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Posts Tagged ‘Huhn’

Jagdfieber

Der Winter war nass und trüb, einfach zum Mäuse Melken. Das dachte sich auch Flummi, die Katze, denn wo Mäuse gemolken werden, da kann man auch Mäuse fangen. Und so zog sie los in einer besonders schwarzen Nacht, jenen Ort zu suchen. Sie schlich über die Wiese und den Hof, sie pirschte durch das Gras und über den Kies. Sie jagte eine Nacktschnecke und sprang mit einer Grille um die Wette. Sie fragte das Murmeltier und schaute bei den Hühnern im Stall. Aber nirgends fand sie einen Käsedieb. Es ist zum Mäuse melken, dachte sie, ging ins Haus zurück, legte sich auf die Heizung vors Fenster und schaute hinaus in den dunklen Winter.

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Oft ist ein Jahreswechsel Zeit für ein Résumé. Was hat mir das vergangene Jahr gebracht? Was habe ich erlebt, was ist ausgeblieben? Was hat sich erfüllt und was nicht?
Dabei ist das alles weitgehend wurscht. Es ist durch, die Gelegenheiten sind verpasst oder verronnen, der Drops ist gelutscht. Einzig die Blechdose im Auto erinnert noch an das zitronig- fruchtige Aroma. Jetzt kullert sie im Kofferraum umher oder klimpert im Handschuhfach bei jedem ostdeutschen Schlagloch. Die Werkstatt berechnet für das komische Klappern 365€ Euro plus Steuern und legt einen schweren Stein in die Dose.

Deshalb habe ich einen 5- Punkte- Plan ausgearbeitet. Die Reihenfolge ist nicht bindend. Nur sollte man sich dran halten.

1. Schmeiß den alten Ballast über Bord! Schmücke den Baum ab! Beziehe die Betten neu. Bringe den Müll raus. Tau den Kühlschrank ab. Mach so Platz für neue Erfahrungen und Pizza.

2. Halte dich an keine Diät, sondern schlemme am Leben. Diäten sind Genussarmut.

3. Beachte die Ignoranten nicht. Höre nicht auf die Stummen, sprich nicht mit den Tauben. Flieg nicht mit den Gänsen. Gackere nicht mit den Hühnern. Sei nur du selbst. Sei dein Freund und dein Vertrauter.

4. Umarme deine Zukunft. Erinnerungen sind schwere Anker, die Träume am Segeln hindern.

5. Nimm dir nichts vor! Lass dich überraschen. Live long and prosper! Jetzt!

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Empompie Kolonie

Manchmal fehlt mir der Mut, Dinge zu tun oder zu sagen. Dann schlucke ich sie herunter, um mich später darüber zu ärgern. Manchmal fehlt mir auch die Schlagfertigkeit, mich zu wehren. Dabei möchte ich diesen Gesichtsbratschen allzu gerne die Meinung geigen.

Wenn im Botanischen Garten auf der letzten Bank in der Sonne greise Kukidentlutscher wurzeln und mit dem Fuß Mandalas in den trockenen Boden schaben, möchte ich sie mit dem Taschenspiegel blenden, ihr Plätzchen mit meinem Demo- Transparent Rentenstopp sofort, ich geh auch am Stock beschatten oder auf meinem Handy eine Fliegeralarm- Sirene aufheulen lassen. Die Teakgarnitur gehört dann schneller mir, als einmal Betten machen im Heim dauert.

Dem jabbelnden Kind im Zug hinter mir, das immer gegen meinen Sitz tritt, würde ich einmal den Lolli quer in den klebrigen Schnabel stecken. Ich filme es dann mit dem Handy, während es Die Hühner picken sagen soll. In einigen Jahren stelle ich dann das Video kurz vor Abschluss ihrer postgradualen Weiterbildung zur Fachtierärztin für Geflügel auf allen bekannten Portalen online.

