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Archive for the ‘DiaGonal’ Category

Das Leben ist kein Ponyhof

Als ich noch ein kleiner Junge war, wollte ich Feuerwehrmann werden. Doch als irgendwann einmal unser Esszimmertisch durch meine Schuld brannte, haben mir meine Eltern verboten, auch nur in die Nähe einer Flamme zu gehen. Ebenso befanden sie, Zinnsoldat sei nichts für mich. Schließlich müsse ich dabei den ganzen Tag stillstehen und das könne ich keine fünf Minuten, ich sei ein Hans Dampf in allen Gassen. Aber Eisenbahnfahrer fand ich wiederum doof, da kann man ja nicht lenken.
So entschied ich mich dann eben, König zu werden und den Kies auf dem Garagendach zu harken. „Kies regiert die Welt“, sagte mein Papa immer. Wie so oft, kam es wieder einmal anders, denn er erwischte mich, dachte augenscheinlich an seinen Esszimmertisch und nahm mir die Krone und die Harke einfach weg. Ich solle lieber für die Schule lernen. Mich interessierten aber die längsten Flüsse und Primzahlen überhaupt nicht, ich fand dafür Anke prima und ihre langen Haare. Sie wohnte in einem von den Reihenhäusern gegenüber und gingen in die gleiche Klasse. Schon morgens schrieb ich ihr Zettelchen, zählte Gänseblümchenblätter ab und berechnete aus den gemeinsamen Vokalen unserer Vornamen die Wahrscheinlichkeit für unsere Hochzeit. Erst viele Jahre später erfuhr ich, dass das alles Quatsch war, denn umgekehrt hätte eine Xerxes am besten zu mir gepasst, die ich gar nicht kannte, auch nicht aus der Parallelklasse.

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Tiefkühlpizza

Manche hat Frau Schicksal reichhaltig und lecker belegt mit Currywurst oder Gyros, während andere aussehen wie der umgepflügte Strafraum von Arminia Bielefeld und genauso schmecken. Es gibt sogar vegane Varianten mit Schotter und Rindenmulch, wie ich mich persönlich im Biomarkt überzeugen konnte. Neulich jedoch entdeckte ich in der Gefrierabteilung meines Discounters die Schokopizza eines ortsansässigen Backpulvermischers. Ich war schockiert. Was auf den ersten Blick aussah wie der Schiss einer Trottellumme auf einem tiefgefrorenen Teigfladen, änderte sich auch nach dem Backen nicht. Ganz im Gegenteil, die Ähnlichkeit war bestechender denn je. Ok, ein bisschen Tier muss sein, aber bitte nicht so!

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Kopflos

Meine Gedanken gehen wandern, ohne Hast und Eile. Sie haben Zeit.

Manchmal sitzen sie auf einer Bank und tun minutenlang nichts. Manchmal schlendern sie herum und manchmal flitzen sie wie auf Kufen im Kreis. Manchmal sind sie leise wie ein Sommerhauch des Windes. Manchmal sind sie laut wie ein Donnergrollen des Sturmes. Mal blass, mal bunt, mal schwer, mal leicht.

Gedanken haben viele Gesichter, aber immer meins.

 

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Wennesma

Wenn es mal so einfach wäre, wie mein Therapeut sagt! Dann müsste ich mich nicht immer so aufregen, sondern könnte im Kopf leise bis Sieben zählen. Und schon wäre der Fußball nicht mehr durch die geschlossene Terrassentür ins Haus geflogen oder das Wasserrohr im Keller ausgerechnet während des Urlaubs geplatzt.
Wenn es mal so einfach wäre, dann würde ich essen können, was mir schmeckt und dennoch nicht zunehmen. Ich könnte mich sogar komplett fleischfrei ernähren und hätte trotzdem nicht das Gefühl, das mir etwas fehlt. Ich hockte nur im Streichelzoo herum und äße den Hasen und Ziegen den Salat weg, bis sie anfingen, mich dafür zu stupsen und zu stoßen. Dann würde ich vielleicht in meiner hungrigen Verzweiflung einen Zaunpfahl ausreißen, um damit um Hilfe zu winken und schlüge dabei aus Versehen alle Tiere tot. Ich wäre dann zwar immer noch Vegetarier, dürfte sie aber nicht essen und sie wären umsonst gestorben.
Wenn es mal so einfach wäre, dann wäre nicht alles gleich besser!

