Auge um Auge

Es ist mein letzter Wurf.
Danach ist das Spiel aus. Aus und vorbei. Es gibt keine Verlängerung, kein Rückspiel. Es gibt nur diesen einen Wurf.
Ich stehe an der Abwurflinie, gehe in die Knie, wiege die schwere Kugel in der Hand, streiche den Sand herunter, versuche die Entfernung abzuschätzen, den Winkel zu treffen und das Spiel mit diesem letzten Wurf herumzureißen. Alles oder nichts. Ich hole vorsichtig Schwung, pendele den Arm vor und zurück, halte inne, stocke, zögere, schaue noch einmal.
Der kleine Holzball liegt etwa fünf Meter von mir entfernt, verdeckt durch zwei andere Spielkugeln.

Es ist mein letzter Wurf.

Er entscheidet, ob ich dem Teufel meine Seele geben muss. Ich weiß, dass mich jetzt nur ein göttlicher Treffer retten kann, um seine beiden Kugeln wegzustoßen und meine eigene am nächsten an die Holzkugel zu platzieren. Doch mit Gott war ich noch nie per du.
Trotzdem murmele ich ein Gebet vor mich hin: „Komm, Herr Jesus, sei unser Gast“, und schaue dem Teufel dabei tief in seine rotorange glühenden Augen. Doch anstatt meine Kugel wohlüberlegt in Richtung der anderen zu werfen, hole ich weit von unten nach oben aus. In dem Moment, als meine Hand schnurstracks zum Himmel zeigt, sage ich: „Amen.“
„Ich sehe nichts!“, zischt der Teufel wütend und blinzelt gegen das gleißende Licht der Sonne.
Schnell trete ich einige Schritte nach vorne, „von hier kannst du besser gucken!“, behaupte ich und winke ihn zu mir.
Widerwillig folgt er meiner Aufforderung, ohne seinen Blick vom Himmel abzuwenden. Unbemerkt lasse ich die Kugel aus meiner anderen Hand plumpsen. Sie schubst seine beiden mit einem leisen Klonk zur Seite.
„Oah, jetzt hast du sie verpasst“, stöhne ich, buffe ihn in die Rippen und zeige zu Boden. „Das, das …“, stottert er irritiert und glotzt mich an, als wäre er eben dem Schöpfer begegnet.

„Hüte dich“, blaffe ich ihn harsch an und hebe meinen Zeigefinger, „du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.“

„Revanche?“, fragt er kleinlaut und ich nicke.

Urknall

»Jetzt fang endlich an!«, sagte meine Lehrerin oft zu mir, wenn ich wieder einmal Löcher in die Luft oder aus dem Fenster starrte. Sie konnte ja nicht wissen, dass ich längst begonnen hatte, diese kleinen wandernden Punkte und Fäden vor den Augen zum Stillstand zu bringen, um sie besser zählen zu können. Kaum hatte ich es dann geschafft, schlug sie mit der geballten Faust so auf den Tisch, dass dabei alles wie in einem Sturm durcheinander wirbelte und ich von vorne beginnen musste.
Eines Tages, ich war exakt bei 112.387 angelangt und hatte nur noch 2 Körnchen vor mir, flog ein Stückchen Kreide geradewegs auf mich zu. Meine so mühsam erschaffene Weltordnung geriet ins Taumeln und Trudeln, sie wackelte und wankte, sie rutschte und ruckelte und schließlich explodierte sie mit einem lauten Knall.

Und plötzlich wusste ich, dass zwischen Genie und Wahnsinn manchmal nur der Boxhieb oder der Kreidewurf eines besserwisserischen Ignoranten liegt. Oder beides.

Eine schrecklich nette Familie

Wenn ich endlich all das tun kann, was ich möchte, und nicht mehr müde nur noch das schaffe, was ich muss, dann lege ich mich einfach gleich morgens ins Gras hinten im Garten und höre ihm beim Wachsen zu.
Ich filme das Tänzeln der Schmetterlinge, mache aus ihrem Flapp-Flapp und dem Tschirp-Tschirp der Vögel ein dadaistisches Gedicht und trage es anschließend auf dem Rathausplatz vor. Ich pisse an die große Infotafel in der Bürgerberatung und werfe kleine Kinder in den Stadtbrunnen, Nichtschwimmer bevorzugt. Ich verlange meine Kontoführungsgebühr bei der Sparkasse retour, dränge meinem Hausarzt 10€ Quartalszuzahlung für seine Praxis auf und lasse mich bis zum Sankt-Nimmerleinstag krankschreiben.
Und am Abend schaue ich mir alle Folgen und Staffeln von Al Bundy an und wünsche mir die gute, alte Zeit zurück, als ich dafür einfach zu müde war.

Angstwut

Manchmal ist in meinem Kopf so wenig Platz, dass ich alles, was nicht niet- und nagelfest ist, bei eBay verkaufe, aktiv vergesse oder gnadenlos wegwerfe. Selbst Geschichten, die gestern erst geschehen sind, können heute schon Ballast sein, der mich abhält, nach vorne zu schauen und den Aufstieg auf den Olymp zu schaffen. Nur selten passiert es mir dabei, dass ich doch das eine oder andere Stückchen davon gerne wieder hätte. Aber das hat mich nie wirklich gestört, denn es ereignen sich ja täglich neue Überraschungen, die mir den Kopf zumüllen. Und deswegen finde ich es sinnvoller zu vergessen. Wo soll ich auch hin mit dem alten Rotz in meiner kleinen Einzimmerwohnung der Erinnerungen? Da müssen manche Sachen eben auf der Strecke bleiben.
Es ist wie auf einer Party: Die Gäste kommen und gehen, der Alkohol fließt in Strömen, wir rauchen Kette und reden über Fußball. In der Küche stapeln sich durchweichte Pizzakartons und braune, angetrunkene Flaschen reihen sich dichtgedrängt an­ei­n­an­der wie Arminiafans in der Südkurve. Irgendwann schütten wir uns einen Schlummerschluck zusammen, pflücken die Zigarettenfilter aus dem trüben Gesöff, exen die Brühe und legen uns auf den Boden zum Pennen. Am nächsten Morgen dröhnt der Schädel wie ein Bohrhammer und die Knochen tun weh, als hätten wir unter einem Elefanten geschlafen. Das Bad ist für eine Woche unbewohnbar, aber zum Pissen im Stehen reicht es. Abends kommen ein paar neue Freunde zum Restetrinken und wir kotzen gemeinsam in die Regenschirmkanne. In der Erinnerung war es trotzdem ein rundum gelungenes Fest.

Ich mag es einfach, wenn die Dinge noch eine Ordnung und Bezug zueinander haben. Ich will mich darauf verlassen können, dass Bier seit 1516 nur mit bestem Hopfen, Hefe, Malz und Wasser gebraut ist. Deswegen verdränge ich die Realität, dass es Sorten gibt, die besser im Süßwarenregal stünden und nach bunter Zuckerwatte schmecken. „Pfui, wer so etwas trinkt, der wählt auch Trump“, sagt mein Wirt immer und ergänzt dann, nach einer kleinen andächtigen Pause: „Der letzte Schluck sollte ein Herforder sein.“ Da hat er Recht. Ich erinnere mich noch gut an mein erstes Pils, aber nicht an meine erste Kola.

Und das ist genau das, was ich meine: Es gibt so viele Dinge, die es sich gar nicht zu merken lohnt. Das, was ich darüber hinaus noch rauskehre, bis die Hirnstube leer ist wie ein ostdeutscher Supermarkt vor der Wende, sind unwichtige Kollateralschäden. Was gestern war, ist vorbei und kommt nicht wieder. Nur weil mich einmal der Blitz beim Scheißen im Wald getroffen hat, so hat es doch tausend Mal vorher Spaß gemacht und ich muss deswegen nicht grundlegend mein Leben ändern. Und wenn die Uhr auf Winterzeit umgestellt wird, geht zwar die Sonne eher unter, aber nicht gleich die ganze Welt. Ich habe sogar eine Stunde länger Zeit, neues Bier zu kaufen. Es spielt auch überhaupt keine Rolle, ob ich gestern irgendetwas hätte tun können. Wichtig ist einzig und allein nur, ob ich es getan habe.
Ich hasse dieses ewig wiederkehrende Lied in meinem Kopf, weil es mich verrückt macht. Jeden Tag schießen mir hundert Momente durch den Gedankenwald, wie es zum Beispiel wäre, wenn ich ihr genau jetzt sagen würde, dass ich Lust hätte, sie zu vögeln und einen Augenblick später verfluche ich mich dafür, dass ich es tat. Was geht mir das auf die Nüsse! Das darf doch wohl nicht wahr sein. Kann denn niemals etwas perfekt sein? Muss denn immer alles im Fluss sein? Ich will mich manchmal einfach nur hinsetzen und zur Ruhe kommen, bis die Dinge so bleiben, wie sie sind und sich nichts mehr verändert. Aber nein, stattdessen rast schon wieder die nächste Katastrophe mit überhöhter Geschwindigkeit die abschüssige Kurve hinab.

Gerne würde ich einmal glauben, dass alles so seine Richtigkeit hat. Doch nur zu oft packen mich Gefühle von Zweifel und Unsicherheit. Versagensängste klopfen penetrant wie der Bofrostmann an meine Tür. Beim letzten Mal hat er mir einen überteuerten Tiefkühl- Adventskalender angedreht und mich dabei angeschaut wie Klaus Kinski. Ich konnte drei Wochen lang nur mit großem Licht schlafen und habe bei der nächsten Sitzung meine Psychologin mit einer gefrorenen Laugenstange bedroht. Erschrocken meinte sie, ich solle meine Angstwut doch einmal aufmalen. Ich schnappte mir die Farben und knallte ihr ein Happening aus Rot und Schwarz schwungvoll auf die Leinwand, so dass Pollock kleinlaut um einen Praktikumsplatz bei mir gebettelt hätte. Dabei sang ich laut Dicke von Westernhagen. Ich schloss die Augen und stellte mir vor, wie ich ihre nackten Brüste mit bloßen Händen anmale und ihr ein Geweih auf den knackigen Arsch schmiere. Doch die alte Kuh kroch nur tiefer und tiefer in ihren Ohrensessel, blätterte in der roten Medikamentenliste und telefonierte. Als meine Musik verstummte, nahm ich mir ein Cuttermesser und schlitzte sie langsam auf. Der erste Stich durchdrang das straff gespannte Gewebe mit dem leisen Geräusch wie ein Reißverschluss, dann färbte sich die Klinge blutrot und zeichnete wie von selbst ein Satanskreuz. Ich setzte mich still davor, rauchte und betrachtete genussvoll mein Werk, bis ein Sondereinsatzkommando die Praxis stürmte und die völlig zerstörte Leinwand beschlagnahmte.