Die Telefontuse von der Marktforschung möchte ich mit unterdrückter Nummer Sonntagnacht um 3.15 Uhr auf ihrem Privatanschluss zurückrufen. Jetzt hätte ich ein paar Minuten Zeit für Ihre Fragen, ich könne nicht schlafen.

Nachbars Hund möchte ich in sein Körbchen scheißen, ohne zu spülen.

Im Supermarkt füllte ich alle Einkaufswagen, die den Gang versperren und offensichtlich darauf warten, dass Herrchen oder Frauchen von der Wurst- oder Käsetheke zurück gedackelt kommen, bis obenhin mit abgepackter Cervelatwurst aus dem Kühlregal.

Mit dem rechten Hinterrad auf dem Bürgersteig Parker würde ich die Felge abmontieren und die Karre auf Ziegeln aufbocken. Für diesen Zweck hätte ich mir extra einen Universalwagenheber und ein Radmutternkreuz zugelegt.

Generell wäre ich nicht zu Hause, wenn irgendein Kleinanzeigeninteressent oder Handwerker zu einer vereinbarten Uhrzeit bei mir vorbeikommen möchte. Die kommen nie oder nie pünktlich. Und wenn doch, werden sich schon wieder melden. Die Telefonnummer, die ich auf meinem Anrufbeantworter hinterlasse, ist vom kleinen Nils.

Und einmal möchte ich mich 100%ig mit einem Verkäufer, der einen Artikel „in gutem Zustand“ inseriert hat, verabreden. Ich würde dann erst kurz vorher anrufen, dass ich mich um eine Stunde verspäte und spät am Abend noch einmal, dass ich es nicht geschafft hätte. In Wirklichkeit fahre ich aber nie los, sondern sitze im Botanischen Garten auf meiner Teakholzbank, schabe mit dem Fuß ein Mandala in den trockenen Boden und summe vor mich hin:

Empompie Kolonie Kolonastik
Empompie Kolonie
Akademi Safari
Akademi Puffpuff!

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Zurück in die Zukunft

Fortsetzung von Hautnah (Kapitel 1), Space Invaders (Kapitel 2), Verkorkt (Kapitel 3), Strafzimmer (Kapitel 4), Schnurlos (Kapitel 5), Murmeltier und Sehnsucht (Kapitel 6) und Holzklasse (Kapitel 7)

Entsetzt starrte ich zu Boden, der grade die schönste Frau seit Ornella Muti verschlungen hat. Ich wusste nicht, welchem Impuls ich zuerst nachgeben sollte: Den bärtigen Bass von der offenen Plattform werfen, den Zug aufschaukeln, bis er von den Gleisen kippt, das krakeelende Hühnervieh über mir opfern oder sollte ich selbst so schnell gegen die Fahrtrichtung rennen, in der Hoffnung, dass meine Geschwindigkeit beim Absprung für einen Zeitsprung ungefähr fünf Minuten zurück reichte? Dieser Gedanke schien mir am sinnvollsten. Ich stürzte auf und als gelte es, noch alle sportlichen Vorsätze in den letzten Sekunden des verstreichenden Jahrtausends zu erfüllen, rannte ich los. Die Schwingtüren öffneten sich ehrfurchtsvoll von alleine und gafften mir hinterher. Dann endlich hatte ich den hintersten Wagen erreicht. Die Theorie besagte, dass man mit der ausgestreckten Hand den Horizont berühren und dabei fest an die vergangene Situation denken müsste. Ich war wild entschlossen, diese Chance zu nutzen, als sich ein kleiner Gedanke zäh und dumpf in meinen Kopf bohrte, wo ich denn sei, wenn ich jetzt springen würde. Sicher nicht im Zug! Als habe die letzte Tür diesen Zweifel gehört, blieb sie verschlossen wie ein nordirischer Pub nach 22 Uhr. Ich krachte scheppernd in suizidal anmutender Absicht dagegen. Holz splitterte und Scheiben klirrten, der Druck der Detonation war sogar noch in der Lokomotive zu spüren. Der Zugführer glaubte, ein Waggon sei aus den Schienen gesprungen und leitete eine Vollbremsung ein. Ich wurde dadurch quer durch den ganzen Zug zurück geschleudert. Die Saloontüren flogen mit lautem Getöse auf. Ich überholte das Licht der untergehenden Sonne und saß Sekundenbruchteile später wieder auf meinen Platz. Was war geschehen? Ich war mir nicht sicher und blickte in die Gesichter der anderen Zeitreisenden. Doch keiner nahm Notiz von mir. Nur der Hahn war tot, er hing schlapp im Schleppnetz. Ich schaute auf mein Handy, die Uhrzeit war verschwunden wie mein Ticket zuvor und der Speicher war komplett leer! Ich hatte drei Tage gebraucht, um alle Kontakte nach dem chinesischen Sprachangriff wieder mühselig per Hand einzupflegen! Erst als sich die Rocky Horror Picture Show um mich herum von ihren Plätzen erhob, ihr Gepäck inklusive toten Hahn nahm und ausstieg, bemerkte ich, dass der Zug stand. Ich drückte meinen Kopf an das Fenster, Milano Centrale las ich schräg. Geschäftiges Treiben huschte auf und ab, eine blecherne Lautsprecherdurchsage hallte über die endlosen Gleise. Irritiert klopfte ich mir Scherben und Holzspäne von der Hose, mir taten die Knochen weh.

