In der Hüpfburg

Ich habe einen Schlüssel und ein Namensschild. Ich kann raus, wenn ich will, muss mein Handy nicht im Dienstzimmer abgeben und darf mit echtem Besteck essen, ohne dass einer zuguckt. Doch manchmal bemerke ich gar nicht, wie verrückt ich selbst bin.

Dann frage ich mich, wie es wohl wäre, wenn ich auf der anderen Seite des Tisches säße? Worüber würde ich berichten, was verheimlichen? Ich könnte mich unzensiert meinen wildesten Gedanken hingeben und müsste nicht versuchen, mich zu ordnen. Alles dürfte ich, ohne Angst bestraft oder ausgelacht zu werden, erzählen. Von meiner Kindheit oder dem Wunsch nach einem flotten Dreier. Von meinem ersten Bier oder meiner Lieblingsserie. Es könnte alles so einfach sein.

Aber in Wahrheit ist es das nicht mehr. Seitdem ich meine Tabletten abgesetzt habe, habe ich sogar den Eindruck, alles wird immer komplizierter. Vielleicht ist es auch eine Frage des Alters, oder besser gesagt: meines Alters. Es gibt so viele Sachen, die ich nicht mehr verstehe. Pokémon zum Beispiel. Früher gab es Maja, Willi, Kurt, Flip und die Lehrerin Kassandra. Die passte auf, dass die böse Spinne Thekla nicht in den Bienenstock krabbelte. Das waren alle und es waren genug. Da war die Welt noch überschaubar. Doch heute tummeln sich bereits in einer einzigen Folge Pokémon mehr merkwürdige Wesen als im gesamten Bundestag zur Diätenabstimmung.

Ich überlege deswegen, den großen Jagdschein zu machen und diese Plüschtiger einfach abzuknallen, bis schließlich keine mehr da sind. Dann würde in meine Anstalt endlich Ruhe zurückkehren und ich könnte auch mal wieder die Schlümpfe gucken oder mit Kimba durch den Dschungel stolzieren und die Schimpansen vor dem Feuertod retten. Ich könnte mit Nils Holgerson auf einer Gans fliegen oder mit Pinocchio den Fuchs ärgern, ohne dass einer umschaltet. Nichts ist mehr, wie es einmal war.

Prost Leben

Als Klotz am nächsten Tag die Tür öffnete, schüttete es derart, dass er auf dem Absatz wieder kehrt machte, in den Keller ging und seine Gummistiefel holte. Sorgfältig faltete er seinen Hosenaufschlag zusammen, schlüpfte hinein und verschnürte das Bändchen mit einer Doppelschleife. Nasse Füße waren jetzt das Letzte, was er gebrauchen konnte. Dann zog er seinen schweren Dufflecoat an, stülpte sich die Kapuze bis über die Nase und trat hinaus. Schon an der Gartenpforte lief ihm das Wasser den Nacken hinunter bis in die Unterhose. Doch er wäre nicht Klotz, wenn er noch einmal umdrehen würde, nur um sich einen Schirm zu holen oder sich die Anglerhose anzuziehen. Und, das musste er insgeheim zugeben, ein bisschen neugierig war er, wer ihm diesen Brief geschrieben hat, und verspäten wollte er sich schließlich auch nicht. Also ging er allen Widrigkeiten zum Trotz zum Dorfmetzger und kaufte einen ganzen Kringel Fleischwurst.
Exakt auf die Sekunde um 17.00 Uhr stellte sich Klotz genau in die Mitte des Marktplatzes, das Wetter kotzte sich inzwischen richtig aus. Vom Regen gepeitscht drehte er sich, den suchenden Blick schweifend, einmal im Kreis. Außer ihm war weit und breit niemand zu sehen. Jeder, der noch ein Fünkchen Verstand hatte, war jetzt zu Hause oder hatte wenigstens unter einer Brücke Deckung bezogen. Doch Klotz stand dort wie gemeißelt eine viertel Stunde lang, den Schirm in der einen, die Wurst in der anderen Hand. Dann zog er die Pelle ab, biss hinein und ging wieder heim.
Das Leben ist eine Parkbank, dachte er, hart und beschissen.

