Auf der Zielgeraden

Die Katze ist erst dann endgültig im Sack, wenn der Beutel zugeknotet ist. Vorher ist noch gar nichts geschafft. Man kann sie an vier Läufen in die Luft halten und der schwarze Schlund steht sperrangel weit auf, aber dann beißt sie plötzlich und verschwindet aufs Dach, ehe man auch nur ahnt, was gerade geschehen ist.
Diese Erfahrung musste auch Arminia Bielefeld im vorletzten Spiel auswärts beim KSC machen. Nach 20 Minuten stand es 3:0 für den DSC, doch der KSC war eine Katze und entführte, keiner weiß wie und warum, einen nicht mehr geglaubten Punkt in den Tabellenkeller. Wenigstens hat sie nicht gebissen.

Terrassenblues

Der Tag wird müde, zieht sich schon zum Schlafen zurück, der Himmel kräuselt sich im Wind. Es ist immer noch warm und doch kann er es nicht lassen. Er schlurft mit der schweren Gießkanne von Pflanze zu Pflanze, duscht den Staub ab, stillt ihren Durst. Der Kirschbaum wird es nicht überleben. Unter seinen Ästen im grünen Gras, im Schatten seiner Pracht geschahen ungeheure Dinge. Damals, als dort eine Rutsche stand. Als die Nacht noch wild war, irgendwo am anderen Ende der Welt.

Er setzt sich wieder, dreht das Radio lauter und stopft sich eine Pfeife. Er hat erst spät angefangen zu rauchen, als Tabak längst acht Euro kostete. Grübelnd pustet er den Qualm in das elende Vogelgezwitscher. Diese Biester, die kleinen, verstecken sich überall. Nur manchmal packt sich die Katze eines. Früher fiel ihm alles leichter, das Aufstehen, das Liegenbleiben und das Atmen. Heute muss er nachts zweimal raus aus seinem Bett und alleine in das kalte und dunkle Leben, das schon lange nicht mehr hält, was es ihm in jungen Jahren einmal versprochen hat.

Er nimmt noch einen tiefen Zug und streichelt die Katze.

Wenndann

Manchmal denke ich darüber nach, was ich tun würde, könnte ich in die Vergangenheit reisen.
Tausend Dummheiten würde ich begehen, saufen, Cha Cha Cha tanzen und Haschisch rauchen.
Andererseits, tausend Dummheiten, Tee trinken ohne abzuwarten, engstirnig sein und Nutten besuchen, all das und noch viel mehr, das kann ich jetzt auch schon.

Klotz und die Frauen

Nachts, wenn alles schläft

Manche mochten Klotz für einen schwierigen Menschen halten. Andere hätten ihn am liebsten in einer geschlossenen Anstalt gesehen. Dabei war er ein friedlicher Geselle, der noch nie eine Fliege totgeschlagen hat. Klotz war allenfalls etwas eigen: Er sammelte keine Treuepunkte, hörte deutsche Schlager, züchtete Unkraut in den Fugen des Bürgersteiges und hängte schon am Dreikönigstag ausgepustete Eier in das Apfelbäumchen im Vorgarten. Im Laufe der Zeit hatte er sich sogar angewöhnt, rückwärts zu sprechen und er beherrschte es inzwischen so gut, dass die Leute oft nicht wussten, ob es ein seltener, finnischer Dialekt war oder aber ein heidnischer Fluch. Doch genau das machte ihnen Angst.

Dabei versuchte Klotz nur, das Monster zu zähmen, das sich hinterlistig als Normalität tarnte und überall auf ihn lauerte.

Eines Nachts, als er sich wieder einmal unruhig hin- und herwälzte und im Schlaf Primzahlen murmelte, wachte er erschrocken auf. Erst ganz leise, dann immer lauter hörte er, wie jemand seinen Namen rief. Panisch sprang er auf, riss seine Jacke vom Haken und strich, ohne zu wissen wohin, durch die Straßen des Viertels. Irgendetwas Unerklärliches und Sonderbares ging mit ihm vor. Er entschlüsselte die Tarifzonen an der Bushaltestelle, studierte die Angebote am LIDL und gaffte durch die Schaufenster beim Bäcker. Er zählte die Autos auf dem Parkplatz und stellte sich vor, wie er morgens auf dem Weg zur Arbeit im Stau stehen würde.