Fortsetzung der Geschichte hier

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Holzklasse

Fortsetzung von Hautnah (Kapitel 1), Space Invaders (Kapitel 2), Verkorkt (Kapitel 3), Strafzimmer (Kapitel 4), Schnurlos (Kapitel 5) und Murmeltier und Sehnsucht (Kapitel 6)

Mit Carlottas Anschrift in der Tasche stand ich in aller Herrgotts Frühe und Mutterseelen alleine auf dem einzigen Gleis unseres kleinen verschlafenen Provinzbahnhofes. Zweimal in der Woche hielt hier quietschend ein völlig überfüllter Schienenschlitten, es war die einzige Verbindung ins drei Stunden entfernte Mailand. Ich blinzelte gegen die aufgehende Sonne. Aus der Ferne konnte ich den Tross schon seit 10 Minuten schnaufen hören, jetzt endlich bog er mühsam gegen die Erdrotation um die letzte langgezogene Kurve. Als er zum Stehen kam, geriet die Welt für einen Moment in eine instabile Lage. Sensoren in Castrop-Rauxel verzeichneten ein Beben von 2,6 auf der nach oben offenen Richter- Skala, ein Kartenhaus stürzte zusammen und Oma Elli plürrte in der Zechensiedlung mit der Steckrübensuppe auf das gestärkte, leinene Tischtuch. Träge tropfte die Brühe auf den Boden, zischend und dampfend erschlug sie dabei eine Mücke, die sich über eine herunter gefallene Scheibe Blutwurst hermachte. Dat Elli wischte sich die Hände in der Kittelschürze ab und fluchte, die verklebten Gesichter an den Scheiben tauten auf. Ich balancierte mit meinen Rucksack über morsche Bretter und fand im verkokten Waggon direkt hinter der Tenderlokomotive einen Platz. Im Gepäcknetz flatterten schon ein paar Hühner, und so stopfte ich mein Hab und Gut unter die Holzbank. Langsam wie eine Wanderdüne ruckte unser schwarzer Koloss wieder an. Nach gut 20 Minuten hatte der letzte Pritschenanhänger die Bahnhofsgleise verlassen, die Pest hat sich im Mittelalter schneller verbreitet. Die Landschaft wechselte sich ab wie ostwestfälisches Wetter: Mal humpelten wir vorbei an sanft aufgewühlten Hügeln. Da Vinci wäre aus Wellen förmigen Malbewegungen gar nicht mehr herausgekommen und hätte dabei gleichzeitig die kleine Nachtmusik dirigieren können, wenn es sie schon gegeben hätte. Dann wieder balancierten wir schmale Kletterpfade empor, schroffe und zugleich abenteuerliche Felswände beugten sich zu uns herab. Einmal preschten wir über eine selbst tragende Holzbrückenkonstruktion. Mutig wie ein Bungeespringer und unbeirrbar wie Lothar Matthäus, der immer glaubte, irgendwann einmal ein deutsches Traineramt übernehmen zu können, schoben wir uns auf das fragile Mikadogerüst. Es ächzte wie ein alter Truhendeckel und bog sich in der Mitte durch, aber