Übergangsbinde

Fortsetzung von Freu Dich nicht zu spät! (Kapitel 1), Abstelltraum (Kapitel 2), Strebergarten (Kapitel 3), Wortgeflecht (Kapitel 4), Kassensturz (Kapitel 5), Gleicheitrige (Kapitel 6) und Gesichtsyoga (Kapitel 7)

Es dämmert schon, als wir schweigend zurück fahren. Jeder hängt seinen Gedanken nach. Längst glaubte ich, Ayse vergessen zu haben. Zumindest wollte ich das so, seit ich sie im letzten Herbst einmal an der Kasse im dm- Markt getroffen habe. Wir haben lange süß geplaudert, bis ich bemerkte, dass sie eine große Packung Kondome mit Fruchtgeschmack und ein Döschen Kieselsäuretabletten auf das Band legte. Ab da war es mit der Träumerei aus und vorbei, vergessen und verloren. Nie wieder. Ich brachte keinen Ton mehr heraus und knallte stumm den Trennstab hinter ihre Lustartikel. Verzweifelt griff ich nach einem Karton Slipeinlagen aus dem Sonderangebot und legte es zu meinen Nasenhaarschneider, der Zahnseide und der Anti- Grau- Tönung. Ohne auf mein Wechselgeld zu warten, verließ ich den Ort der trügerischen Eitelkeiten. Aber jetzt merke ich, dass Ayse mir doch wieder durch den Sinn huscht. Tausend kleine schillernde Momente fallen mir ein. Wie ihre dunklen Augen funkeln, ihr Lachen strahlt oder sie ihre langen Haare zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand zwirbelt. Ich denke an die kleinen Grübchen auf ihren Wangen, wenn sie lacht. Die Luft flimmert zart und ihre Nasenflügeln vibrieren ganz sanft, wenn sie spricht. Ich blicke zu Murat und muss husten. Er raucht schon die dritte steuerfreie Tabakfackel, die er Stangenweise von Renzo kauft. Das Zeug qualmt wie ein isländischer Vulkan, die Sicht ist schlecht. Plötzlich taucht dicht vor uns eine riesige Gemüsepfanne in dem Nebel auf. Murat stampft mit beiden Galoschen auf das Bremspedal, reißt hupend das Lenkrad herum und flucht wie ein betrogener, arabischer Kamelhändler. Dann prügelt er ohne zu kuppeln knatschend den zweiten Gang rein und treibt unsere Droschke auf der linken Spur Zentimeter für Zentimeter an den Tiefkühlwagen heran. Aug in Aug mit dem Bofrostmann rauscht er an unserer Ausfahrt vorbei. Ich wische die Scheibe frei.

Über eine schier endlose Landstraße fahren wir nun durch dichten Nebel. Ich suche nach Lichtpunkten in der Dunkelheit, doch selbst die Scheinwerferkegel unseres Rapids werden nach etwa zwei Metern unbarmherzig wie von einem riesigen, schwarzen Maul verschluckt. Die Tankanzeige ist schon lange im zweiten Untergeschoss angekommen und blinkt hektisch. Die Chance, lebend gefunden zu werden, wenn uns jetzt der Sprit ausginge, gleicht einer homöopathischen Hochpotenz. Ich taste nach dem Reservekanister hinter meinem Sitz, um festzustellen, dass ich ihn im Heizungskeller vergessen habe. Nervös hält Murat auf einer kleinen Anhöhe an. Ich drehe das Radio stumm, gehe nach hinten, setze mich auf die Laderaumkante und lausche Minuten lang mit spitzen Ohren der Finsternis. Hier und da glaube ich, etwas zu hören, aber es ist zu weit entfernt um herauszufinden, was es ist. Mit einem Mal werden die Geräusche lauter. Es ist, als habe jemand eine Tür geöffnet. Schweres, dumpfes Grollen wabert zu uns herüber. Dann erkenne ich den Rhythmus: Es ist Smoke on the water von Deep Purple! Ich peile den Kurs der Musik an, aber das ist hoffnungslos unter diesen Bedingungen. Vorsichtig lässt Murat den Wagen den Hügel hinunter rollen, es gibt eh nur zwei Richtungen: Die, aus der wir gekommen sind und die, in die wir fahren. Wie beim Blinde Kuh- Spiel tapsen wir voran, der lauter werdenden Musik entgegen. Nach endlosen Minuten, die langsam wie Adventssonntage im Nieselregen verrinnen, biegen wir auf einen Schotterparkplatz ein und stellen den Wagen ab. An einem Gebäude flackert im staubigen Fenster blass- grau ein Open– Schild, Fetzen von Child of vision wehen uns entgegen. Wir gehen hinüber, öffnen die Tür und betreten einen zum Bersten gefüllten Wirtsraum. Dichte Rauchschwaden schlagen uns entgegen. Wir schieben uns durch das Menschengetümmel, quetschen uns nahe der Theke zwischen tump dreinblickende Treckerköpfe und blicken uns stumm um. Tropfkerzen verhüllen Flaschen mit grotesken Mänteln, Kunstblumen blühen wie frisch verliebt und Häkeldeckchen auf den verharzten Tischen erstrahlen in Persilweiß. Graue Greise gehen hüftsteif die steilen Stufen zu den moosgrün gefliesten Toiletten hinab und kommen als windelnasse Jungspunde wieder herauf. Es wirkt, als seien die, die noch Frittenfett im Tank ihres Strich- 8er hatten, heute Abend in die Stadt gefahren. Alle anderen sind noch hier: der Horn bebrillte Bürgermeister in Cordhose, der blasse Vorsitzende der Taubenzüchter, der pralle Schatzmeister vom Kaninchenzuchtverein „Deutsche Riesen“, die gesamte örtliche Bewegungssportgruppe -Abteilung Ausdruckstanz- und die aktive Frauengemeinschaft von den Weight Watchers. Erinnerungen an den wild gewordenen Mob auf der Messe werden in mir wach. Auf einer kleinen Bühne spielt eine Band guten, alten Rock. Und wir mittendrin.

„Was trinkt ihr?“, fragt uns eine blondierte Zapfhenne hinter dem Tresen, die nach Tosca riecht. „Ein Guinness“, schreie ich durch den Bassdschungel. „Was ist das denn? Das kenne ich nicht!“ „Dann bring mir ein Pils. Habt ihr das?“ Ich warte nur noch darauf, ein Wicküler zu bekommen und in DM bezahlen zu können. Kurze Zeit später stellt sie mir einen großen Glashumpen auf den Tisch und für Murat ein Wasser, er muss ja noch fahren. Sie macht ein X und ein U auf den Deckel. „Habt ihr auch was zu essen?“, frage ich sie. „Da musst du hinten raus, da wird gegrillt!“ Draußen ist nicht viel los, eine Frau in weißer Kittelschürze hinter einer Biergartengarnitur dreht grade Würstchen und riesige Fleischlaken um. Ich bestelle eine Bratwurst mit Kartoffelsalat. „Hausgemacht“, wie sie extra betont. Bei der  Portion, die ich bekomme, hätten selbst alle Hunde aus dem Tierasyl noch mitessen können und wären satt geworden. Mit einem Wagenrad großen Teller gehe ich wieder hinein. Murat ist eingeschlafen, die Band spielt Dr. House is dead und ich frage mich, ob er an der Portion gestorben ist oder ob er hier vor Ort erschossen wurde, weil er nicht aufaß? Ich nehme grade den letzten Schluck von meiner obergärigen Kaltschale, als mir Tosca schon das nächste Einmachglas vor die Nase setzt.

Am nächsten Mittag bricht die Sonne grell durch die Ritzen der Jalousien und zeichnet Streifenmuster auf die vergilbte Blumentapete der Wirtsschänke. Ich schäle mein schmerzendes Knautschgesicht von der klebrigen Tischplatte und blicke auf. Anscheinend hat die Party gestern noch lange getobt. Überall liegen umgeworfene Stühle herum und leere Flaschen rollen über den Boden. Im Humpen vor meiner Nase ist eine Pferdebremse ertrunken, auf meinem Deckel stehen jetzt fünf X und ein U. Durch die offene Tür sehe ich die Metzgersgattin auf der Terrasse den Grill schruppen. Ich stoße Murat an, der mit einem Ohr im Kartoffelsalat auf meinem Teller liegt. „He“, rufe ich entrüstet, „wer soll das denn noch essen?“ Die Fleischersfrau schaut misstrauisch herüber, schnappt sich einen Reisigbesen und marschiert entschlossen auf uns zu. Schnell schiebe ich Murat den Deckel unter die Nase, „zahl du schon mal, ich warte am Auto auf dich!“ Grade als ich mich draußen an einer Konifere vorm Eingang erleichtere, stürmt Murat heraus. Die eine Hand umklammert eine verstaubte Flasche Chivas Regal, die ich eben noch hinter der Theke glaubte gesehen zu haben, und die andere einen original Atika- Aschenbecher, mit dem er den ganzen Abend geliebäugelt hat. Meine Augen leuchten. Schweren Schrittes trommelt die geprellte Kittelschürze hinter ihm her, ihr Atem rasselt wie Hui Buh in Ketten. „Schnell“, ruft er, „der letzte Bus fährt!“ Mühsam verstaue ich mein Gemächt, wische mir die Hände an der öligen Hose ab und springe auf den Beifahrersitz, als auch schon der Feudel gegen die Hecktür donnert.
Der Motor heult auf, der Donnerbesen faucht, wirbelnde Kiesel prasseln gegen die hölzerne Fassade des Saloons, dann schwänzelt der Rapid vom Hof. „Gib mir fünf“, sagt Murat. Und die kriegt er, als nach 100 Metern auch der letzte Tropfen Diesel aufgebraucht ist.

Was geschieht dann? Werden wir entkommen? Lest hier weiter!

Gesichtsyoga

Fortsetzung von Freu Dich nicht zu spät! (Kapitel 1), Abstelltraum (Kapitel 2), Strebergarten (Kapitel 3), Wortgeflecht (Kapitel 4), Kassensturz (Kapitel 5) und Gleicheitrige (Kapitel 6)

