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Posts Tagged ‘Luft’

Urknall

»Jetzt fang endlich an!«, sagte meine Lehrerin oft zu mir, wenn ich wieder einmal Löcher in die Luft oder aus dem Fenster starrte. Sie konnte ja nicht wissen, dass ich längst begonnen hatte, diese kleinen wandernden Punkte und Fäden vor den Augen zum Stillstand zu bringen, um sie besser zählen zu können. Kaum hatte ich es dann geschafft, schlug sie mit der geballten Faust so auf den Tisch, dass dabei alles wie in einem Sturm durcheinander wirbelte und ich von vorne beginnen musste.
Eines Tages, ich war exakt bei 112.387 angelangt und hatte nur noch 2 Körnchen vor mir, flog ein Stückchen Kreide geradewegs auf mich zu. Meine so mühsam erschaffene Weltordnung geriet ins Taumeln und Trudeln, sie wackelte und wankte, sie rutschte und ruckelte und schließlich explodierte sie mit einem lauten Knall.

Und plötzlich wusste ich, dass zwischen Genie und Wahnsinn manchmal nur der Boxhieb oder der Kreidewurf eines besserwisserischen Ignoranten liegt. Oder beides.

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Nach meinem überwältigenden Sieg beim Netnovela- Schreibwettbewerb „Vom Sofa in die Bestsellerliste“ mit meiner Geschichte Freu dich nicht zu spät! drängt Murat nun mit Händen und Füßen darauf, dass ich eine Fortsetzung seiner Memoiren schreibe. Meinetwegen.

Die Geschichten dieses zweiten Teiles fasse ich (vorerst) unter „Murat Reloaded“ zusammen. Viel Spaß damit.

 

Vorübergehend bewölkt

Ehrlich betrachtet, unser kleiner Laden läuft wie ein Streuguthandel in der Sahara, wir bekommen keinen Kredit mehr in der Sparkasse und keinen Deckel mehr bei Renzo. Jetzt haben wir für unsere letzten fünf Euro Zigaretten gekauft und brettern auf der Autobahn durch das nächtliche Ruhrgebiet. Murat, der alte Renndackel, bläst den Dieselmotor bei 130 km/h frei, immer nur Kurzstrecke sei ja Gift für so eine hochtechnisierte Maschine. Die Handbremse hat er ein Stück angezogen, damit wir nicht so schnell sind. Ich lehne meine Wange an die klamme Seitenscheibe, nehme ein Schluck Bier aus der Dose, krame in der Schachtel nach einem Teerlutscher, blase Olympische Ringe in die Luft und spiele verträumt mit dem Lego- Leuchtstein.
„Das Leben ist genauso“, denke ich, „irgendwann geht das Licht aus.“
Wacklige Szenen in Super 8 – Qualität erobern meine medialen Temporallappen und rufen Erinnerungen hervor. Wie der Sturm das Lagerfenster eingedrückt hat und Brackwasser unseren gesamten Vorrat an Haushaltsrollen, Servietten, Klopapier und Hoffnung fraß. Augenblicklich kommt der Geruch von feuchtem Keller wieder hoch und reizt meine Gaumensegel. Ich schlucke es wieder hinunter, hat schließlich Geld gekostet und blicke zu Murat.
Er wischt mit einem alten Socken die Windschutzscheibe sauber, „Sauwetter und überall Tempolimits!“, schimpft er.
Ich nicke und sacke wieder in meine Gedanken zurück. „Wir müssten einfach mal raus“, sage ich dann, „raus aus dem Trott. Den Alltag hinter uns lassen. Nach vorne blicken und neu beginnen. Den Kopf frei blasen wie einen Dieselmotor!“
„Saufen und kiffen?“, fragt Murat knapp.
„Nein, wir brauchen Urlaub!“