Wieder zu Hause schnitt er sieben Scheiben Fleischwurst ab, eine für jeden Wochentag, und schob sie in einem Napf vor die Tür. Dann legte er sich zurück ins Bett und wartete auf die Bestie. Er war klatschnass geschwitzt.

 

Alles hat ein Ende

Der Sonntagmorgen lag noch müde in den Federn, als es bei Klotz Sturm läutete. Er hatte überhaupt keine Lust aufzustehen, doch da draußen schien jemand zu sein, der genauso hartnäckig und atheistisch war wie er. Nach dem sechsten Klingeln hatte er sich endlich mühsam hochgerappelt und schlurfte in seinen Lammfellpuschen zur Haustür. Gerade, als er durch den Spion lugte, klapperte der Postschlitz und ein roter Umschlag plumpste direkt vor seine Füße. Klotz schauderte, denn der letzte Brief, den er bekommen hatte, war vom Anwalt seiner Frau, die ihm mitteilen ließ, sie wolle sich scheiden lassen, weil er so unemphatisch sei. Seitdem verirrte sich ab und zu bestenfalls eine Speisekarte vom Pizzalieferdienst zu ihm, die er sorgfältig abheftete, nachdem er die Preise in eine Excel-Tabelle eingegeben hatte.

Zögerlich hob er das Kuvert auf und öffnete es.

Mein lieber Herr Klotz, es tut mir leid, Sie in Ihrem gewohnten Tagesablauf zu stören, aber seitdem ich Sie das erste Mal gesehen habe, gehen Sie mir nicht mehr aus dem Kopf. Noch nie bin ich einem Mann begegnet, wie Sie einer sind. Jedes Mal, wenn Sie an meinem Laden vorbeilaufen, packt mich der Wunsch, sie anzusprechen, doch mir fehlte bislang der Mut. Bitte nehmen Sie mir meinen unbeholfenen Versuch, Sie endlich kennen zu lernen, nicht übel!

 Klotz schluckte und kippte das Flurfenster. Offensichtlich stammten diese Zeilen von einer Frau, wie er aufgrund der geschwungenen, nach links geneigten Buchstaben schloss, die sich wie in einem Strickmuster eng umschlangen.

Verwundert las er weiter:

Darum möchte ich Sie bitten, morgen um 17 Uhr zum alten Marktplatz zu kommen. Und bringen Sie doch wieder etwas von dieser leckeren Fleischwurst mit!

Hochachtungsvoll, G.

  

Abendmahl

Als Klotz am nächsten Tag die Tür öffnete, schüttete es derart, dass er auf dem Absatz kehrt machte, in den Keller ging und seine Gummistiefel holte. Sorgfältig faltete er seinen Hosenaufschlag zusammen, schlüpfte hinein und verschnürte das Bändchen mit einer Doppelschleife. Nasse Füße wären jetzt das Letzte, was er gebrauchen könnte. Dann zog er seinen schweren Dufflecoat an, steckte den Brief in eine Tasche und stülpte sich, bevor er hinaustrat, die Kapuze bis über die Nase. Trotzdem lief ihm das Wasser bereits an der Gartenpforte den Nacken hinunter bis in die Unterhose. Aber er wäre nicht Klotz, wenn er noch einmal umdrehen würde, nur um einen Schirm zu holen oder sich die Anglerhose anzuziehen. Außerdem wollte er sich nicht verspäten, denn er war insgeheim schon ein bisschen neugierig, was die gestrigen, verwirrten Zeilen bedeuten sollten.

Also ging er ungeachtet aller Widrigkeiten zum Metzger und kaufte einen ganzen Kringel Fleischwurst.

Exakt auf die Sekunde um 17.00 Uhr stellte sich Klotz genau in die Mitte des Marktplatzes, das Wetter kotzte sich inzwischen richtig aus. Vom Regen gepeitscht und vom Wind durchgeschüttelt drehte er sich, den suchenden Blick umherschweifend, einmal im Kreis. Doch außer ihm war weit und breit niemand zu sehen. Jeder, der noch ein Fünkchen Verstand besaß, hatte längst die Flucht ergriffen oder irgendwo unter einer Brücke Deckung bezogen.

Nur Klotz stand dort wie gemeißelt eine viertel Stunde lang, den Brief in der einen, die Wurst in der anderen Hand.

Dann zog er die Pelle ab, biss hinein und ging wieder heim.

Das Leben ist eine Parkbank, dachte er, hart und beschissen.

 

 Prost Leben oder: Gesundheit!

