Immer wieder Murmeltiertag (reblogged)

Quergefönt

Ich wache durchgeschlafen auf. Es ist sechs Uhr. Der Radiowecker spielt ein Lied von Herbert Grönemeyer, der nichts mehr sehen kann, der arme Sack. Ich kann ihn nicht mehr hören und schmeiße den Brüllwürfel ins winterliche Lipperland. Raus aus den Federn. Ich suche meinen zweiten Socken und stolpere über den Wäschekorb ins Bad. Es ist saukalt da draußen. Es ist jeden Tag saukalt. Und nicht nur da. Irgendein Schlumpf hat über Nacht das Fenster offen gelassen und jetzt toben dort die Eisheiligen. Das Thermometer zeigt minus 12 Grad. Der Blasenschmerz lässt mich alle Vorsicht vergessen und ich setze mich auf die tiefgefrorene Sanitärkeramik. Mein Schrei weckt die Kinder. Die Klopapierrolle ist alle und ich muss mit wehender Banane zur Vorratskammer hüpfen. Bei der Gelegenheit schalte ich schon mal die Kaffeemaschine an. Kalkgeschwächt röchelt sie wie Helmut Schmidt auf dem Sterbebett. Wo sind wir hier? In Miami Beach? Am Küchenfenster blühen…

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Silberhochzeit

Meine Bilder sind wie flüchtige Affairen: Jung und unschuldig. Es ist noch nichts passiert, aber hier und da knistert es schon ein bisschen.
Ich will gar keine Silberhochzeit mit ihnen feiern. Nach einer so langen Zeit verblassen die Farben und der Malgrund wird gelb und brüchig. Ich feiere lieber 25 Mal Einjähriges, da fühlt sich die Leinwand immer an wie ein Rosenblatt im Morgentau und nicht wie ein alter Blechhelm.
Manchmal sind meine Bilder mir zum Greifen nah und schauen mich direkt an, dann wiederum laufen sie vor mir weg oder lassen mich im Wald alleine stehen.
Manchmal stelle ich mir vor, in sie hinabzutauchen und zu verschwinden in einen Taumel voll leidenschaftlicher Begierde. Dann wiederum gehe ich zu ihnen auf kühle Distanz wie der Preuße zum Weißbier, nur im Notfall rühre ich das an. Die heimische und traditionelle Braukunst hingegen schätze ich über alle Maßen. Ehrlich und treu im Charakter, zugleich herb und süffig im Geschmack.
Aber ich schweife ab, ich wollte etwas über Affairen erzählen.
Über die Versuchung, ein Stückchen von ihnen zu probieren. Über die Verführung, eine Nacht im Atelier mit ihnen zu verbringen. Über die süße Heimlichkeit des Verbotenen.

Doch jeder, der schon einmal ein Bild in den Händen gehalten hat, weiß, es entsteht durch das Malen, nicht durch das Vornehmen.

Das Leben ist zu kurz, um das zu tun, was ich soll.

PS: Dieser Text ist rein literarischer Art, er trifft NICHT mich zu.

Das Leben ist kein Ponyhof

Als ich noch ein kleiner Junge war, wollte ich Feuerwehrmann werden. Doch als irgendwann einmal unser Esszimmertisch durch meine Schuld brannte, haben mir meine Eltern verboten, auch nur in die Nähe einer Flamme zu gehen. Ebenso befanden sie, Zinnsoldat sei nichts für mich. Schließlich müsse ich dabei den ganzen Tag stillstehen und das könne ich keine fünf Minuten, ich sei ein Hans Dampf in allen Gassen. Aber Eisenbahnfahrer fand ich wiederum doof, da kann man ja nicht lenken.
So entschied ich mich dann eben, König zu werden und den Kies auf dem Garagendach zu harken. „Kies regiert die Welt“, sagte mein Papa immer. Wie so oft, kam es wieder einmal anders, denn er erwischte mich, dachte augenscheinlich an seinen Esszimmertisch und nahm mir die Krone und die Harke einfach weg. Ich solle lieber für die Schule lernen. Mich interessierten aber die längsten Flüsse und Primzahlen überhaupt nicht, ich fand dafür Anke prima und ihre langen Haare. Sie wohnte in einem von den Reihenhäusern gegenüber und gingen in die gleiche Klasse. Schon morgens schrieb ich ihr Zettelchen, zählte Gänseblümchenblätter ab und berechnete aus den gemeinsamen Vokalen unserer Vornamen die Wahrscheinlichkeit für unsere Hochzeit. Erst viele Jahre später erfuhr ich, dass das alles Quatsch war, denn umgekehrt hätte eine Xerxes am besten zu mir gepasst, die ich gar nicht kannte, auch nicht aus der Parallelklasse.

Tiefkühlpizza

Manche hat Frau Schicksal reichhaltig und lecker belegt mit Currywurst oder Gyros, während andere aussehen wie der umgepflügte Strafraum von Arminia Bielefeld und genauso schmecken. Es gibt sogar vegane Varianten mit Schotter und Rindenmulch, wie ich mich persönlich im Biomarkt überzeugen konnte. Neulich jedoch entdeckte ich in der Gefrierabteilung meines Discounters die Schokopizza eines ortsansässigen Backpulvermischers. Ich war schockiert. Was auf den ersten Blick aussah wie der Schiss einer Trottellumme auf einem tiefgefrorenen Teigfladen, änderte sich auch nach dem Backen nicht. Ganz im Gegenteil, die Ähnlichkeit war bestechender denn je. Ok, ein bisschen Tier muss sein, aber bitte nicht so!

Kopflos

Meine Gedanken gehen wandern, ohne Hast und Eile. Sie haben Zeit.

Manchmal sitzen sie auf einer Bank und tun minutenlang nichts. Manchmal schlendern sie herum und manchmal flitzen sie wie auf Kufen im Kreis. Manchmal sind sie leise wie ein Sommerhauch des Windes. Manchmal sind sie laut wie ein Donnergrollen des Sturmes. Mal blass, mal bunt, mal schwer, mal leicht.

Gedanken haben viele Gesichter, aber immer meins.

 

Wennesma

Wenn es mal so einfach wäre, wie mein Therapeut sagt! Dann müsste ich mich nicht immer so aufregen, sondern könnte im Kopf leise bis Sieben zählen. Und schon wäre der Fußball nicht mehr durch die geschlossene Terrassentür ins Haus geflogen oder das Wasserrohr im Keller ausgerechnet während des Urlaubs geplatzt.
Wenn es mal so einfach wäre, dann würde ich essen können, was mir schmeckt und dennoch nicht zunehmen. Ich könnte mich sogar komplett fleischfrei ernähren und hätte trotzdem nicht das Gefühl, das mir etwas fehlt. Ich hockte nur im Streichelzoo herum und äße den Hasen und Ziegen den Salat weg, bis sie anfingen, mich dafür zu stupsen und zu stoßen. Dann würde ich vielleicht in meiner hungrigen Verzweiflung einen Zaunpfahl ausreißen, um damit um Hilfe zu winken und schlüge dabei aus Versehen alle Tiere tot. Ich wäre dann zwar immer noch Vegetarier, dürfte sie aber nicht essen und sie wären umsonst gestorben.
Wenn es mal so einfach wäre, dann wäre nicht alles gleich besser!