Am nächsten Morgen machen wir uns verkatert auf den Weg zu Doktor Gesch, Gesch wie gelber Schein. Dieser Mann hat einen zweifelhaften Ruf, und wir ein ebensolches Anliegen. Keiner weiß, ob und wo er wirklich promoviert hat, und noch viel schlimmer: Worüber?! Der Blinddarm – Sackgasse oder Durchbruch? Ein Wanderhoden auf Abwegen oder am Ziel – Google Streetview enthüllt!? Beinamputation als Alternative zur Penisverlängerung? Oder über Elektroschocks zur Vorbeugung bei Herzinfarkt? Noch ehe ich mich weiter echauffieren kann, tippt mir Murat auf die Schulter und zeigt nach rechts. Ich bleibe stehen und stutze, so schlimm hatte ich mir das nicht vorgestellt. Die Praxis liegt in einem grauen Hinterhof, wo nachts die Fässer brennen, Ratten die Spinnen fressen und es in den Mülltonnen klopft. Misstrauisch blicke ich mich um, zähle laut bis drei und renne los. Murat ist mir dicht auf den Fersen. Dann strauchelt er über einen toten Schädel und landet vornüber in dem wurmigen und Öl durchtränkten Dreck. Die ersten Aasfresser schauen neugierig zu uns herüber.
„Nicht liegen bleiben“, schreie ich, reiche ihm meine Hand und ziehe ihn ruppig aus der Gefahrenstelle.
„Danke, Alter.“
„Da nich für“, entgegne ich.

Unter einem löchrigen Vordach, das einen schwarzen Kellereingang nicht mehr schützt als eine Baustahlmatte, verschnaufen wir kurz, ehe wir das muffige Treppenhaus betreten. Die Wände sind zugekritzelt wie ein Berliner Hauptschul- WC und es riecht auch so, die Stufen vermüllt wie das Handschuhfach eines Messis. Sofort greift das alte Unbehagen wieder nach meiner Kehle, ich halte die faule Luft an. Spitzbeinig erreichen wir die dritte Etage, klopfen uns den Staub aus den Klamotten und drücken die Klingel neben dem Hand geritzten Messingschild. Am anderen Ende der Wand kreischt eine Glocke wie eine alte Straßenbahn, dann höre ich ein wenig Putz rieseln.
„Is offen“, knarzt es kurz darauf unwirsch von drinnen. Mit dem Ellenbogen stoße ich die Tür auf. Eine unansehnliche Matroschka am Empfang weist uns, ohne nach der Krankenversicherungskarte zu fragen, mit abgehackten Worten und hartem, rostigen Akzent den Weg zum Wartezimmer.

Unter normalen Umständen hätte ich einen solchen schäbigen Raum selbst als Cholera-Kranker nicht betreten, so groß ist die Infektionsgefahr auf den speckigen Holzstühlen, sich was Ernsthaftes zu holen. Aber die Umstände treiben uns hierher. Murat und ich bleiben stehen und schauen in die Pflastergesichter der anderen. Die meisten sehen aus, als wären sie aus dem Armenviertel vertrieben worden. Wer hier mit uns das Dasein fristet, steht schon beim Tod auf dem Einkaufszettel. Ich achte peinlichst darauf, nichts zu berühren und starre an die vergilbte Decke, an der die Nachtfalter um die Leuchtfunzel ihre Namen tanzen. Ohne zu murren wartet die Hiobsgemeinde stoisch, als wäre das hier ein ukrainischer Provinzbahnhof und man hofft, dass etwas passiert, aber man weiß es nicht genau. Nach etwa zwei Stunden nehme ich mir eine abgewetzte Fachzeitschrift vom Altpapierstapel in der Ecke. Ich entdecke grade einen interessanten Artikel über die durchschnittlichen Liegezeiten in der Pathologie „So wollen die Krankenkassen auf unsere Kosten sparen!“, als uns die rauchige Stimme Captain Flints in sein verrauchtes und verruchtes Zimmer ruft. Ich denke über den Katalysator für Zigaretten nach.
Stumm zeigt er auf einen Packen Briefumschläge auf seinem verwarzten Schreibtisch. Aus jedem einzelnen blinzeln Geldscheine heraus.
„Großes Sorge, großes Schein. Kleines Sorge, kleines Schein“ redebrecht er.
Murat überreicht ihm einen Stapel Formulare, die uns unsere Krankenkasse zugeschickt hat. Sein dicker Daumen blättert hindurch und hinterlässt auf jeder Eselsecke einen Nikotin gelben Abdruck.
„Sehr großes Sorge“, murmelt er.
Murat und ich schauen uns an, wir sind blank wie ein zypriotischer Kleinfischer.
Flint ist dieses nicht entgangen, „schönne Uhr“, sagt er beiläufig, „Rolex?“
Murat schüttelt mit dem Kopf, „Taucha“, sagt er, nimmt sie ab und legt sie ihm zögerlich vor seine dicke Nase.
Der gierige Pirat nimmt sie hoch, dreht sie ein paar Mal im Licht, schaut auf den Deckel, zieht eine mächtige Schublade vor seinem Bauch auf und lässt sie klingelnd darin verschwinden.
„Und schönes Auto!“
Murat schaut mich flehend an, ich aber fische die breit gesessenen Papiere aus meiner Arschtasche, löse den Rapidschlüssel vom Bund und lege beides auf den Tresen.

