Augenblick

Wenn es um mich herum wieder einmal rundgeht, schließe ich die Augen und beginne in meiner Phantasie zu wandern.
An manchen Tagen auf so einer Reise bin ich 14 Jahre alt und fiebere dem ersten Mal entgegen, an anderen bin ich 52 und wäre gerne 14. Ich kann der Held am Vormittag sein, dann ein kurzes Schläfchen halten und am Abend von einer rothaarigen Fee gerettet werden. Ich laufe durch das endlose Watt, spüre die Sonne auf meiner Haut oder liege im grünen Gras und höre das Laub rauschen. Nichts stört, nichts zwickt oder drückt.

Meistens aber fehlt mir die Zeit zum Träumen. Von der weiten Welt und den kleinen Augenblicken. Von einem Karmann Ghia Cabriolet, einem eigenen Atelier, einem Haus am Meer mit Olivenbäumen im Garten oder von der großen Liebe, die mich noch einmal küsst.
Manchmal, wenn ich daran denke, habe ich Angst, es zu verpassen, weil ich die Augen zu habe. Dann wünsche ich mir, die Erde wäre eine Scheibe, mit einem Zaun am Horizont, damit ich nicht falle.

Grün ist auch nur eine Farbe

Als Klotz eines Morgens über den Gartenzaun guckte, war das Gras dort viel grüner als bei ihm.

»Wie kann das sein«, fragte er sich, wo doch immer die gleiche Sonne darauf schien.

Ihn wurmte das so sehr, dass er begann, auf seiner Seite große Schirme aufzuspannen, die den Rasen gegenüber beschatteten. Doch jede Stunde musste er dazu die schweren Ständer etwa einen Meter verschieben, damit sie ordnungsgemäß ihren Dienst verrichten konnten. Klotz hatte sich extra dafür frei genommen, denn, wenn er etwas tat, dann auch richtig. Bereits um Mittag taten ihm der Rücken und die Hände weh von der ganzen Zieherei und Schieberei und sein Rasen sah aus wie ein Rübenacker bei Borgholzhausen.

Klotz überlegte, ob er sich diesmal nicht doch vergaloppiert haben könnte, und schüttelte innerlich den Kopf, als plötzlich eine Stimme, zart wie ein Butterkeks sagte: »Ihr armer Rasen, er war immer viel grüner als meiner!«