Zu Hause angekommen quälte sich Klotz aus den gluckernden Stiefeln, wrang seine Socken aus und ließ sich ein Bad ein, als es an der Tür klingelte.

»Falsche Zeit, falscher Ort«, murmelte er, maß eineinhalb Kappen Schaumbad ab und schüttete sie in den Wasserstrahl. Sofort entstanden weiße, weiche Knisterberge, die sich schnell bis zum Wannenrand auftürmten. Dann legte er ein Handtuch über den Heizkörper, überprüfte gewissenhaft die Temperatur mit einem Thermometer, mischte noch ein wenig Heißes dazu und zog sich aus.

Es klingelte wieder.

Klotz schaltete ungerührt das Radio ein und stieg zunächst mit einem Zeh ganz vorsichtig in die Wanne.

Es klopfte.

Nun wurde Klotz doch nervös, schließlich erforderte diese Prozedur ein Höchstmaß an Konzentration. Kletterte er zu hastig hinein, könnte er sich leicht verbrühen. Dauerte sie hingegen zu lange, bestand die Gefahr, dass die Schaumdecke zusammenfiel und er von vorne beginnen müsste. Es stand also viel auf dem Spiel.

»Ich bin nicht da!«, rief er unwirsch, stellte auch den zweiten Fuß hinein und lauschte. Kaum dachte er, er hätte die bösen Geister tatsächlich mit diesem einfachen Bauerntrick verscheucht, als plötzlich ein milchig-verzerrtes Gesicht am Badezimmerfenster erschien und noch einmal klopfte.

Der nackte Klotz erschrak, taumelte, rutschte, spritzte, ruderte, wankte und schwankte, ächzte, stöhnte, schaukelte und packte im letzten Moment den rettenden Wannengriff.

Dann blickte er unter sich: Die schöne Schaumdecke war völlig zerrissen! Nur noch einzelne, lose Schollen trieben lustlos umher.

»Herr Klotz, ich hatte vor lauter Aufregung doch tatsächlich den Feigensenf vergessen und bin schnell zurückgegangen. Nur deshalb habe mich verspätet! Verzeihen Sie mir?«

Und da geschah es:

Ein merkwürdiges Gefühl stieg in Klotz auf. Es kribbelte, es kitzelte, es berauschte ihn in einer Art und Weise, die er gar nicht kannte und vor der ihn seine Mutter immer gewarnt hatte.

Aber vielleicht hatte er sich auch bloß erkältet? Man hörte ja so viel!

 

Die Stille am Teich

Ich betrachtete die Stille. Kein Wind kräuselte das Spiegelbild. Irgendetwas stimmte da nicht …

Ich überlegte, was es wohl war. Irgendwie schienen die Farben blasser zu sein und die Geräusche klangen dumpf wie im Bauch eines alten Schiffes. Was war geschehen? Wo war ich? Ich saß zwar wie immer hier im Park auf meiner Bank, aber es war es nicht so wie sonst. Verunsichert guckte ich herum. Ich wollte wissen, ob es den anderen Menschen, die um den kleinen Teich wandern, auch so geht, aber was ich sah, irritierte mich erst recht: Sie gingen alle rückwärts, jedoch fiel das offenbar niemandem außer mir auf. Nur ich saß dumm rum und verstand die Welt nicht mehr.

»Was ist, wenn die Welt plötzlich eckig wäre?«, schoss es mir durch den Kopf, »kann sie sich dann noch drehen, oder schiebt sie sich bloß wie eine Schrankwand von Ecke zu Ecke?«

Misstrauisch starrte ich ein Pärchen an, das wie selbstverständlich rückwärts auf mich zu schlenderte. Dazu hätten sie allerdings vorher schon einmal an mir vorbeigegangen sein müssen. Aber warum kann ich mich daran nicht erinnern?! Ich schaute auf meine Uhr: Stolz und rebellisch drehte der Sekundenzeiger die Runden entgegengesetzt seines üblichen Tuns.

Mir fiel fast die Kinnlade in den Schoß, als sich plötzlich eine junge, verdammt hübsche Frau zu mir auf die Bank setzte und fragte: »Tsgam ud nie sie?«

Wieder blieb mir nichts anderes übrig, als ein blödes Gesicht zu machen. Das hier ging auf keinen Fall mit rechten Dingen zu. Irgendetwas stimmte nicht und ich wusste nicht, was.

Irgendetwas ist ja immer.