Ein viertel Stunde später verlassen wir die Kajüte des raubeinigen Seeräubers, winken fröhlich ins Leichen blasse Wartezimmer und nehmen die Schwarzbahn zum Laden.

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Zappzerapp

Manchmal tanzen meine Gefühle auf dem heißen Blechdach Tango. Ich stehe daneben, die Hände lässig in den Taschen, wippe mit dem Fuß und gucke vergnügt zu. Eins, zwei, Wie- ge- schritt, Rück, Seit, Schluss.
„Hähä, ich kanns noch“, grinse ich in mich hinein.
Mein Schatten tänzelt inzwischen schon ein wenig ekstatischer, als auch mich die pure Lust packt. Ich schmeiße mich auf den Rücken, meine Beine zucken in die Luft empor, dann hole ich kurz Schwung und drehe auf dem schmalen First um meine Längsachse. Zappzerapp, das wars. Ich wippe wieder mit dem Fuß und schaue in die warme Nacht, bisdie Musik leise verstummt.
„Schön, wenn man Träume hat!“, denke ich und klettere durch die Luke zurück ins Haus. Eine Katze schaut mich mit großen Augen an.

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Wenn jetzt Sommer wär‘

Warm und weich liegt die Luft über der Stadt, die Sonne lacht schon den ganzen Tag. Erschöpft steige ich aus dem Auto und da packt es mich. Es weht durch die Gärten und Gassen, mischt sich mit dem stillen Duft von frischen Rasenschnitt. Überall steigen Funken glühender Grillkohle empor und Würstchenzangen klappern. Der Speichel in meinem Mund beginnt zu knistern, grüngelber Senf beißt mich in die Nase, Gerbsäure rinnt durch meine Kehle zu einem Straßenfest der Sinne. Das Leben spielt Soul und ich tanze auf dem Tisch.

PS: Es liegt immer noch Schnee draußen, noch weit und breit kein Sommer in Sicht.

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Hölle auf Erden

Als wir endlich unsere Hütte erreicht hatten, dämmerte es schon. Mit einem Ruck stieß Opa die knarzende Tür auf, das Feuer war längst aufgebrannt und es war bitterkalt. Opa brach den letzten Stuhl entzwei und legte das Holz auf die blasse Glut, nach ein paar Minuten züngelten kleine Flammen empor. Dann nahm er einen Topf, füllte ihn draußen mit Schnee, stellte ihn auf den Küchentisch, schnappte sich den Hasen, drückte mir die hinteren Sprünge in die Hände und griff nach seinem Messer.

„Heb hoch!“, raunzte Opa. Zitternd hob ich den toten Meister Lampe mit ausgestreckten Armen in die Luft.

Dann setzte Opa die Klinge an. Ich kniff die Augen zusammen und hörte das Geschlinge in den Schnee platschen. Kaltes Blut spritzte auf mein Gesicht und etwas Warmes lief mir die Beine hinunter. Ich begann zu taumeln.

Scheppernd hing Opa den eisernen Bottich an einen Haken über das Feuer, „wisch das weg“, sagte er und warf mir einen Lappen vor die Füße, „und dann geh schlafen. Wir müssen früh raus!“

Am nächsten Morgen war Opa Slavko schon wieder auf den Beinen, als ich erwachte. Mein banger Blick fiel auf die Feuerstelle, wo der Topf gestern noch lange bedrohlich baumelte und quietschte. Jetzt stand er leer auf dem Sims. Erleichtert atmete ich aus. Draußen vorm Haus hörte ich eine Axt Holz spalten, dann schlug sie ein letztes Mal in den Stamm und Opa kam mit einem Korb voller Scheite wieder herein.

„Hast du schon gefrühstückt?“, fragte er barsch.