es hielt. Leonardo schaute stolz aus dem Fenster. Über mir gackerte es erleichtert und Federn stoben hektisch durch die Luft, als schüttele Frau Holle die Betten auf. Und schließlich durchquerten wir den letzten Finstertunnel vor der weiten Ebene Norditaliens. Die bleichen Köpfe meiner Mitreisenden begannen wieder zu schnattern. Ich hörte ihnen nur mit einem Ohr zu, mit dem anderen lauschte ich Carlottas Stimme in meinem Kopf. Ihr Lachen hatte schon beim ersten Mal ein zartes Crescendo in mir ausgelöst, begleitet von André Rieu auf seiner Quietschfiedel. Ich schloss die Augen. Mein Kopf wippte im Takt, als mich eine sonore Bassstimme ansprach und nach meinem Biglietto verlangte. Subito verstummte die Stadivari, es war Mucksmäuschen still im Konzertsaal. Übermüdete und verschwitzte Statisten drehten sich zu mir um, als er die Aufforderung wiederholte. Ich schreckte hoch, schaute in das Antlitz des Dunklen Lord und kramte hektisch in den Untiefen meines Rucksackes nach meiner Fahrkarte. Wie ein Murmeltier grub ich mich tiefer und tiefer hinein, vorbei an Tramezzini in aufgeweichten Brottüten, Ciabatta mit Marmelade, hart gekochten Eiern und einer undichten Thermoskanne. Endlich pflückte ich erleichtert eine aufgeweichte grüne Pappe hervor und reichte sie ihm Axel zuckend. Er nickte stumm und ratschte eine dicke Ecke davon ab. Ich wollte sie eben wieder in die Tasche packen, als ich feststellte, dass er Carlottas halbe Anschrift, die ich mir auf der Karte notiert hatte, abgerissen hatte! Außer Via Dora und einer fragmentarischen Telefonnummer war nichts mehr zu lesen! Entgeistert schaute ich ihm hinterher, meine Augen scannten hektisch den ganzen Subraum um mich herum ab. Ich spulte die Szene zurück, die Stimmen klangen dabei wie der Singsang verliebter Buckelwale. Dann hatte ich den Moment gefunden, stoppte und spielte ihn wieder ab: Ich gab ihm das Ticket in die Hand, er riss davon einen Batzen ab und … ließ das Stückchen einfach fallen. „Grazie“, hörte ich mich sagen. Wie Herbstlaub sah ich es noch zu Boden tänzeln. Ich starrte auf das löchrige Holzpaneel unter meinen Füßen. Pechschwarz eilten alte Bahnschwellen darunter zurück. Endlich entdeckte ich das goldene Los, den Bundesschatzbrief, das letzte fehlende Sammelbild, die Schatzkarte, den Lottoschein mit dem höchsten Jackpot seit Jack Sparrow. Ich bückte mich und behutsam streckte ich meine Hand hervor, als Oma Elli eine saubere Tischdecke auflegte und ein kräftiger Zug durch den Zug wehte. Mein Leben rutschte durch einen finsteren Spalt und flatterte davon wie eine aufgescheuchte Möwe.

Hier geht es dann weiter.

