Klotz und die Frauen

Nachts, wenn alles schläft

Manche mochten Klotz für einen schwierigen Menschen halten. Andere hätten ihn am liebsten in einer geschlossenen Anstalt gesehen. Dabei war er ein friedlicher Geselle, der noch nie eine Fliege totgeschlagen hat. Klotz war allenfalls etwas eigen: Er sammelte keine Treuepunkte, hörte deutsche Schlager, züchtete Unkraut in den Fugen des Bürgersteiges und hängte schon am Dreikönigstag ausgepustete Eier in das Apfelbäumchen im Vorgarten. Im Laufe der Zeit hatte er sich sogar angewöhnt, rückwärts zu sprechen und er beherrschte es inzwischen so gut, dass die Leute oft nicht wussten, ob es ein seltener, finnischer Dialekt war oder aber ein heidnischer Fluch. Doch genau das machte ihnen Angst.

Dabei versuchte Klotz nur, das Monster zu zähmen, das sich hinterlistig als Normalität tarnte und überall auf ihn lauerte.

Eines Nachts, als er sich wieder einmal unruhig hin- und herwälzte und im Schlaf Primzahlen murmelte, wachte er erschrocken auf. Erst ganz leise, dann immer lauter hörte er, wie jemand seinen Namen rief. Panisch sprang er auf, riss seine Jacke vom Haken und strich, ohne zu wissen wohin, durch die Straßen des Viertels. Irgendetwas Unerklärliches und Sonderbares ging mit ihm vor. Er entschlüsselte die Tarifzonen an der Bushaltestelle, studierte die Angebote am LIDL und gaffte durch die Schaufenster beim Bäcker. Er zählte die Autos auf dem Parkplatz und stellte sich vor, wie er morgens auf dem Weg zur Arbeit im Stau stehen würde.

Wieder zu Hause schnitt er sieben Scheiben Fleischwurst ab, eine für jeden Wochentag, und schob sie in einem Napf vor die Tür. Dann legte er sich zurück ins Bett und wartete auf die Bestie. Er war klatschnass geschwitzt.

 

Alles hat ein Ende

Der Sonntagmorgen lag noch müde in den Federn, als es bei Klotz Sturm läutete. Er hatte überhaupt keine Lust aufzustehen, doch da draußen schien jemand zu sein, der genauso hartnäckig und atheistisch war wie er. Nach dem sechsten Klingeln hatte er sich endlich mühsam hochgerappelt und schlurfte in seinen Lammfellpuschen zur Haustür. Gerade, als er durch den Spion lugte, klapperte der Postschlitz und ein roter Umschlag plumpste direkt vor seine Füße. Klotz schauderte, denn der letzte Brief, den er bekommen hatte, war vom Anwalt seiner Frau, die ihm mitteilen ließ, sie wolle sich scheiden lassen, weil er so unemphatisch sei. Seitdem verirrte sich ab und zu bestenfalls eine Speisekarte vom Pizzalieferdienst zu ihm, die er sorgfältig abheftete, nachdem er die Preise in eine Excel-Tabelle eingegeben hatte.

Zögerlich hob er das Kuvert auf und öffnete es.

Mein lieber Herr Klotz, es tut mir leid, Sie in Ihrem gewohnten Tagesablauf zu stören, aber seitdem ich Sie das erste Mal gesehen habe, gehen Sie mir nicht mehr aus dem Kopf. Noch nie bin ich einem Mann begegnet, wie Sie einer sind. Jedes Mal, wenn Sie an meinem Laden vorbeilaufen, packt mich der Wunsch, sie anzusprechen, doch mir fehlte bislang der Mut. Bitte nehmen Sie mir meinen unbeholfenen Versuch, Sie endlich kennen zu lernen, nicht übel!

 Klotz schluckte und kippte das Flurfenster. Offensichtlich stammten diese Zeilen von einer Frau, wie er aufgrund der geschwungenen, nach links geneigten Buchstaben schloss, die sich wie in einem Strickmuster eng umschlangen.

Verwundert las er weiter:

Darum möchte ich Sie bitten, morgen um 17 Uhr zum alten Marktplatz zu kommen. Und bringen Sie doch wieder etwas von dieser leckeren Fleischwurst mit!

Hochachtungsvoll, G.