Auge um Auge

Es ist mein letzter Wurf.
Danach ist das Spiel aus. Aus und vorbei. Es gibt keine Verlängerung, kein Rückspiel. Es gibt nur diesen einen Wurf.
Ich stehe an der Abwurflinie, gehe in die Knie, wiege die schwere Kugel in der Hand, streiche den Sand herunter, versuche die Entfernung abzuschätzen, den Winkel zu treffen und das Spiel mit diesem letzten Wurf herumzureißen. Alles oder nichts. Ich hole vorsichtig Schwung, pendele den Arm vor und zurück, halte inne, stocke, zögere, schaue noch einmal.
Der kleine Holzball liegt etwa fünf Meter von mir entfernt, verdeckt durch zwei andere Spielkugeln.

Es ist mein letzter Wurf.

Er entscheidet, ob ich dem Teufel meine Seele geben muss. Ich weiß, dass mich jetzt nur ein göttlicher Treffer retten kann, um seine beiden Kugeln wegzustoßen und meine eigene am nächsten an die Holzkugel zu platzieren. Doch mit Gott war ich noch nie per du.
Trotzdem murmele ich ein Gebet vor mich hin: „Komm, Herr Jesus, sei unser Gast“, und schaue dem Teufel dabei tief in seine rotorange glühenden Augen. Doch anstatt meine Kugel wohlüberlegt in Richtung der anderen zu werfen, hole ich weit von unten nach oben aus. In dem Moment, als meine Hand schnurstracks zum Himmel zeigt, sage ich: „Amen.“
„Ich sehe nichts!“, zischt der Teufel wütend und blinzelt gegen das gleißende Licht der Sonne.
Schnell trete ich einige Schritte nach vorne, „von hier kannst du besser gucken!“, behaupte ich und winke ihn zu mir.
Widerwillig folgt er meiner Aufforderung, ohne seinen Blick vom Himmel abzuwenden. Unbemerkt lasse ich die Kugel aus meiner anderen Hand plumpsen. Sie schubst seine beiden mit einem leisen Klonk zur Seite.
„Oah, jetzt hast du sie verpasst“, stöhne ich, buffe ihn in die Rippen und zeige zu Boden. „Das, das …“, stottert er irritiert und glotzt mich an, als wäre er eben dem Schöpfer begegnet.

„Hüte dich“, blaffe ich ihn harsch an und hebe meinen Zeigefinger, „du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.“

„Revanche?“, fragt er kleinlaut und ich nicke.

Simsalabim

Da sitze ich nun in meinem kurzen Hemd, ohne Besteck, um die Suppe wieder auszulöffeln. Das geht niemals gut! Wie soll das funktionieren? Das passt ja gar nicht zusammen! Mannomann, hätte ich das bloß eher gewusst! Doch Hättich ist ein anderer Vogel als Habicht. Und sowas kommt von sowas. Die Wahrheit ist: Ich habe es auch nicht verhindert.
Manchmal wünschte ich, ich könnte einfach sagen: »Simsalabim, Sesam öffne dich!«, und schon würde sich knarzend ein großes Tor vor mir auftun. Helles, glitzerndes Licht umhüllt mich augenblicklich, süße Düfte kitzeln meine Gaumenhöhle und zauberhafte Klänge locken mich, einzutreten. In ein Land, das für jeden etwas anders ist, für mich aber vor allen Dingen: ein Strandkorb, der weite Blick aufs Meer, ein Horizont, der nicht näher rückt und eine Ruhe, die das Wattknistern erst hörbar macht.
Ohne zu zögern gehe ich hindurch und spüre sofort den Sand unter meinen Füßen. Ich sauge sie salzige Luft ein, blinzele gegen die satte Sonne. Dann lasse ich mich fallen wie der Jever-Mann und weiß, dass ich angekommen bin.

In der Hüpfburg

Ich habe einen Schlüssel und ein Namensschild. Ich kann raus, wenn ich will, muss mein Handy nicht im Dienstzimmer abgeben und darf mit echtem Besteck essen, ohne dass einer zuguckt. Doch manchmal bemerke ich gar nicht, wie verrückt ich selbst bin.

Dann frage ich mich, wie es wohl wäre, wenn ich auf der anderen Seite des Tisches säße? Worüber würde ich berichten, was verheimlichen? Ich könnte mich unzensiert meinen wildesten Gedanken hingeben und müsste nicht versuchen, mich zu ordnen. Alles dürfte ich, ohne Angst bestraft oder ausgelacht zu werden, erzählen. Von meiner Kindheit oder dem Wunsch nach einem flotten Dreier. Von meinem ersten Bier oder meiner Lieblingsserie. Es könnte alles so einfach sein.