Wie lange mag das wohl her sein? Ich weiß es nicht! Vielleicht ist es auch nie geschehen, wer kann es wissen? Vergangenheit ist wie eine alte Sendung Aktenzeichen xy, unaufklärbar, ewig her und nicht mehr zu ändern. Also brauche ich mir keinen Kopf darum zu machen, was damals war oder nicht. Es reicht, wenn ich mich an meinen Namen erinnere. Zum Glück habe ich ja zwei, falls ich den einen doch einmal vergessen sollte …

Dahamwadensalat

Manchmal, da sprudelt es nur so aus mir heraus. Da kann ich meine Klappe nicht halten und erzähle von kleinen Dingen oder großen Gefühlen. Von den Mohnkörnern auf dem Brötchen oder von dem Blick durchs Schlüsselloch ins elterliche Schlafzimmer.
Dann manchmal bricht mein Rede- und Gedankenschwall plötzlich tagelang ab. Regungslos verharren die Worte in meinem Kopf und sämtliche Schreibimpulse spielen Beamten- Mikado. Mir fällt einfach nichts Neues ein, wie unserer Bundeskanzlerin.

Ich könnte saufen oder kiffen, das soll ganz gut sein, habe ich mal gehört. Aber wahrscheinlich werde ich am Hauptbahnhof schon bei dem Versuch, Schnupftabak zu kaufen, verhaftet oder bekomme für den Fuffi doch nur wieder Brühwürfel angedreht. Vor lauter Verzweiflung würde ich die sogar rauchen.

Diese Idee gefällt mir. Dann hätte ich etwas zu schreiben, wenn ich es überlebe. Am anderen Morgen könnte ich aus dem Halbjenseits berichten, wie ich dem Sensenmann ins Auge geschaut und gesagt habe: „Den Rasen hinterm Haus zuerst!“

Vielleicht aber werde ich auch einfach Mitglied bei der CDU, ich habe mich noch nicht entschieden. Ob ich nun dem Tod oder der Merkel ins Angesicht schaue, ist ja wurscht.

Warum ich den Rattenfänger erschoss

Ich gebe es zu: Ich habe Angst vor Flöten. Der Psychologe nennt das Aulophobie.

Wenn ich nur an Flöten denke, stellen sich mir die Nackenhaare auf. Schon ein einziger Ton aus diesem löchrigen Langstock dringt mir bis ins Rückenmark und löst  einen optischen Tinnitus aus. Das fühlt sich an, als hätte man eine Flöte im Auge. Obendrein frieren temporäre Lähmungen meine Motorik ein, das ganze System fährt herunter. Da geht nix mehr mit meinen sonst so flüssigen und eleganten Bewegungskoordinationen, die sonst die Leute am Straßenrand in Staunen und Entzücken versetzt haben. Ich stake nur noch holzbeinig und hilflos wie der Bofrostmann im Tanzkurs herum.  Angst und Bange beschreiben die Reaktion der Umherstehenden jetzt besser und treffender.
Also meide ich alle Orte, an denen mir Flöten in irgendeiner auch nur erdenklichen Form begegnen könnten.

Ich mache einen großen Bogen um meine Küche, wo der Wasserkessel bedrohlich auf dem Herd darauf wartet, jeden Augenblick sein ohrenbetäubendes Pfeifkonzert zu beginnen. Stattdessen hole ich mir lieber einen To- go- Kaffee an der lautesten Kreuzung der Stadt.

In die Kirche traue ich mich schon lange nicht mehr, seit in der Weihnachtszeit einmal eines dieser unsäglichen Flötenorchester aus völlig unmusikalischen Grundschulkindern im Zahnwechselalter die Empore fast zum Einsturz gebracht hätten. Ich kuschele mich stattdessen lieber wieder in meine Daunendecke und drehe mich noch einmal um.

Außerdem mache ich einen weiten Bogen um jede Musikalienhandlung und auch Einkaufsstraßen mit chilenischen Panflötisten kann ich nur mit aufgesetzten Kopfhören und Iron Maiden auf 110 dB passieren. Da bestelle ich doch alles lieber im Internet und lasse es mir dann nach Hause liefern. Und wehe die dumme Sau von Postbüttel klingelt.

Auch auf jeder Scheißlauffläche für Köter zucke ich sekündlich zusammmen, denn selbst die angeblich unhörbaren Hundepfeifen schrillen in meinen Ohren wie eine Schiffssirene. Ich sympatisiere daher eher mit Katzen, die kacken wenigstens in die Ecke.

Es gibt sogar ganze Orte, die kann ich nicht bereisen: Ferna zum Beispiel mit dem Flöte spielenden Stadtwappenengel oder die Windflöte bei Bielefeld. Nun, das ist sicher nicht weiter schade, aber ich kann auch keinem Spielmannszug in igendeiner anderen Stadt beiwohnen. Und selbst auf der Arbeit, sonst ein herrlich unmusikalischer Verein, sehe ich nur Blockflötengesichter.

Und so geschah es dann eines Tages, dass ich in Hameln den Rattenfänger während eines akuten Krankheitsschubes als mein Feindbild schlechthin auf offener Straße einfach erschoss. Es tut mir auch leid.

Was mir aber wirklich fehlt, das ist der Fußball. Ich kann nicht mehr ins Stadion gehen und schaue nur noch stumm die Sportschau. Das ist verdammt hart.
Wenn ich es mir so recht überlege, vielleicht sollte ich einfach drauf pfeifen.

Siehstema

Hand in Hand mit dir in die Sonne blinzeln, deine Nähe festhalten in jedem Moment, verweilen und durchatmen. Im Wiegeschritt tanzen, umplumpsen und im Gras liegen. Der blaue Himmel lädt zum Träumen ein. Ich sehe ein Schaf und einen Elefanten, für dich ist es ein Murmeltier und eine Fee.
„Die einzige Fee hier bist du“, sage ich und puste die Wolke fort.
„Liebe ist ein Segelschiff“, flüsterst du.
Ich schließe die Augen, spüre den Wind auf meiner Haut und höre mein Herz schlagen. „Ich bin gerne am Meer mit dir“, denke ich und kuschele mich näher an dich.
„Der Papst hat rote Schuhe“, meinst du.
„Ja, wie Messi!“
Schön, dass es dich gibt.

Durchenwind

Manchmal weht er mir frontal ins Gesicht, zerzaust mir meine Frisur und ich sehe aus wie mit dem Laubbläser geküsst.
Manchmal wartet er hinter einer Ecke, und sobald ich auch nur einen Schritt nach vorne mache, packt er meinen Schirm und krempelt ihn um.
Manchmal sitzt er hinterlistig im Strandkorb, bläst mir Sand in die Augen und paniert gierig meinen eingecremten Bauch.
Manchmal schleicht er über eine Frühlingswiese, lässt kleine bunte Pollendrachen steigen oder tanzt mit den Halmen.
Und wenn ich manchmal ganz durchenwind bin, dann fange ich ihn in einer Tüte und lass ihn nicht mehr raus. Da kann er machen wassawill.

Von Tag zu Tag

Manchmal dringen Gedanken in meinen Kopf, die meine Hirnplatine nicht verarbeiten kann. Die internen Lötstellen beginnen dann langsam zu kokeln und zu schmorgeln und schließlich platzen sie ab. In der enormen Stauungshitze schmilzt mein Mandelkern, es riecht nach koagulierten Besenreisern. Meine Sinne trüben schlagartig ein und alle Bewegungen fallen mir schwer wie dem Papst der Gangnam- Style. Meine Arme hängen nutzlos am Körper herab und meine Beine sind taub und wie von Ameisen zerfressen. Ich will mich nach vorne aufs Sofa kippen lassen, verfehle es aber mangels Steuerungsfähigkeit meilenweit, schlage wie ein Brett auf den Flokati und verschwinde in metertiefen Wollbüscheln. Dankbar stelle ich fest, dass ich nicht mit dem Gesicht in die Katzenbürste gedonnert bin, die mir schon während des Fallens bedrohlich ihre spitzen Stahlfäuste zeigte, ich jetzt aber unentwegt anstarren muss. In ihrem dichten Haarteppich klettern Flöhe wie Affen von Ast zu Ast oder spielen Packen. Sie scheinen so nahe zu sein, dass ich sie mit meiner Zunge vertreiben könnte. Bei dem Versuch, es zu tun, durchtränkt warmer Speichel den linken Pulloverärmel unter meinem Kinn. Es klebt und matscht bereits wie im Keller einer griechischen Kantine und das Wasser steigt immer höher. Mein inneres Auge schickt sofort elektrische Hilfssignale an die völlig zerstörte Kommandozentrale in meinem Inneren. Dort aber läuft nur noch ein alter mechanischer Zuse- Rechner, der den Code des digitalen SOS nicht aufschlüsseln kann und den rudimentären Not- Impuls „Nasale Inhalation“ zurücksendet. Die Primatenbande sucht noch verzweifelt Halt, ehe sie der Sog meines Rüssels in das dunkle Wurmloch saugt. Es zischt und brodelt kurz wie bei einem spuckeüberlaufenden Klammerkind, dann ist es vorbei. Der Flokati steckt halb in meiner Nase und ich frage mich, was ich wohl morgen machen werde.