Noch am gleichen Abend stelle ich Murat meine neue Geschäftsidee vor und zeige ihm meine Notizen in der Chinakladde. Er ist sofort hellauf begeistert, meint aber, wir müssten diesmal „solider“ an die Sache herangehen. Großzügig lade ihn zu der Unternehmermesse ein, unter der Bedingung, dass er meinen Deckel bei Renzo bezahlt und den Laden auf Vordermann bringt. Schließlich hat er ja auch seine Kehrwoche nicht eingehalten. Er zieht eine Augenbraue hoch, schielt mich an wie Angela Merkel bei der Damenwahl, stimmt dann aber zu. Ein schlauer Kopf, mein Murat.
Am Samstag schließen wir das Geschäft schon mittags. An der Tankstelle kaufe ich noch ein Duftbäumchen und zwei Dosen Haake- Beck, während Murat volltankt und nach dem Öl schaut. Ich setze mich schon mal und suche im Radio die Vorberichtserstattung der Fußball- Bundesliga. Mit einer Packung Knistertabak und zwei Dosen Efes kommt Murat aus der Kassensauna zurück. Wir stoßen euphorisch auf unseren neuen Coup an und dieseln Richtung Autobahn los. Es ist stickig und die Fensterkurbeln drehen an beiden Türen einfach durch. Murat schwitzt hinterm Steuer, als sei Biblis A kurz vor der Endabschaltung doch noch geschmolzen. Ich biege den Ventilator ein Stück weiter zu mir. Den letzten Kilometer geht es nur noch Meterweise vorwärts, frustrierte Coffee to go- Becher säumen die Straße. Endlich rücken wir auf Platz Eins der Karawane der Parkwilligen vor, als Murat plötzlich seine Mokassins hart auf die Bremse haut. Der Wagen nickt tief vor einem Männchen in Warnweste und Sicherheitsschuhen ein, das Arm wedelnd vor unserem schnaubenden Kühlergrill steht. Ich pralle mit dem Kopf an die rotierende Windmaschine, die mir eine tiefe Blitznarbe in die Stirn schneidet und stoße einen unverzeihlichen Fluch aus. Grüne Lichtblitze sirren umher, prallen aber an der massiven Karosserie unseres Rapids ab. Der selbstständige Parkplatzeinweiser taumelt, tritt dann bleich an die Seitenscheibe und will schon einmal 5€ kassieren. Ich klopfe mein Testsieger- Shirt ab, zucke mit den Schultern und schaue Murat an. Er pflückt einen klammen Schein aus seiner Hosentasche, öffnet die Tür einen Spalt weit und reicht ihn hinaus. Ein kühler Windstoß schwappt herein. Das Parkticket könnten wir von der Steuer absetzen, ruft der Wegelagerer uns fröhlich zu. Ehe ich ihn mit dem Imperius- Fluch gefügig machen kann, gibt Murat auch schon wieder Gas und rauscht den Weg an den langen Messeblechhallen vorbei. Direkt vor dem Haupteingang quetscht er sich auf einen Frauenparkplatz zwischen zwei Twingos. Durch die großzügige Kofferraumtür stolzieren wir nach draußen. Die Sonne lacht uns zu, wir lachen uns an, umarmen uns und gehen unter bewunderten Blicken auf dem roten Teppich zum Portal. Auf einmal huscht Ayse an uns vorbei und verschwindet ebenso plötzlich im Getümmel. Mir stockt der Atem, zittrig nestele ich nach dem Einlassticket, reiche Murat seines und sprinte hinterher. Erst jetzt bemerke ich, dass ich auf falschen Wegen wandele und im Fluss der zeitgleichen Eventausstellung „Einfach Frau sein“ schwimme. Panisch versuche ich noch umzudrehen, doch ich werde vom immer dichter werdenden Strom mitgerissen in den Dschungel der pastell- farbenen Begehrlichkeiten von Schmuck, Parfüm, Dessous, Wellness und Fitness, Haartrends, Dekorieren, Urlaub, Essen und Trinken und Trennungsberatung. Die letzte Welle spuckt mich direkt in einen Pulk blondierter Perückenschafe und Beratungsopfer, die am Stand der Weight Watchers Flyer, Ernährungstipps und Punktetabellen studieren. Mitgeschleifte Ehemänner in Fußball- Trikots starren abseits an einem Bierstand auf einen winzigen Fernseher, auf dem das Livespiel um den Spitzenplatz grade angepfiffen wird. Ich erkenne Renzo und will ausscheren, kann aber keinen Halt finden und werde weiter ins Innere des Plüschtempels geschoben und auf einen mintblauen Stapelstuhl gedrückt. Die Vorsitzende des Anorexie- Verbandes „Rund war die Frau“, die einer Brausestange Konkurrenz machen könnte, hält einen Multimedia- Vortrag zum Thema „Ich esse meine Suppe nicht“ und projiziert ein verzerrtes, dünnes Kerlchen auf Wand und Decke. Diät-Assistentinnen mit der eingefrorenen Mimik eines Tauschbildes reichen grüne Tees und stille Wasser zu gedünstetem Rohkostschnitzel auf einem ungeschälten Wildreismantel. Ayse ist eh verschwunden, denke ich mir und mache ich mit den Händen ein tolles Schattenbild (ein Murmeltier!), bis ich mit Süßstoffwürfeln beworfen werde. Fluchend flüchte ich hinter einen Vorhang, als ein schriller Schrei das Gebet zerreißt und von den kalten Metallwänden jäh zurückgeworfen wird. Entsetzt drehe ich mich um und blicke in Ulla Popkens nackte Augen. Noch ehe ich sie zu ihrer Figur beglückwünschen kann, bekomme ich einen Seegraskorb um die Ohren geschlagen. Pröbchen, Rabattgutscheine, Traubenzucker, bedruckte Einkaufswagenchips, Feuerzeuge und Kugelschreiber purzeln wild umher. Es sieht aus wie in Wacken am dritten Tag des Open Air- Festivals. Der übergewichtige Modeirrtum jagt mich trampelnd aus dem Zelt. Erst am Ha-Ra- Stand kann ich sie abschütteln, indem ich mich durch ein Nest damenbärtiger doppelter X- Chromosomenträger in die erste Reihe drängele. Eine gefühlte Halbzeit später schleiche ich mit einem revolutionären neuen Putzsystem mehr und einem gefühlten Monatsverdienst weniger von dannen. Erschöpft lasse ich mich in einen Massage- Sessel fallen. Das schwarze Leder klebt schwer auf meinem durchschwitzten Shirt. Geschickt streife ich mit der Hacke meine Schuhe ab, werfe 5 Euro in den Automatenschlitz und massiere meinen geschundenen Kiefer. Ich schaue auf meine Uhr und will grade die Zwischenergebnisse auf meinem Handy abrufen, als mich vier stählerne Hände von hinten packen. Zwei stiernackige PEZ- Gesichter nicken mit offenen Mündern und schiefen Nasen zur Tür. Eine Traube geifernder Weiber umkreist mich schnell, klatscht in die Hände und skandiert synchron „Ausziehen!“ Ich denke an meine Popeye- Unterwäsche und lasse mich ohne Widerstand hinausbegleiten.
Draußen steht die Sonne schon tief, ein verführerischer Bratwurstduft liegt in der warmen Abendluft. Bargeldlos, barfuß und blinzelnd folge ich ihm über den Parkplatz, bis ich in der Ferne Murat erkenne, der quatschend mit Ayse auf der Ladekante von unserem Wagen sitzt. Ich schleiche mich geduckt an und versuche, mir mein Geld aus dem Handschuhfach zu angeln. Im Radio laufen die letzten Minuten des heutigen Spieltages, es geht in allen Stadien hin und her. Als die Bayern in der Nachspielzeit einen ungerechtfertigten Elfmeter geschenkt bekommen, schlage ich fluchend aufs Blech. Plötzlich tauchen neben mir irgendeine Drahtbürste von den Gewichtsguckern und die Hand geflochtene Picknicktasche aus der Umkleidekabine auf. Die beiden Tuppertanten steigen in ihren Twingo und brausen mit meiner Deckung davon. Im letzten Moment kann ich mich mit einem kühnen Sprung unter unseren Renault retten. Durch den Unterboden muss ich dumpf den Torjubel der sprachdefizitären Südstaatentruppe mit Migrationshintergrund hinnehmen und stoße mir fast den Kopf vor lauter Zorn. Dann stellt Murat, der Banause, noch vor dem Schlusspfiff auf einen türkischen Sender um und trällert verliebt mit Ayse Tarkan´s einzigen Hit. Jetzt stoße ich mir den Kopf. Auf ein Mal steht Murat wie ein Strauß da, schaut kopfüber durch seine Beine hindurch und sieht meine Füße unter der Stoßstange heraus ragen. Ich schäle mich unter dem Wagen hervor, „alles klar“, sage ich, wische mir die öligen Hände an der neuen Jeans ab, „der Zylinder ist wieder dicht! Wir können weiter! Pass aber diesmal besser auf!“ Murat schaut mich an wie ein Playmobil- Sultan und ein winziges Lächeln huscht über Ayse´s Gesicht.
Nächste Woche ist wieder Messe, diesmal „Mann sein“. Da gehe ich sicher hin, Gina Wild gibt Autogramme!

Doch vorher führt uns unser Weg noch hierhin

Gleicheitrige

Fortsetzung von Freu Dich nicht zu spät! (Kapitel 1), Abstelltraum (Kapitel 2), Strebergarten (Kapitel 3), Wortgeflecht (Kapitel 4) und Kassensturz (Kapitel 5)

Am nächsten Mittag will ich grade zum Imbiss rüber frühstücken, als das Telefon klingelt. Irgend so ein Muttibügler von meiner Bank bietet mir gleich am nächsten Morgen beim Filialleiter ein Gespräch „zur Überbrückung meines Finanzengpasses“ an. Als wenn ich nicht arbeiten müsste! Doch dafür hat der Kopfgeldjäger kein Verständnis und verweist mich spröde auf meinen Kontostand im vierstelligen Soll.

Tags drauf betrete ich in aller Herrgottsfrühe um 9.30 Uhr den Marmorpalast in der Innenstadt. Die Schlipsfressen und Kostümmäuse eilen emsig hin und her, holen Formulare aus Apothekerschränken, kopieren doppelseitige Diagramme, tippen Zahlenkarawanen in den Computer, schütteln mit dem Kopf und kritzeln Formeln auf einen Notizklotz. Weit und breit kein einziger Kunde zu sehen, da hätte ich auch im Laden bleiben können. Trotzdem dauert es geschlagene 15 Minuten, bis einer dieser Blattwender auf mich aufmerksam wird. Nach einem Umweg am Wasserspender vorbei steht er jetzt grinsend vor mir. Die Sakkoschwuchtel tackert zweimal mit dem Kugelschreiber und lässt ihn dann in der Brusttasche seines Nadelstreifenkittels verschwinden. Ich könnte ihm gleich eine reinhauen für so viel Arroganz. Mit einem lauten Knall lege ich ihm einen abgewetzten Jutebeutel auf den Mahagonitresen. „Vollmachen“, sage ich, „sonst fliegt dein GTI in die Luft!“ Mein Daumen spielt dabei nervös mit der Schlüssel- Fernbedienung von unserem Geschäftswagen. Der hobbylose Geldazubi glotzt mich mit großen Augen an, sein Fluchtkinn zittert dabei. Westerwelle dicke Pickel bilden sich auf seiner Stirn, platzen auf und drücken zähen Eiter aus zerfurchten Kratern. Ich grinse ihn an und zeige darauf, „das sollten Sie mal behandeln lassen! Das sieht scheiße aus!“ Mit schweiß nassen Pfoten betatscht er seine schüttere Haarlichtung. „Ich habe einen Termin mit eurem Herrn Ackermann, seine Zeit ist sicher auch Geld!“, setze ich meiner Forderung jetzt Nachdruck und scheuche ihn mit einer wischenden Handbewegung zu der Schuss sicheren Glastür im hinteren Teil des Tempels. Seine schwarzen Lackschühchen bewegen sich nur mühsam rückwärts, bis ich auf die Fernbedienung drücke und fröhlich „Peng!“ rufe. Dann drehen sie sich um und rennen. Keine zwei Minuten später sitze ich entspannt bei einem Kaffee an der Front. Der graue Finanzminister referiert etwas von nötigen Investitionen, Sicherheiten, aktuellem Zinsniveau, Renditen und Riestern. Seine goldene Uhr spiegelt das einfallende Sonnenlicht dabei wild durch den Raum, ich schaue neugierig hinterher. Als ich grade in meinen Muckefuck puste, bleibt mein verschwommener Blick an einem Bild an der Wand hängen. Oma Eusebia drischt grade mit ihrem Nudelholz auf den armen Lupo ein. Mir schießt mein alter Spitzname wieder durch den Sinn. Murat hat ihn mir gegeben, weil ich wie sie keiner Bank traute und mein Geld lieber in einem Sparstrumpf unter der Matratze aufbewahrte. Stattdessen war ich so doof, die Knete beim Hütchenspiel in Amsterdam zu verzocken. Ich könnte heute noch schwören, beschissen worden zu sein. „Depotumschichtung“ und „Hedgefonds“ brabbelt der Dukatenscheißer mit der gewichtigen Rolex durch den Park von Fuxholzen.

“Leihen?”, schreit Eusebia, “Dir? Nein, mein Lieber! Wenn du Geld haben willst, musst du es verdienen!” “Aber Oma, es ist doch nur, weil … Lupinchen hat Geburtstag!”, stammelt Lupo. Aber Oma Cholerika kennt kein Erbarmen und jagt ihren nixnutzen Enkel zum Haus heraus. Der arme Kerl will nur noch zurück in seinen Mäuseturm, springt in sein Auto und braust davon. Nichts wie weg!

Der Dukatenesel im Ledersessel mir gegenüber holt währenddessen zum alles entscheidenden Schlag aus, jetzt müssten wir das Griechenlandpaket fest schnüren. Als ich dem Währungskommissar unseren Renault Rapid als Sicherheit in Aussicht stelle, quasi als Schuldenbremse, schwillt ihm der Krawattenhals. Rot wie die erste Periode einer Novizin nestelt er an dem engen Knoten herum und röchelt nach Luft. Ich schnappe mir einen Flyer mit Freikarten für die Existenzgründermesse von seinem Glastisch, lege ihm meine Visitenkarte als Ersatz hin, gehe zur Tür und rufe die Drückerkolonne herbei.

Draußen am Imbiss wartet schon ein hellenisches Fleischfrühstück auf mich. Der Bofrostmann ist auch da und bestellt sich ein Wasser. Ich lade ihn ein, er hat mir mal das Leben gerettet.  Renzo schreibt alles auf meinen Deckel. Gut gelaunt fahre ich nach Hause. Das Radio spielt „Einfach sein“.

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Kassensturz

Fortsetzung von Freu Dich nicht zu spät! (Kapitel 1), Abstelltraum (Kapitel 2), Strebergarten (Kapitel 3) und Wortgeflecht (Kapitel 4)

An einem dunklen und lausigen Abend sitze ich mit unserer Geldkassette in unserer kleinen Küchennische. Heute ist ein besonders schwarzer Freitag. Keine Menschenseele hat sich in unseren Laden verirrt, den wir vor etwa drei Wochen eröffnet haben. Ich stecke den Schlüssel ins Schloss und drehe ihn um. Im Dunklen kullern ein paar Silberlinge herum und eine Handvoll Kupfer hockt um einen kleinen geknickten Zettel. Sonst nix. Ich nehme ihn heraus und falte ihn auf. In seiner krakeligen Schrift hat Murat etwas notiert, das jede Grundschuh (!)- Referendarin zum freiwilligen Exil im analphabetischen Neustrelitz getrieben hätte. Ich rufe ihn kurzerhand an. Besetzt. Dann wähle ich die Nummer seines Bruders. Irgendwo in Istanbul geht einer dran. Ich höre gutturales Geschnatter und ein rasselndes Dönermesser. „Murat“, schreie ich gegen einen Flachbildschirm an, der im Hintergrund die türkischen Top40 plärrt, „bist du das?“ Es rappelt furchtbar und röchelt wie eine Klospülung in der Sommerdürre. Eine Männerstimme ruft seinen Namen rüber zum europäischen Teil der Stadt. „Efendim?“, kräht es durch die Leitung. Plötzlich ist der Draht still. Entnervt schleudere ich den Telefonknochen auf den Tisch, knülle den Zettel und versenke ihn über Bande in der Rundablage. Ich mache mir ein Efes- Bier auf, das einzige Gesöff, das ich in diesem Imbiss hier finde. Herb rinnt es meinen Bosporus hinunter und bringt im Marmarameer eine griechische Thunfischflotte auf, die verbittert Gegenwehr leistet. Kaum haben sich die Wellen ein wenig geglättet, stoße ich kräftig ins Nebelhorn. Der tranige Nachgeschmack lässt mich schwindeln. Rudernd suche ich Halt an der dämlichen Rattangarderobe, die uns Murats Eltern stolz zur Einweihung geschenkt haben. Wie ein angeschlagener Boxer umklammere ich das gebeizte Peddigrohrmöbel und taumele damit schwankend hin und her. Das Kilo schwere magische Auge an der goldenen Panzerkette, das darin baumelt und uns vor bösen Blicken und Wasserrohrbrüchen schützen soll, gerät in hektische Rotation und trifft mich hart an der Schläfe. Mein rechtes Auge schwillt ohne Nachzudenken spontan zu und ich pralle mit dem Schädel auf den Glastisch. Der Krümelsauger poltert herum und starrt giftig auf die Unordnung. Hyperventilierend schnappe ich nach Luft. Unbeeindruckt und erbarmungslos zählt mich die Schwarzwälder Kuckucksuhr über der Tür an, erst das Piepsen der Eieruhr bewahrt mich in letzter Sekunde vor dem endgültigen Knockout. Noch benommen stemme ich mich in der zweiten Runde empor und greife nach dem Henkel der Geldkassette. Blind vor Schmerz verpasse ich erst der Jackensäule einen schnellen Jab und schließlich dem Meisterwerk taiwanischer Uhrmacherei einen tödlichen Uppercut. Der Kleiderständer sackt in sich zusammen wie ein Osterfeuer und der heimische Vogel piepst ein letztes Mal, ehe er im dichten Qualm erstickt.
Ich gönne mir einen weiteren Schluck Efes, schüttele mich und drücke die Wahlwiederholungstaste. Aus der Küchenschublade klingelt irgendein Asi- Rapper mit abgebrochener Baumschule vom Typ Sido, Bushido oder wie die Hackfressen heißen. Ich habe Murat schon tausend Mal erklärt, dass er sich damit in den falschen Gegenden jede Menge Ärger einhandeln kann, wenn sein Handy klingelt und er es nicht dabei hat. Wie will er mich dann anrufen, damit ich ihn aus der Scheiße wieder raushole? Soweit denkt der Muselmann wieder einmal nicht und jetzt haben wir den Salat. Es sieht hier aus wie Hulle, er hat Kehrwoche, treibt sich rum und ich muss zusehen, wie ich den Laden über Wasser halte.

