders ist, für mich aber vor allen Dingen: ein Strandkorb, der weite Blick aufs Meer, ein Horizont, der nicht näher rückt und eine Ruhe, die das Wattknistern erst hörbar macht.
Ohne zu zögern gehe ich hindurch und spüre sofort den Sand unter meinen Füßen. Ich sauge sie salzige Luft ein, blinzele gegen die satte Sonne. Dann lasse ich mich fallen wie der Jever-Mann und weiß, dass ich angekommen bin.

In der Hüpfburg

Ich habe einen Schlüssel und ein Namensschild. Ich kann raus, wenn ich will, muss mein Handy nicht im Dienstzimmer abgeben und darf mit echtem Besteck essen, ohne dass einer zuguckt. Doch manchmal bemerke ich gar nicht, wie verrückt ich selbst bin.

Dann frage ich mich, wie es wohl wäre, wenn ich auf der anderen Seite des Tisches säße? Worüber würde ich berichten, was verheimlichen? Ich könnte mich unzensiert meinen wildesten Gedanken hingeben und müsste nicht versuchen, mich zu ordnen. Alles dürfte ich, ohne Angst bestraft oder ausgelacht zu werden, erzählen. Von meiner Kindheit oder dem Wunsch nach einem flotten Dreier. Von meinem ersten Bier oder meiner Lieblingsserie. Es könnte alles so einfach sein.

Aber in Wahrheit ist es das nicht mehr. Seitdem ich meine Tabletten abgesetzt habe, habe ich sogar den Eindruck, alles wird immer komplizierter. Vielleicht ist es auch eine Frage des Alters, oder besser gesagt: meines Alters. Es gibt so viele Sachen, die ich nicht mehr verstehe. Pokémon zum Beispiel. Früher gab es Maja, Willi, Kurt, Flip und die Lehrerin Kassandra. Die passte auf, dass die böse Spinne Thekla nicht in den Bienenstock krabbelte. Das waren alle und es waren genug. Da war die Welt noch überschaubar. Doch heute tummeln sich bereits in einer einzigen Folge Pokémon mehr merkwürdige Wesen als im gesamten Bundestag zur Diätenabstimmung.

Ich überlege deswegen, den großen Jagdschein zu machen und diese Plüschtiger einfach abzuknallen, bis schließlich keine mehr da sind. Dann würde in meine Anstalt endlich Ruhe zurückkehren und ich könnte auch mal wieder die Schlümpfe gucken oder mit Kimba durch den Dschungel stolzieren und die Schimpansen vor dem Feuertod retten. Ich könnte mit Nils Holgerson auf einer Gans fliegen oder mit Pinocchio den Fuchs ärgern, ohne dass einer umschaltet. Nichts ist mehr, wie es einmal war.

Prost Leben

Als Klotz am nächsten Tag die Tür öffnete, schüttete es derart, dass er auf dem Absatz wieder kehrt machte, in den Keller ging und seine Gummistiefel holte. Sorgfältig faltete er seinen Hosenaufschlag zusammen, schlüpfte hinein und verschnürte das Bändchen mit einer Doppelschleife. Nasse Füße waren jetzt das Letzte, was er gebrauchen konnte. Dann zog er seinen schweren Dufflecoat an, stülpte sich die Kapuze bis über die Nase und trat hinaus. Schon an der Gartenpforte lief ihm das Wasser den Nacken hinunter bis in die Unterhose. Doch er wäre nicht Klotz, wenn er noch einmal umdrehen würde, nur um sich einen Schirm zu holen oder sich die Anglerhose anzuziehen. Und, das musste er insgeheim zugeben, ein bisschen neugierig war er, wer ihm diesen Brief geschrieben hat, und verspäten wollte er sich schließlich auch nicht. Also ging er allen Widrigkeiten zum Trotz zum Dorfmetzger und kaufte einen ganzen Kringel Fleischwurst.
Exakt auf die Sekunde um 17.00 Uhr stellte sich Klotz genau in die Mitte des Marktplatzes, das Wetter kotzte sich inzwischen richtig aus. Vom Regen gepeitscht drehte er sich, den suchenden Blick schweifend, einmal im Kreis. Außer ihm war weit und breit niemand zu sehen. Jeder, der noch ein Fünkchen Verstand hatte, war jetzt zu Hause oder hatte wenigstens unter einer Brücke Deckung bezogen. Doch Klotz stand dort wie gemeißelt eine viertel Stunde lang, den Schirm in der einen, die Wurst in der anderen Hand. Dann zog er die Pelle ab, biss hinein und ging wieder heim.
Das Leben ist eine Parkbank, dachte er, hart und beschissen.