In meinem Kopf

In meinem Kopf steckt eine Postkarte. Immer wenn ich sie mir anschaue, scheint dort oben  die Sonne und mir leuchten die Augen.
Umgeben von Pinien und Zypressen steht ein Haus stolz auf einem kleinen Hügel. Malerische Bögen, weitläufige Wiesen und verträumte Terrassen tummeln sich im liebvevollen Spiel von Licht und Schatten. Zwischen Grillen und Zikaden, zwischen Rosmarin, Thymian, Origano und Basilikum wächst ein knorriger, alter Olivenbaum. Ein rostiger Spaten lehnt erschöpft an einer Steinmauer und Speck knistert in der gusseisernen Pfanne.
Kies knirscht unter meinen Schuhen und der Wind rauscht sanft in meinen Ohren. Das nahe Meer chattet vertraut mit der Stille, die diesen Ort so lebendig entstehen lässt in meinem Kopf.

Sturm in der Brandung

Der Jever- Mann
Ich gehe noch einmal in den Garten hinaus, hinten zum Stall und schaue hinein. Aber Klopf ist nirgends zu sehen. Vorsichtig hebe ich das Holzhäuschen hoch und schiebe das Stroh ein wenig zur Seite. Glück gehabt, er ist auch diesmal in seinem Lieblingsversteck. Schnell stopfe ich ihn in meinen Rucksack, er tut so, als merke er es gar nicht. Dann renne ich zum Auto. Papa hupt schon und fächert mit den Armen. „Wo warst du denn noch?“, will er prompt wissen. „Ich habe nur Klopf auf Wiedersehen gesagt“, flunkere ich. Schon brausen wir los.
Nach zähen und unendlichen Stunden auf der Autobahn, einem Dutzend Fünf Freunde- CDs und ebenso vielen Nutellabrötchen kommen wir endlich am Fähranleger in Rømø an. Seit vor ein paar Jahren ein Sturm einen Laster vom Sylt- Shuttle gepustet hat, fahren wir immer über Dänemark auf unsere Urlaubsinsel. Papa ist da abergläubisch, „wer einen Laster umschmeißt“, sagt er immer, „der macht auch vor einer E- Klasse nicht halt.“
Wir sind spät dran diesmal und der Kapitän trötet bereits dreimal, als Papa endlich die Tickets in der Hand hat und wir auf den Autokutter fahren können. Im Internet zu buchen ist auch nicht so seine Sache. Auf dem völlig überfüllten Deck quetschen wir uns zwischen Fahrräder und Kinderwagen auf eine hölzerne Backskiste. Der Wind pfeift uns um die Ohren und die Abendsonne lächelt müde. Dann brummen die schweren Dieselmotoren los. Das Schiff vibriert wie eine alte Waschmaschine, dunkler Rauch steigt empor, die Möwen stieben von den schiefen Birken im Fahrwasser auf und hoffen auf einen Bissen.
Ich schaue meinen Bruder an, er nickt und schon wuseln wir durch Wolfstatzen- Jacken, Fleece- Pullovern, Softshell- Westen zum Bug. Doch ausgerechnet dort feiern die Kicker vom Team Sylt lautstark das Erreichen des Achtelfinales beim Dana- Cup in Nord- Jütland mit Koffein haltigen Kaltgetränken, Fassbrause und Eistee. Kurzerhand machen wir kehrt und schlängeln uns zum Heck mit den riesigen Propellern. Wir packen unsere Toggo- Lutscher aus und spucken ins aufgeschäumte Wasser. Papa ist sitzengeblieben und muss auf unsere Sachen aufpassen.
Am Inselhafen List fallen mir die Augen zu. Ich träume von Knicklichtern, Taschenlampen, Gartenfackeln und Grillen am Strand. Erst als Papa mich zudeckt und mir einen Gute- Nacht- Kuss gibt, blinzele ich ihn schlaftrunken an. „Wo sind wir?“, will ich wissen. „Da, wo der Klabautermann auf Kaperfahrt geht“, sagt er lieb. Dann schlafe ich wieder ein. Papa geht zurück ins Wohnzimmer und fällt um wie der Jever- Mann.

Faltiger Autist
Am nächsten Morgen wache ich mit den ersten Sonnenstrahlen auf. Endlich kann ich mich um Klopf kümmern. Vorsichtig hole ich ihn aus meinem Rucksack und schaue ihn an. Er scheint noch zu schlafen. Manchmal denke ich, er könnte mich verstehen, wenn er mich anschaut und seinen faltigen Hals reckt. Dann erzähle ich ihm, wie ich einmal das Feuerwehrauto von meinem Bruder im Sand verbuddelt habe, weil ich so eins auch gerne hätte. Oder wie ich Lauf, seinem Hamster, die Füßchen mit Tesafilm umwickelt habe, weil er schneller war als Klopf. Oder dass ich mir kurz vorm Einschlafen heimlich die Bettdecke in den Schlafanzug stopfe, damit ich morgens nicht nass bin. Sonst dürfte ich Klopf nicht behalten, hat Papa gesagt. Dann nickt Klopf immer und gibt mir Recht. Er ist auch der einzige, der weiß, dass ich gerne Leuchtturmwärter werden möchte. So wie Herr Tur Tur auf Lummerland. Das muss schön sein, abends einmal die Wendeltreppe raufsteigen, die Petroleumlampe anzünden und morgens wieder löschen. Keine Nacht darf es ausbleiben, meinen fünften Geburtstag nicht, nicht Weihnachten, und nicht freitags, wenn die Schmutzfrau kommt. Ich muss immer da hoch. Mit Einbruch der Dunkelheit muss das Licht brennen. Es ist eine wichtige Aufgabe. Klopf versteht mich. Papa nennt ihn manchmal faltiger Autist. Ich weiß nicht, was das ist.
Nach dem Frühstück geht Papa mit uns in einen kleinen Laden in der Friedrichstraße. Postkarten mit Zackenrand erzählen Legenden aus Wilhelminischen Zeiten. Dutzende Stocknägel mit Strandkorbmotiven und Insel- Silhouetten reihen sich in kleinen, offenen Schächtelchen. Leuchttürme in allen Größen von der F- bis zur A- Jugend, Schneekugeln, Bernsteinfigürchen, Buddelschiffe und ganze Kutterflotten verteidigen ihre Regalwand gegen eine Korblandschaft aus plüschigen Wattwürmern, Möwen und Seehunden fernöstlicher Produktion. Papa versucht ständig, unser eigenes Taschengeld zu sparen. Wir hätten genug Spielzeug zu Hause. Aber eben keinen Riesenkraken, der Wasser spritzen kann! Dann meint er wieder, das Wellenbrett sei zu groß, das kriegten wir in keinen Koffer rein. Oder die Ritterfestung sei zu teuer, das Aufblaskrokodil zu gefährlich. Muscheln, Seesterne und Kescher hätten wir noch vom letzten Urlaub zu Hause, im Keller! Boah, ich habe echt keine Lust mehr und zeige auf mein T- Shirt. I’m the boss steht da. Das zählt nicht, erklärt Papa mir, Papa sei mehr als Chef. Dann will ich doch lieber Leuchtturmwärter werden. Oder faltiger Autist.

Wir lieben die Stürme
Der Wind kurvt mit uns im Slalom um jeden Poller, jeden Anker und jede Boje herum. Er taumelt über rot geklinkerte Wege, braust an Juckpulverbüschen, Knallerbsensträuchern und kahlen Kiefern vorbei, saust mit Schwung über eingegrabene Paletten die Dünentäler hinunter und mit uns an Papas Hand wieder hinauf. Auf dem Sandgipfel bleiben wir stehen und staunen: Groß, weit und dunkel erstreckt sich der graue Riese bis zum Horizont. Grollend wirft er seine kalten Arme ans Ufer, als sei er nie weg gewesen. Sein eisiger Atem fegt feuchte Gischt wie eine Horde aufgescheuchter Krabben beim Schulausflug vor sich her, schmeißt Standkörbe um und drückt dicke Kinder die Rutsche wieder hoch. Volleyballnetze stehen steif in der eisigen Brise wie schwer gefüllte Reusen, Klaffmuscheln graben sich tiefer in den Sand. Mein Käppi reißt sich los wie ein wild gewordenes Seeungeheuer, scheucht Thalasso- Wanderer vor sich her und sprengt eine Gruppe Qigong- Tänzer im Dünengras auseinander.
Benommen stolpern wir in die Villa Kunterbunt zum Piratentag. Laut brüllend entern wir die Welt, lotsen unser Boot durch gefährliche Untiefen und an Monster- Riffen vorbei. Wir schießen mit Korken- Kanonen auf Kokosnüsse, schruppen das Deck und pumpen Wasser aus den Kajüten. Wir überstehen die Pest und Skorbut, verlieren dabei alle Zähne und ein Bein. Wir jagen Ratten von Bord, Wale im tiefen Meer und heben auf einer einsamen Insel einen großen Schatz.
Erst bei Sonnenuntergang laufen wir wieder in unseren Hafen ein. In der Kombüse gibt es salziges Pökelfleisch und faules Wasser. Der leuchtende Zyklop blinzelt uns aufmunternd zu. Der Sturm hat sich gelegt.

