Ätschi Kolätschi

Manchmal geht auch gar nichts schief. Doch davon kann ich nicht berrichten. Das wäre nichts für mich, so viel Lobhudelei an das Leben. Ich singe ja auch nicht im Kirchenchor oder heiße Xavier Naidoo.
Lieber sitze ich in der Muppert- Show auf der Empore und kommentiere das bunte Treiben von oben herab. Aus der Distanz sieht man viele Dinge klarer und entspannter. Wer in der Pfeffermühle steckt, kann das Kochen nicht genießen. Der hat andere Sachen im Kopf, zum Beispiel, ob er den Herd ausgeschaltet hat oder ob der Bofrostmann wieder diese leckeren Marillenklöße mitbringt. Und erst, wenn alle gebetet haben, darf gegessen werden. Ohne wenn und aber, wir sind hier ja nicht in der Werkskantine von Hoechst oder in der Heiligen Messe. Hier herrscht noch Anstand und Moral und nicht Egoismus und Gier. Hier zählen noch Werte wie Zusammenhalt und Rücksichtnahme. Und keiner verlässt den Raum, bevor ich es ihm erlaube!

PS: Ein Frohes Weihnachtsfest meinen treuen und untreuen Lesern!

Gleicheitrige

Fortsetzung von Freu Dich nicht zu spät! (Kapitel 1), Abstelltraum (Kapitel 2), Strebergarten (Kapitel 3), Wortgeflecht (Kapitel 4) und Kassensturz (Kapitel 5)

Am nächsten Mittag will ich grade zum Imbiss rüber frühstücken, als das Telefon klingelt. Irgend so ein Muttibügler von meiner Bank bietet mir gleich am nächsten Morgen beim Filialleiter ein Gespräch „zur Überbrückung meines Finanzengpasses“ an. Als wenn ich nicht arbeiten müsste! Doch dafür hat der Kopfgeldjäger kein Verständnis und verweist mich spröde auf meinen Kontostand im vierstelligen Soll.

Tags drauf betrete ich in aller Herrgottsfrühe um 9.30 Uhr den Marmorpalast in der Innenstadt. Die Schlipsfressen und Kostümmäuse eilen emsig hin und her, holen Formulare aus Apothekerschränken, kopieren doppelseitige Diagramme, tippen Zahlenkarawanen in den Computer, schütteln mit dem Kopf und kritzeln Formeln auf einen Notizklotz. Weit und breit kein einziger Kunde zu sehen, da hätte ich auch im Laden bleiben können. Trotzdem dauert es geschlagene 15 Minuten, bis einer dieser Blattwender auf mich aufmerksam wird. Nach einem Umweg am Wasserspender vorbei steht er jetzt grinsend vor mir. Die Sakkoschwuchtel tackert zweimal mit dem Kugelschreiber und lässt ihn dann in der Brusttasche seines Nadelstreifenkittels verschwinden. Ich könnte ihm gleich eine reinhauen für so viel Arroganz. Mit einem lauten Knall lege ich ihm einen abgewetzten Jutebeutel auf den Mahagonitresen. „Vollmachen“, sage ich, „sonst fliegt dein GTI in die Luft!“ Mein Daumen spielt dabei nervös mit der Schlüssel- Fernbedienung von unserem Geschäftswagen. Der hobbylose Geldazubi glotzt mich mit großen Augen an, sein Fluchtkinn zittert dabei. Westerwelle dicke Pickel bilden sich auf seiner Stirn, platzen auf und drücken zähen Eiter aus zerfurchten Kratern. Ich grinse ihn an und zeige darauf, „das sollten Sie mal behandeln lassen! Das sieht scheiße aus!“ Mit schweiß nassen Pfoten betatscht er seine schüttere Haarlichtung. „Ich habe einen Termin mit eurem Herrn Ackermann, seine Zeit ist sicher auch Geld!“, setze ich meiner Forderung jetzt Nachdruck und scheuche ihn mit einer wischenden Handbewegung zu der Schuss sicheren Glastür im hinteren Teil des Tempels. Seine schwarzen Lackschühchen bewegen sich nur mühsam rückwärts, bis ich auf die Fernbedienung drücke und fröhlich „Peng!“ rufe. Dann drehen sie sich um und rennen. Keine zwei Minuten später sitze ich entspannt bei einem Kaffee an der Front. Der graue Finanzminister referiert etwas von nötigen Investitionen, Sicherheiten, aktuellem Zinsniveau, Renditen und Riestern. Seine goldene Uhr spiegelt das einfallende Sonnenlicht dabei wild durch den Raum, ich schaue neugierig hinterher. Als ich grade in meinen Muckefuck puste, bleibt mein verschwommener Blick an einem Bild an der Wand hängen. Oma Eusebia drischt grade mit ihrem Nudelholz auf den armen Lupo ein. Mir schießt mein alter Spitzname wieder durch den Sinn. Murat hat ihn mir gegeben, weil ich wie sie keiner Bank traute und mein Geld lieber in einem Sparstrumpf unter der Matratze aufbewahrte. Stattdessen war ich so doof, die Knete beim Hütchenspiel in Amsterdam zu verzocken. Ich könnte heute noch schwören, beschissen worden zu sein. „Depotumschichtung“ und „Hedgefonds“ brabbelt der Dukatenscheißer mit der gewichtigen Rolex durch den Park von Fuxholzen.