Ich schüttelte ängstlich den Kopf. Opa griff in seine Manteltasche, holte ein Stück trockenes Brot heraus und reichte es mir. „Pack alles zusammen, was du brauchst. Ich bringe dich ins Dorf zum Pfarrer. Hier kannst du nicht bleiben!“

Mir blieb der Bissen im Halse stecken und ich starrte ihn erschrocken an. „Nicht zum Pfarrer!“, flehte ich, „die Leute erzählen, er stecke mit dem Teufel unter einer Decke!“

„Unsinn! Er ist ein alter Säufer und Schwätzer, aber ein gerechter Mann. Nach dem Winter hole ich dich wieder ab, und gnade ihm Gott, wenn er dir ein Haar krümmt! Dann reiße ich ihm persönlich den Kopf ab!“

Weitere Geschichten von Opa Slavko gibt es hier , hier und hier.
Sie beschreiben kleinen Szenen, die noch nicht in einen Erzählrahmen eingebettet sind, also keine zeitliche oder dramaturgische Reihenfolge zu einander haben.

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Fangschuss

Eine dicke Schneedecke verhüllte die Landschaft. Oma Nada war gestern Abend in den nahen Wald gegangen, um Holz für den Kamin zu holen und jetzt war sie schon eine ganze Nacht da draußen. Opa Slavko schaute stirnrunzelnd durch das vereiste Küchenfenster hinaus auf das Feld, dann schnürte er sich die Stiefel, zog den dicken Mantel an, schulterte die Flinte und sagte zu mir: „Komm, Junge!“

Meine Augen staunten runder als mein Mund, mein ganzer Kopf war Kreis und mir wurde schwindelig. „E- E- Echt?!“, stammelte ich.

„Ja“, knurrte der Alte und ging zur Tür hinaus.

Hektisch stopfte ich meine Füße in die hohen Schuhe, warf mir meine abgewetzte Jacke über die Schultern und stürmte hinterher. Opa hatte schon die Lichtung erreicht, er scheuchte einen Schwarm Raben auf und verschwand dann zwischen den dunklen Bäumen. Ich stampfte schnaubend durch die hüfttiefen Stollen, die er im Schnee hinterlassen hatte, immer wieder den Blick zum leeren Horizont gerichtet. Die unendliche Eiseskälte wälzte sich mir erbarmungslos entgegen und fraß bereits meine Zehen auf, als ein Schuss wie ein Kanonenschlag durchs Tal grollte. Unten im Dorf schauten die greisen Bewohner stumm und verängstigt auf und eilten zurück in ihre Häuser. Ich warf den Kopf in den Nacken und schrie verzweifelt gegen die Angst an, die mich packte und würgte, die mich schüttelte und schlug. Dann sank ich bibbernd zusammen, schlug die steifen Finger vors Gesicht und schluchzte.

„Ein Junge weint nicht“, brummte plötzlich eine raue Stimme und warf mir einen toten Hasen in meine Grube, „nimm und komm. Es wird bald Nacht“, sagte Opa Slavko.

„Und Oma?“, krächzte ich.

„Der Herr gibt und der Herr nimmt“, murmelte er und reichte mir seine Hand.

Weitere Geschichten von Opa Slavko gibt es hier, hier und hier.
Sie beschreiben kleinen Szenen, die noch nicht in einen Erzählrahmen eingebettet sind, also keine zeitliche oder dramaturgische Reihenfolge zu einander haben.

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Kaffee Hag

So dann und wann, quasi gelegentlich, also eigentlich manchmal, da packt mich die Unzufriedenheit wie der Kaufhausdetektiv den Ladendieb einfach so am Schlafittchen. Ich versuche dann noch, mich los zu reißen, boxe und trete nach dem unsichtbaren Feind. Der hingegen nimmt mich umso fester an die Kandare.
So knurrt mich heute der Morgen schon gleich nach dem Aufstehen mürrisch an, ich belle zurück. Statt eines warmen Brötchens serviert er mir einen harten Knust (= Brotendstück, anderswo auch Knäppchen genannt oder schlicht Kanten), der Kaffee ist ungesüßt, lauwarm, dünn und obendrein noch entkoffeiniert. Nichts für Liebhaber aufrüttelnder Herzrhythmusstörungen oder anregenden Bluthochdrucks.
Aber ich will nicht klagen. Mir geht das ganze Gejammere auch so was von auf die Nerven. Überall nur unzufriedene Ladendiebe. Und dann ist das Geschrei plötzlich groß, sie wollten ja gar nicht wirklich, sie hätten nur vergessen, an der Kasse zu bezahlen! Ich kann das nicht mehr hören.
Ich habe deswegen auch mit meinem Bewährungshelfer darüber gesprochen, ob er mich nicht endlich wegsperren kann, so viel Freiheit, frische Luft und Sonnenschein, das macht mich depressiv!

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