Du bist nicht mehr mein Freund!
“Matschpatsch” macht es immer wieder. Ich greife mit den Händen in das trübe Wasserloch, das ich mit einem kleinen Deich vom Meer abgetrennt habe. Mit dem Plattmacher klopfe ich die Mauern fest. Auf einer Seite habe ich so viel Sand heraus gebuddelt, dass ein richtiger Berg entstanden ist. Aus beiden Fäusten lasse ich die Matschepampe von weit oben darauf fallen. Es sieht aus, als hätte ein ganzer Möwenschwarm nur auf diesen einen Fleck geschissen und ich sehe aus wie ein paniertes Schnitzel. Ich weiß schon selbst nicht mehr, ob ich überhaupt eine Badehose anhabe.
Ich beauftrage meinen Bruder aufzupassen, so lange ich Muscheln suche. Aber der Stinkstiefel will meinen Kescher dafür haben. „Ich bin nicht mehr dein Freund“, brülle ich, trampele meine Burg selbst kaputt und marschiere los. Papa hat mir erklärt, dass da, wo viel kleines schwarzes Holz an den Strand gespült wird, ich auch Bernsteine und Haifischzähne finden kann. In meinen Eimer sammle ich Krebspanzer, Seesterne und kräftige Herzmuscheln zum Kämpfen, er ist bald randvoll. Ich schmeiße tote Quallen zurück ins Wasser und laufe weiter. Endlich habe ich eine Stelle gefunden. Erst bohre ich mit dem Bockermann in dem Prütt herum, dann schiebe ich ihn mit dem ganzen Fuß hin und her. Schließlich lasse ich mich auf die Knie fallen und siebe mit den Händen. Alles, was gelb oder honigfarben ist, lecke ich ab. Harz schmeckt man doch! Ich finde ein altes Gummibärchen, eine geschliffene Glasscherbe und einen Feuerstein, sogar ein noch eingepacktes Campino- Bonbon. Es ist weich und salzig. Plötzlich scheucht mich eine große Welle auf und schmeißt meinen Eimer um. Erschrocken greife ich nach dem Henkel. Meine Schätze flüchten dabei mit dem rückfließenden Wasser: Bernsteine so groß wie Kiesel und Haifischzähne so scharf wie Säbel! Mein Bruder wird staunen.

PS: Es handelt es sich hierbei um ältere, überarbeitete Beiträge, sozusagen alter Wein in neuen Schläuchen.

Hölle auf Erden

Als wir endlich unsere Hütte erreicht hatten, dämmerte es schon. Mit einem Ruck stieß Opa die knarzende Tür auf, das Feuer war längst aufgebrannt und es war bitterkalt. Opa brach den letzten Stuhl entzwei und legte das Holz auf die blasse Glut, nach ein paar Minuten züngelten kleine Flammen empor. Dann nahm er einen Topf, füllte ihn draußen mit Schnee, stellte ihn auf den Küchentisch, schnappte sich den Hasen, drückte mir die hinteren Sprünge in die Hände und griff nach seinem Messer.

„Heb hoch!“, raunzte Opa. Zitternd hob ich den toten Meister Lampe mit ausgestreckten Armen in die Luft.

Dann setzte Opa die Klinge an. Ich kniff die Augen zusammen und hörte das Geschlinge in den Schnee platschen. Kaltes Blut spritzte auf mein Gesicht und etwas Warmes lief mir die Beine hinunter. Ich begann zu taumeln.

Scheppernd hing Opa den eisernen Bottich an einen Haken über das Feuer, „wisch das weg“, sagte er und warf mir einen Lappen vor die Füße, „und dann geh schlafen. Wir müssen früh raus!“

Am nächsten Morgen war Opa Slavko schon wieder auf den Beinen, als ich erwachte. Mein banger Blick fiel auf die Feuerstelle, wo der Topf gestern noch lange bedrohlich baumelte und quietschte. Jetzt stand er leer auf dem Sims. Erleichtert atmete ich aus. Draußen vorm Haus hörte ich eine Axt Holz spalten, dann schlug sie ein letztes Mal in den Stamm und Opa kam mit einem Korb voller Scheite wieder herein.

„Hast du schon gefrühstückt?“, fragte er barsch.

Ich schüttelte ängstlich den Kopf. Opa griff in seine Manteltasche, holte ein Stück trockenes Brot heraus und reichte es mir. „Pack alles zusammen, was du brauchst. Ich bringe dich ins Dorf zum Pfarrer. Hier kannst du nicht bleiben!“

Mir blieb der Bissen im Halse stecken und ich starrte ihn erschrocken an. „Nicht zum Pfarrer!“, flehte ich, „die Leute erzählen, er stecke mit dem Teufel unter einer Decke!“

„Unsinn! Er ist ein alter Säufer und Schwätzer, aber ein gerechter Mann. Nach dem Winter hole ich dich wieder ab, und gnade ihm Gott, wenn er dir ein Haar krümmt! Dann reiße ich ihm persönlich den Kopf ab!“

Weitere Geschichten von Opa Slavko gibt es hier , hier und hier.
Sie beschreiben kleinen Szenen, die noch nicht in einen Erzählrahmen eingebettet sind, also keine zeitliche oder dramaturgische Reihenfolge zu einander haben.

Fangschuss

Eine dicke Schneedecke verhüllte die Landschaft. Oma Nada war gestern Abend in den nahen Wald gegangen, um Holz für den Kamin zu holen und jetzt war sie schon eine ganze Nacht da draußen. Opa Slavko schaute stirnrunzelnd durch das vereiste Küchenfenster hinaus auf das Feld, dann schnürte er sich die Stiefel, zog den dicken Mantel an, schulterte die Flinte und sagte zu mir: „Komm, Junge!“

Meine Augen staunten runder als mein Mund, mein ganzer Kopf war Kreis und mir wurde schwindelig. „E- E- Echt?!“, stammelte ich.

„Ja“, knurrte der Alte und ging zur Tür hinaus.

Hektisch stopfte ich meine Füße in die hohen Schuhe, warf mir meine abgewetzte Jacke über die Schultern und stürmte hinterher. Opa hatte schon die Lichtung erreicht, er scheuchte einen Schwarm Raben auf und verschwand dann zwischen den dunklen Bäumen. Ich stampfte schnaubend durch die hüfttiefen Stollen, die er im Schnee hinterlassen hatte, immer wieder den Blick zum leeren Horizont gerichtet. Die unendliche Eiseskälte wälzte sich mir erbarmungslos entgegen und fraß bereits meine Zehen auf, als ein Schuss wie ein Kanonenschlag durchs Tal grollte. Unten im Dorf schauten die greisen Bewohner stumm und verängstigt auf und eilten zurück in ihre Häuser. Ich warf den Kopf in den Nacken und schrie verzweifelt gegen die Angst an, die mich packte und würgte, die mich schüttelte und schlug. Dann sank ich bibbernd zusammen, schlug die steifen Finger vors Gesicht und schluchzte.

„Ein Junge weint nicht“, brummte plötzlich eine raue Stimme und warf mir einen toten Hasen in meine Grube, „nimm und komm. Es wird bald Nacht“, sagte Opa Slavko.

„Und Oma?“, krächzte ich.

„Der Herr gibt und der Herr nimmt“, murmelte er und reichte mir seine Hand.

Weitere Geschichten von Opa Slavko gibt es hier, hier und hier.
Sie beschreiben kleinen Szenen, die noch nicht in einen Erzählrahmen eingebettet sind, also keine zeitliche oder dramaturgische Reihenfolge zu einander haben.

Instantliebe

Das hier liegt jetzt schon über ein Jahr in den Entwürfen. Davon wird es auch nicht besser. Deswegen haue ich es jetzt raus, dann kann ich mich wieder um andere Sachen kümmern!

Ich reiß dich auf
ich mach dich heiß
und verschlinge dich.

Du liest mir meine Begierde
von den Lippen ab
und ich kann es nicht lassen
deine Fettaugen mit dem Löffel zu verrühren.

Holpersteine

Manchmal ist das Leben wie eine Tüte Konfetti, leicht und bunt. Ich freue mich darauf aufzustehen und den Tag zu entdecken und Blumen zu pflücken.
Manchmal ist das Leben aber auch wie ein alter Reisekoffer, hart und schmutzig. Voll gestopft mit schweren alten Geschichten, Erinnerungen und verstaubtem Gedöns von früher steht dieses Riesending unnütz im Weg herum und ist nur Ballast.
Manchmal stelle ich mir dann vor, was wäre, wenn ich meinen Koffer einfach mal an die Straße stelle. Ich würde mich hinter den nächsten Busch verstecken und warten, bis das Sprengkommando kommt. Dann fliegen aber die Fetzen.
Oder wenn ich ihn am Flughafen austauschen würde. Unauffällig stünde ich am Gepäckband herum und würde mir einen neuen Reisebegleiter aussuchen. Einen, der nach Abenteuer aussieht und nicht nach Wellness. Er muss Schnappriegel und Ledergurte haben, so einen, den man noch selbst tragen muss und nicht so einen selbstfahrenden Smart mit Griff oder so einen silbernen Aluminium- Castor. Ohne zu zögern oder mich umzudrehen greife ich zu und gehe damit langsam zum Taxistand. Dort suche ich mir in aller Seelenruhe einen schicken Kombi aus, bloß keinen Volvo. Ich bin ja kein Lehrer, habe keinen Hund und trage keine Cordhosen. Fahrer mit Sonnenbrillen oder Koteletten scheiden auch aus. Dann lasse ich mich zu meinem Parkplatz um die Ecke chauffieren, packe Sack und Pack um in meinen Schwedenpanzer, fahre über Umwege nach Hause, schleppe alles hoch in meine Altbauwohnung und stelle es mitten in den Flur. Erschöpft lasse ich mich in meinen Ohrensessel fallen und schließe die Augen. Scheußliche Musik ertönt, als plötzlich nackte Frauen auf mich zuspringen, mich fesseln und aufs Bett schmeißen. Ich kann gar nicht sagen, wie viele es sind, so viele sind es. Entsetzt reiße ich die Augen wieder auf, ich muss den Koffer von Dieter Bohlen erwischt haben! Panisch packe ich den Drecksack, renne zur Wohnungstür, stelle den Brüllwürfel meinem Nachbarn auf die Fußmatte, läute, renne zurück, schlage die Tür zu, schließe mich ein und schaue durch den Spion. Ich freue mich über das dumme Gesicht, pfeife „You can win, if you want“ und fahre den Rechner hoch. Mal schauen, wann der nächste Flug aus Mallorca kommt!