Aber in Wahrheit ist es das nicht mehr. Seitdem ich meine Tabletten abgesetzt habe, habe ich sogar den Eindruck, alles wird immer komplizierter. Vielleicht ist es auch eine Frage des Alters, oder besser gesagt: meines Alters. Es gibt so viele Sachen, die ich nicht mehr verstehe. Pokémon zum Beispiel. Früher gab es Maja, Willi, Kurt, Flip und die Lehrerin Kassandra. Die passte auf, dass die böse Spinne Thekla nicht in den Bienenstock krabbelte. Das waren alle und es waren genug. Da war die Welt noch überschaubar. Doch heute tummeln sich bereits in einer einzigen Folge Pokémon mehr merkwürdige Wesen als im gesamten Bundestag zur Diätenabstimmung.

Ich überlege deswegen, den großen Jagdschein zu machen und diese Plüschtiger einfach abzuknallen, bis schließlich keine mehr da sind. Dann würde in meine Anstalt endlich Ruhe zurückkehren und ich könnte auch mal wieder die Schlümpfe gucken oder mit Kimba durch den Dschungel stolzieren und die Schimpansen vor dem Feuertod retten. Ich könnte mit Nils Holgerson auf einer Gans fliegen oder mit Pinocchio den Fuchs ärgern, ohne dass einer umschaltet. Nichts ist mehr, wie es einmal war.

Prost Leben

Als Klotz am nächsten Tag die Tür öffnete, schüttete es derart, dass er auf dem Absatz wieder kehrt machte, in den Keller ging und seine Gummistiefel holte. Sorgfältig faltete er seinen Hosenaufschlag zusammen, schlüpfte hinein und verschnürte das Bändchen mit einer Doppelschleife. Nasse Füße waren jetzt das Letzte, was er gebrauchen konnte. Dann zog er seinen schweren Dufflecoat an, stülpte sich die Kapuze bis über die Nase und trat hinaus. Schon an der Gartenpforte lief ihm das Wasser den Nacken hinunter bis in die Unterhose. Doch er wäre nicht Klotz, wenn er noch einmal umdrehen würde, nur um sich einen Schirm zu holen oder sich die Anglerhose anzuziehen. Und, das musste er insgeheim zugeben, ein bisschen neugierig war er, wer ihm diesen Brief geschrieben hat, und verspäten wollte er sich schließlich auch nicht. Also ging er allen Widrigkeiten zum Trotz zum Dorfmetzger und kaufte einen ganzen Kringel Fleischwurst.
Exakt auf die Sekunde um 17.00 Uhr stellte sich Klotz genau in die Mitte des Marktplatzes, das Wetter kotzte sich inzwischen richtig aus. Vom Regen gepeitscht drehte er sich, den suchenden Blick schweifend, einmal im Kreis. Außer ihm war weit und breit niemand zu sehen. Jeder, der noch ein Fünkchen Verstand hatte, war jetzt zu Hause oder hatte wenigstens unter einer Brücke Deckung bezogen. Doch Klotz stand dort wie gemeißelt eine viertel Stunde lang, den Schirm in der einen, die Wurst in der anderen Hand. Dann zog er die Pelle ab, biss hinein und ging wieder heim.
Das Leben ist eine Parkbank, dachte er, hart und beschissen.

Im Visier

Manchmal träume ich einfach vor mich hin. Wie das Leben sein könnte. Wie es sein könnte, wenn ich andere Entscheidungen getroffen hätte. Müßig sind diese Gedanken, dass weiß ich auch, aber nichtsdestotrotz spannend. Doch das tut hier nicht zur Sache.