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Modern Walking

»Schritt für Schritt« ist eine gute Strategie zur Fortbewegung. Natürlich klappt das nur, wenn man zu Fuß unterwegs ist. Im Zug kommt man damit nicht schneller ans Ziel, im Heißluftballon dreht sich alles nur im Kreis und, angenommen, die Erde sei doch eine Scheibe, dann plumpst man dabei am Rand spurlos herunter. Wie so häufig bei Redewendungen und Semestertickets ist also der wahre Nutzen eingeschränkt und nicht beliebig übertragbar. Das Gleiche gilt für das Sprichwort »In der Kürze liegt die Würze«. Bei einer Polonäse ergibt das einfach keinen Sinn, ebenso wenig bei Spaghetti. Manche Dinge müssen lang sein.

Schon seit geraumer Zeit will ich deswegen ein Benutzerhandbuch verfassen, das die richtige Bedeutung erläutert und die falsche ausschließt. Darin stünde auf jeden Fall, dass sich »weder Fisch noch Fleisch« keineswegs auf vegane Ernährung bezieht, sondern auf die schwierige pubertäre Entwicklungsphase von Heranwachsenden, jedoch könnte es auch den heimischen Sommer oder die Spielkultur von Arminia Bielefeld beschreiben. Wenn wiederum in diesem Zusammenhang öfter das Wort »Grottenkick« fällt, so hat niemand ein Fußballmatch des DSC in einer Höhle im Sinn, stattdessen aber das zwölfte Unentschieden in einer Saison und das gegen einen Abstiegskandidaten. Das Rätsel, wie wir dennoch stur, kämpferisch und hartnäckig hinter unserer Mannschaft stehen können, obwohl es uns in Wahrheit gar nicht gibt, lässt sich hingegen leicht auflösen: Wir nehmen eben nicht alles wörtlich, was man sagt, stille Wasser sind bekanntlich tief.

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Urknall

»Jetzt fang endlich an!«, sagte meine Lehrerin oft zu mir, wenn ich wieder einmal Löcher in die Luft oder aus dem Fenster starrte. Sie konnte ja nicht wissen, dass ich längst begonnen hatte, diese kleinen wandernden Punkte und Fäden vor den Augen zum Stillstand zu bringen, um sie besser zählen zu können. Kaum hatte ich es dann geschafft, schlug sie mit der geballten Faust so auf den Tisch, dass dabei alles wie in einem Sturm durcheinander wirbelte und ich von vorne beginnen musste.
Eines Tages, ich war exakt bei 112.387 angelangt und hatte nur noch 2 Körnchen vor mir, flog ein Stückchen Kreide geradewegs auf mich zu. Meine so mühsam erschaffene Weltordnung geriet ins Taumeln und Trudeln, sie wackelte und wankte, sie rutschte und ruckelte und schließlich explodierte sie mit einem lauten Knall.

Und plötzlich wusste ich, dass zwischen Genie und Wahnsinn manchmal nur der Boxhieb oder der Kreidewurf eines besserwisserischen Ignoranten liegt. Oder beides.

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Angekommen

Ich stelle die Koffer neben das Bett, ziehe die Vorhänge zur Seite und schaue aus dem Fenster. Draußen liegt eine weite Landschaft wie ein grünes Samttuch vor mir, Hügel schmiegen sich sanft aneinander und am Horizont glitzert silbern das Meer.
»Das ist wunderschön«, sagst du und küsst mich in den Nacken.
»Ja, mit dir bin ich endlich angekommen«, antworte ich leise und nehme deine Hand.

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