Im Visier

Manchmal träume ich einfach vor mich hin. Wie das Leben sein könnte. Wie es sein könnte, wenn ich andere Entscheidungen getroffen hätte. Müßig sind diese Gedanken, dass weiß ich auch, aber nichtsdestotrotz spannend. Doch das tut hier nicht zur Sache.

Zufrieden und entspannt sitze ich auf einer Bank am Meer, futtere Krabbenchips und beobachte eine Möwe. Sie steht schon seit einer viertel Stunde auf einem Strandkorb und tut unauffällig so, als betrachte sie die Badebucht, die tollenden Hunde, die bunten Drachen am Himmel, die flanierenden Menschen. In Wahrheit aber glaube ich, sie stalkt mich und hat meine Position mit ihren Adleraugen bereits ganz nah herangezoomt, um mich auszuspionieren. Bestimmt arbeitet sie bei Möwy CIS und soll meine Ess- und Schlafgewohnheiten, meinen Porno-, Alkohol- und Nikotinkonsum erfassen und dem unterirdischen Hauptquartier melden, wo schließlich alle Informationen über mich zusammengetragen werden. Vielleicht hockt sie auch nicht erst seit heute dort, sondern weiß sogar, was ich letzten Sommer gemacht habe. Oder sie trägt eine winzig kleine Atombombe am Fuß und soll mich um dreiviertel zwölf liquidieren, wann immer das auch sein mag.
Plötzlich tauchen zwei grau gekleidete Tauben-Kollegen von ihr auf, setzen sich genau vor mir auf das Mäuerchen und glotzen mich unverfroren an. Offenbar hat sie Unterstützung eingefordert, weil sie allein mit mir nicht mehr fertig wird. Das ist ja wieder typisch, als würde ich das nicht merken! Ich bin doch nicht blöd, die sind schließlich alle miteinander vernetzt. Man hat ja schon oft gehört, dass sie einem durch die Augen in den Kopf gucken können, sich dann die fremden Gedanken aufschreiben und als Brief direkt zum
Geheimnisministerium bringen, ehe man auch nur annähernd weiß, was gerade geschehen ist. Nein, nicht mit mir, darauf bin ich gut vorbereitet. Geschickt verdecke ich mir mit der Hand das Gesicht und verscheuche sie mit einem kleinen Tritt. Maulend stieben sie davon, erstatten dem Boss auf dem Strandkorb Bericht. Sollen sie doch!
Ich nehme mir einen großen Schluck Bier, spüle damit meine Tabletten herunter und fühle meinen Puls. Puh, noch einmal gut gegangen. Ich dachte schon, ich drehe durch.

Zauberpuste

Schokolade heilt alle Wunden, sagte Tante Elli immer, wenn ich wieder einmal mit blutverschmierten Knien in ihrer Küche saß und weinte. Nur diesmal war es nicht wegen der Schmerzen, sondern weil mein funkelnigelnagelneues Fahrrad nur noch schrottreif reif war. Einfach so. Jeden Groschen habe ich mir selbst verdient, Zeitungen und Prospekte ausgetragen, Rasen gemäht und Schnee geschippt. Zwei Jahre lang. Gestern war es dann endlich soweit. Mit dem prallgefüllten Sparschwein lief ich zu Landmaschinen Lampe und holte es ab. In der Garage montierte ich den silbernen VDO- Tacho und die Blinker, ehe ich immer wieder die steile Bergstraße hinunter fuhr und stolz wie Oskar einen Rekord nach dem anderen brach. Bald würde es dämmern und ich müsste zurück nach Hause. Nur noch einmal wollte ich wie Niki Lauda Zeit und Raum hinter mir lassen und der Schnellste sein. Kraftvoll trat ich in die Pedalen, als gäbe es kein Morgen mehr. Fünfzig, einundfünfzig. Plötzlich passierte es: Die Tachowelle löste sich und das lose Ende geriet unheilvoll zwischen die Speichen. Nun konnte ich sogar fliegen.
So kam es, dass ich heute bei Tante Elli landete. Sie war meine gute Fee, wenn ich schlechte Noten in der Schule geschrieben hatte und meine Mutter drohte, mich in ein Heim zu stecken. Sie war mein bester Freund, wenn ich Liebeskummer hatte, weil Anke mit Holger ging. Sie war meine Krankenschwester, wenn mir etwas wehtat. Manchmal stellte ich mir sogar vor, wie es wäre sie zu küssen, wenn sie mir über den Kopf streichelte und lächelte. Doch das traute ich mir nicht, Elli war bestimmt schon siebenundzwanzig. Wieder musste ich bitterlich weinen. Und dann holte Elli endlich diese wunderbare Karamellschokolade aus dem Schrank, brach sie in kleine Stücke und pustete meine Knie. Alles war gut.