Wie geht es weiter? Das erfahrt ihr hier!

Wortgeflecht

Fortsetzung von Freu Dich nicht zu spät! (Kapitel 1), Abstelltraum (Kapitel 2) und Strebergarten (Kapitel 3)

„Nun komm schon, du alter Schisser“, rufe ich Murat zu, „wovor hast du Angst? Da springt keiner raus und packt dich!“ Vorsichtig wie ein Fahranfänger tritt er Schritt für Schritt neben mich. „Buh!“, mache ich, noch ehe er einen Blick in das Fass werfen kann. Murat springt drei Meter rückwärts. Kreidebleich steht er im Türrahmen, sein verwaschenes „I love N Y“ – Shirt klebt klamm auf seiner Haut. Er starrt mich mit Melonen großen Augen an, als wäre ich ein 3 – Zentner- Blindgänger aus dem 2. Weltkrieg. „Na, dann muss ich eben alleine ….“, lache ich auf, halte dann aber inne. „Murat! Sche-Herz!“, rufe ich und halte harmlos meine Hände nach oben. Zögerlich tapst nach er vorne und lugt misstrauisch über den Beckenrand. Dumpf klappt sein Kinn nach unten, als er die bunten Plastikbausteine erblickt, kleine ekstatische Stromimpulse durchzucken seinen Körper. Begeistert greift er bis zu den Ellenbogen hinein, wühlt drin herum und schaufelt schließlich einen achter Leuchtstein nach oben. Sofort rennt er nach hinten und kramt laut in einer Klappkiste nach einer 4,5 Volt – Flachbatterie. Stolz, als habe das Osmanische Heer Wien doch noch eingenommen, kehrt er im Schein der mattgelben Soffitte zurück. „Sie brennt sogar noch“, sagt er mit breiter Brust, „weißt du noch, was wir damit alles gebaut haben?!“ „Na klar“, rufe ich glückselig zurück, „du hast den Stein als Scheinwerfer in mein Polizeiauto gebaut!“ Murat umschließt den Noppenquader sanft in der hohlen Faust und linst hinein, „willst du auch mal?“, fragt er. Vorsichtig blinzele ich durch den Spalt zwischen seinen Fingern, sie riechen nach Marlboro und Hammelfleisch. „Dann war er eines Tages weg, Mama hatte gesaugt“, sage ich mit erdrückter Stimme. Murat versteift, schaut verlegen zu Boden und lässt die Hand sinken. „Was ist?“, will ich wissen. „Weißt du, das war …“, stammelt er, „das war … nicht der Staubsauger. Ich habe ihn versteckt, weil ich auch einen haben wollte!“ Dann hält er mir den Lichtwürfel hin, „hier, er gehört dir!“ Ich blicke ihn an und muss ihn einfach umarmen, „komm, wir schauen, ob wir noch einen finden!“ Gemeinsam stoßen wir hinab bis zum Grund der hölzernen Trommel, rühren und rieseln winzige Einer, blaue Vierer und breite Achter, zerbrochene Fenster und Räder ohne Reifen und sogar einen noch selteneren fluoreszierenden Sechser empor. Schließlich schütten wir die ganze Litfasssäule aus und kramen fieberhaft herum. Dann materialisiert sich der Glimmblock überraschend wie von selbst aus den unendlichen Weiten der Legogalaxien. Ganz unerwartet liegt er da, als sei er nie weg gewesen. Ich jubele glucksend in mich hinein und Murat strahlt wie ein kleiner Junge am Weltspartag, dem ein greiser Filialleiter für seine gesammelten 47 Kupferstücke einen schielenden Plüschhasen überreicht. Vergnügt bauen wir unsere große Feuerwache mit Hubschrauberlandeplatz und Garage für den Notarztwagen nach den originalen Aufbauanleitungen von 1982 wieder auf. Beschwingt geht Murat zum Radio und schaltet es ein, Udo Jürgens steht im Neon hellen Treppenhaus. Keiner von beiden war schon einmal in New York. Dann, wie auf ein verabredetes Kommando, singen wir beide mit: „Einmal verrückt sein und aus allen Zwängen flieh’n!“ Schlagartig vermisse ich meinen Keinohrhasen und verstumme. Murat dreht das Radio leiser, zündet sich eine Zigarette an und bläst den teerhaltigen Fall- Out zur Decke, von wo sich der giftige Niederschlag langsam über uns senkt. Draußen dämmert es inzwischen, Nieselregen rinnt mäandernd die Schaufensterscheibe hinunter. Unten bildet er dicke Pfützen, die sich dann wie Lemminge vom Marmorsims stürzen. Jeder Tropfen reißt ein blutiges Stück aus meiner Leber. Unwillkürlich taste ich nach der Narbe auf meinem rechten Oberbauch. Mit dem Fingernagel spiele ich an der Borke und schaue schmerzverzerrt aus dem Fenster. Passanten huschen mit Schirmen von Dach zu Dach, in der Mitte des kleinen Platzes tritt der Brunnen über die Ufer. Ein altes Kaugummi taumelt in den Wogen. Der Regen nimmt zu, peitscht es wild umher und drückt es immer wieder komplett in die schlammige Brühe, bis die Springflut es mitreißt und in den Strom schleudert. Prustend und schnaubend taucht es nach bangen Sekunden wieder auf. Haltlos saust der Beißbrocken jetzt in einem wahnsinnigen Tempo dahin, überholt einen Kronkorken und einen durchweichten Aldi-Prospekt. Plötzlich ragt ein umgeknickter Ast gefährlich ins tosende Wasser, ein rechtsdrehender Strudel öffnet gierig seinen Schlund, Wellen türmen sich Zentimeter hoch auf. Mit der Verzweiflung eines zum Tode verurteilten Gefangenen gelingt es ihm in allerletzter Sekunde, sich an einer mitströmenden Pommesschale festzuklammern und an Bord zu klettern. Mit rasselndem Atem schaut das Schmatzstück in den schwarzen Himmel, Wolken huschen vorbei wie der Berufsverkehr auf der Hauptstraße. Erschöpft rutscht es an der bunten Kunststoffgabel herunter und landet in einem ranzigen Mayonnaiserest. Es hört das leise Gurgeln des herannahenden Gullys nicht.
Unerwartet schwillt das Gluckern zu einer donnernden Toilettenspülung an. Ein Wind bläst mir steif ins Gesicht, ich blicke mit dem Schrecken eines überraschten Liebhabers auf. Meine Gedanken zerplatzen wie Seifenblasen im Kinderzimmer, als ich Ayse in der offenen Tür stehen sehe. Sie hält eine völlig durchnässte Kuchenpappe in ihren Händen. Dicke Fäden tropfen ihr von ihrer Nase und aus den Haaren. Dann hält sie uns das Gebäckpaket entgegen, „alles Gute zur Eröffnung“, sagt sie, lächelt süß wie Paris Hilton in Gummistiefeln und ich kann gar nichts dagegen tun.

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Strebergarten

Fortsetzung von Freu Dich nicht zu spät! (Kapitel 1) und Abstelltraum (Kapitel 2)

Ich stehe auf und gehe am versteinerten Murat vorbei. Entschlossen schnappe ich mir die herum liegenden Bierflaschen, sammle sie in den Kasten zurück und stelle ihn dem kleinen Muck genau vor die Füße. „Musste das sein?“, frage ich ihn, „du weißt genau, dass heute Eröffnung ist!“ Murat starrt weiter in den hohlen Raum, ein bisschen Sand rieselt ihm aus den Haaren und lässt mich vermuten, dass er noch nicht ganz mumifiziert ist. „Wie siehst du überhaupt aus?“ „Also, ich, äh …, du hast …“, stammelt er sich in den Schnauz. „Ach, red jetzt keine Opern, hilf mir mal, ich krieg das Fass hier nicht auf. Bin mal gespannt, was ich da günstig ersteigert habe!“ Wortlos überreicht mir Murat die Spitzhacke. Mit einem einzigen gezielten Hieb schlage ich den Deckel ab. „O’zapft is!“, verkünde ich stolz, klettere über das Splitterholz und linse in den Container. „Ich glaub’s nicht“, rufe ich, „Murat, komm her, das musst du dir unbedingt anschauen!“ Unsicher stolpert er zu mir, den Kopf dreht er dabei nach hinten, als könne jeden Augenblick ein Flaschengeist erscheinen und ihn zur ewigen Knechtschaft zwingen.
Plötzlich steigt süßlicher Rauch empor und wirbelt immer schneller durch unser Lager. Zitternd stehen wir da, helle Lichtpunkte sausen wie Schneeflocken im Sturm auf uns zu. Murat weicht erschrocken zurück, ich greife nach dem Klappspaten und halte ihn abwehrend vor das Gesicht. Die Wucht des Tornados reißt ihn mir aus den Händen, scheppernd fliegt er durch den Laden und schlägt das große Schaufenster ein. Dumpf höre ich Murat hinter mir kreischen und drehe mich erschrocken um. Er schwebt in der offenen Tür und strampelt verzweifelt, die Füße etwa 50 cm über dem Boden. Ich will ihm zu Hilfe eilen, als mich mit einem Ruck der rasende Nebel packt, in die Höhe reißt, im Kreis herum schleudert und mit einem Drei- Punkte- Wurf gekonnt in das enge Fass einnetzt. Mit einem lauten Rums schlägt der Deckel über mir zu und verdunkelt die Welt. Minuten lang geschieht nichts, ich höre nur meinen eigenen Atmen von den Holzwänden widerhallen, die Luft ist schwül und stickig. Schließlich schiebt sich Totenstille zwischen die Ritzen.