Zufrieden und entspannt sitze ich auf einer Bank am Meer, futtere Krabbenchips und beobachte eine Möwe. Sie steht schon seit einer viertel Stunde auf einem Strandkorb und tut unauffällig so, als betrachte sie die Badebucht, die tollenden Hunde, die bunten Drachen am Himmel, die flanierenden Menschen. In Wahrheit aber glaube ich, sie stalkt mich und hat meine Position mit ihren Adleraugen bereits ganz nah herangezoomt, um mich auszuspionieren. Bestimmt arbeitet sie bei Möwy CIS und soll meine Ess- und Schlafgewohnheiten, meinen Porno-, Alkohol- und Nikotinkonsum erfassen und dem unterirdischen Hauptquartier melden, wo schließlich alle Informationen über mich zusammengetragen werden. Vielleicht hockt sie auch nicht erst seit heute dort, sondern weiß sogar, was ich letzten Sommer gemacht habe. Oder sie trägt eine winzig kleine Atombombe am Fuß und soll mich um dreiviertel zwölf liquidieren, wann immer das auch sein mag.
Plötzlich tauchen zwei grau gekleidete Tauben-Kollegen von ihr auf, setzen sich genau vor mir auf das Mäuerchen und glotzen mich unverfroren an. Offenbar hat sie Unterstützung eingefordert, weil sie allein mit mir nicht mehr fertig wird. Das ist ja wieder typisch, als würde ich das nicht merken! Ich bin doch nicht blöd, die sind schließlich alle miteinander vernetzt. Man hat ja schon oft gehört, dass sie einem durch die Augen in den Kopf gucken können, sich dann die fremden Gedanken aufschreiben und als Brief direkt zum
Geheimnisministerium bringen, ehe man auch nur annähernd weiß, was gerade geschehen ist. Nein, nicht mit mir, darauf bin ich gut vorbereitet. Geschickt verdecke ich mir mit der Hand das Gesicht und verscheuche sie mit einem kleinen Tritt. Maulend stieben sie davon, erstatten dem Boss auf dem Strandkorb Bericht. Sollen sie doch!
Ich nehme mir einen großen Schluck Bier, spüle damit meine Tabletten herunter und fühle meinen Puls. Puh, noch einmal gut gegangen. Ich dachte schon, ich drehe durch.

Zauberpuste

Schokolade heilt alle Wunden, sagte Tante Elli immer, wenn ich wieder einmal mit blutverschmierten Knien in ihrer Küche saß und weinte. Nur diesmal war es nicht wegen der Schmerzen, sondern weil mein funkelnigelnagelneues Fahrrad nur noch schrottreif reif war. Einfach so. Jeden Groschen habe ich mir selbst verdient, Zeitungen und Prospekte ausgetragen, Rasen gemäht und Schnee geschippt. Zwei Jahre lang. Gestern war es dann endlich soweit. Mit dem prallgefüllten Sparschwein lief ich zu Landmaschinen Lampe und holte es ab. In der Garage montierte ich den silbernen VDO- Tacho und die Blinker, ehe ich immer wieder die steile Bergstraße hinunter fuhr und stolz wie Oskar einen Rekord nach dem anderen brach. Bald würde es dämmern und ich müsste zurück nach Hause. Nur noch einmal wollte ich wie Niki Lauda Zeit und Raum hinter mir lassen und der Schnellste sein. Kraftvoll trat ich in die Pedalen, als gäbe es kein Morgen mehr. Fünfzig, einundfünfzig. Plötzlich passierte es: Die Tachowelle löste sich und das lose Ende geriet unheilvoll zwischen die Speichen. Nun konnte ich sogar fliegen.
So kam es, dass ich heute bei Tante Elli landete. Sie war meine gute Fee, wenn ich schlechte Noten in der Schule geschrieben hatte und meine Mutter drohte, mich in ein Heim zu stecken. Sie war mein bester Freund, wenn ich Liebeskummer hatte, weil Anke mit Holger ging. Sie war meine Krankenschwester, wenn mir etwas wehtat. Manchmal stellte ich mir sogar vor, wie es wäre sie zu küssen, wenn sie mir über den Kopf streichelte und lächelte. Doch das traute ich mir nicht, Elli war bestimmt schon siebenundzwanzig. Wieder musste ich bitterlich weinen. Und dann holte Elli endlich diese wunderbare Karamellschokolade aus dem Schrank, brach sie in kleine Stücke und pustete meine Knie. Alles war gut.

Angstwut

Quergefönt

Manchmal ist in meinem Kopf so wenig Platz, dass ich alles, was nicht niet- und nagelfest ist, bei eBay verkaufe, aktiv vergesse oder gnadenlos wegwerfe. Selbst Geschichten, die gestern erst geschehen sind, können heute schon Ballast sein, der mich abhält, nach vorne zu schauen und den Aufstieg auf den Olymp zu schaffen. Nur selten passiert es mir dabei, dass ich doch das eine oder andere Stückchen davon gerne wieder hätte. Aber das hat mich nie wirklich gestört, denn es ereignen sich ja täglich neue Überraschungen, die mir den Kopf zumüllen. Und deswegen finde ich es sinnvoller zu vergessen. Wo soll ich auch hin mit dem alten Rotz in meiner kleinen Einzimmerwohnung der Erinnerungen? Da müssen manche Sachen eben auf der Strecke bleiben.
Es ist wie auf einer Party: Die Gäste kommen und gehen, der Alkohol fließt in Strömen, wir rauchen Kette und reden über Fußball. In der Küche stapeln sich…