  

Abendmahl

Als Klotz am nächsten Tag die Tür öffnete, schüttete es derart, dass er auf dem Absatz kehrt machte, in den Keller ging und seine Gummistiefel holte. Sorgfältig faltete er seinen Hosenaufschlag zusammen, schlüpfte hinein und verschnürte das Bändchen mit einer Doppelschleife. Nasse Füße wären jetzt das Letzte, was er gebrauchen könnte. Dann zog er seinen schweren Dufflecoat an, steckte den Brief in eine Tasche und stülpte sich, bevor er hinaustrat, die Kapuze bis über die Nase. Trotzdem lief ihm das Wasser bereits an der Gartenpforte den Nacken hinunter bis in die Unterhose. Aber er wäre nicht Klotz, wenn er noch einmal umdrehen würde, nur um einen Schirm zu holen oder sich die Anglerhose anzuziehen. Außerdem wollte er sich nicht verspäten, denn er war insgeheim schon ein bisschen neugierig, was die gestrigen, verwirrten Zeilen bedeuten sollten.

Also ging er ungeachtet aller Widrigkeiten zum Metzger und kaufte einen ganzen Kringel Fleischwurst.

Exakt auf die Sekunde um 17.00 Uhr stellte sich Klotz genau in die Mitte des Marktplatzes, das Wetter kotzte sich inzwischen richtig aus. Vom Regen gepeitscht und vom Wind durchgeschüttelt drehte er sich, den suchenden Blick umherschweifend, einmal im Kreis. Doch außer ihm war weit und breit niemand zu sehen. Jeder, der noch ein Fünkchen Verstand besaß, hatte längst die Flucht ergriffen oder irgendwo unter einer Brücke Deckung bezogen.

Nur Klotz stand dort wie gemeißelt eine viertel Stunde lang, den Brief in der einen, die Wurst in der anderen Hand.

Dann zog er die Pelle ab, biss hinein und ging wieder heim.

Das Leben ist eine Parkbank, dachte er, hart und beschissen.

 

 Prost Leben oder: Gesundheit!

Zu Hause angekommen quälte sich Klotz aus den gluckernden Stiefeln, wrang seine Socken aus und ließ sich ein Bad ein, als es an der Tür klingelte.

»Falsche Zeit, falscher Ort«, murmelte er, maß eineinhalb Kappen Schaumbad ab und schüttete sie in den Wasserstrahl. Sofort entstanden weiße, weiche Knisterberge, die sich schnell bis zum Wannenrand auftürmten. Dann legte er ein Handtuch über den Heizkörper, überprüfte gewissenhaft die Temperatur mit einem Thermometer, mischte noch ein wenig Heißes dazu und zog sich aus.

Es klingelte wieder.

Klotz schaltete ungerührt das Radio ein und stieg zunächst mit einem Zeh ganz vorsichtig in die Wanne.

Es klopfte.

Nun wurde Klotz doch nervös, schließlich erforderte diese Prozedur ein Höchstmaß an Konzentration. Kletterte er zu hastig hinein, könnte er sich leicht verbrühen. Dauerte sie hingegen zu lange, bestand die Gefahr, dass die Schaumdecke zusammenfiel und er von vorne beginnen müsste. Es stand also viel auf dem Spiel.

»Ich bin nicht da!«, rief er unwirsch, stellte auch den zweiten Fuß hinein und lauschte. Kaum dachte er, er hätte die bösen Geister tatsächlich mit diesem einfachen Bauerntrick verscheucht, als plötzlich ein milchig-verzerrtes Gesicht am Badezimmerfenster erschien und noch einmal klopfte.

Der nackte Klotz erschrak, taumelte, rutschte, spritzte, ruderte, wankte und schwankte, ächzte, stöhnte, schaukelte und packte im letzten Moment den rettenden Wannengriff.

Dann blickte er unter sich: Die schöne Schaumdecke war völlig zerrissen! Nur noch einzelne, lose Schollen trieben lustlos umher.

»Herr Klotz, ich hatte vor lauter Aufregung doch tatsächlich den Feigensenf vergessen und bin schnell zurückgegangen. Nur deshalb habe mich verspätet! Verzeihen Sie mir?«

Und da geschah es:

Ein merkwürdiges Gefühl stieg in Klotz auf. Es kribbelte, es kitzelte, es berauschte ihn in einer Art und Weise, die er gar nicht kannte und vor der ihn seine Mutter immer gewarnt hatte.

Aber vielleicht hatte er sich auch bloß erkältet? Man hörte ja so viel!