„Schneller, die Oase ist nicht mehr weit“, schreit er mir ins Ohr. Ich blicke stumm auf. Die Wüste flimmert wie die A2 im Gegenlicht vor den Kühltürmen des Kohlekraftwerks. Müde und schwer setze ich einen Fuß vor den nächsten. Dann endlich keimen die ersten Palmenblätter am Horizont. Vor Aufregung stolpere ich eine Senke hinunter. Die kühle Hoffnung rollt sich zusammen wie eine Leinwand am Ende des Dia-Abends. „Nein“, stammele ich und sinke auf die Knie. Mit beiden Händen greife ich in den glühenden Sand und schmeiße ihn in die Luft. Ich kneife die Augen zusammen und ziehe die Schultern hoch, als er wie ein Meteoritenschauer auf mich herunter prasselt. Zornig schüttele ich mir den Kies aus den Haaren. Mein kleiner Mann ruft wieder: „Los, raff dich auf! Du schaffst es!“ Ich will ihn ignorieren. Zu oft hat er mich schon falsch beraten. Wie damals, als er meinte, ich solle mich zu diesem Kurs anmelden „Männer kochen anders“ und ich mich in einem Anti- Aggressionstraining für Akademiker wiederfand. Nur verhärmte Sozialarbeiter und Geschichtslehrer in Cordhosen. Das war vielleicht ein Reinfall. Ein anderes Mal drängte er mich zu einem Niederländisch- Sprachkurs und dann war ich im Urlaub doch wieder im Harz. Aber diesmal hat er wahrscheinlich Recht. Hier Burgen zu bauen, rettet mich nicht. Matt rappele ich mich wieder hoch. Ich blinzele in die Sonne, die erbarmungslos meinen Liquor zum Kochen bringt. Jeder Schritt gleicht dem stechenden Schmerz einer Spinalanästhesie. Mühsam schleppe ich mich durch die Senke und schon auf halben Weg höre ich das muntere Feilschen der Kamelhändler. Dann endlich tauchen Zelte aus dem Gekrümel auf und es riecht nach Bratapfel mit Zimt. „Vorsicht“, tönt es hohl in meinem Kopf. „Ruhe!“, murmele ich, „ich entscheide!“ Mit letzter Kraft krieche ich an toten Schädeln im Wüstensand vorbei bis zum ersehnten Wasserloch. Gierig stecke ich meinen Schlund hinein, in großen Schlucken saufe ich das trübe Nass. Trunken falle ich auf den Rücken, schließe die Augen und denke an die kühlen Tannen im Harz. An den trüben Sommer und die verregneten Tage in der muffigen Pension. Die alten Holzstufen knatschten und führten zu meinem kleinen und dunklen Zimmer im ersten Stock, unten wohnte die Vermieterin. Das Bad war auf dem Flur, kalt und moosgrün, wie das Wasser dieses Tümpels. Das Metallrost des Bettes quietschte bei jeder Bewegung. Der Hirsch röhrte im Dickicht und unterhielt sich mit seinem gemalten Kollegen über dem winzigen Tisch mit der Häkeldecke und den Trockenblumen im bröseligen Steckgrün. Morgens stellte die alte Hexe das Frühstück schon um 6.30 Uhr vor die Tür. Auf dem Weg zur Toilette trat ich in der ersten Nacht in die Teewurst auf dem Goldrandteller. Fluchend und humpelnd hüpfte ich über den roten Sisalläufer zum Ende des Ganges, um dann festzustellen, dass Mütterlein Gicht das Bad verschlossen hatte. Ich griff erleichternd zu der Teekanne des Herrn von Zimmer 7, als mich ein Teppichklopfer streifte.
In diesem Augenblick tritt mir ein Beduine in die Seite und zeigt grinsend seine schwarze Zahnpracht. Ich zucke zusammen, schlage die Augen wieder auf und setze mich. „Ich habe dich gewarnt“, ruft da mein kleiner Begleiter wieder, „das hast du jetzt davon.“ „Ach, halt’s Maul“, sage ich zu ihm, „Du hast mir die Suppe mit dieser Karawane doch überhaupt erst eingebrockt! Bleib doch hier, wenn du willst.“ Dann stehe ich auf und gehe auf das größte Zelt zu. Ich schiebe den schweren Baumwollstoff zur Seite und trete ein. Das Einkaufsparadies von Teppich Kibek eröffnet sich mir in seiner ganzen Pracht. Der Garten Eden des Vorwerkmannes, die Welttournee seines Kobolds, das Eldorado der Milbenallergiker. Und ich mittendrin. Der Beduine von Loch Ness betritt das Zelt. „Willst du kaufen schöne Kelim?“, fragt er. „Wie alt ist sie denn?“, frage ich zurück. „Was wie alt?“ „Die Kelim!“ „Kelim ist ganz neu! Guckst du hier“, sagt er und geht zu einem Haufen Vorleger, blättert darin herum und zupft von unten eine Katzendecke hervor. Kritisch reibe ich den Stoff zwischen Daumen und Zeigefinger. „Die kratzt ja“, sage ich, „hast du nicht etwas anderes?“ und gehe auf einen Stapel zu, den er mir bewusst nicht gezeigt hat. „Was ist denn mit dem da?“, will ich wissen und zeige auf einen alten Fetzen, der aussieht, als habe Ali Baba darauf an einem Stück die Sahara und alle arabischen Wüsten durchritten. Entgeistert guckt er mich an. „Das ist ganz besondere Teppich“, stammelt er. „Ich weiß“, entgegne ich, „aber genau den will ich! Den und keinen anderen! Was kostet er?“ „Du willst wirklich habe fliegende Teppich?“, fragt er noch einmal. „Ja.“ „Dann du musst mir gebe kleine Mann von deine Schulter!“ „Meinen Dschinn? Niemals!“, entrüste ich mich. Er geht einen Schritt auf mich zu, „gib!“ zischt er. Zögerlich fasse ich meinen kleinen Begleiter am Rockzipfel, er tanzt und tobt wie Daniel Küblböck in der ersten Staffel von DSDS. Ich greife fester zu und halte ihn am ausgestreckten Arm dem Zeltgesicht entgegen. Er will eben zupacken, da schnellt meine Hand mit dem Superstar zurück. „Und noch genügend Wasser für zwei, nein, für drei Tage dazu!“, pokere ich. Finster gucke ich in seine gierigen Augen. „Du bist schlimmer als wie meine Brüder“, knurrt er, schlägt dann aber doch ein. Schnell ruft er zwei Schergen hinein, die draußen den Teppich und den Kaktussaft bereit stellen sollen. Er selbst stopft den Dschinn in ein altes Holzfass und nagelt den Deckel zu. Dann schlägt er seinen Kaftan über den Arm und weist mir den Weg mit einer eleganten, fast Hesterschen Geste hinaus. Dort liegt mein Teppich plan im Streugut, mitten drauf glänzen drei pralle Bocksbeutel ledern in der Sonne. Die vermummten Gebrauchtwagenverkäufer stehen feixend und johlend drum herum, Schwielensohler schieben spöttisch ihre Kiefer vor und zurück. Ich bahne mir einen Weg hindurch, setze mich auf den zerschlissenen Fußabtreter und durchkämme mit beiden Händen akribisch den dünnen Flor. Hohn prasselt auf mich nieder wie Reis auf das vermeintlich glückliche Brautpaar. Nach endlosen Minuten ertasten meine Finger das, wonach ich suchte. Ich richte mich auf und mit einem Ruck ziehe ich einen goldenen Faden heraus. Unter den bass erstaunten Gesichtern der Campinggemeinde im luftigen Tuch hebe ich flatternd ab. Ein unfassbarer Jubel, wie ihn nur ein deutscher Außenminister auf dem Balkon der Prager Botschaft kennt, weht zu mir empor. Hoch oben über ihrem Outlet-Store blicke ein letztes Mal zurück und sage meinem alten Dschinn Lebewohl. Ich kann bis hier hören, wie er wütend an die Wände seines Gefängnisses pocht.

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Abstelltraum

Fortsetzung von Freu Dich nicht zu spät! (Kapitel 1)

Montag mittag steht endlich der Laster mit unserer ersten Lieferung quer auf dem Bürgersteig vorm Geschäft. Murat schaut schon seit den frühen Morgenstunden aus dem Schaufenster, zählt verstreichende Minuten und vorübereilende Passanten. Als er endlich das Butterschiff sieht, springt er panisch auf und stürzt hinaus. Ein Packer in einem bekleckerten Unterhemd surrt grade auf der Ladebühne herab. Bass erstaunt glotzt Murat auf die Palette, die sich vor seinen Augen senkt. „Voll krass, man!“, murmelt er. Wir hatten bei ebay in Österreich bei einer „Riesigen Lagerauflösung!“ zugeschlagen und gieren jetzt auf unsere Ware. Rumpelnd schiebt der Schluchtenscheißer den Hubwagen in unser Lager, lässt ihn ab und trollt sich zum Laster, einen weiteren Fichtensarg zu holen. Murat tanzt die ganze Zeit herum wie ein Derwisch zum Zuckerfest, bis ich ihn die Brechstange suchen schicke. Toni setzt in der Zwischenzeit den zweiten und letzten Holzcontainer ab, hält mir mürrisch die Frachtpapiere unter die Nase und springt dann in seine bunt beleuchtete Fahrstube zurück. Kurze Zeit später bläst der Diesel eine dicke, schwarze Rauchwolke in den Himmel und von den nahe gelegenen Bergen hallt mehrfach das Zischen der Druckluftbremse zurück. In einer Bewegung verschwindet er hinter der nächsten Ecke und Murat taucht wieder auf. „Wo bleibst du?“, bluffe ich, nehme ihm den Polenschlüssel aus der Hand und hebe damit krachend und knarzend den Deckel an. „Mach das Licht aus, hol die Kerzen und den Asti aus dem Kühlschrank“, befehle ich, „diesen Moment wollen wir genießen wie das erste Mal!“ Ich bin mir nicht sicher, ob Murat weiß, was ich meine, warte aber geduldig, bis er mit dem Stearinstengel neben mir steht. Langsam zähle ich den Countdown rückwärts, exakt bei „Null“ splittert die Paneele auseinander und poltert zu Boden. Murat haucht das Wachsfeuerchen aus und wir stehen im Dunklen. Als er das grelle Neonlicht wieder einschaltet, löst sich die Spannung auf wie eine Aspirin plus C im warmen Wasser. Ich bin mir jetzt sicher, dass er nicht wusste, was ich meine. Ungeschönt fällt unser Blick auf eine Lage aufgeweichter Faltkartons, ein feiner Pelz nagt schon in den Ecken. Mit dem Kuhfuß schiebe ich den matschigen Pulp beiseite und lande bei einer noch trockenen Schicht. Ich stutze und schaue Murat an, „was hast du da gekauft?“, frage ich. „3800 Überraschungskartons!“ Mir fällt scheppernd der Donnerbalken aus der Hand. Der Spumante flutet mir direkt ins Stammhirn und hält die Gipfelkonzentration auf letaler Plateauhöhe. Mein Augeninnendruck steigt, meine Zunge klebt am Gaumen und in meinen Ohren rauscht ein Intercity. Schaum quillt mir aus dem Maul, ungelenk schleudere ich meine Arme hin und her. Murat weicht bleich zurück, taumelt und sucht hinter dem zweiten Pritschenkoffer Deckung. Zitternd zeige ich darauf, „wa i da in?“, quetsche ich zwischen den Zähnen hindurch. „Da … da“, stammelt er, „sind Wundertüten drin!“ Dann rennt er los, das Glockenspiel über dem Eingang klingelt zart und er verschwindet in einer Schülerbrandung, die grade aus einem Bus strömt. Mit großen Augen gaffe ich ihm hinterher. Ich will ihn jagen und reißen, aber meine Beine schlurfen nur mürbe über den Boden, als habe mir ein abhängiger und hagerer Anästhesist seine Tagesdosis Fentanyl verabreicht. Krachend falle ich gegen die hölzerne Laube und rutsche an ihrer Nordwand herunter, wütende Späne schlagen mir in den Rücken.  Schwer verwundet robbe ich mich zum Bierkasten und versuche, mir mit tauben Händen ein Flasche zu öffnen. Dann holt mich der Nachtfrost, die Tür steht Sperrangel weit offen.

Am anderen Morgen liegt etwa Knie tief dichter Schnee auf den Straßen. Er hat sich schon etwa 2 Meter weit durch das Mauerloch zu mir hineingefressen und meinen Bockermann bereits bis auf den Knochen abgenagt. Ich schrecke hoch, als mir ein Schneeball genau in die Fresse fliegt. Schnaubend puste ich den Eisrotz beiseite und schaue hinaus. Draußen steht Murat, vermummt wie Tenzing Norgay beim Everest- Aufstieg 1953. Er hält einen Schneeschipper in der Hand, „na“, ruft er, „ist das ein geiles Wetter?“ Verwirrt schaue ich mich um, flüchtige Gedanken rauschen mit exakt 33 1/3 U/min um einen silbernen Mitteldorn durch meine Hippocampi. Der Tonarm setzt knackend im Jahr 79 auf, „Kiss“ stürmen grade die Charts. Wir Jungs spielen Luftgitarre auf dem Schulhof wie Paul Stanley und die Mädchen knabbern Flips auf Kellerparties. „Du Spinner, mach die Tür zu und geh in die Schule!“, brülle ich raus. Murat tritt einen Schritt näher, „alles klar, Chef?“, fragt er. Ratschend springt die Nadel auf meiner Zeitplatte ins Jahr 84. Verpickelt stehe ich mit Lederschlips beim Abschlussball, alle Bräute unter 90 kg sind schon vergriffen. Übrig bleiben nur noch Pommes-Walli mit einer vier Pfund schweren Zahnspange und einem lahmen Bein und die schnelle Schantall, die mit jedem schon mal hinterm Vorhang auf Tuchfühlung war, nur mit mir nicht. „Und es hat Zoom gemacht“, singe ich. „Das merke ich“, sagt der Kaffeeröster mir gegenüber und zeigt auf 12 verstreute, leere Bierflaschen, „hast du die alle getrunken?!“ Ich zucke zusammen und stoße an den massiven Drehteller in meinem Kopf. Der Abtastdiamant hüpft polternd über die schwarzen Vinylrillen und setzt dumpf auf wie Knight Rider beim Sprungversuch über die Berliner Mauer. Wir schreiben das Jahr 1989. Mit lautem Getöse kracht der fahrende Ritter mitten hinein. Sie fällt in sich zusammen wie ein Altenburger Kartenhaus. Ein terracotta gebrannter David Hasselhoff steigt aus, hält nach Freiheit Ausschau und tanzt dabei wie ein Braunbär auf Koks. Etwa 20000 Sandys und Mandys grölen ihm zu und werfen Strickschlüpfer auf die Bühne. Einer trifft mich hart am Kopf, ich erwache. „Murat, was ist los?“, frage ich, „warum räumst du nicht auf?“ „Chef, bist du nicht mehr sauer?“ Ich rappele mich hoch, „los, wir müssen die Ware auspacken und den Laden aufmachen! Was stehst du hier so dumm rum und hältst Maulaffen feil?“

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Hitzeschwelle

Fortsetzung von Hautnah (Kapitel 1), Space Invaders (Kapitel 2), Verkorkt (Kapitel 3), Strafzimmer (Kapitel 4), Schnurlos (Kapitel 5), Murmeltier und Sehnsucht (Kapitel 6), Holzklasse (Kapitel 7), Zurück in die Zukunft (Kapitel 8), Sucht und Ordnung (Kapitel 9), Hättichmal (Kapitel 10), Nie wieder zweite Liga! (Kapitel 11) und Traumfahrer (Kapitel 12)