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Aus dem Leben

»Ja, ja, das Leben ist kein Lutscher!«, unterbrach Delisch den Monolog barsch. Augenblicklich verstummte die Stimme, die seit einer geschlagenen Stunde ununterbrochen vom Sofa brabbelte.

»Wissen Sie«, fuhr er fort und faltete seine Hände, »man muss sich eben den Herausforderungen auch mal stellen, anstatt den lieben langen Tag nur zu jammern wie ein altes Waschweib. Treffen Sie einfach einmal eine Entscheidung.«

»Aber …«, wollte sie sich gerade wieder rechtfertigen, da warf Delisch entnervt seine Brille auf den Tisch. »Schluss jetzt«, brüllte er, »es kann doch nicht so schwer sein, umzuschalten, wenn Florian Silbereisen singt!«

Erschrocken setzte sich Ernst auf und starrte in das Gesicht seines Therapeuten. Seit vielen Jahren kannten sie beide sich schon und Delisch hatte oft aufbauende Worte für ihn gefunden. Nun aber prallten sie unnachgiebig und brutal in seinem Kopf hin und her. Ernst kniff die Augen zusammen und hielt sich die Ohren zu, als könne er sie dann besser verstehen, doch in seinem Verstand begann eine alte, eiserne Küchenuhr laut zu ticken.

Plötzlich sprang er auf und ballte die Fäuste. Wutschnaubend stand er jetzt vor Delisch und funkelt ihn an. «Es reicht«, keifte er und seine Stimme überschlug sich dabei, »wer hat Ihnen denn eigentlich als kleiner Junge in die Milch gepinkelt? Ist es Ihnen eine Freude, mich zu demütigen? Macht es Ihnen Spaß, den Finger in die Wunden zu stecken? Warum sind Sie so gemein?«

In seinen Augen stieg das Wasser, beschämt er drehte sich um und starrte aus dem Fenster. Minutenlang zuckte er einfach nur, schniefte und schnäuzte sich in den Ärmel, bis sein Zorn mehr und mehr zusammenfiel.

Delisch hatte die ganze Zeit schweigend dagesessen und seine Brille wieder zurechtgebogen. Jetzt hielt er ihm ein Taschentuch hin. »Und mit der Wut ist es genauso, lieber Herr Ernst. Wenn Sie sie gefangen halten, frisst sie Sie eines Tages auf.«

Immer wieder Murmeltiertag (reblogged)

Quergefönt

Ich wache durchgeschlafen auf. Es ist sechs Uhr. Der Radiowecker spielt ein Lied von Herbert Grönemeyer, der nichts mehr sehen kann, der arme Sack. Ich kann ihn nicht mehr hören und schmeiße den Brüllwürfel ins winterliche Lipperland. Raus aus den Federn. Ich suche meinen zweiten Socken und stolpere über den Wäschekorb ins Bad. Es ist saukalt da draußen. Es ist jeden Tag saukalt. Und nicht nur da. Irgendein Schlumpf hat über Nacht das Fenster offen gelassen und jetzt toben dort die Eisheiligen. Das Thermometer zeigt minus 12 Grad. Der Blasenschmerz lässt mich alle Vorsicht vergessen und ich setze mich auf die tiefgefrorene Sanitärkeramik. Mein Schrei weckt die Kinder. Die Klopapierrolle ist alle und ich muss mit wehender Banane zur Vorratskammer hüpfen. Bei der Gelegenheit schalte ich schon mal die Kaffeemaschine an. Kalkgeschwächt röchelt sie wie Helmut Schmidt auf dem Sterbebett. Wo sind wir hier? In Miami Beach? Am Küchenfenster blühen…