 

Verraten und verkauft

Murat, der dümmste Bauer, den ich kenne, hat wieder mal einen dicken Fisch an der Angel. Keine Frage, was diesmal da an seinen Haken zappelt, sprengt die bis dahin gültige Zehn-Punkte-Skala für Traumfrauen und legt die Messlatte so hoch, dass selbst Lara Croft jämmerlich im Qualifying scheitern würde. Alles, wirklich alles an seiner jüngsten Eroberung setzt neue Maßstäbe: Ihre Figur ist beeindruckender als ein lupenreiner Hattrick und ihre Stimme bewegender als der Torjubel aus 20000 Kehlen.
Doch warum zum Henker hat sie ausgerechnet an Murat einen Narren gefressen? Ich kann es mir beim besten Willen nicht vorstellen. Schon im Kindergarten sah er aus wie eine Mischung aus Averell Dalton und Michel aus Lönneberga und musste immer bei der Erzieherin am Tisch essen, damit er seinen Kopf nicht in die Suppenschüssel steckt. Später in der Grundschule rauchte er Kaugummizigaretten oder malte sich mit Filzstift einen Bart ins Gesicht, um älter auszusehen. Und auch die Pubertät hat reichlich Narben hinterlassen. Es gibt also nicht einen einzigen vernünftigen Grund, dieses Mettgesicht attraktiv zu finden, und trotzdem turteln die beiden miteinander herum, als gäbe es kein Morgen. Aber komm du mal einer Frau mit Vernunft! Eher konvertiert der Papst zum Islam!
Und ich kann nur dumm rumstehen und muss zuschauen, wie sich ihre Zungen wie zwei Nacktschnecken beim Wrestling verhaken. Mir sind einfach die Hände gebunden, seit ich letzte Woche im Dominastudio war.

Waswenn

Was passiert, wenn ich eines Tages berühmt bin? Halten mir junge Frauen ihre Schlüpfer zum Unterschreiben vor die Nase? Werde ich auf der Straße von wildfremden Menschen erkannt? Muss ich meine Nummer aus dem Telefonbuch streichen lassen und meinen Namen am Briefkasten überkleben? Passt das ganze Geld, das ich dann verdiene, überhaupt noch auf mein Konto oder muss ich in die Schweiz umziehen und mir Immobilien und teure Sportwagen kaufen? Bin ich öfter als einmal pro Woche zu einer Talkshow im öffentlich- rechtlichen Fernsehen geladen oder bekomme ich sogar den Deutschen Buchpreis verliehen?
Und was, wenn das alles wirklich einmal passiert?
Lass mich Arzt, ich bin durch!

Holpersteine

Manchmal ist das Leben wie eine Tüte Konfetti, leicht und bunt. Ich freue mich darauf aufzustehen und den Tag zu entdecken und Blumen zu pflücken.
Manchmal ist das Leben aber auch wie ein alter Reisekoffer, hart und schmutzig. Voll gestopft mit schweren alten Geschichten, Erinnerungen und verstaubtem Gedöns von früher steht dieses Riesending unnütz im Weg herum und ist nur Ballast.
Manchmal stelle ich mir dann vor, was wäre, wenn ich meinen Koffer einfach mal an die Straße stelle. Ich würde mich hinter den nächsten Busch verstecken und warten, bis das Sprengkommando kommt. Dann fliegen aber die Fetzen.
Oder wenn ich ihn am Flughafen austauschen würde. Unauffällig stünde ich am Gepäckband herum und würde mir einen neuen Reisebegleiter aussuchen. Einen, der nach Abenteuer aussieht und nicht nach Wellness. Er muss Schnappriegel und Ledergurte haben, so einen, den man noch selbst tragen muss und nicht so einen selbstfahrenden Smart mit Griff oder so einen silbernen Aluminium- Castor. Ohne zu zögern oder mich umzudrehen greife ich zu und gehe damit langsam zum Taxistand. Dort suche ich mir in aller Seelenruhe einen schicken Kombi aus, bloß keinen Volvo. Ich bin ja kein Lehrer, habe keinen Hund und trage keine Cordhosen. Fahrer mit Sonnenbrillen oder Koteletten scheiden auch aus. Dann lasse ich mich zu meinem Parkplatz um die Ecke chauffieren, packe Sack und Pack um in meinen Schwedenpanzer, fahre über Umwege nach Hause, schleppe alles hoch in meine Altbauwohnung und stelle es mitten in den Flur. Erschöpft lasse ich mich in meinen Ohrensessel fallen und schließe die Augen. Scheußliche Musik ertönt, als plötzlich nackte Frauen auf mich zuspringen, mich fesseln und aufs Bett schmeißen. Ich kann gar nicht sagen, wie viele es sind, so viele sind es. Entsetzt reiße ich die Augen wieder auf, ich muss den Koffer von Dieter Bohlen erwischt haben! Panisch packe ich den Drecksack, renne zur Wohnungstür, stelle den Brüllwürfel meinem Nachbarn auf die Fußmatte, läute, renne zurück, schlage die Tür zu, schließe mich ein und schaue durch den Spion. Ich freue mich über das dumme Gesicht, pfeife „You can win, if you want“ und fahre den Rechner hoch. Mal schauen, wann der nächste Flug aus Mallorca kommt!