Weit nach Mitternacht flackerten vereinzelt Lichter wieder auf, wahrscheinlich wurden erst die öffentlichen Gebäude mit Bruzzelmasse aus Notstromaggregaten versorgt. Der Großteil der Stadt blieb jedoch schwarz wie eine Neumondnacht in Wanne- Eickel. Ich schaute auf das Wetter-App meines Handys: Immer noch 24 Grad. Die 5- Tages- Prognose versprach steigende Temperaturen, Abkühlung erst am Samstag auf etwas unterhalb des Siedepunktes. Mit zittrigen Fingern überflog ich die Schlagzeilen der Nachrichten: Ganz Mailand war durch den Stromausfall von der Außenwelt abgeschnitten, der öffentliche Nahverkehr komplett zusammen gebrochen. Korrupte Beamte plünderten ein Freibad im Schutze der Dunkelheit und ein Video zeigte einen Kanaltaucher, wie er von einer achtlos weggeworfenen Eisenstange eines Touristen in kurzer Hose erschlagen wurde. Die Welt ist schlimm, dachte ich. Die Stadtverwaltung riet den Einwohnern daher dringend, ihre Häuser nicht zu verlassen und tagsüber die Kellerräume aufzusuchen. Das Militär hat eine Luftbrücke zur Sicherstellung der Trinkwasserversorgung eingerichtet. Aus Mitteln des europäischen Katastrophenfonds können alle Betroffenen dafür ab Montag in der örtlichen Präfektur einen Berechtigungsschein beantragen. Ohne Meldebescheinigung werde ich sicher leer ausgehen, überlegte ich, ging ins Bad und drehte den Wasserhahn am Waschbecken auf. Er würgte und erbrach sauren Schleim in die Schüssel. Auch die Dusche rotzte nur braune Brühe ins Moosgrün. Mit dem Zahnputzbecher schöpfte ich einen Schluck Hoffnung aus dem Spülkasten und stillte meinen Durst.
Aus dem Zimmer nebenan rief mich das Handy zurück, es spielte Message in a bottle von Police. Ich blätterte zu meinem Postfach,  jubelte, als ich Carlottas Nummer erkannte und klickte auf die Absenderkennung. Doch so sehr ich auch darauf herumdrückte, nichts geschah. Ich flitze noch einmal ins Bad, kramte im Kulturbeutel nach einem alten Zahnstocher und tackerte damit wild auf dem Display herum. Mit war, als forderte der Tod ausgerechnet in diesem Moment eine alte Schuld ein, die ich ihm vor langer Zeit versprochen hatte, als ich in der Kinderkur den Wurstebrei nicht essen wollte. „Hol’s der Teufel“, hatte ich damals geschimpft, ohne mir im Klaren darüber zu sein, was das denn wirklich bedeutete und wann. Verzweifelt versuchte ich nun, mit ihm zu verhandeln und bot im Tausch für diese eine SMS meine gute, alte Dampfmaschine oder meine UFO- Sammlung von 1975 an. Doch es half alles nichts, der greise Alte zeigte mir sein zahnloses Antlitz, nahm das Funknetz und die Server. Mein Kredit war abgelöst, die Publikumswette verloren. Thomas Gottschalk setzte sich zu mir auf die Couch und tröstete mich, ich sei ja noch so klein gewesen und Michelle müsste jetzt halt die kalte Stippgrütze essen. Mit einem lauten „Fuck the devil“ warf ich mein Handy in Richtung Kanal. Lautlos verschwand es in der dunklen Nacht. Dort, wo es hätte landen müssen, stieg bleicher, kalter Nebel empor. Ich schloss schnell mein Fenster, zog die Vorhänge zu, setzte mich auf die Bettkante und starrte vor mich hin. Ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte, ich hatte keinen Plan B. Hitze, Durst und Hunger belagerten die Stadt und vor meiner Tür trachtete mir der Tod nach dem Leben. Plötzlich krachte und knisterte, donnerte und dröhnte es draußen. Alle Angst und Zweifel vergessen, riss ich das Fenster wieder auf. Dort, wo eben noch eine kleine Rauchsäule waberte, züngelten bereits erste Flammen in den Himmel. Ohne nachzudenken stemmte ich im Bad mit brachialer Gewalt den Wasserkasten von der Wand, polterte damit die Treppen hinunter und rannte über die Straße. Heiße Schwefel- und Ammoniakdämpfe schlugen mir entgegen, versengten mir die Haare, bissen mich in Lunge und Augen. Mit letzter Kraft warf ich mich hindurch und schaffte es schließlich, das Höllenfeuer zu ertränken. Zischend erlosch es. „Fuck the devil“, sagte ich noch einmal, drehte mich um und ging zurück in meine Pension. Flackernde Lichter begleiteten mich auf meinem Weg.


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Nie wieder zweite Liga!

Fortsetzung von Hautnah (Kapitel 1), Space Invaders (Kapitel 2), Verkorkt (Kapitel 3), Strafzimmer (Kapitel 4), Schnurlos (Kapitel 5), Murmeltier und Sehnsucht (Kapitel 6), Holzklasse (Kapitel 7), Zurück in die Zukunft (Kapitel 8), Sucht und Ordnung (Kapitel 9) und Hättichmal (Kapitel 10)

Exakt nach dem gleichen Krankheitsverlauf wie schon zuvor, wurde ich nach einer Woche entlassen. Carlotta hatte sich in dieser Zeit nicht bei mir gemeldet und auch sonst niemand. Ein wenig enttäuscht stand ich mit meinem Gepäck und einer Fußbandage in der prallen Mittagsglut vor dem Mailänder Dom. Majestätisch schob sich der gotische Marmorbau empor. Hier auf dem Vorplatz versammelten sich mehr scheiß Tauben als Zuschauer zu manchem Heimspiel von Arminia auf der guten alten Alm. Aber das ist eine andere Geschichte. Durch das Getümmel steuerten zwei junge Mädchen auf mich zu, einen Arm wie einen Handtuchhalter unter einem leichtem Stoff verborgen, in der anderen Hand hielten sie eine Begrüßungsrose. Ich hob meinen Rucksack auf, blaffte sie an und drohte, ihnen das Kettenkarussell um die Ohren zu schlagen. Sie huschten aus einander und begeisterten direkt neben mir einen dicken Touristen mit Krücken, der über so viel italienische Gastfreundschaft ganz hin und weg war und erst im Hotel bemerkte, dass sein prall gefülltes Reiseportemonnaie ganz weg war. Ich überlegte, was ich jetzt tun sollte. Ich kannte mich ein wenig aus in der Stadt, jetzt aber wollte mir nichts Gescheites einfallen, also bummelte ich zum Naviglio Grande, dem großen Kanal von Mailand. Zahlreiche Brücken überspannten die gegenüber liegenden kleinen Uferstraßen. Dicht an dicht drängelten sich hier Bars, Clubs, Mode- und Schmuckboutiquen, Ateliers und winzige Galerien. Im schwarzen Wasser dazwischen dümpelten Restaurant- und Ausflugskähne beengt auf Reede wie polnische LKW am ehemaligen Grenzübergang Helmstedt. Morgens belagerten Reisebussrentner und Blechzeltvagabunden wie zur Maueröffnung jeden Stehplatz doppelt und am Abend stürmte die einheimische Gameboy- Generation die morschen Schaluppen, die selbst der Klabautermann sich weigerte zu betreten. Ich lehnte mich über ein Geländer und schaute Gedanken verloren einer schwimmenden Plastiktüte hinterher, als ich plötzlich Carlotta auf der anderen Seite aus einem Hinterhof die Straße betreten sah. Ich glaubte meinen Augen kaum, schrie und jubelte wie beim Unentschieden gegen Osnabrück in der Saison 2003/2004, das uns den Aufstieg in die 1. Bundesliga und den Titel „Rekordaufsteiger“ sicherte. Sie sah verdammt gut aus und ich konnte sogar auf diese Entfernung sehen, dass sie abgenommen hatte. Dann blickte sie endlich hoch, ließ ihre Tasche fallen, bekam von zwei jungen Mädchen eine Rose zur Begrüßung und wir beide rannten, ein jeder auf seiner Seite des Kanals, zur nächsten Brücke. Wir brüllten und riefen und erzählten uns die vergangenen Wochen. Die letzten Meter schon begann es zu klingeln und rot zu leuchten, dann hob sich unsere Brücke direkt vor uns empor und eine pralle Gondel mit gaffenden Ausreisewilligen schob sich quälend langsam hindurch. Ich verlor Carlotta aus den Augen, dann zerrten mich zwei Carabinieri aus dem wartenden Pulk und stellten mich dem vierbeinigen dicken Touristen gegenüber. Er nickte grimmig. Es war schon früher Abend, als ich die Polizeiwache verlassen durfte. Die Brücke war geschlossen und Carlotta wieder einmal aus meinem Leben verschwunden. Ich trank ein Bier im Scimmie und schiffte von einem verlassenen Seelenverkäufer in den Kanal. Müde suchte ich mir in der Nähe eine kleine Pension. Sie war teuer, aber ich hoffte, dass Carlotta hier im Viertel wohnte und ich sie wieder träfe. Die Lage war weniger aussichtslos als gestern, ich hatte heute wenigstens ein paar Anhaltspunkte mehr. Ich legte mich auf das Bett und klappte sofort zusammen wie ein Schulbutterbrot. Mühsam und ächzend schälte ich mich wieder hinaus. Mit dem Bit- Adapter aus meinem Victorinox – Taschenmesser schraubte ich die Tür vom Kleiderschrank ab und schob sie unter die Matratze. Herrlich. Dann schlüpfte ich unter das Labyrinth von geschichteten Bezügen und Decken und schlief einfach nur ein.

Ich will mehr!

Sucht und Ordnung

Fortsetzung von Hautnah (Kapitel 1), Space Invaders (Kapitel 2), Verkorkt (Kapitel 3), Strafzimmer (Kapitel 4), Schnurlos (Kapitel 5), Murmeltier und Sehnsucht (Kapitel 6), Holzklasse (Kapitel 7) und Zurück in die Zukunft (Kapitel 8)

Ich stieg als letzter aus dem Hogwards Express aus, den Blick suchend über die kahlen Holzbänke und den schmalen Gang zur Tür umher streifend. Doch meine vage Hoffnung, die verlorene Hälfte meines Tickets doch noch zu finden, war vergebens. Jetzt stand ich mit meinem Gepäck verloren auf Gleis 9 3/4, die Mittagshitze war selbst hier unter den kühlenden Rundbögen zu spüren. Trotzdem pulsierte die Metropole um mich herum. Überall schlängelten sich Ameisenstraßen entlang, verdickten sich einen Moment zu einer sechsspurigen Autobahn, um sich im nächsten Augenblick wieder zu trennen und zu verschiedenen Abfahrten zu strömen. Minuten lang beobachtete ich den Berufsverkehr, meinen Rucksack zwischen die Beine geklemmt. Für eine Nicht- Ameise war es die Hölle. Ich überlegte, ob ich den Rückzug antreten sollte, so sehr war ich von allem verunsichert und überfordert. Am Ende der großen Halle erspähte ich das Reisezentrum. Ich wollte eben zum Schalter gehen, um nach der nächsten Verbindung zu fragen. Plötzlich stutzte ich und starrte konzentriert zum Ausgang. War das nicht Carlotta? Sie musste gekommen sein, um mich abzuholen! Dass ich daran nicht gedacht habe, ich hatte ihr doch meine Zugverbindung mitgeteilt! Aufgeregt wollte ich los rennen, mein Herz schlug mir bis zum Steißbein, als ich über meinen Rucksack stolperte und auf das selbige stürzte. Mit Schmerz verzerrtem Gesicht kullerte ich über den Bahnsteig, mir wurde schwarz vor Augen. Sofort bildeten die Ameisen eine Traube um mich herum, ihr Anführer bellte ein paar Befehle und acht Arbeiterinnen trugen mich in ihren Bau zum Opferraum.
Ich merkte, wie jemand mir die Stirn kühlte, nur schemenhaft konnte ich das Gesicht einer Frau erkennen. Ich stellte mir vor, dass es Carlotta wäre, die mich nach einem schweren Unfall liebevoll pflegte. Drei Tage und Nächte saß sie an mein Bett und wich einzig in der Visitenzeit kurz zur Toilette. Eine Diät, die eine ohnehin wunderschöne Frau nicht gebraucht hätte. Dann, am Ende des vierten Tages, erwachte ich plötzlich und blickte in ein Lächeln, zart wie eine junge Rose. Ich versuchte ein Wort zu formen, doch meine Lippen blieben stumm. Sie legte mir ihren Zeigefinger auf den Mund und bedeutete mir, nichts zu sagen. Ich merkte, dass ich das auch gar nicht konnte, da noch ein Fallrohr dicker Tubus samt Beatmungsschlauch darin steckte. Sofort begann ich zu würgen. Hektische Piepstöne der Überwachungsmonitore schlugen über zwei Oktaven Alarm und polterten wild durch einander, als hätte ich bei Donkey Kong den Highscore gebrochen. Dann ging alles sehr schnell: Drei Sanitätsameisen stürmten in geordnetem Marsch herbei. Während zwei Arme mich absaugten, zwei den Block des Tubus öffneten und mich von dem Krötentunnel befreiten, legte mir Arm Nummer fünf eine Infusion an, sechs stellte das Krankenbett in Schocklage und die Geldspielautomaten ab. Eigentlich hätte eine Ameise dafür gereicht, überlegte ich mir. So schnell wie sie gekommen waren, verschwanden sie auch wieder.
Als ich aus meinem Dämmerschlaf erwachte, lag ich in einem großen, aber nahezu leeren Raum. Ich schaute mich um. Auf dem verloren wirkenden Nachttisch lag eine Zeitung, ich schielte auf das Titelblatt, ganz Italien fiebere dem Champions League – Finale entgegen. „Wieso“, dachte ich mir, „das habe ich doch schon vor Ewigkeiten geguckt“. Dann fiel mein Blick auf den Abreißkalender mit der Tageslosung neben dem Kruzifix und schließlich auf die Digitaluhr mit Datumsanzeige über der Tür. Irgendetwas stimmte hier nicht. Das hier war Zweifels ohne das Ospedale Maggiore in Mailand. Hier schlummerte irgendwo in einer Formaldehydlösung meine Gallenblase, das gute Stück musste ich vor knapp zwei Jahren hierlassen, ich erkannte es wieder. Heiser grübelte ich darüber nach, was überhaupt geschehen war. Aber ich kam in meiner Erinnerung immer nur bis zum Mittagessen bei Don Pascale, zur Trippa, zu Carlotta. Und bis dahin, dass ich eine Woche sterbens- und liebeskrank in meiner Sägemühle eine halbe Tagesreise entfernt von hier lag. Was aber danach kam, lag völlig im Dunkeln.