Der Müller und die undankbaren Esel

Es war einmal ein rechtschaffender Müller, der hatte drei Esel, einen Faulen, einen Frustrierten und einen Fetten. Der faule Esel blieb schon morgens einfach liegen, der Frustrierte zählte immer wieder seine grauen Haare und der Fette fraß von früh bis spät. Dennoch kümmerte sich der Müller um sie, so gut er konnte, und obwohl sie ihm nicht von Nutzen waren, verlor er nie ein böses Wort über sie.

An einem Abend aber ging der Müller noch einmal zum Stall, um den Eseln frisches Stroh und Wasser zu bringen, weil er es am Tag vor lauter Arbeit versäumt hatte. Als er vor der Türe stand, da hörte er, wie sie ihr schlechtes Leben beklagten. Ihm sei so langweilig, stöhnte der Erste. Der Zweite schimpfte, sogar die Zebras hätten Streifen und der Dritte schmatzte, das Futter mache dick. Da fasste der Müller einen Entschluss und schlich sich wieder ins Haus.

Gleich am nächsten Tag führte er die drei Graurücken ins Dorf auf den Markt. Den faulen Esel verschenkte er an einen Wanderzirkus, den frustrierten Esel tauschte er bei einem Schrankenwärter gegen ein altes Kursbuch der Deutschen Bahn und den Fetten verkaufte er dem Koch des Königs.
Zufrieden kehrte der Müller in seine Mühle zurück, mahlte ein Dutzend Säcke Korn, schaute noch einmal in den leeren Stall, lächelte und ging zu Bett.

In dieser Nacht stand der Mond schon hoch am Firmament, als die Zirkuswagen endlich stoppten und der faule Esel angeleint wurde. Seine Hufe schmerzten ihm von dem weiten Weg und er war müde. Er wollte sich schlafen legen, aber der Boden war hart und kalt, und der wilde Wind wirbelte Stock und Stein hin und her, dass es nur so krachte.
Er sehnte sich zurück in seinen Stall und dachte: “Oh je, was bin ich doch für ein dummer Esel gewesen!”

Auch der frustrierte Esel konnte nicht schlafen. Jede Stunde schnaubte ein tonnenschwerer Dampfzug an dem kleinen Bahnhäuschen vorbei. Der Kessel qualmte, die Räder ratterten, schaurige Schatten tanzten über die wackelnden Wände und dicker, dunkler Rauch fraß gierig alle Farben auf. Der Esel hustete, kniff die Augen zu und zitterte am ganzen Leib.
Er sehnte sich zurück in seinen Stall und dachte: “Oh je, was bin ich doch für ein dummer Esel gewesen!”

Dem fetten Esel erging es auch nicht besser als seinen beiden Verwandten. Der Koch hatte ihn eigentlich sofort schlachten wollen, aber der Narr des Königs band eine Möhre an einen Faden, knotete das andere Ende an seinen Schellenstab und lockte das Giermaul in den Thronsaal. Dort saß der König mit seinem Hofstaat bei einem Festmahl. Als der Esel das frische Obst und die vielen Leckereien auf den langen Tischen sah, lief ihm das Wasser im Maul zusammen und er glaubte, er sei eingeladen mitzuessen und wollte sich setzen. Aber die feine Gesellschaft verhöhnte und verspottete ihn und jagte ihn zum Tor hinaus.
Hungrig lag er nun am Teichufer, sehnte sich zurück in seinen Stall und dachte: “Oh je, was bin ich doch für ein dummer Esel gewesen!”

Das Jahr wechselte die Farben und auch der nächste Sommer kam und ging. Die große Ernte war eingefahren und der Müller hatte viel zu tun. Als endlich alles Korn gemahlen war, lud er die schweren Säcke auf seinen Karren, schnürte sich ein kleines Proviantpaket und machte sich auf die lange Reise zum Markt.

Auf halbem Wege kam er an einer Wiese vorbei. Ein Zirkus brach grade seine Zelte ab, tannengroße Männer stemmten riesige Stoffrollen auf einen Wagen, ein klitzekleiner Kerl brüllte Kommandos und bunte Vogelfrauen führten Pferde in ihre Boxen. Der Müller blinzelte gegen die Sonne und schaute dem munteren Treiben eine ganze Weile zu, als er schließlich den faulen Esel erblickte. Er lag im schmutzigen Staub und starrte in den Himmel.
Da ging der Müller zu ihm, streichelte sein Fell und sagte: “Steh auf, du alter Esel und hilf mir, ich habe viel zu tragen!”
Das Langohr tat wie ihm geheißen. Der Müller zahlte dem Zirkusdirektor den Preis, den er verlangte, spannte den faulen Esel vor den Karren, teilte seinen Proviant mit ihm und so marschierten sie los.

Es war längst Nachmittag geworden, als sie an ein kleines, verrußtes Bahnhäuschen kamen. Sie hielten an und lauschten den seltsamen Klängen aus der Ferne, als sich plötzlich scheppernd die Schranken senkten. Der Boden begann, laut zu grollen und zu grummeln und dichter Qualm hüllte sie ein. Der Müller und der faule Esel klammerten einander fest und wagten kaum zu atmen, als mit einem Mal ein Eisenross mit glühenden Augen fauchend an ihnen vorbeidonnerte. Erst nach langen, bangen Minuten war der Spuk beendet und es wurde wieder hell um sie herum. Sie schauten auf und da stand vor ihnen auf dem Weg der frustrierte Esel mit gesenktem Kopf.
Als der Müller ihn erkannte, ging er zu ihm, klopfte sein Fell sauber und sagte: “Sieh nicht alles so schwarz, du alter Esel und hilf uns, das Mehl zum Markt zu bringen.”
Das Langohr tat wie ihm geheißen. Der Müller zahlte dem Schrankenwärter den Preis, den er verlangte, stieg auf des frustrierten Esels Rücken, teilte seinen Proviant mit ihm und so trotteten sie zu dritt weiter.

Schließlich gelangten sie zum Schloss des Königs. Ihre Reise war anstrengend, der Durst plagte sie und so beschlossen sie, im Park ein wenig zu rasten und sich am Teich zu erfrischen. Als sie nun auf dem Steg saßen und verschnauften, kam mit einem Mal der fette Esel aus dem Dickicht gradewegs auf sie zugestoffelt. Er schmatzte und kaute auf einer Rübe herum. Der hölzerne Anleger bog sich bedrohlich in der Mitte durch, er knackte und knarzte, er schwankte und schaukelte, ehe er vollends entzweibrach. Der Müller und die beiden Esel konnten sich noch mit einem beherzten Sprung ans Ufer retten, der fette Esel aber platschte wie ein Komet ins Nass. Entsetzt schrie und strampelte er um sein Leben. Mit vereinten Kräften gelang es den drei Wanderern, ihn an Land zu ziehen. Japsend rang der fette Esel nach Luft und das Wasser triefte nur so aus seiner grauen Mähne. Erst jetzt erkannte er, wer ihn soeben vor dem sicheren Tod gerettet hatte.
“Guter Müller”, flehte er, “nehmt mich mit. Ich kann in diesem Schlosse nicht länger sein. Der Koch will mich schlachten und zu Salami verarbeiten, sobald ich fett genug bin!”
“Alles, was recht ist, lieber Esel”, antwortete der Müller, “der Weg ins Dorf ist nicht mehr weit. Wenn du unseren restlichen Proviant trägst, dann will ich wohl mit dem Koch reden.”
Der fette Esel jedoch schüttelte nur mit dem Kopf, “das ist mir zu schwer, das schaffe ich nicht!”
Da ging der Müller zu ihm, streichelte ihm über das Fell und sagte: “Wenn du bleibst, wie du bist, wirst du nicht werden, wie du möchtest, du sturer Esel!”

Sodann gab der Müller seinen beiden Gefährten ein Zeichen, jeder schulterte sein Gepäck und sie zogen weiter ihres Weges.

Der faule und der frustrierte Esel aber halfen dem Müller fortan, wo sie nur konnten und verloren nie wieder ein schlechtes Wort.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Elemeno P.

Fortsetzung von Freu Dich nicht zu spät! (Kapitel 1), Abstelltraum (Kapitel 2), Strebergarten (Kapitel 3), Wortgeflecht (Kapitel 4), Kassensturz (Kapitel 5), Gleicheitrige (Kapitel 6), Gesichtsyoga (Kapitel 7), Übergangsbinde (Kapitel 8), Strafstoß (Kapitel 9) und Stockdunkster (Kapitel 10)

Es regnet in Strömen, als ich erwache. Der Wind peitscht Fäden gegen das Fenster und begehrt Einlass. Das Wetter passt zu meiner Stimmung: Düster und schwarz. Ich setze mich an den Küchentisch und puste frustriert Asche und Tabakkrümel von der Platte. Seit drei Monaten leben wir nun schon von der Hand in den Mund und übermorgen ist der neue Quartalsvorschuss für Miete und Gewerbesteuer fällig. Wir haben noch nicht einmal eine komplette Kupferrolle in der Geschäftskasse und Murats hanebüchene Idee mit dem Lego Bau Service – LBS – war ein totaler Reinfall. Statt in Geld in unserem Speicher zu schwimmen, müssen wir jetzt wegen Markenrechtsverletzungen kräftig abdrücken.

Dabei fing alles so gut an mit unserem mobilen Wiederaufbau- Service: Gleich beim Vorstandsvorsitzenden einer großen deutschen Bausparkasse sollten wir an einem einzigen Tag den großen Lego Star Wars Todesstern wieder aufbauen. Eine haushaltsnahe Dienstleistungsbeschäftigte habe das Prachtmodell vom Schreibtisch gefeudelt und die Aufbauanleitung gleich mit geschreddert. Und so kamen wir ins Spiel. Wir waren gut wie die Everly Brothers, es liefert alles wie geschmiert. Die steuerfreie Einmalzahlung plus Bonus winkte schon in der Hand von Darth Sidious, als ihm Murat seine Visitenkarte hinlegte. Ich erhaschte schnell einen kurzen Blick darauf: „Murat und Partner, LBS- Direktoren“, las ich. Der mächtigste Sith winkte nur kurz mit dem kleinen linken Finger und weitere 499 kostenlose Vistaprint- Kärtchen huschten aus Murats Innentasche durch das Bernsteinzimmer. Sie wirbelten durch die Luft und bildeten die Worte „Ich bin die LBS, wer bist du?“ Murat fasste sich an die Kehle, verdrehte die Augen und röchelte: „Ich bin dein Vater!“ Bunte Lasersalven flirrten durch den Raum und lösten an der Börse ein wahren Kursrutsch aus, als ein 2,28 m großer Fellprimat uns in letzter Sekunde aus dem lodernden Inferno rettete. „Danke, Chewie“, hörte ich Murat noch sagen, ehe ich ihm seinen Businessplan um die Ohren schlug.