“Leihen?”, schreit Eusebia, “Dir? Nein, mein Lieber! Wenn du Geld haben willst, musst du es verdienen!” “Aber Oma, es ist doch nur, weil … Lupinchen hat Geburtstag!”, stammelt Lupo. Aber Oma Cholerika kennt kein Erbarmen und jagt ihren nixnutzen Enkel zum Haus heraus. Der arme Kerl will nur noch zurück in seinen Mäuseturm, springt in sein Auto und braust davon. Nichts wie weg!

Der Dukatenesel im Ledersessel mir gegenüber holt währenddessen zum alles entscheidenden Schlag aus, jetzt müssten wir das Griechenlandpaket fest schnüren. Als ich dem Währungskommissar unseren Renault Rapid als Sicherheit in Aussicht stelle, quasi als Schuldenbremse, schwillt ihm der Krawattenhals. Rot wie die erste Periode einer Novizin nestelt er an dem engen Knoten herum und röchelt nach Luft. Ich schnappe mir einen Flyer mit Freikarten für die Existenzgründermesse von seinem Glastisch, lege ihm meine Visitenkarte als Ersatz hin, gehe zur Tür und rufe die Drückerkolonne herbei.

Draußen am Imbiss wartet schon ein hellenisches Fleischfrühstück auf mich. Der Bofrostmann ist auch da und bestellt sich ein Wasser. Ich lade ihn ein, er hat mir mal das Leben gerettet.  Renzo schreibt alles auf meinen Deckel. Gut gelaunt fahre ich nach Hause. Das Radio spielt „Einfach sein“.

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Der Zahn der Zeit

Manchmal weiß ich einfach nicht, was ich zu Hause den lieben langen Tag so gemacht habe. Morgens laufe ich nach dem Aufstehen am Wäscheberg auf dem Esszimmertisch vorbei und sage ihm am Abend wieder „Gute Nacht“, ohne dass er kleiner geworden wäre, ganz im Gegenteil! Auf dem Weg ins Bad wirbele ich Wochen alte Staubmäuse auf, quetsche wieder einmal den letzten Rest aus der Zahnpastatube und ärgere mich über die leere Shampooflasche in der Dusche. Ein Haarbüschel verstopft den Abfluss. In der Kaffeemaschine, die ich vergessen habe auszuschalten, pappt noch der Filter mit Prütt von gestern und ein verkochter Sirup. Das leer gegessene Ei wurzelt schon in der Untertasse. Der Spüllappen klebt und riecht wie eine alte Windel, das Geschirrbecken ist stumpf vor Kalk wie die Scheinwerfer eines Citroens. Der Adventskalender ist auf 23 stehen geblieben. Auf der Spülmaschine türmen sich Teller und Töpfe wie nach der Vereidigung von Bundeswehrkadetten. Ich schaffe es einfach nicht, dem Chaos Herr zu werden. Wenn ich den Müllwagen beim Nachbarn klabastern höre, springe ich auf, rolle meinen Trolli nach vorne und ärgere mich bis zum Abend über die voll gebliebenen Papierkörbe im Haus, die ich dann noch finde. Ich schaue durch blinde Fenster auf die Straße und stelle fest, dass der Rasen höher ist als meine Hecke. Aber der Schlüssel zum Schuppen hängt nicht an seinem angestammten Platz und im Grasfangkorb vom Rasenmäher züchten die Kinder Nacktschnecken. Abgesehen davon ist eh das Benzin im Kanister alle. Dafür finde ich mein seit Wochen verschollenes Handy wieder. Die letzte gewählte Rufnummer stammt vom chinesischen Konsulat in Tibet. Ich versuche noch zu erklären, dass ich mich verwählt habe. Vergebens. Als der Wind meine Haustür zuschmeißt, der Sturzregen über die Rinne vom Dach schwappt und die Packungen vom Bofrostmann auf dem Treppenabsatz durchweicht, da tanze ich einen wilden Tanz. Wie die blaue Elise, die wieder einmal versucht, die Ameise Charlie zu fangen und sich dabei selber in die Luft sprengt.