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Das wollte ich schon länger mal machen: Eine Geschichte schreiben, in der alle meine Schlagwörter („Tag-Links“, siehe am rechten Rand) mindestens einmal vorkommen. Ich probiere es mal alphabetisch!

Es ist Heiligabend. Soeben öffne ich das letzte Törchen vom Adventskalender. Was ist das denn? Ich traue meinen Augen nicht: Ein kleines Schokoladenauto. Und wer steigt grade aus? Der Bofrostmann! Wo will der denn so spät hin? Will der etwa noch Tiefkühl- Brötchen ausliefern? Wo denn? Hier in dieser unwirtlichen Gegend, mitten am Deich? Hier gehen die Eier zu Ende, die Frauen spielen Fußball und Haare wachsen am Horizont! Was in aller Welt hat der hier verloren? Leise schleiche ich ihm nach. Das gespenstische Licht des Mondes verzerrt die Schatten der Hühner im Garten von Kapitän Ahab zu einer Karawane Fleisch fressender Saurier. Plötzlich bleibt der Bofrostmann stehen und blickt sich misstrauisch um. Ich zucke zusammen. Hat er mich gesehen? Dämonisch sieht er aus, als würde er Kinder fressen. Ich fürchte um mein Leben, als er einige Schritte auf mein Versteck zugeht. Sein eisiger Atem stirbt in der klirrenden Kälte, kaum dass er sein Maul verlässt. „Ich bin ein Mann“ , denke ich, „zum Sterben ist jetzt keine Zeit!“ und laufe weg. Meine Schritte hallen in der Dunkelheit wie die Schläge des Belzebubs zum Altweiberfasching auf dem glühenden Amboss. Atemlos renne ich zum Meer. „Heiliges Murmeltier, steh mir bei“, schreie ich. Der graue Riese schmeißt unbarmherzig seine kalten Arme nach mir und spült Muscheln um meine Füße. Unsichtbare Möwen schreien durch die Nacht. Meine Nase saugt den salzigen Odem des Todes ein, in den Ohren knistert es nach zertretenem Playmobil. Das Radio in meinem Kopf spielt Julis „Woanders zu Hause“. Dann ist plötzlich Ruhe. Kognitiver Stromausfall. Unendliche Stille. Das Meer schweigt, als habe Neptun Mittagsschlaf verordnet und drohe jedem, der dieses Gesetz missachtet, mit einer Einzelstunde Eurythmie. Mit meinen Zehen presse ich den Sand in meinen Schuhen immer wieder zusammen, bis sich ein kleiner Damm darin bildet. Die Welt um mich herum ist stumm, wie in der Schule beim Englisch- Unterricht, mucksmäuschen still. Selbst die Segel eines trüben, vorüberziehenden Seelenverkäufers halten sich an das unausgesprochene Redeverbot. Ich fröstle.
Mit lautem Getöse poltert die Brandung Ruptus artig wieder los, glitschig wie Seife prescht sie mir ihre klamme Gischt ins Antlitz. Ich muss spucken und kneife die Augen zusammen. Als ich sie wieder öffne, brennt die Sonne, obwohl es eben noch stockfinster war. Bis zu den Knien eingegraben stehe ich am Strand, es ist heller Tag. Hinter mir entdecke ich eine schimmernde Tür. Das Wasser frisst gierig ihren Rahmen und drückt an die Buhnen.

Das Leben ist wie die Flut an Weihnachten“ , denke ich, „was die Welle nicht reißt, das reißt der Wichtel!“
In der Tür drehe ich mich noch einmal um und blicke ein letztes Mal zum Ende der Welt. Der Wind bläst mir ins Gesicht, das hält die Windschutzscheibe nicht.