Wie gesagt, das war ein Reinfall. Alle Kosten dafür werde ich ihm von seiner Kapitaleinlage abziehen, wenn es denn reicht! Ich will eben aufstehen und ihm den Gesellschaftervertrag kündigen, als es an der Ladentür klingelt. Durch ein Loch im Vorhang schiele ich in den kleinen Verkaufsraum, kann aber niemanden entdecken. Dann höre ich Stimmen.  „Wo steckt denn Murat bloß?“, denke ich und drehe das Radio lauter. Wolfsheim spielt grade Kein Weg zurück. Ich zupfe mir mein Homer Simpson T- Shirt zu Recht und gehe nach vorne.

Ein dunkelschwarzer dreiteiliger Zwirn steht vor mir und wischt sich die Nässe von den Schultern. Draußen parkt mitten vor der Tür ein warnblinkender Oberklasse- Kombi, der Einarmwischer zappelt über die Windschutzscheibe.
„Der kann da aber nicht so stehen bleiben“, ranze ich den Anzug an, „das ist eine Feuerwehrzufahrt!“
Doch der Mann in Black pfeift stattdessen den Refrain mit, was gesagt ist, ist gesagt. Das habe er auch grade gehört, schön, nicht? Und ob ich der Eigentümer dieses netten Geschäftes sei oder einen gewissen Murat kennen würde?
„Weder noch”, antworte ich, „ich bin der Generalbundesanwalt und einem Zigarettenschmugglerring auf der Spur.“
„Ah so“, meint die Flachpfeife, aber auch dann müsste ich meine Fernseh- und Rundfunkgebühren bezahlen. Von mir lägen ihm gar keine Anmeldedaten vor!
Mir schwillt der Kamm. Da steht dieses hutzlige Männchen verbotswidrig in der Einfahrt und glaubt allen Ernstes, hier jetzt eine Kabinenansprache zu halten. „Schlimmer sind ja nur noch die Zeugen Jehovas“, schmeiße ich ihm entgegen. „Für welche Leistung wollen Sie kassieren? Für langweilige Wettshows mit lockigen Moderatoren? Für dröge Politsendungen und Comedy im Format Hallervorden und Carrell? Für Marienhof und Mainz bleibt Mainz?! Oder für 25 Jahre Blindenstraße? Ich habe nie eine einzige Sendung gesehen! Ich will Fernsehen, wann ich will und was ich will!“, schreie ich, „und das lade ich mich mir herunter!“
Wutschnaubend drehe ich mich um und stapfe in meine kleine Nische. Murat, der alles mit angehört hat, huscht ängstlich zur Seite. Ich blitze ihn an, rupfe das Radio mit der Steckdose ruppig aus der Wand, gehe wieder nach vorne und werfe dem Wiesengesicht den Monorecorder vor die Lackschuhe, dass er zerbricht, „und jetzt fahr deinen Aufsitzmäher da weg!“
Der Ladenhüter weicht zur Seite, aber er schickt sich noch nicht an zu gehen.
Ich hole weiter aus: „Das letzte, was ich jemals im öffentlich- rechtlichen Fernsehen geschaut habe, war Dinner for one und das war eine Wiederholung! Und seitdem ist auch nix Neues mehr produziert worden. Meine Schuld ist also längst bezahlt!“
Der Agent im schwarzen Frack beginnt zu taumeln, seine Mundwinkel zittern leise.
„Du Lothar!“, sprudelt es jetzt aus mir heraus, „es gibt kein Weg zurück!“

Ich greife zu Murats Besen und hole zum finalen Schlag aus. Dann endlich klackern die Schuhe des GEZ- Helden, die Tür fliegt auf ohne zu Klingeln und eisiger Wind peitscht herein.
„Arschloch“, rufe ich ihm hinterher, „es wird kalt!“
Draußen heult eine 2- Liter- Maschine auf und kurze Zeit später brettert die Heckschleuder über die große Kreuzung. Die Ampel zeigt schon lange rot, als sie ihn frontal ablichtet.
„Hoffentlich in Full- HD“, denke ich mir.

„Komm Murat“, rufe ich, „wir müssen Abrechnung machen!“
Er guckt geduckt um die Ecke, „wie immer?“, fragt er vorsichtig.
„Wie immer“, antworte ich.
Er schaltet den Plasma- Fernseher an und legt die DVD mit der dritten Al Bundy- Staffel ein, die Ferguson- Toilette rauscht männlich.
„Wer fängt an?“, fragt er.
Ohne zu antworten, sage ich „A“ und zähle in Gedanken das Alphabet weiter.
Mitten drin bei elemeno sagt Murat Stopp.
„P“, antworte ich.
“P?“, fragt er misstrauisch.
„Ja“, sage ich.
Dann blättern wir durch die sortierten Rechnungen.
„P?“, fragt er noch einmal, „haben wir nicht!“
„P wie Politesse“ sage ich feierlich und ziehe ein Knöllchen aus dem Stapel. Es ist von Murat. Ich überprüfe es sorgfältig.
„Wann war das denn?“, will ich wissen, „ach egal, was getan ist, ist getan!“

ENDE

Stockdunkster

Fortsetzung von Freu Dich nicht zu spät! (Kapitel 1), Abstelltraum (Kapitel 2), Strebergarten (Kapitel 3), Wortgeflecht (Kapitel 4), Kassensturz (Kapitel 5), Gleicheitrige (Kapitel 6), Gesichtsyoga (Kapitel 7), Übergangsbinde (Kapitel 8) und Strafstoß (Kapitel 9)

Erst weit nach Mitternacht kommen wir wieder zu Hause an. Murat hat sich zweimal verfahren, der alte Saftsack, er hat eine Orientierung wie eine Grubenlampe. Ich habe mich zweimal übergeben, ich glaube, die Bratwurst ist mir auf den Magen geschlagen. Müde falle ich in mein Bett und krieche unter die Decke. Ich erschrecke, als sich meine eisigen Füße berühren. Sofort krümme ich mich in Embryonalhaltung und schlage mir dabei die Knie unter das zitternde Kinn. Im limbischen System schwappen Endorphine über, Blutdruck und Herzfrequenz sinken impulsiv und reißen mein Bewusstsein mit sich, nur noch die Notstromaggregate laufen. Ich falle in einen wirren und kalten Schlaf, mein Atem rasselt unruhig, meine Pupillen huschen hinter den Lidern hin und her.

Die Hände tief in den Taschen vergraben, den Kopf zwischen den Schultern eingeklemmt, warte ich an der Haltestelle auf den Bus, der schon seit zwei Stunden überfällig ist. Es ist stockdunkster, nur wenige Autos sind unterwegs. Ich trete von einem Bein aufs andere und fixiere die Kreuzung, aus der er kommen soll. Das winterliche Treiben setzt eben zum Gnadenstoß an, als der Dolmus endlich um die Ecke biegt. Er blendet kurz auf, donnert durch den Schneematsch an mir vorbei und hält etwa 100 m weiter auf dem Seitenstreifen. Verblüfft bleibe ich einige Sekunden wie angewurzelt stehen, stake dann steif den blinkenden, orangenen Lichtern hinterher. Schon am Heck klopfe ich stürmisch auf das Blech, durch die vereisten Scheiben fällt warmes Licht nach draußen. In Höhe der ersten Tür halte ich an und spähe erschöpft hinein. Murat sitzt am Steuer, ich kann ihn gut erkennen trotz seiner Uniform. Er schaltet den Motor aus, die Zielrichtungsanzeige zeigt jetzt Pause. Baff stehe ich da und trommele gegen das Siliciumdioxid, doch der Eingang bleibt vernagelt wie der gegnerische Strafraum für Arminia Bielefeld. Der Osmane schaut auf, zeigt auf seine Taucheruhr und hebt dann beide Hände mit allen ausgestreckten Fingern. Zehn Minuten später bin ich steif gefroren wie ein Eistaucher im Baikalsee. Als die Tür sich endlich öffnet, nestele ich mit klammen Fingern nach meinem Portemonnaie, kaufe mir ein Ticket und taumele zu dem letzten freien Platz. Ein junges Mädchen faltet ihre Beine über einander, ich krieche ans Fenster. Sie schaut mich an und lächelt, ein Hauch von Tosca steigt in meine Nase. Irritiert greife ich in meine Manteltasche, ziehe ein Rauchendchen heraus und beiße ab. Dann geht die Reise los, wie ein Silberfisch gleiten wir durch die Nacht, die Scheibenwischer kratzen dicke Flocken zur Seite und geben den Blick frei in die schwarze Unendlichkeit. Ein dumpfer Knall zerschneidet mit einem Mal das Brummen des Motors, der Bus bremst abrupt und kommt mitten auf dem Zebrastreifen zum Stehen. Tosca rutscht auf ihrem Sitz näher an mich heran, um besser sehen zu können. “Scheiße, scheiße, scheiße”, höre ich Murat sagen. Kurze Zeit später öffnet er mit einem Zischen die vordere Luke und steigt hinaus. Stimmenfetzen wehen herüber, groteske Schatten spielen Fangen, als ein weiterer dumpfer Knall durch die Nacht hallt. Dann ist Ruhe. Endlich tritt der Kutscher mit lautem Poltern und Stampfen wieder ein. In der einen Hand hält er einen toten Schneemann, in der anderen eine doppelläufige Flinte. Der Wind hat aufgehört zu wehen und die Schneeflocken verharren regungslos in der Luft.