Ich tue, was ich machen kann

Manchmal weiß ich nicht, was ich noch machen soll. Ich tue schon mein bestes, aber das reicht bisweilen einfach nicht. Ach, wie soll ich das erklären?! Also, es gibt Arbeit und es gibt Freizeit. Beide unterscheiden sich in vielen Punkten von einander. Arbeit hält mich von meiner Freizeit ab. Arbeit ist ein ewig gleicher Trott, ein Murmeltiertag, eine Zeitschleife, in der nichts anderes passiert, als die vergangenen Jahre auch. Hochgerechnet schon tausendsechshundert Mal bin ich den selben verschissenen Weg zum Büro schon gefahren. Baustellen im frühen Planfeststellungsverfahren bremsen mich auf die Geschwindigkeit einer Wanderdüne herab. Seit der Mondlandung soll dieser Teil der Autobahn ausgebaut werden. Eine greise Fledermaus und zwei Grottenolme haben hier bisher erfolgreich verhindert, was in Stuttgart nicht gelingt. Auf der Einfädelspur zieht feixend ein Gurkenlaster an mir vorbei und drängelt sich vor mich. Ich schlage aufs Lenkrad, hupe gestikulierend und quetsche mich ohne zu blinken auf den verengten Fahrstreifen zwischen schwarze Limousinen mit LED- Tagfahrlicht und silbernen Buchstaben-Nummern-Koordinaten auf dem Heck. Im zähen Stop and Go geht es voran, Küblböck hat mir immer ein paar Meter voraus. Dann muss ich abfahren. Auf der Abbiegespur gebe ich Gas, versuche noch gleichzuziehen und dem Bazi den längsten Finger zu zeigen, als ich abrupt abbremsen muss, weil ein Bofrostlaster ausschert. Nur Idioten auf der Straße und bei der Arbeit geht es mit Idioten weiter. Lauter Verrückte, ohne Lust und Motivation. Dummheit hat mehr Doppelkonsonanten als sie IQ besitzen und Diät mehr Vokale als ihr BMI beträgt! Aber Schuld haben immer die anderen! Wie mir das Gejammer aus den Ohren heraus hängt!

In meiner Freizeit denke ich so etwas nicht. Da möchte ich den warmen Wind hauchen spüren, das Meer rauschen hören und die salzige Luft schmecken. Ich möchte in das Backfischbrötchen beißen und mir das T-Shirt mit Remoulade bekleckern. Da möchte ich in Weidenkörben nach Muscheln kramen, mir einen Kescher kaufen und schwarze Möwen vor der Sonne zählen. Ich ziehe mir die Schuhe aus und laufe barfuß am Strand entlang und springe über Wellen. Und erst, wenn die Nacht von unten durch den Horizont bricht, falle ich mit Sand in den Haaren und schmutzigen Füßen ins Bett.