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Holzklasse

Fortsetzung von Hautnah (Kapitel 1), Space Invaders (Kapitel 2), Verkorkt (Kapitel 3), Strafzimmer (Kapitel 4), Schnurlos (Kapitel 5) und Murmeltier und Sehnsucht (Kapitel 6)

Mit Carlottas Anschrift in der Tasche stand ich in aller Herrgotts Frühe und Mutterseelen alleine auf dem einzigen Gleis unseres kleinen verschlafenen Provinzbahnhofes. Zweimal in der Woche hielt hier quietschend ein völlig überfüllter Schienenschlitten, es war die einzige Verbindung ins drei Stunden entfernte Mailand. Ich blinzelte gegen die aufgehende Sonne. Aus der Ferne konnte ich den Tross schon seit 10 Minuten schnaufen hören, jetzt endlich bog er mühsam gegen die Erdrotation um die letzte langgezogene Kurve. Als er zum Stehen kam, geriet die Welt für einen Moment in eine instabile Lage. Sensoren in Castrop-Rauxel verzeichneten ein Beben von 2,6 auf der nach oben offenen Richter- Skala, ein Kartenhaus stürzte zusammen und Oma Elli plürrte in der Zechensiedlung mit der Steckrübensuppe auf das gestärkte, leinene Tischtuch. Träge tropfte die Brühe auf den Boden, zischend und dampfend erschlug sie dabei eine Mücke, die sich über eine herunter gefallene Scheibe Blutwurst hermachte. Dat Elli wischte sich die Hände in der Kittelschürze ab und fluchte, die verklebten Gesichter an den Scheiben tauten auf. Ich balancierte mit meinen Rucksack über morsche Bretter und fand im verkokten Waggon direkt hinter der Tenderlokomotive einen Platz. Im Gepäcknetz flatterten schon ein paar Hühner, und so stopfte ich mein Hab und Gut unter die Holzbank. Langsam wie eine Wanderdüne ruckte unser schwarzer Koloss wieder an. Nach gut 20 Minuten hatte der letzte Pritschenanhänger die Bahnhofsgleise verlassen, die Pest hat sich im Mittelalter schneller verbreitet. Die Landschaft wechselte sich ab wie ostwestfälisches Wetter: Mal humpelten wir vorbei an sanft aufgewühlten Hügeln. Da Vinci wäre aus Wellen förmigen Malbewegungen gar nicht mehr herausgekommen und hätte dabei gleichzeitig die kleine Nachtmusik dirigieren können, wenn es sie schon gegeben hätte. Dann wieder balancierten wir schmale Kletterpfade empor, schroffe und zugleich abenteuerliche Felswände beugten sich zu uns herab. Einmal preschten wir über eine selbst tragende Holzbrückenkonstruktion. Mutig wie ein Bungeespringer und unbeirrbar wie Lothar Matthäus, der immer glaubte, irgendwann einmal ein deutsches Traineramt übernehmen zu können, schoben wir uns auf das fragile Mikadogerüst. Es ächzte wie ein alter Truhendeckel und bog sich in der Mitte durch, aber es hielt. Leonardo schaute stolz aus dem Fenster. Über mir gackerte es erleichtert und Federn stoben hektisch durch die Luft, als schüttele Frau Holle die Betten auf. Und schließlich durchquerten wir den letzten Finstertunnel vor der weiten Ebene Norditaliens. Die bleichen Köpfe meiner Mitreisenden begannen wieder zu schnattern. Ich hörte ihnen nur mit einem Ohr zu, mit dem anderen lauschte ich Carlottas Stimme in meinem Kopf. Ihr Lachen hatte schon beim ersten Mal ein zartes Crescendo in mir ausgelöst, begleitet von André Rieu auf seiner Quietschfiedel. Ich schloss die Augen. Mein Kopf wippte im Takt, als mich eine sonore Bassstimme ansprach und nach meinem Biglietto verlangte. Subito verstummte die Stadivari, es war Mucksmäuschen still im Konzertsaal. Übermüdete und verschwitzte Statisten drehten sich zu mir um, als er die Aufforderung wiederholte. Ich schreckte hoch, schaute in das Antlitz des Dunklen Lord und kramte hektisch in den Untiefen meines Rucksackes nach meiner Fahrkarte. Wie ein Murmeltier grub ich mich tiefer und tiefer hinein, vorbei an Tramezzini in aufgeweichten Brottüten, Ciabatta mit Marmelade, hart gekochten Eiern und einer undichten Thermoskanne. Endlich pflückte ich erleichtert eine aufgeweichte grüne Pappe hervor und reichte sie ihm Axel zuckend. Er nickte stumm und ratschte eine dicke Ecke davon ab. Ich wollte sie eben wieder in die Tasche packen, als ich feststellte, dass er Carlottas halbe Anschrift, die ich mir auf der Karte notiert hatte, abgerissen hatte! Außer Via Dora und einer fragmentarischen Telefonnummer war nichts mehr zu lesen! Entgeistert schaute ich ihm hinterher, meine Augen scannten hektisch den ganzen Subraum um mich herum ab. Ich spulte die Szene zurück, die Stimmen klangen dabei wie der Singsang verliebter Buckelwale. Dann hatte ich den Moment gefunden, stoppte und spielte ihn wieder ab: Ich gab ihm das Ticket in die Hand, er riss davon einen Batzen ab und … ließ das Stückchen einfach fallen. „Grazie“, hörte ich mich sagen. Wie Herbstlaub sah ich es noch zu Boden tänzeln. Ich starrte auf das löchrige Holzpaneel unter meinen Füßen. Pechschwarz eilten alte Bahnschwellen darunter zurück. Endlich entdeckte ich das goldene Los, den Bundesschatzbrief, das letzte fehlende Sammelbild, die Schatzkarte, den Lottoschein mit dem höchsten Jackpot seit Jack Sparrow. Ich bückte mich und behutsam streckte ich meine Hand hervor, als Oma Elli eine saubere Tischdecke auflegte und ein kräftiger Zug durch den Zug wehte. Mein Leben rutschte durch einen finsteren Spalt und flatterte davon wie eine aufgescheuchte Möwe.

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Selbstgebackenes

Gib mir zehn Minuten. Zehn ruhige Minuten nur für mich. Ohne Ansprüche, ohne Lärm. Einfach auf der Terrasse in der warmen Abendluft ein wenig verschnaufen, bei einem Bier oder einem Glas Rotwein. Lautlos zieht ein Heißluftballon vorbei, Menschen sehen von oben herab. Ich schaue hoch und schließe die Augen. Immer dann beginnt eine Reise in die wilde Phantasie. Stuff I’m going to do. Dinge, die ich noch machen möchte. Einmal, oder auch öfter. Ein Kuckuck ruft dazwischen, der dumme Vogel. Er hatte einen Streit mit einem Esel. Wenn man sonst nichts zu tun hat. Also Augen wieder zu und loslassen, Leinen loslassen. Der Wind schiebt mich sanft in meinem Boot aufs Meer. Die Wellen kräuseln sich nur leicht wie verwachsene Rentnerdauerwelle. Ich schaukele mit, sinke in mich hinein. Meine Gedanken lassen den Stress und die Hektik des Tages los, befreunden sich mit der Stille und dem kleinen Kind in mir, das diesen Sommer am liebsten auf einem Abenteuerspielplatz verbringen möchte. Im wilden Ritt, mit einem gellenden „Juchee“, auf der Affenschaukel den riesigen Hügel hinab, die Beine angezogen, bis zum Ende dengeln und soweit zurück, dass der Kuckuck staunt. Das Fahrrad liegt umgeworfen im Gras, die Hose ist grün auf den Knien, die Hände sind schmutzig wie nach der Töpferstunde.
Ruhe. Die Zeit verstreicht, der Atem verklingt, die Sonne küsst den Horizont.

Murmeltier und Sehnsucht

Fortsetzung von Hautnah (Kapitel 1), Space Invaders (Kapitel 2), Verkorkt (Kapitel 3), Strafzimmer (Kapitel 4) und Schnurlos (Kapitel 5)

Gut eine Woche nach der Einladung bei Don Pascale war ich wieder bei Sinnen. Ich hatte 5 kg abgenommen und davon die Hälfte in Bartbehaarung investiert. Jeder Yeti wäre froh gewesen, endlich einen Paarungspartner gefunden zu haben, meinem Spiegel wurde aber schwarz vor Augen. Ich nahm das verstaubte Rasiermesser vom Waschbeckenrand und schäumte meinen Kopf aus. Die Klinge musste sich mehrere Male knisternd und knackend wie ein Lagerfeuer durch unwegsames Gelände graben, ehe endlich so etwas wie ein Gesicht zum Vorschein kam. Zahlreiche Glutnester brannten rot auf meiner Haut. Rückwärts pfeifend ging ich zum alten Brunnen hinter dem Haus. Grillen und Zikaden verstummten, als ich den ächzenden Eimer hochzog. Das Wasser darin war kalt und klar wie ein Gletschersee. Ich schmiss mir zwei Hände davon auf das Lavafeld, das zischend erlosch. Mit meinem Saunagesicht ging ich in die Küche und setzte einen Espresso auf. Nach ein paar Minuten röchelte es gluckernd auf dem Herd. Ich nahm die Cafetière von der Flamme, goss mir den kochenden Schwarzsirup ein und setzte ich mich auf meine wilde Terrasse. Sie war unaufgeräumt, überall standen und lagen Fundstücke herum: Rinden, Steine, Blätter, Zapfen, Kastanien, aber für mich war es der Quell verwöhnter Momente. Hier saß ich gerne, hier bekam meine Seele Flügel und erhob sich hoch über meine alte Mühle. So weit sie blicken konnte, so sehr genoss sie jeden einzelnen Moment. Jeder Baum wurde zum Drehort, jede Wiese zum Theater, jeder Bach zum Hauptdarsteller und jeder Tag zum Happy End. Mit Ausnahme der letzten Woche, da lag meine Seele zerschunden und ausgekotzt in der Ecke. Jetzt kehrte langsam wieder Leben in die Totgesagte zurück. Ich wollte mir grade einen Glühfaden anzünden, als sie von weit oben Ermes, unseren Dorfbriefträger, mit seiner alten 72er Gilera Strada über die Serpentinen brausen sah und in mir eine stille Hoffnung weckte. Kurze Zeit später hörte ich ihn den Kiesweg hinaufdonnern. Ich hatte ihn längere Zeit nicht gesehen, eigentlich niemanden und ich fühlte mich der Sprache wieder mächtig genug. So tranken wir noch einen Cappuccino zusammen und plauderten ein wenig. Über dieses und jenes, über den Sommer und den Ausbruch der Pest in Afrika, über Don Pascale, seinen Großvater, und die Frauen im Allgemeinen. Und schließlich überreichte er mir schelmisch grinsend eine Postkarte und ich wusste sofort, dass er sie gelesen hatte. Noch bevor ich ihm eine Walnuss an den Kopf werfen konnte, sprang er spottend auf seine Postkutsche und trieb die Pferde an. Als er endlich verschwunden war, betrachtete ich die Karte: Ein Mann mit schwarzem Zylinder hielt ein blinzelndes Murmeltier ins Licht. Die Bank bebte, als ich mich setzte und mir das Herz, als ich las:

Caro amico, ich musste leider schon abreisen, ohne dich noch einmal wieder gesehen zu haben. Unseren Abend bei Don Pascale habe ich sehr genossen. Und dann warst du so plötzlich verschwunden, dass ich dich nicht einmal mehr nach deiner Telefonnummer fragen konnte! Ich habe gewartet, dass du zurück kommst. Ich habe gehofft, dass du es ernst meinst, dass Deine Empfindung für mich alles verschlingt. Ich habe geglaubt, du meinst mich, nicht die Trippa! Jetzt fühlt sich mein Herz so schwer an wie ein Stein. Mein Hunger, dich wieder in meine Arme zu schließen, brennt lichterloh in mir. Komm mich doch in Mailand besuchen. Mein Onkel weiß, wo. In Liebe, Carlotta.

Und plötzlich war mir klar, was alles durch den Magen geht.

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Schnurlos

Fortsetzung von Hautnah (Kapitel 1), Space Invaders (Kapitel 2), Verkorkt (Kapitel 3) und Strafzimmer (Kapitel 4)

Beim letzten Aufbäumen vor dem schwarzen Tod vibrierte plötzlich mein Handy …brrrt …brrrt. Dann wieder …brrrt …brrrt. Mein Blick graste fieberhaft den Raum ab, hier irgendwo musste es doch liegen, und blieb am Fenster hängen.  In der Ecke sah ich eine Mücke im Netz einer riesigen Spinne verzweifelt zappeln. …brrrt …brrrt. Tarantula schaute vergnügt ein Weilchen zu, bis der Stechschmarotzer erschöpft war, dann überwältigte sie ihn mit einer heimtückischen Wickeltechnik. Ruhe. Stille. Nach ein paar Minuten brummte es wieder, doch diesmal blieb das Netz ruhig. Zu dem dumpfen Brummen gesellte sich jetzt ein scheppernder Oberton …brrrtbop …brrrtbop. Dann entdeckte ich mein Handy auf der Fensterbank, wie es an die Scheibe klopfte, genau unter den Fängen meines arachnophobischen Traumas. Acht Augen richteten sich sofort auf das zuckende Opfer. Ich schnappte mir einen Reisigbesen und kämpfte erbittert mit der schwarzen Witwe, doch sie war gut, fast so gut wie General Grievous. Sie fauchte wild, hob drohend ihre Vorderläufe und setzte zum alles entscheidenden Sprung an. Ich stolperte rückwärts und setzte panisch mit der Glut meines letzten Teerstäbchens das Birkengezweig meiner Waffe in Brand. Sie wich einen winzigen Moment zurück, den ich nutzte, ihr mit dem Laserbesen erst einen Arm, dann einen weiteren abzuschlagen. Vor Schmerz rollte sie sich zusammen. Ich richtete ihr einen kleinen Scheiterhaufen her und zündete ihn an. Sie zuckte ein letztes Mal, bevor es zu Ende ging, es roch nach Perücke auf dem Gasherd.