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Irgendwann platzt mir die Wutschnur. Dann ist einfach genug. Dann muss ich meinem Ärger Luft machen. Wenn ich nicht mehr an mir halten kann, muss es raus. So spielt das Leben. Der Frust hat sich zuvor Wochen lang seinen Weg vorbei an Galle, Magen und Leber gesucht und dabei eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Letzte Woche mussten mir in einer Notoperation alle inneren Organe entfernt werden. Jetzt ist wieder Sonntag und ich stehe mit Braunüle und dem Bofrostmann im Fanblock. Der Schiedsrichter ist wie immer eine schwarze Sau, kann Abseits nicht von Abszess unterscheiden. Der hat uns nicht erst einmal verpfiffen. Wenn ich diesen plattfüßigen Schwanenprinz schon sehe, kriege ich einen optischen Tinnitus. Das fühlt sich an wie eine Pfeife im Auge. Er ist ein Schwippschwager von Ante Šapina und Sandkastenfreund von Robert Hoyzer. Auf dem Schulhof blieb er bei der Mannschaftswahl immer als einziger übrig und musste deshalb den siffigen Tennisball nach jedem Tor aus den Dornenbüschen pflücken. Ausgerechnet diesen Hobbyarchäologen haben die grauen Herren vom DFB zum Schiri gemacht. Die wären besser auch im Sandkasten geblieben. Da hätte es wenigstens was aufs Maul gegeben.
Als der Schieber wieder einmal einen Vorteil für uns in aussichtsreicher Entfernung zum Tor abpfeift, brülle ich ihm meine ganze Wut entgegen, bis ich mein Stottertrauma überwunden habe: A- A- A- Arschloch! Die Fans in schwarz- weiß- blau nicken mir anerkennend zu und schmeißen Feuerzeuge und Pfandbecher aufs Spielfeld. Ich hebe den Daumen. Mann kennt sich. Viele stehen hier seit ihren Tanzschultagen zusammen. Die meisten waren mit der schnellen Schantall hinterm Vorhang mal auf Tuchfühlung. Ich hatte Pickel und keine Puch Maxi S, sondern ein Klapprad. Arschloch hat sie zu mir gesagt, als ich es trotzdem probiert habe. Ich habe mich dann mit Pommes-Walli getröstet, die hatte ein lahmes Bein, eine Zahnspange und eine Hercules Prima mit Prilblumen. Zu ihrem 15. Geburtstag habe ich ihr ein Yes- Törtchen mit einer roten Kerze geschenkt. Sie war so gerührt, dass sie mich rangelassen hat. Ich bin einmal um den ganzen Block gefahren. Ohne Helm. Die Jungs vor der Atari- Konsole waren neidisch und die Vorstadt- Hühner schauten mir mit offenen Mündern hinterher. Sogar Schantall. Hinterm Holunder habe ich sie dann doch rumgekriegt.

Als das 1:0 für die anderen fällt, sind grade mal fünf Minuten gespielt. Ich gehe mir ein Bier holen. Kurz vor der Halbzeitpause steht es drei Bier. Im Radio stirbt Uli Zwetz, als Hoyzer unseren Kapitän wegen eines harmlosen Tacklings in der Nachspielzeit vom Platz stellt. Mit dem Pausenpfiff bauen Hartz IV- Flüchtlinge im einsetzenden ostwestfälischen Nieselregen Gartenpavillions auf und rollen Monitore auf den Rasen. Hackfressen in dunkelblauen Moderations- Sakkos analysieren das Spiel, zeigen alle Abseits- Tore noch einmal und prophezeien den Abstieg. Der gegnerische Block skandiert passend dazu: Nie wieder zweite Liga! Meine Mannschaft kommt wie verwandelt aus der Kabine, mit noch weniger Moral und verliert den Ball schon beim Anstoß. Die Arena raunt und ächzt wie die Titanic am Unglückstag. Die ging nur schneller unter, das hier dauert schon mein Leben lang.

Als der Ball sich nach einem schnellen Konter aus Abseits verdächtiger Position doch noch in die gegnerischen Maschen senkt, hole mir ein Bier und rufe A- A- A- Arminia!

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