Der Müller und die undankbaren Esel

Es war einmal ein rechtschaffender Müller, der hatte drei Esel, einen Faulen, einen Frustrierten und einen Fetten. Der faule Esel blieb schon morgens einfach liegen, der Frustrierte zählte immer wieder seine grauen Haare und der Fette fraß von früh bis spät. Dennoch kümmerte sich der Müller um sie, so gut er konnte, und obwohl sie ihm nicht von Nutzen waren, verlor er nie ein böses Wort über sie.

An einem Abend aber ging der Müller noch einmal zum Stall, um den Eseln frisches Stroh und Wasser zu bringen, weil er es am Tag vor lauter Arbeit versäumt hatte. Als er vor der Türe stand, da hörte er, wie sie ihr schlechtes Leben beklagten. Ihm sei so langweilig, stöhnte der Erste. Der Zweite schimpfte, sogar die Zebras hätten Streifen und der Dritte schmatzte, das Futter mache dick. Da fasste der Müller einen Entschluss und schlich sich wieder ins Haus.

Gleich am nächsten Tag führte er die drei Graurücken ins Dorf auf den Markt. Den faulen Esel verschenkte er an einen Wanderzirkus, den frustrierten Esel tauschte er bei einem Schrankenwärter gegen ein altes Kursbuch der Deutschen Bahn und den Fetten verkaufte er dem Koch des Königs.
Zufrieden kehrte der Müller in seine Mühle zurück, mahlte ein Dutzend Säcke Korn, schaute noch einmal in den leeren Stall, lächelte und ging zu Bett.

In dieser Nacht stand der Mond schon hoch am Firmament, als die Zirkuswagen endlich stoppten und der faule Esel angeleint wurde. Seine Hufe schmerzten ihm von dem weiten Weg und er war müde. Er wollte sich schlafen legen, aber der Boden war hart und kalt, und der wilde Wind wirbelte Stock und Stein hin und her, dass es nur so krachte.
Er sehnte sich zurück in seinen Stall und dachte: “Oh je, was bin ich doch für ein dummer Esel gewesen!”

Auch der frustrierte Esel konnte nicht schlafen. Jede Stunde schnaubte ein tonnenschwerer Dampfzug an dem kleinen Bahnhäuschen vorbei. Der Kessel qualmte, die Räder ratterten, schaurige Schatten tanzten über die wackelnden Wände und dicker, dunkler Rauch fraß gierig alle Farben auf. Der Esel hustete, kniff die Augen zu und zitterte am ganzen Leib.
Er sehnte sich zurück in seinen Stall und dachte: “Oh je, was bin ich doch für ein dummer Esel gewesen!”

Dem fetten Esel erging es auch nicht besser als seinen beiden Verwandten. Der Koch hatte ihn eigentlich sofort schlachten wollen, aber der Narr des Königs band eine Möhre an einen Faden, knotete das andere Ende an seinen Schellenstab und lockte das Giermaul in den Thronsaal. Dort saß der König mit seinem Hofstaat bei einem Festmahl. Als der Esel das frische Obst und die vielen Leckereien auf den langen Tischen sah, lief ihm das Wasser im Maul zusammen und er glaubte, er sei eingeladen mitzuessen und wollte sich setzen. Aber die feine Gesellschaft verhöhnte und verspottete ihn und jagte ihn zum Tor hinaus.
Hungrig lag er nun am Teichufer, sehnte sich zurück in seinen Stall und dachte: “Oh je, was bin ich doch für ein dummer Esel gewesen!”

Das Jahr wechselte die Farben und auch der nächste Sommer kam und ging. Die große Ernte war eingefahren und der Müller hatte viel zu tun. Als endlich alles Korn gemahlen war, lud er die schweren Säcke auf seinen Karren, schnürte sich ein kleines Proviantpaket und machte sich auf die lange Reise zum Markt.