Angstwut

Quergefönt

Manchmal ist in meinem Kopf so wenig Platz, dass ich alles, was nicht niet- und nagelfest ist, bei eBay verkaufe, aktiv vergesse oder gnadenlos wegwerfe. Selbst Geschichten, die gestern erst geschehen sind, können heute schon Ballast sein, der mich abhält, nach vorne zu schauen und den Aufstieg auf den Olymp zu schaffen. Nur selten passiert es mir dabei, dass ich doch das eine oder andere Stückchen davon gerne wieder hätte. Aber das hat mich nie wirklich gestört, denn es ereignen sich ja täglich neue Überraschungen, die mir den Kopf zumüllen. Und deswegen finde ich es sinnvoller zu vergessen. Wo soll ich auch hin mit dem alten Rotz in meiner kleinen Einzimmerwohnung der Erinnerungen? Da müssen manche Sachen eben auf der Strecke bleiben.
Es ist wie auf einer Party: Die Gäste kommen und gehen, der Alkohol fließt in Strömen, wir rauchen Kette und reden über Fußball. In der Küche stapeln sich…

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Aus dem Leben

»Ja, ja, das Leben ist kein Lutscher!«, unterbrach Delisch den Monolog barsch. Augenblicklich verstummte die Stimme, die seit einer geschlagenen Stunde ununterbrochen vom Sofa brabbelte.

»Wissen Sie«, fuhr er fort und faltete seine Hände, »man muss sich eben den Herausforderungen auch mal stellen, anstatt den lieben langen Tag nur zu jammern wie ein altes Waschweib. Treffen Sie einfach einmal eine Entscheidung.«

»Aber …«, wollte sie sich gerade wieder rechtfertigen, da warf Delisch entnervt seine Brille auf den Tisch. »Schluss jetzt«, brüllte er, »es kann doch nicht so schwer sein, umzuschalten, wenn Florian Silbereisen singt!«

Erschrocken setzte sich Ernst auf und starrte in das Gesicht seines Therapeuten. Seit vielen Jahren kannten sie beide sich schon und Delisch hatte oft aufbauende Worte für ihn gefunden. Nun aber prallten sie unnachgiebig und brutal in seinem Kopf hin und her. Ernst kniff die Augen zusammen und hielt sich die Ohren zu, als könne er sie dann besser verstehen, doch in seinem Verstand begann eine alte, eiserne Küchenuhr laut zu ticken.

Plötzlich sprang er auf und ballte die Fäuste. Wutschnaubend stand er jetzt vor Delisch und funkelt ihn an. «Es reicht«, keifte er und seine Stimme überschlug sich dabei, »wer hat Ihnen denn eigentlich als kleiner Junge in die Milch gepinkelt? Ist es Ihnen eine Freude, mich zu demütigen? Macht es Ihnen Spaß, den Finger in die Wunden zu stecken? Warum sind Sie so gemein?«

In seinen Augen stieg das Wasser, beschämt er drehte sich um und starrte aus dem Fenster. Minutenlang zuckte er einfach nur, schniefte und schnäuzte sich in den Ärmel, bis sein Zorn mehr und mehr zusammenfiel.

Delisch hatte die ganze Zeit schweigend dagesessen und seine Brille wieder zurechtgebogen. Jetzt hielt er ihm ein Taschentuch hin. »Und mit der Wut ist es genauso, lieber Herr Ernst. Wenn Sie sie gefangen halten, frisst sie Sie eines Tages auf.«