Ich ließ frische Lust ins Zimmer und schnappte mir mein Handy. Ein kleiner animierter Briefumschlag teilte mir den Eingang einer SMS mit. Mit fahrigen Wurstfingern zappte ich mich durch verschachtelte Menüs, stellte dabei versehentlich das Sprachlayout auf Mandarin, musste das Gerät verzweifelt auf Werkseinstellungen zurücksetzen und löschte dabei den kompletten Telefonspeicher. Alle Kontakte, persönlichen Einstellungen, Fotos, Nachrichten und Notizen waren verschwunden. Inklusive meiner PIN und meiner eigenen Nummer, die ich unter Ich abgespeichert hatte, weil ich sie mir nicht merken konnte. Einzig den Notruf hätte ich noch absetzen können, wenn nicht der Akku in dem Moment an Überhitzung gestorben wäre.

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Space Invaders

Fortsetzung von Hautnah

Am nächsten Morgen rumpelte es laut in meinem Kopf. Draußen vorm Fenster wurden Stämme abgeladen und schlugen dumpf an einander. Eine schwere Kiste mit Eisenbeschlägen kippte vom Laster, zerbrach und verteilte klöternd ihren Inhalt auf dem ganzen Hof. Haarige Männerstimmen fluchten und zischten altlateinische Vulgärvokabeln.

Ich riss die Augen auf. Fliegende Fäden attackierten mich wie die Space Invaders. Sie wurden immer schneller und kamen näher. Ich lag starr im Bett, konnte mich nicht regen. Zuerst eroberten sie meine Zunge, dann meine Zähne und schließlich verfilzten sie meinen gesamten Mundraum. Instinktiv hielt ich die Luft an, um den Verwesungsgestank der Gefallenen nicht einatmen zu müssen. Mordor war eine Parfümerie dagegen. Schnappatmend rannte ich nach einer Viertelminute zum Fenster, schwallartig erbrach ich mich eine Viertelstunde lang davor. Ein rotes Ufo traf mich und ich sackte zusammen. Blut lief mir aus den Augen, mein rechter Arm hing baumelnd über dem Fensterbrett. Dann fiel ich in den Schlaf zurück.

Als ich aufwachte, blinzelte bereits der Abend im Auenland. Mein Schädel brummte wie der von Mario Basler nach der Nacht der legendären 1:2 Niederlage im Champions League-Finale 1999 gegen Manchester United. Ächzend schüttelte ich mir den Staub aus den Haaren und ging zur Tür. Die Luft war klar und rein, wie nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraut. Ich drehte mir eine Zigarette und pumpte die Teergase mit hohem Druck bis in die Alveolen, wo sie zu einem Gerinnsel verklumpten, das mich plötzlich und unerwartet mit 103 Jahren jäh aus dem Leben reißen wird. Ich war 46 und ließ es mir schmecken. Eben, als ich mich umdrehte, um wieder ins Haus zu gehen, entdeckte ich auf der Bank neben der Tür einen Korb. Rotkäppchen hatte ihn schön abgedeckt mit einem rotkariertem Geschirrtuch. Ich nahm es hoch, wischte mir damit die Tabakkrümel vom Mund und schaute in das Weidengeflecht. Mein Hunger starrte auf Oliven, Schafskäse, eine luftgetrocknete Salami und eine Flasche Chianti. Mein Herz stolperte über eine Hand geschriebene Karte: Danke für den wunderschönen Abend. C

PS: Diese Geschichte setzt sich hier fort

Hautnah

Die Sonne stand schief am Himmel, die Stadt versank in rosarot. Die Luft war warm und zart, Gewittertierchen tanzten im Abendlicht. Ich fuhr mit dem Auto in die Einfahrt, stellte den Motor ab, drehte das Radio lauter und schloss die Augen. Vorsichtig zitterten sanfte Klänge in meinen Ohren, dann brüllte der Bass aus den Boxen, dass die Blumen auf der Wiese mit den Köpfen nickten. Frau Amsel setzte einen Notruf ab. Bunte Lichtwellen durchzogen meine Welt und entführten mich auf eine Reise.

Ich stand in der offenen Haustür und lauschte der Stille, hinten im Garten konnte ich die Ameisen schmatzen hören. Die Zypressen am Horizont hatten noch ihre Schlafanzüge an, das Dorf erwachte erst langsam. Ich liebte diese jungfräuliche Morgenluft, die mir ein Abenteuer versprach und nach Olivenöl, Chianti und getrockneten Tomaten schmeckte. Ich ging zum Schuppen, schob die Vespa nach vorne, setzte meinen Rucksack auf den Rücken und fuhr knatternd und knirschend den Kiesweg entlang. Unten am Tor zog ich die Corriere della sera aus dem Kasten, steckte sie in meine Manteltasche und fuhr weiter. Ich wohnte etwas abseits des Dorfes in einer kleinen alten Sägemühle. Hierhin hatte ich mich meine Expedition mit meinem Wohnmobil geführt. Hier hielt ich an und blieb. Hier packte ich meinen Koffer aus und stellte meine Staffelei auf. Wie schon einmal, als ich in jungen Jahren in Mailand Kunst studieren wollte. Dann starb mein Vater und ich kehrte zurück nach Deutschland. Ich wischte mir mit dem Handrücken eine Mücke aus dem Auge. Das Dorf lag vor mir, die letzte Kurve genoss ich wie in Zeitlupe. Marktfrauen trugen frisches Obst und Gemüse aus dreirädigen Rollermobilen zu ihren Ständen. Alte Männer saßen vor ihren Häusern und spielten. Junge Ragazzi standen zusammen und zählten einen Batzen Geldscheine. Als ich um die Ecke brummte, hob Don Pascale die Hand und winkte mich zu ihm herüber. Er hatte sich in all den Jahren als echter Freund erwiesen. Die Dorfgemeinschaft hatte mich anfänglich misstrauisch beäugt, aber er hatte es durchgesetzt, dass ich als Tedesco die Mühle kaufen konnte. „Ciao, caro amico“, begrüßte er mich. Ich umarmte ihn, nickte den Anderen zu und setzte mich. Ich erzählte ihm von dem neuen Wasserrad, das mir ein Holzbaumeister aus Torino nach alten Plänen, die ich hinter einem Küchenschrank gefunden hatte, angefertigt hat. Bald würde die Mühle wieder in altem Glanz erstrahlen. Seine Augen leuchteten. Er war dort geboren und so war es mir um so mehr Ehre, seine alte Erinnerung wieder aufzubauen und mir gleichzeitig einen Traum zu verwirklichen. Er kam jede Woche mindestens einmal vorbei, immer verbunden mit einer Einladung zum Essen. Heute mache seine Frau Elena die berüchtigten Trippa alla fiorentina. Nach ihrem fantastischen Saltimbocca alla romana beim letzten Mal zögerte ich keine Sekunde und sagte zu. Wir verabredeten uns zum Mittagessen und ich schlenderte noch ein Weilchen über den Markt. Ich kaufte mir eine Schale Oliven und ein Stück Schafskäse bei Franco. Er war eigentlich Schlosser und half mir bei der Restaurierung. Die alte marode stählerne Antriebswelle hatte er wieder zum Laufen bekommen. Wir beratschlagten uns noch ein wenig, naschten Bruschette und feixten gestikulierend.
Als ich mich zum Gehen umdrehte, stand sie plötzlich hautnah vor mir, lächelte mich an und ich wusste sofort, dass dieser Tag völlig aus den Fugen gerät. Ihre Haare glänzten kupfern in der Sonne wie frische Maroni und umspielten zart ihre Wangen wie Wellen eine Muschel. Ihre grünen Augen ließen Zucchinis in den Auslagen erblassen. Es donnerte in meinem Kopf. Nervös nestelte ich an meiner Brille, die auf einmal auf den Nasenflügeln und hinter den Ohren drückte. Plötzlich stand Don Pascale neben ihr, legte seine Arme um diesen Engel und stellte mir seine Nichte Carlotta vor, sie studiere in Milano. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Mir fehlten deutsche und italienische Wörter für diesen Moment. Kurzatmig stellte ich mich vor. Sie lächelte mich an und reichte mir ihre Hand. Adriano Celentano brüllte in meinem Hinterkopf Dinge, die ich hier jetzt nicht wirklich wiedergeben möchte. Als ich sie hölzern berührte, durchschlug mich der Blitz wie 1771 den jungen Werther, als er sagte: Ich habe so viel und die Empfindung an ihr verschlingt alles. Ich habe so viel und ohne sie wird mir alles zu Nichts. Im Original, nicht in irgendeiner lausigen Plenzdorf– Interpretation. Der Himmel verdunkelte sich schlagartig, als ich sie wieder los ließ. „Wir müssen gehen“, sagte Don Pascale, „la mamma ist bestimmt schon so weit.“ Ich schaute auf und nickte. Carlotta hakte sich bei uns unter. Mamma Elena war eine Herzens gute Frau. Sie liebte das Leben, gutes Essen und guten Wein. Keinen Abend, den ich bei ihr und Don Pascale verbrachte, kam ich nüchtern nach Hause. So sollte es auch diesmal wieder sein. Der Rotwein gelierte süß in meinem Rachen und als ich mich weit nach Mitternacht verabschiedete, ratterte die Mühle in meinem Kopf schon. Erinnerungen und Hoffnungen gerieten zwischen die steinernen Mahlräder, ich hatte Kastanien braune Haare auf der Zunge. Irritiert sank ich in mein Bett. Der Mond rief unablässlich Carlottas Namen, in der schwülen Stille summte eine Mücke.

Die Musik im Auto verstummte. Ich schlug die Augen auf, zertrümmerte den Blut gierigen Zweiflügler auf meinem Arm und ging ins Haus. Es roch nach Leberkäse und Bratkartoffeln.

PS: Diese Geschichte setzt sich hier fort

Bratkartoffelverhältnis

Ich drückte mein Gesicht dicht an die klebrige Busscheibe. Ein Dutzend toter Fliegen pappte daran wie an einem Leimstreifen. Der Kloß in meinem Hals war so groß wie ein Fußball, und ich wusste, dass das, was kommt, nie mehr so sein wird wie das, was war. Ich wusste nicht, was ich einmal werden wollte, aber jetzt wollte ich nur bei dir bleiben. Hier ging ein fantastisches Abenteuer zu Ende. REM spielte ein letztes Mal für uns Loosing my religion und ich verlor die Vision eines kleinen Jungen, der von der großen Liebe träumte. Ich suchte vergebens deinen Blick irgendwo da draußen und schluckte den Ball hinunter. Der Meeresspiegel stieg dadurch und drückte Salzwasser in meine Augen. Es brannte. Wut schnaubend und grollend setzte sich der Bus in Bewegung. Mit jedem Meter zurück in die verregnete Heimat wuchs die Sehnsucht, an diesen Ort zurück zu kehren und in Leidenschaft an etwas zu glauben, das so schön war wie du. Es gab nur eine Handvoll Momente in all den Jahren danach, in denen ich annähernd dachte, jemandem wie dir wieder zu begegnen. Aber keine einzige hat mich so verzaubert wie du.

Jetzt stehe ich hier auf Block 3. Das letzte Heimspiel einer völlig verschissenen Saison geht zu Ende. Abgeschlagen auf Platz 18 versinkst du in den Niederungen vorsokratischer Balltändelei. Wir waren mehr als ein Jahrzehnt auf dem Olymp, häufig auf schmalem Grat und kurz vor dem Fall. Manchmal schlugen wir die Großen, die leichtgläubig meinten, uns fressen zu können. Oft schlugen wir uns selbst. Ich habe dich bejubelt und beschimpft, dich bestaunt und verflucht. Ich habe mir schnarrende Übertragungen im Radio angehört und stand auf der Südtribüne immer hinter dir, einmal sogar mit OP- Hemd unterm Trikot und Braunüle im Handrücken. Ich habe legendäre Partien gesehen auf Schnee bedecktem Platz und ich hatte Pipi in den Schuhen im Hochsommer. Manchmal denke ich sehnsuchtsvoll an unsere erste Begegnung zurück, als wir Bonanza – Jungs mit einem muffigen Tennisball auf der Straße kickten. Ich stand mit Pickeln und Arbeitshandschuhen im Gartentor und habe 11 Buden kassiert, genau wie du an diesem Nachmittag. Mein Spitzname „Alter Finne“ war geboren.

In meinem Herzen sind deine Buchstaben eintätowiert, in meinem Garten weht stolz deine Fahne, auf meinem Auto kleben treu deine Farben. Und in meinem Hals habe ich wieder diesen Kloß. Ich kann nicht glauben, dass du jetzt gehst. Schwer verwundet liegst du auf dem Sterbebett. Die Ärzte haben keine Hoffnung mehr und schalten die Infusionen ab.

Arminia, keine einzige hat mich so verzaubert wie du.