Auf halbem Wege kam er an einer Wiese vorbei. Ein Zirkus brach grade seine Zelte ab, tannengroße Männer stemmten riesige Stoffrollen auf einen Wagen, ein klitzekleiner Kerl brüllte Kommandos und bunte Vogelfrauen führten Pferde in ihre Boxen. Der Müller blinzelte gegen die Sonne und schaute dem munteren Treiben eine ganze Weile zu, als er schließlich den faulen Esel erblickte. Er lag im schmutzigen Staub und starrte in den Himmel.
Da ging der Müller zu ihm, streichelte sein Fell und sagte: “Steh auf, du alter Esel und hilf mir, ich habe viel zu tragen!”
Das Langohr tat wie ihm geheißen. Der Müller zahlte dem Zirkusdirektor den Preis, den er verlangte, spannte den faulen Esel vor den Karren, teilte seinen Proviant mit ihm und so marschierten sie los.

Es war längst Nachmittag geworden, als sie an ein kleines, verrußtes Bahnhäuschen kamen. Sie hielten an und lauschten den seltsamen Klängen aus der Ferne, als sich plötzlich scheppernd die Schranken senkten. Der Boden begann, laut zu grollen und zu grummeln und dichter Qualm hüllte sie ein. Der Müller und der faule Esel klammerten einander fest und wagten kaum zu atmen, als mit einem Mal ein Eisenross mit glühenden Augen fauchend an ihnen vorbeidonnerte. Erst nach langen, bangen Minuten war der Spuk beendet und es wurde wieder hell um sie herum. Sie schauten auf und da stand vor ihnen auf dem Weg der frustrierte Esel mit gesenktem Kopf.
Als der Müller ihn erkannte, ging er zu ihm, klopfte sein Fell sauber und sagte: “Sieh nicht alles so schwarz, du alter Esel und hilf uns, das Mehl zum Markt zu bringen.”
Das Langohr tat wie ihm geheißen. Der Müller zahlte dem Schrankenwärter den Preis, den er verlangte, stieg auf des frustrierten Esels Rücken, teilte seinen Proviant mit ihm und so trotteten sie zu dritt weiter.

Schließlich gelangten sie zum Schloss des Königs. Ihre Reise war anstrengend, der Durst plagte sie und so beschlossen sie, im Park ein wenig zu rasten und sich am Teich zu erfrischen. Als sie nun auf dem Steg saßen und verschnauften, kam mit einem Mal der fette Esel aus dem Dickicht gradewegs auf sie zugestoffelt. Er schmatzte und kaute auf einer Rübe herum. Der hölzerne Anleger bog sich bedrohlich in der Mitte durch, er knackte und knarzte, er schwankte und schaukelte, ehe er vollends entzweibrach. Der Müller und die beiden Esel konnten sich noch mit einem beherzten Sprung ans Ufer retten, der fette Esel aber platschte wie ein Komet ins Nass. Entsetzt schrie und strampelte er um sein Leben. Mit vereinten Kräften gelang es den drei Wanderern, ihn an Land zu ziehen. Japsend rang der fette Esel nach Luft und das Wasser triefte nur so aus seiner grauen Mähne. Erst jetzt erkannte er, wer ihn soeben vor dem sicheren Tod gerettet hatte.
“Guter Müller”, flehte er, “nehmt mich mit. Ich kann in diesem Schlosse nicht länger sein. Der Koch will mich schlachten und zu Salami verarbeiten, sobald ich fett genug bin!”
“Alles, was recht ist, lieber Esel”, antwortete der Müller, “der Weg ins Dorf ist nicht mehr weit. Wenn du unseren restlichen Proviant trägst, dann will ich wohl mit dem Koch reden.”
Der fette Esel jedoch schüttelte nur mit dem Kopf, “das ist mir zu schwer, das schaffe ich nicht!”
Da ging der Müller zu ihm, streichelte ihm über das Fell und sagte: “Wenn du bleibst, wie du bist, wirst du nicht werden, wie du möchtest, du sturer Esel!”

Sodann gab der Müller seinen beiden Gefährten ein Zeichen, jeder schulterte sein Gepäck und sie zogen weiter ihres Weges.

Der faule und der frustrierte Esel aber halfen dem Müller fortan, wo sie nur konnten und verloren nie wieder ein schlechtes Wort.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.