Durch einen Spalt in der Tür schiebt sich ein größer werdender Lichtkeil in mein Zimmer. Ich halte den Atem an und kneife die Augen zusammen. Es raschelt und murmelt, dann fällt der Schnappriegel wieder ins Schloss. Die Bratwurst in meinem Magen dreht sich noch einmal um.

Es kommt hier noch schlimmer!

Übergangsbinde

Fortsetzung von Freu Dich nicht zu spät! (Kapitel 1), Abstelltraum (Kapitel 2), Strebergarten (Kapitel 3), Wortgeflecht (Kapitel 4), Kassensturz (Kapitel 5), Gleicheitrige (Kapitel 6) und Gesichtsyoga (Kapitel 7)

Es dämmert schon, als wir schweigend zurück fahren. Jeder hängt seinen Gedanken nach. Längst glaubte ich, Ayse vergessen zu haben. Zumindest wollte ich das so, seit ich sie im letzten Herbst einmal an der Kasse im dm- Markt getroffen habe. Wir haben lange süß geplaudert, bis ich bemerkte, dass sie eine große Packung Kondome mit Fruchtgeschmack und ein Döschen Kieselsäuretabletten auf das Band legte. Ab da war es mit der Träumerei aus und vorbei, vergessen und verloren. Nie wieder. Ich brachte keinen Ton mehr heraus und knallte stumm den Trennstab hinter ihre Lustartikel. Verzweifelt griff ich nach einem Karton Slipeinlagen aus dem Sonderangebot und legte es zu meinen Nasenhaarschneider, der Zahnseide und der Anti- Grau- Tönung. Ohne auf mein Wechselgeld zu warten, verließ ich den Ort der trügerischen Eitelkeiten. Aber jetzt merke ich, dass Ayse mir doch wieder durch den Sinn huscht. Tausend kleine schillernde Momente fallen mir ein. Wie ihre dunklen Augen funkeln, ihr Lachen strahlt oder sie ihre langen Haare zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand zwirbelt. Ich denke an die kleinen Grübchen auf ihren Wangen, wenn sie lacht. Die Luft flimmert zart und ihre Nasenflügeln vibrieren ganz sanft, wenn sie spricht. Ich blicke zu Murat und muss husten. Er raucht schon die dritte steuerfreie Tabakfackel, die er Stangenweise von Renzo kauft. Das Zeug qualmt wie ein isländischer Vulkan, die Sicht ist schlecht. Plötzlich taucht dicht vor uns eine riesige Gemüsepfanne in dem Nebel auf. Murat stampft mit beiden Galoschen auf das Bremspedal, reißt hupend das Lenkrad herum und flucht wie ein betrogener, arabischer Kamelhändler. Dann prügelt er ohne zu kuppeln knatschend den zweiten Gang rein und treibt unsere Droschke auf der linken Spur Zentimeter für Zentimeter an den Tiefkühlwagen heran. Aug in Aug mit dem Bofrostmann rauscht er an unserer Ausfahrt vorbei. Ich wische die Scheibe frei.

Über eine schier endlose Landstraße fahren wir nun durch dichten Nebel. Ich suche nach Lichtpunkten in der Dunkelheit, doch selbst die Scheinwerferkegel unseres Rapids werden nach etwa zwei Metern unbarmherzig wie von einem riesigen, schwarzen Maul verschluckt. Die Tankanzeige ist schon lange im zweiten Untergeschoss angekommen und blinkt hektisch. Die Chance, lebend gefunden zu werden, wenn uns jetzt der Sprit ausginge, gleicht einer homöopathischen Hochpotenz. Ich taste nach dem Reservekanister hinter meinem Sitz, um festzustellen, dass ich ihn im Heizungskeller vergessen habe. Nervös hält Murat auf einer kleinen Anhöhe an. Ich drehe das Radio stumm, gehe nach hinten, setze mich auf die Laderaumkante und lausche Minuten lang mit spitzen Ohren der Finsternis. Hier und da glaube ich, etwas zu hören, aber es ist zu weit entfernt um herauszufinden, was es ist. Mit einem Mal werden die Geräusche lauter. Es ist, als habe jemand eine Tür geöffnet. Schweres, dumpfes Grollen wabert zu uns herüber. Dann erkenne ich den Rhythmus: Es ist Smoke on the water von Deep Purple! Ich peile den Kurs der Musik an, aber das ist hoffnungslos unter diesen Bedingungen. Vorsichtig lässt Murat den Wagen den Hügel hinunter rollen, es gibt eh nur zwei Richtungen: Die, aus der wir gekommen sind und die, in die wir fahren. Wie beim Blinde Kuh- Spiel tapsen wir voran, der lauter werdenden Musik entgegen. Nach endlosen Minuten, die langsam wie Adventssonntage im Nieselregen verrinnen, biegen wir auf einen Schotterparkplatz ein und stellen den Wagen ab. An einem Gebäude flackert im staubigen Fenster blass- grau ein Open– Schild, Fetzen von Child of vision wehen uns entgegen. Wir gehen hinüber, öffnen die Tür und betreten einen zum Bersten gefüllten Wirtsraum. Dichte Rauchschwaden schlagen uns entgegen. Wir schieben uns durch das Menschengetümmel, quetschen uns nahe der Theke zwischen tump dreinblickende Treckerköpfe und blicken uns stumm um. Tropfkerzen verhüllen Flaschen mit grotesken Mänteln, Kunstblumen blühen wie frisch verliebt und Häkeldeckchen auf den verharzten Tischen erstrahlen in Persilweiß. Graue Greise gehen hüftsteif die steilen Stufen zu den moosgrün gefliesten Toiletten hinab und kommen als windelnasse Jungspunde wieder herauf. Es wirkt, als seien die, die noch Frittenfett im Tank ihres Strich- 8er hatten, heute Abend in die Stadt gefahren. Alle anderen sind noch hier: der Horn bebrillte Bürgermeister in Cordhose, der blasse Vorsitzende der Taubenzüchter, der pralle Schatzmeister vom Kaninchenzuchtverein „Deutsche Riesen“, die gesamte örtliche Bewegungssportgruppe -Abteilung Ausdruckstanz- und die aktive Frauengemeinschaft von den Weight Watchers. Erinnerungen an den wild gewordenen Mob auf der Messe werden in mir wach. Auf einer kleinen Bühne spielt eine Band guten, alten Rock. Und wir mittendrin.

„Was trinkt ihr?“, fragt uns eine blondierte Zapfhenne hinter dem Tresen, die nach Tosca riecht. „Ein Guinness“, schreie ich durch den Bassdschungel. „Was ist das denn? Das kenne ich nicht!“ „Dann bring mir ein Pils. Habt ihr das?“ Ich warte nur noch darauf, ein Wicküler zu bekommen und in DM bezahlen zu können. Kurze Zeit später stellt sie mir einen großen Glashumpen auf den Tisch und für Murat ein Wasser, er muss ja noch fahren. Sie macht ein X und ein U auf den Deckel. „Habt ihr auch was zu essen?“, frage ich sie. „Da musst du hinten raus, da wird gegrillt!“ Draußen ist nicht viel los, eine Frau in weißer Kittelschürze hinter einer Biergartengarnitur dreht grade Würstchen und riesige Fleischlaken um. Ich bestelle eine Bratwurst mit Kartoffelsalat. „Hausgemacht“, wie sie extra betont. Bei der  Portion, die ich bekomme, hätten selbst alle Hunde aus dem Tierasyl noch mitessen können und wären satt geworden. Mit einem Wagenrad großen Teller gehe ich wieder hinein. Murat ist eingeschlafen, die Band spielt Dr. House is dead und ich frage mich, ob er an der Portion gestorben ist oder ob er hier vor Ort erschossen wurde, weil er nicht aufaß? Ich nehme grade den letzten Schluck von meiner obergärigen Kaltschale, als mir Tosca schon das nächste Einmachglas vor die Nase setzt.

Am nächsten Mittag bricht die Sonne grell durch die Ritzen der Jalousien und zeichnet Streifenmuster auf die vergilbte Blumentapete der Wirtsschänke. Ich schäle mein schmerzendes Knautschgesicht von der klebrigen Tischplatte und blicke auf. Anscheinend hat die Party gestern noch lange getobt. Überall liegen umgeworfene Stühle herum und leere Flaschen rollen über den Boden. Im Humpen vor meiner Nase ist eine Pferdebremse ertrunken, auf meinem Deckel stehen jetzt fünf X und ein U. Durch die offene Tür sehe ich die Metzgersgattin auf der Terrasse den Grill schruppen. Ich stoße Murat an, der mit einem Ohr im Kartoffelsalat auf meinem Teller liegt. „He“, rufe ich entrüstet, „wer soll das denn noch essen?“ Die Fleischersfrau schaut misstrauisch herüber, schnappt sich einen Reisigbesen und marschiert entschlossen auf uns zu. Schnell schiebe ich Murat den Deckel unter die Nase, „zahl du schon mal, ich warte am Auto auf dich!“ Grade als ich mich draußen an einer Konifere vorm Eingang erleichtere, stürmt Murat heraus. Die eine Hand umklammert eine verstaubte Flasche Chivas Regal, die ich eben noch hinter der Theke glaubte gesehen zu haben, und die andere einen original Atika- Aschenbecher, mit dem er den ganzen Abend geliebäugelt hat. Meine Augen leuchten. Schweren Schrittes trommelt die geprellte Kittelschürze hinter ihm her, ihr Atem rasselt wie Hui Buh in Ketten. „Schnell“, ruft er, „der letzte Bus fährt!“ Mühsam verstaue ich mein Gemächt, wische mir die Hände an der öligen Hose ab und springe auf den Beifahrersitz, als auch schon der Feudel gegen die Hecktür donnert.
Der Motor heult auf, der Donnerbesen faucht, wirbelnde Kiesel prasseln gegen die hölzerne Fassade des Saloons, dann schwänzelt der Rapid vom Hof. „Gib mir fünf“, sagt Murat. Und die kriegt er, als nach 100 Metern auch der letzte Tropfen Diesel aufgebraucht ist.