Sündenbock

Immer ich! Ich bin es leid. Dabei habe ich gar nichts damit zu tun! Ich war überhaupt nicht da! Ich kann es nicht gewesen sein! Aus, Schluss, basta!
Aber dann steht eines Tages dieser Mann vor meinem Haus. Ganz in Schwarz gekleidet, mit einem Klemmbrett unterm Arm. Neben sich hat er einen dunklen Lederkoffer abgestellt. Mit einem merkwürdigen Gefühl öffne ich die Tür. Er hält mir gleich seinen Dienstausweis knapp vor die Brille und stellt mir seltsame Fragen. Ob ich hier wohnen würde. Und wo ich denn am 3. Mai gewesen wäre? Moment, das ist doch noch nicht so lange her. Genau, er sei schon einmal dagewesen und obwohl das Auto in der Einfahrt stand, habe niemand aufgemacht. Das sei doch mein Wagen? Mir sei doch klar, dass der TÜV abgelaufen ist? Ich müsste mit empfindlichen Strafen rechnen, das wüsste ich doch, oder?
Erschrocken wie Thomas Gottschalk nach der verlorenen Saalwette starre ich ihn an. So langsam platzt mir die Wutschnur. Ich greife nach dem Schuhlöffel auf der Fensterbank. Plötzlich vibriert der Boden und ein Getöse durchschneidet die warme Frühlingsluft, als starte in meinem Flur ein Viertakt- Rasenmäher. Die Sonne kneift die Augen zu, als sich ein dunkler Schatten auf den Rasen senkt und meine Magnolie abknickt. Im nächsten Moment markieren rote Laserpunkte meine empfindlichsten Körperstellen und eine vermummte GSG9- Spezialeinheit überwältigt mich auf dem Treppenabsatz. Mein Kopf schlägt dumpf auf die Kokosmatte, die mich stur willkommen heißt. Roter Dicksaft kriecht aus meiner Nase und mischt sich mit der eingetrockneten Blutspende des Bofrostmannes vom vergangenen Herbst zu einer negativen Kreuzprobe. Kabelbinder ratschen und ich werde brutal in den Flur gestoßen. Der schwarze Mann tritt neben mich und hält mir die neue Kehrverordnung unter die Nase. „Darf ich jetzt?“ fragt er.

Schnittblumen

In jeder Gala, Brigitte und Für Ihr steht etwas über dieses Thema geschrieben. Wie Schnittblumen das Leben verändern. Wie sie Licht in die Dunkelheit bringen. Was sie bedeuten. Wie man sie verschenkt. Wie sie länger frisch Schnittblumen oder welche Blumen zu welchem Anlass passen. Männer können darüber nur lächeln. Warum sollte ich dafür 20€ ausgeben? Damit ich sie nach drei Tagen tot in die Schnittblumentonne trage? Und ich dann noch aus Pietät Kollegen auf den braunen Sargdeckel lege? Was soll ich mit Grünobst, von dem ich nicht weiß, wie man es schreibt oder wie es aussieht? Krisantheme? Hüazinte? Da halte ich mich doch lieber an Bier! Das hat wenigstens immer Saison. Es ist auch geselliger beim Fußball gucken. Das kann ich auch schreiben! Und es ist Pfand drauf!

In der nächsten Halbzeitpause kann ich ja meinen Kumpels mal ein zartes Röschen statt eines kühlen Krombachers mitbringen. Das wird ein Spaß! Und nach Spielende erzähle ich ihnen, dass ich noch zur Fußpflege muss. Dann darf ich mich aber nicht wundern, wenn ich zum Geburtstag ein Ikebana- Gesteck und einen Gutschein für einen Kursus im Trockenfilzen beim Verein für Hausfrauen und Schwiegermütter (VHS) bekomme.

Und ehe ich mich versehe, flattern mir die ersten Kataloge von Tupper, Teutonia und Co in den Briefkasten. Vorsichtshalber habe ich den Boden heraus gesägt und die geöffnete Papiertonne darunter geschoben. So erspare ich mir gleichzeitig nervige Erinnerungsschreiben von der Medienmafia GEZ. Die plumpsen halbjährlich direkt auf den Stapel der Sonntagszeitungen, Kirchenblätter und Pizzataxizettel. Nur an die Straße schieben muss ich den schweren Rollkoffer noch selber.

Ach so, meine Blumen bringt mir der Bofrostmann, gekühlt halten sie länger frisch! Und die Nachbarn merken nichts!

Taken by a stranger

Ja, das denke ich auch oft, dass sie mich irgendwo abgeholt und hier wieder ausgesetzt haben. Nun stehe ich hier, weiß nicht woher ich komme, wo ich bin und was auf mich zukommt. Wäre ich 13 Jahre alt, würde ich dieses Phänomen Pubertät nennen. Aber das scheidet in meinem Fall aus. Aber so? Und warum? Kann denn nicht einmal alles glatt laufen? Kann ich denn nicht morgens ausgeschlafen aufstehen, ohne dass der Nachbar mit der Wacker- Rüttelplatte seinen Rasen verdichtet? Ohne dass der Bofrostmann hupt, weil vor ihm der schwarze UPS- Laster die Straße blockiert und er von hinten vom Popofrische Eier – Auto zugeparkt wird? Und muss Oma Eusebia so früh ihre Rotbäckchen – Pfandflaschen in ihrem Hackenporsche spazieren fahren?
Warum können sie mich nicht einfach wieder abholen und zurück bringen?!