Im Visier

Manchmal träume ich einfach vor mich hin. Wie das Leben sein könnte. Wie es sein könnte, wenn ich andere Entscheidungen getroffen hätte. Müßig sind diese Gedanken, dass weiß ich auch, aber nichtsdestotrotz spannend. Doch das tut hier nicht zur Sache.

Zufrieden und entspannt sitze ich auf einer Bank am Meer, futtere Krabbenchips und beobachte eine Möwe. Sie steht schon seit einer viertel Stunde auf einem Strandkorb und tut unauffällig so, als betrachte sie die Badebucht, die tollenden Hunde, die bunten Drachen am Himmel, die flanierenden Menschen. In Wahrheit aber glaube ich, sie stalkt mich und hat meine Position mit ihren Adleraugen bereits ganz nah herangezoomt, um mich auszuspionieren. Bestimmt arbeitet sie bei Möwy CIS und soll meine Ess- und Schlafgewohnheiten, meinen Porno-, Alkohol- und Nikotinkonsum erfassen und dem unterirdischen Hauptquartier melden, wo schließlich alle Informationen über mich zusammengetragen werden. Vielleicht hockt sie auch nicht erst seit heute dort, sondern weiß sogar, was ich letzten Sommer gemacht habe. Oder sie trägt eine winzig kleine Atombombe am Fuß und soll mich um dreiviertel zwölf liquidieren, wann immer das auch sein mag.
Plötzlich tauchen zwei grau gekleidete Tauben-Kollegen von ihr auf, setzen sich genau vor mir auf das Mäuerchen und glotzen mich unverfroren an. Offenbar hat sie Unterstützung eingefordert, weil sie allein mit mir nicht mehr fertig wird. Das ist ja wieder typisch, als würde ich das nicht merken! Ich bin doch nicht blöd, die sind schließlich alle miteinander vernetzt. Man hat ja schon oft gehört, dass sie einem durch die Augen in den Kopf gucken können, sich dann die fremden Gedanken aufschreiben und als Brief direkt zum
Geheimnisministerium bringen, ehe man auch nur annähernd weiß, was gerade geschehen ist. Nein, nicht mit mir, darauf bin ich gut vorbereitet. Geschickt verdecke ich mir mit der Hand das Gesicht und verscheuche sie mit einem kleinen Tritt. Maulend stieben sie davon, erstatten dem Boss auf dem Strandkorb Bericht. Sollen sie doch!
Ich nehme mir einen großen Schluck Bier, spüle damit meine Tabletten herunter und fühle meinen Puls. Puh, noch einmal gut gegangen. Ich dachte schon, ich drehe durch.

Zauberpuste

Schokolade heilt alle Wunden, sagte Tante Elli immer, wenn ich wieder einmal mit blutverschmierten Knien in ihrer Küche saß und weinte. Nur diesmal war es nicht wegen der Schmerzen, sondern weil mein funkelnigelnagelneues Fahrrad nur noch schrottreif reif war. Einfach so. Jeden Groschen habe ich mir selbst verdient, Zeitungen und Prospekte ausgetragen, Rasen gemäht und Schnee geschippt. Zwei Jahre lang. Gestern war es dann endlich soweit. Mit dem prallgefüllten Sparschwein lief ich zu Landmaschinen Lampe und holte es ab. In der Garage montierte ich den silbernen VDO- Tacho und die Blinker, ehe ich immer wieder die steile Bergstraße hinunter fuhr und stolz wie Oskar einen Rekord nach dem anderen brach. Bald würde es dämmern und ich müsste zurück nach Hause. Nur noch einmal wollte ich wie Niki Lauda Zeit und Raum hinter mir lassen und der Schnellste sein. Kraftvoll trat ich in die Pedalen, als gäbe es kein Morgen mehr. Fünfzig, einundfünfzig. Plötzlich passierte es: Die Tachowelle löste sich und das lose Ende geriet unheilvoll zwischen die Speichen. Nun konnte ich sogar fliegen.
So kam es, dass ich heute bei Tante Elli landete. Sie war meine gute Fee, wenn ich schlechte Noten in der Schule geschrieben hatte und meine Mutter drohte, mich in ein Heim zu stecken. Sie war mein bester Freund, wenn ich Liebeskummer hatte, weil Anke mit Holger ging. Sie war meine Krankenschwester, wenn mir etwas wehtat. Manchmal stellte ich mir sogar vor, wie es wäre sie zu küssen, wenn sie mir über den Kopf streichelte und lächelte. Doch das traute ich mir nicht, Elli war bestimmt schon siebenundzwanzig. Wieder musste ich bitterlich weinen. Und dann holte Elli endlich diese wunderbare Karamellschokolade aus dem Schrank, brach sie in kleine Stücke und pustete meine Knie. Alles war gut.