Was geschieht dann? Werden wir entkommen? Lest hier weiter!

Gesichtsyoga

Fortsetzung von Freu Dich nicht zu spät! (Kapitel 1), Abstelltraum (Kapitel 2), Strebergarten (Kapitel 3), Wortgeflecht (Kapitel 4), Kassensturz (Kapitel 5) und Gleicheitrige (Kapitel 6)

Noch am gleichen Abend stelle ich Murat meine neue Geschäftsidee vor und zeige ihm meine Notizen in der Chinakladde. Er ist sofort hellauf begeistert, meint aber, wir müssten diesmal „solider“ an die Sache herangehen. Großzügig lade ihn zu der Unternehmermesse ein, unter der Bedingung, dass er meinen Deckel bei Renzo bezahlt und den Laden auf Vordermann bringt. Schließlich hat er ja auch seine Kehrwoche nicht eingehalten. Er zieht eine Augenbraue hoch, schielt mich an wie Angela Merkel bei der Damenwahl, stimmt dann aber zu. Ein schlauer Kopf, mein Murat.
Am Samstag schließen wir das Geschäft schon mittags. An der Tankstelle kaufe ich noch ein Duftbäumchen und zwei Dosen Haake- Beck, während Murat volltankt und nach dem Öl schaut. Ich setze mich schon mal und suche im Radio die Vorberichtserstattung der Fußball- Bundesliga. Mit einer Packung Knistertabak und zwei Dosen Efes kommt Murat aus der Kassensauna zurück. Wir stoßen euphorisch auf unseren neuen Coup an und dieseln Richtung Autobahn los. Es ist stickig und die Fensterkurbeln drehen an beiden Türen einfach durch. Murat schwitzt hinterm Steuer, als sei Biblis A kurz vor der Endabschaltung doch noch geschmolzen. Ich biege den Ventilator ein Stück weiter zu mir. Den letzten Kilometer geht es nur noch Meterweise vorwärts, frustrierte Coffee to go- Becher säumen die Straße. Endlich rücken wir auf Platz Eins der Karawane der Parkwilligen vor, als Murat plötzlich seine Mokassins hart auf die Bremse haut. Der Wagen nickt tief vor einem Männchen in Warnweste und Sicherheitsschuhen ein, das Arm wedelnd vor unserem schnaubenden Kühlergrill steht. Ich pralle mit dem Kopf an die rotierende Windmaschine, die mir eine tiefe Blitznarbe in die Stirn schneidet und stoße einen unverzeihlichen Fluch aus. Grüne Lichtblitze sirren umher, prallen aber an der massiven Karosserie unseres Rapids ab. Der selbstständige Parkplatzeinweiser taumelt, tritt dann bleich an die Seitenscheibe und will schon einmal 5€ kassieren. Ich klopfe mein Testsieger- Shirt ab, zucke mit den Schultern und schaue Murat an. Er pflückt einen klammen Schein aus seiner Hosentasche, öffnet die Tür einen Spalt weit und reicht ihn hinaus. Ein kühler Windstoß schwappt herein. Das Parkticket könnten wir von der Steuer absetzen, ruft der Wegelagerer uns fröhlich zu. Ehe ich ihn mit dem Imperius- Fluch gefügig machen kann, gibt Murat auch schon wieder Gas und rauscht den Weg an den langen Messeblechhallen vorbei. Direkt vor dem Haupteingang quetscht er sich auf einen Frauenparkplatz zwischen zwei Twingos. Durch die großzügige Kofferraumtür stolzieren wir nach draußen. Die Sonne lacht uns zu, wir lachen uns an, umarmen uns und gehen unter bewunderten Blicken auf dem roten Teppich zum Portal. Auf einmal huscht Ayse an uns vorbei und verschwindet ebenso plötzlich im Getümmel. Mir stockt der Atem, zittrig nestele ich nach dem Einlassticket, reiche Murat seines und sprinte hinterher. Erst jetzt bemerke ich, dass ich auf falschen Wegen wandele und im Fluss der zeitgleichen Eventausstellung „Einfach Frau sein“ schwimme. Panisch versuche ich noch umzudrehen, doch ich werde vom immer dichter werdenden Strom mitgerissen in den Dschungel der pastell- farbenen Begehrlichkeiten von Schmuck, Parfüm, Dessous, Wellness und Fitness, Haartrends, Dekorieren, Urlaub, Essen und Trinken und Trennungsberatung. Die letzte Welle spuckt mich direkt in einen Pulk blondierter Perückenschafe und Beratungsopfer, die am Stand der Weight Watchers Flyer, Ernährungstipps und Punktetabellen studieren. Mitgeschleifte Ehemänner in Fußball- Trikots starren abseits an einem Bierstand auf einen winzigen Fernseher, auf dem das Livespiel um den Spitzenplatz grade angepfiffen wird. Ich erkenne Renzo und will ausscheren, kann aber keinen Halt finden und werde weiter ins Innere des Plüschtempels geschoben und auf einen mintblauen Stapelstuhl gedrückt. Die Vorsitzende des Anorexie- Verbandes „Rund war die Frau“, die einer Brausestange Konkurrenz machen könnte, hält einen Multimedia- Vortrag zum Thema „Ich esse meine Suppe nicht“ und projiziert ein verzerrtes, dünnes Kerlchen auf Wand und Decke. Diät-Assistentinnen mit der eingefrorenen Mimik eines Tauschbildes reichen grüne Tees und stille Wasser zu gedünstetem Rohkostschnitzel auf einem ungeschälten Wildreismantel. Ayse ist eh verschwunden, denke ich mir und mache ich mit den Händen ein tolles Schattenbild (ein Murmeltier!), bis ich mit Süßstoffwürfeln beworfen werde. Fluchend flüchte ich hinter einen Vorhang, als ein schriller Schrei das Gebet zerreißt und von den kalten Metallwänden jäh zurückgeworfen wird. Entsetzt drehe ich mich um und blicke in Ulla Popkens nackte Augen. Noch ehe ich sie zu ihrer Figur beglückwünschen kann, bekomme ich einen Seegraskorb um die Ohren geschlagen. Pröbchen, Rabattgutscheine, Traubenzucker, bedruckte Einkaufswagenchips, Feuerzeuge und Kugelschreiber purzeln wild umher. Es sieht aus wie in Wacken am dritten Tag des Open Air- Festivals. Der übergewichtige Modeirrtum jagt mich trampelnd aus dem Zelt. Erst am Ha-Ra- Stand kann ich sie abschütteln, indem ich mich durch ein Nest damenbärtiger doppelter X- Chromosomenträger in die erste Reihe drängele. Eine gefühlte Halbzeit später schleiche ich mit einem revolutionären neuen Putzsystem mehr und einem gefühlten Monatsverdienst weniger von dannen. Erschöpft lasse ich mich in einen Massage- Sessel fallen. Das schwarze Leder klebt schwer auf meinem durchschwitzten Shirt. Geschickt streife ich mit der Hacke meine Schuhe ab, werfe 5 Euro in den Automatenschlitz und massiere meinen geschundenen Kiefer. Ich schaue auf meine Uhr und will grade die Zwischenergebnisse auf meinem Handy abrufen, als mich vier stählerne Hände von hinten packen. Zwei stiernackige PEZ- Gesichter nicken mit offenen Mündern und schiefen Nasen zur Tür. Eine Traube geifernder Weiber umkreist mich schnell, klatscht in die Hände und skandiert synchron „Ausziehen!“ Ich denke an meine Popeye- Unterwäsche und lasse mich ohne Widerstand hinausbegleiten.
Draußen steht die Sonne schon tief, ein verführerischer Bratwurstduft liegt in der warmen Abendluft. Bargeldlos, barfuß und blinzelnd folge ich ihm über den Parkplatz, bis ich in der Ferne Murat erkenne, der quatschend mit Ayse auf der Ladekante von unserem Wagen sitzt. Ich schleiche mich geduckt an und versuche, mir mein Geld aus dem Handschuhfach zu angeln. Im Radio laufen die letzten Minuten des heutigen Spieltages, es geht in allen Stadien hin und her. Als die Bayern in der Nachspielzeit einen ungerechtfertigten Elfmeter geschenkt bekommen, schlage ich fluchend aufs Blech. Plötzlich tauchen neben mir irgendeine Drahtbürste von den Gewichtsguckern und die Hand geflochtene Picknicktasche aus der Umkleidekabine auf. Die beiden Tuppertanten steigen in ihren Twingo und brausen mit meiner Deckung davon. Im letzten Moment kann ich mich mit einem kühnen Sprung unter unseren Renault retten. Durch den Unterboden muss ich dumpf den Torjubel der sprachdefizitären Südstaatentruppe mit Migrationshintergrund hinnehmen und stoße mir fast den Kopf vor lauter Zorn. Dann stellt Murat, der Banause, noch vor dem Schlusspfiff auf einen türkischen Sender um und trällert verliebt mit Ayse Tarkan´s einzigen Hit. Jetzt stoße ich mir den Kopf. Auf ein Mal steht Murat wie ein Strauß da, schaut kopfüber durch seine Beine hindurch und sieht meine Füße unter der Stoßstange heraus ragen. Ich schäle mich unter dem Wagen hervor, „alles klar“, sage ich, wische mir die öligen Hände an der neuen Jeans ab, „der Zylinder ist wieder dicht! Wir können weiter! Pass aber diesmal besser auf!“ Murat schaut mich an wie ein Playmobil- Sultan und ein winziges Lächeln huscht über Ayse´s Gesicht.
Nächste Woche ist wieder Messe, diesmal „Mann sein“. Da gehe ich sicher hin, Gina Wild gibt Autogramme!

Doch vorher führt uns unser Weg noch hierhin