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Silberhochzeit

Meine Bilder sind wie flüchtige Affairen: Jung und unschuldig. Es ist noch nichts passiert, aber hier und da knistert es schon ein bisschen.
Ich will gar keine Silberhochzeit mit ihnen feiern. Nach einer so langen Zeit verblassen die Farben und der Malgrund wird gelb und brüchig. Ich feiere lieber 25 Mal Einjähriges, da fühlt sich die Leinwand immer an wie ein Rosenblatt im Morgentau und nicht wie ein alter Blechhelm.
Manchmal sind meine Bilder mir zum Greifen nah und schauen mich direkt an, dann wiederum laufen sie vor mir weg oder lassen mich im Wald alleine stehen.
Manchmal stelle ich mir vor, in sie hinabzutauchen und zu verschwinden in einen Taumel voll leidenschaftlicher Begierde. Dann wiederum gehe ich zu ihnen auf kühle Distanz wie der Preuße zum Weißbier, nur im Notfall rühre ich das an. Die heimische und traditionelle Braukunst hingegen schätze ich über alle Maßen. Ehrlich und treu im Charakter, zugleich herb und süffig im Geschmack.
Aber ich schweife ab, ich wollte etwas über Affairen erzählen.
Über die Versuchung, ein Stückchen von ihnen zu probieren. Über die Verführung, eine Nacht im Atelier mit ihnen zu verbringen. Über die süße Heimlichkeit des Verbotenen.

Doch jeder, der schon einmal ein Bild in den Händen gehalten hat, weiß, es entsteht durch das Malen, nicht durch das Vornehmen.

Das Leben ist zu kurz, um das zu tun, was ich soll.

PS: Dieser Text ist rein literarischer Art, er trifft NICHT mich zu.

Das Leben ist kein Ponyhof

Als ich noch ein kleiner Junge war, wollte ich Feuerwehrmann werden. Doch als irgendwann einmal unser Esszimmertisch durch meine Schuld brannte, haben mir meine Eltern verboten, auch nur in die Nähe einer Flamme zu gehen. Ebenso befanden sie, Zinnsoldat sei nichts für mich. Schließlich müsse ich dabei den ganzen Tag stillstehen und das könne ich keine fünf Minuten, ich sei ein Hans Dampf in allen Gassen. Aber Eisenbahnfahrer fand ich wiederum doof, da kann man ja nicht lenken.
So entschied ich mich dann eben, König zu werden und den Kies auf dem Garagendach zu harken. „Kies regiert die Welt“, sagte mein Papa immer. Wie so oft, kam es wieder einmal anders, denn er erwischte mich, dachte augenscheinlich an seinen Esszimmertisch und nahm mir die Krone und die Harke einfach weg. Ich solle lieber für die Schule lernen. Mich interessierten aber die längsten Flüsse und Primzahlen überhaupt nicht, ich fand dafür Anke prima und ihre langen Haare. Sie wohnte in einem von den Reihenhäusern gegenüber und gingen in die gleiche Klasse. Schon morgens schrieb ich ihr Zettelchen, zählte Gänseblümchenblätter ab und berechnete aus den gemeinsamen Vokalen unserer Vornamen die Wahrscheinlichkeit für unsere Hochzeit. Erst viele Jahre später erfuhr ich, dass das alles Quatsch war, denn umgekehrt hätte eine Xerxes am besten zu mir gepasst, die ich gar nicht kannte, auch nicht aus der Parallelklasse.

Tiefkühlpizza

Manche hat Frau Schicksal reichhaltig und lecker belegt mit Currywurst oder Gyros, während andere aussehen wie der umgepflügte Strafraum von Arminia Bielefeld und genauso schmecken. Es gibt sogar vegane Varianten mit Schotter und Rindenmulch, wie ich mich persönlich im Biomarkt überzeugen konnte. Neulich jedoch entdeckte ich in der Gefrierabteilung meines Discounters die Schokopizza eines ortsansässigen Backpulvermischers. Ich war schockiert. Was auf den ersten Blick aussah wie der Schiss einer Trottellumme auf einem tiefgefrorenen Teigfladen, änderte sich auch nach dem Backen nicht. Ganz im Gegenteil, die Ähnlichkeit war bestechender denn je. Ok, ein bisschen Tier muss sein, aber bitte nicht so!

Kopflos

Meine Gedanken gehen wandern, ohne Hast und Eile. Sie haben Zeit.

Manchmal sitzen sie auf einer Bank und tun minutenlang nichts. Manchmal schlendern sie herum und manchmal flitzen sie wie auf Kufen im Kreis. Manchmal sind sie leise wie ein Sommerhauch des Windes. Manchmal sind sie laut wie ein Donnergrollen des Sturmes. Mal blass, mal bunt, mal schwer, mal leicht.

Gedanken haben viele Gesichter, aber immer meins.