Dreizack

Der Wind hängt schwer in den Segeln. Tief sticht der Bug in die schwarze See. Die Mannschaft wimmelt emsig auf Deck. Ratten huschen durch ihre Beine auf der Suche nach einer Mahlzeit. Die Sonne versinkt soeben am Horizont, die Nacht kündigt sich trüb und kalt an.
Unten in seiner Kajüte rollt der Kapitän eine Seekarte auf seinem wuchtigen Tisch aus und zähmt die Widerspenstige mit einem Tintenfass und einem schweren Goldring. Unruhig geht er hin und her. Die halbe Mannschaft ist an Skorbut erkrankt. Doch seit auch sein Steuermann und Freund Bartolomeu fiebernd mit dem Leben ringt, hat er kein Auge mehr zugetan. Übermüdet streckt er sich. Dann beugt er sich über die Karte und guckt sich die bisherige Route skeptisch an. Ihm fehlt der Anhalt, wo genau sie sich befinden. Er ist ein großartiger Seemann und hervorragender Taktiker in jeder Schlacht, die Mannschaft nennt ihn deswegen ehrfürchtig Neptun, aber mit der astronomischen Navigation an Sonne und Sternen steht er auf Kriegsfuß. Verzweifelt nimmt er noch einmal den Stechzirkel und schlägt einige Bögen auf der Karte von ihrer letzten bekannten Position aus. An der Stelle, an der er ein kleines Kreuz einzeichnet, ist die Karte im Umkreis von 200 Seemeilen blau. Verzweifelt stützt er den Kopf in die Hände. Sein einziger Vertrauter in dieser Misere ist der Smutje Mo und der ist dem Alkohol zugetan wie der Teufel der sündigen Seele. Wütend wischt er die Karte mit einem Bärenhieb vom Tisch, als es an der Tür klopft. „Ja“, brummt er. Mo poltert aufgeregt in die Kajüte, „Käp’tn“, stammelt er, „kommen Sie schnell!“ Noch ehe er eine Antwort bekommt, stürmt Mo auch schon wieder an Deck. Der Kapitän stampft hinterher. Im Dämmerlicht der heranbrechenden Nacht stolpert er über Holzstücke und Metallteile, die überall auf den Planken herum liegen. Die Mannschaftstraube verstummt und gibt eine Gasse frei, als sie ihren Kommandanten bemerken. Sechs mastdicke Arme halten dabei den tobenden Steuermann in Schach. „Was ist hier los?“ Keiner der Maaten wagt es zu sprechen. Mit einem lauten Krachen zertritt der Kapitän eine Backskiste. Dann endlich traut sich Mo: „Er hat in seinem Fieberwahn die letzten Fässer mit Trinkwasser zerschlagen!“ „Hängt den dreckigen Wichtel auf!“, ist Neptuns erster Impuls zu sagen. Doch dann besinnt er sich, vielleicht ist Bartolomeu der einzige, der sie noch retten kann. „Bringt ihn nach unten und gebt ihm von dem, was noch übrig ist, zu essen und zu trinken!“, knurrt er und stiert dabei jeden mit dem kalten Blick eines Henkers an. Angstvoll schauen die Männer zur Seite, keiner sagt ein Ton. Jeder weiß, dass er selbst statt des Steuermannes am Mast hängen könnte, wenn er sich dem Befehl des Kapitäns widersetzt. Neptun dreht sich um und verschwindet wortlos nach Achtern zum Steuerrad. Er scheucht den Rudergänger fort, übernimmt seinen Platz und starrt in die Dunkelheit. Lange steht er da, unbeweglich wie eine Galionsfigur. „Zum Klabauter!“, murmelt er plötzlich und spuckt ins Wasser, erst jetzt bemerkt er den aufziehenden Sturm. Schon brechen hohe Wellen über dem Schiff zusammen. Die Mannschaft hat mit Neptun schon viele Abenteuer überstanden, aber jetzt sehen sie den Sensenmann schon blinzeln. Zum Segel reffen und Abwettern ist es zu spät. Kurzentschlossen stellt Neptun das Schiff in den Wind. Es bäumt sich auf wie ein verwundeter Stier. Dumpf knarren die Masten unter der Last. Die Taue sind bis zum Zerreißen gespannt. Die Winschen jammern und ächzen, die Spanten bellen hungrig. Mit einem lauten Schlag reißt sich das Rahsegel am Fockmast los. Mit letzter verzweifelter Kraft klettert Afonso, sein Bootsmann, den Mast hoch und schafft es, das Segel loszuschneiden. Peitschend frisst der Sturm sein erstes Opfer. Afonso schaut hinterher, als ein Blitz krachend den Nachthimmel für einen kurzen Augenblick erleuchtet. „Land!“, schreit er, „“Land in Sicht!“ Ungläubig rennen die Männer zur Reling und starren aufs Meer. Doch in der Dunkelheit können sie nichts erkennen. Neptun brüllt: „Auf eure Posten!“ und nimmt Kurs in die Richtung, die ihm Afonso gezeigt hat. Das Schiff dreht sich nur störrisch, immer wieder driftet es ab. Dann endlich tauchen tatsächlich Schatten in der Dunkelheit auf. Langsam schieben sie sich näher. Gaffend und feixend stehen die Männer zusammen. Plötzlich bekommt das Schiff Schlagseite. Wie von einem riesigen Seeungeheuer getreten sackt es zur Seite. Wer sich nicht halten kann, wird umhergewirbelt oder von Bord geschmissen. Neptun reißt das Ruderrad herum, er muss das Schiff wieder in den Wind stellen, damit es sich aufrichtet. Schon rollt die nächste Welle heran und droht das Schiff zu zerschlagen. Im letzten Moment greift der Wind in die klammen Segel, hievt es in die Höhe und schiebt es vor der Welle her. Es gelingt Neptun, das Schiff in den Windschatten der Insel zu manövrieren. Dann läuft es knatschend und knirschend auf Grund auf. Die Ratten verlassen das sinkende Schiff. Erschöpft starrt Neptun in die Dunkelheit.

So weit das Auge reist

(überarbeitete Fassung)

»Schneller, die Oase ist nicht mehr weit«, schreit er mir ins Ohr.
Ich blicke stumm auf. Die Wüste flimmert wie die A2 im Gegenlicht vor den Kühltürmen des Kohlekraftwerks. Müde und schwer setze ich einen Fuß vor den nächsten. Dann endlich keimen die ersten Palmenblätter am Horizont. Vor Aufregung stolpere ich eine Senke hinunter. Doch die kühle Hoffnung rollt sich auf wie eine Leinwand am Ende des Dia-Abends.
»Nein«, stammele ich und sinke auf die Knie.
Mit beiden Händen greife ich in den glühenden Sand und schmeiße ihn in die Luft. Ich kneife die Augen zusammen und ziehe die Schultern hoch, als er wie ein Meteoritenschauer auf mich herunterprasselt. Zornig schüttele ich mir den Kies aus den Haaren.
Mein kleiner Mann ruft wieder: »Los, raff dich auf! Du schaffst es!«
Ich will ihn ignorieren. Zu oft hat er mich schon falsch beraten. Wie damals, als er meinte, ich solle mich zu dem Kurs anmelden »Männer kochen anders« und ich mich in einem Anti-Aggressionstraining für Akademiker wiederfand. Nur verhärmte Sozialarbeiter und Referendare in Latzhosen. Das war vielleicht ein Reinfall.
Das nächste Mal drängte er mich zu einem Niederländisch-Sprachkurs und dann war ich im Urlaub doch im Harz.
Aber diesmal hat er wahrscheinlich Recht. Hier Burgen zu bauen, rettet mich nicht. Matt rappele ich mich hoch und blinzele in die Sonne, die erbarmungslos meinen Liquor zum Sieden bringt. Jeder Schritt gleicht dem stechenden Schmerz einer Spinalanästhesie.
Mühsam schleppe ich mich durch die Senke und bereits auf halben Weg höre ich das muntere Feilschen der Kamelhändler. Endlich tauchen Zelte aus dem Gekrümel auf und es riecht nach Bratapfel mit Zimt.
»Vorsicht«, tönt es hohl aus meiner Gedankenlaube.
»Ruhe!«, murmele ich, »ich weiß schon, was ich tue!«
Mit letzter Kraft krieche ich an toten Schädeln im Wüstensand vorbei bis zum ersehnten Wasserloch. Durstig stecke ich meinen Schlund hinein und saufe in großen Schlucken das trübe Nass.
In diesem Moment tritt mir ein Beduine in die Rippen und zeigt grinsend seine schwarze Zahnpracht. Ich zucke zusammen und setze mich auf.
»Ich habe dich gewarnt«, ruft da mein kleiner Begleiter wieder, »das hast du jetzt davon.«
»Ach, halt‘s Maul«, sage ich zu ihm, »du hast mir die Suppe mit dieser Karawane überhaupt erst eingebrockt! Bleib doch hier, wenn du bange bist.«
Dann stehe ich auf und gehe auf das größte Tipi zu. Ich schiebe den schweren Baumwollstoff zur Seite und trete ein. Das Einkaufsparadies von Teppich Kibek eröffnet sich mir in all seiner Pracht. Der Garten Eden des Vorwerkmannes, die Welttournee seines Kobolds, das Eldorado der Milbenallergiker. Und ich mittendrin. Der Beduine von Loch Ness betritt das Zelt.
»Willst du kaufen schöne Kelim?«, fragt er.
»Wie alt ist sie denn?«, frage ich zurück.
»Was wie alt?«
»Die Kelim!«
»Kelim ist ganz neu! Guckst du hier«, sagt er und geht zu einem Haufen Vorleger, blättert darin herum und zupft von unten eine Katzendecke hervor.
Kritisch reibe ich den Stoff zwischen Daumen und Zeigefinger.
»Die kratzt ja«, sage ich, »hast du nichts Besseres?« und gehe auf einen Stapel zu, den er mir bewusst nicht gezeigt hat.
»Was ist mit dem da?«, will ich wissen und zeige auf einen alten Fetzen, der aussieht, als habe Ali Baba darauf an einem Stück die Sahara und alle arabischen Wüsten durchritten.
Entgeistert guckt er mich an, »das ist ganz besondere Teppich«, stammelt er.
»Ich weiß«, entgegne ich, »aber genau den will ich! Den und keinen anderen! Was kostet er?«
»Du willst wirklich habe fliegende Teppich?«, fragt er noch einmal.
»Ja.«
»Dann du musst mir gebe kleine Mann von deine Schulter!«
»Meinen Dschinn? Niemals!«, entrüste ich mich
Er geht einen Schritt auf mich zu, »gib!« zischt er.
Zögerlich fasse ich meinen Begleiter am Rockzipfel, er tanzt und tobt wie Daniel Küblböck in der ersten Staffel von DSDS. Ich greife fester zu und halte ihn am ausgestreckten Arm dem Zeltgesicht entgegen. Er will eben zupacken, da schnellt meine Hand mit dem Superstar zurück.
»Und genügend Wasser für drei, nein, für vier Tage dazu!«, pokere ich und gucke finster in seine gierigen Augen.
»Du bist schlimmer als wie meine Brüder«, knurrt er, willigt aber doch ein.
Schnell ruft er zwei Schergen hinein, die draußen den Filzvorleger und den Kaktussaft bereitstellen sollen. Er selbst stopft den Dschinn in ein altes Holzfass und nagelt den Deckel zu. Dann schlägt er seinen Kaftan über den Arm und weist mir den Weg mit einer eleganten, fast hesterschen Geste hinaus. Dort liegt mein Teppich plan im Streugut, mitten drauf glänzen vier pralle Bocksbeutel ledern in der Sonne.
Die vermummten Gebrauchtwagenverkäufer stehen feixend und johlend drum herum, Schwielensohler schieben spöttisch ihre Kiefer vor und zurück. Ich bahne mir einen Weg hindurch, setze mich auf den zerschlissenen Fußabtreter und durchkämme mit beiden Händen akribisch den dünnen Flor. Hohn prasselt auf mich nieder wie Reis auf das vermeintlich glückliche Brautpaar. Nach scheinbaren Ewigkeiten ertasten meine Finger das, wonach sie suchten. Ich richte mich auf und ziehe ruckartig einen goldenen Faden heraus. Unter den bass erstaunten Gesichtern der Campinggemeinde im luftigen Tuch hebe ich flatternd ab. Ein unfassbarer Jubel, wie ihn sonst nur die nackten Jungs von Tokio Hotel beim Girls Day kennen, weht zu mir empor. Hoch oben über ihrem Outletstore blicke ein letztes Mal zurück und sage meinem alten Dschinn Lebewohl.
Ich kann bis hier hören, wie er verzweifelt an die Wände seines Gefängnisses pocht.


(Originalfassung als Audiodatei)

Überlegungen zu Kunst

Kunst

  • ist, wenn sie trotzdem entsteht Robert Rehfeldt
  • ist Zahlen nachmalen murmeltiertag
  • entsteht im Auge des Betrachters murmeltiertag et alt.
  • ist wie Selbstbefriedigung („Was machst du da?“) Mama
  • kommt von können und nicht von wollen (dann würde es Wulst heißen) murmeltiertag et alt.
  • ist, im Graden den Knick zu sehen, im Roten das Blaue und im Bild Sich murmeltiertag
  • ist Begegnung von Angesicht zu Angesicht murmeltiertag
  • ist der schöpferische Reisebericht des Pinsels murmeltiertag
  • ist der Nagel, der es hält murmeltiertag
  • ist eine Sommergrippe im November murmeltiertag
  • beginnt, wo Worte aufhören murmeltiertag
  • ist nur aus Sicht des Künstlers kreativ murmeltiertag
  • ist hormonell bedingt murmeltiertag
  • ist hormonell bestimmt murmeltiertag
  • ist Poesie Jean-Christophe Ammann
  • ist eine Art Aufruhr Pablo Picasso
  • ist eine Harmonie, die parallel zur Natur verläuft  Paul Cézanne
  • ist eine ansteckende Tätigkeit, je ansteckender, desto besser Leo N. Tolstoi
  • ist eine Tochter der Freiheit Friedrich von Schiller