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Posts Tagged ‘Nacht’

Silberhochzeit

Meine Bilder sind wie flüchtige Affairen: Jung und unschuldig. Es ist noch nichts passiert, aber hier und da knistert es schon ein bisschen.
Ich will gar keine Silberhochzeit mit ihnen feiern. Nach einer so langen Zeit verblassen die Farben und der Malgrund wird gelb und brüchig. Ich feiere lieber 25 Mal Einjähriges, da fühlt sich die Leinwand immer an wie ein Rosenblatt im Morgentau und nicht wie ein alter Blechhelm.
Manchmal sind meine Bilder mir zum Greifen nah und schauen mich direkt an, dann wiederum laufen sie vor mir weg oder lassen mich im Wald alleine stehen.
Manchmal stelle ich mir vor, in sie hinabzutauchen und zu verschwinden in einen Taumel voll leidenschaftlicher Begierde. Dann wiederum gehe ich zu ihnen auf kühle Distanz wie der Preuße zum Weißbier, nur im Notfall rühre ich das an. Die heimische und traditionelle Braukunst hingegen schätze ich über alle Maßen. Ehrlich und treu im Charakter, zugleich herb und süffig im Geschmack.
Aber ich schweife ab, ich wollte etwas über Affairen erzählen.
Über die Versuchung, ein Stückchen von ihnen zu probieren. Über die Verführung, eine Nacht im Atelier mit ihnen zu verbringen. Über die süße Heimlichkeit des Verbotenen.

Doch jeder, der schon einmal ein Bild in den Händen gehalten hat, weiß, es entsteht durch das Malen, nicht durch das Vornehmen.

Das Leben ist zu kurz, um das zu tun, was ich soll.

PS: Dieser Text ist rein literarischer Art, er trifft NICHT mich zu.

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So nicht

Es ist nicht so, dass ich nichts mehr zu sagen hätte, seit mein erster Roman Quergefönt erschienen ist. Ganz um Gegenteil, oft habe ich den ganzen Kopp voller Worte und weiß nicht, wohin damit. Dann aber ermahnt mich der gierige Autor in mir, daraus ein zweites Buch zu machen. Doch nicht alles kann ich Murat oder meinem knurrigen Ich-Erzähler in die Schuhe schieben, schließlich habe ich einen guten Ruf zu verlieren. Als Franco Bollo und als Mensch, der sich dahinter verbirgt.

Deswegen habe ich mich entschlossen, den kleinen, persönlichen und ebenso fiesen wie bösen Text, den ich eigentlich vorgesehen hatte, bis auf weiters verschlossen zu halten und stattdessen eine entfallene Szene aus dem Kapitel „Eisbärsalat“ preiszugeben, die eine Abrechnung mit meiner alten Englischlehrerin ist. Namen und Orte sind frei erfunden, entbehren aber möglicherweise nicht autobiografischer Wahrheiten. Sicher ist sicher.

Ganze Generationen von hoffnungsvollen Nachwuchskünstlern und -autoren haben sich wie ich in den frühen 80er Jahren durch einen völlig dilettantischen Englischunterricht gequält und wissen dabei bis heute nicht, was Pink Floyd heißt. Es hält sich ja hartnäckig das Gerücht, es bedeute rosa Verhütung. Doch selbst meine knöcherne und verklemmte Lehrerin konnte oder wollte das Rätsel nicht auflösen, was ja eher für diese Übersetzung spricht.
Das arme Ding hieß Frau Kornfeld und ihre Eltern hatten sie offensichtlich wegen ihrer Klugscheißerei schon als Blag satt. In einer kalten Winternacht ließen sie sie auf einem kahlen Getreideacker zurück und machten sich flink von dannen. Sie verhüteten fortan lieber mit der Hand, lebten glücklich und entspannt ohne sie und genossen die Ruhe.

Knapp einhundert Jahre später aber trug mich diese mental zurückgebliebene Ährenspindel mit der sexuellen Ausstrahlung eines Melkschemels aus nichtigsten und niedrigsten Gründen regelmäßig ins Klassenbuch ein. Einmal schmiss sie mich sogar aus dem Unterricht, bar jeder pädagogischen Kompetenz und jedes Verantwortungsbewusstseins.
»Ich hätte geworfen!«, erzählte das verlogene Aas meinen Erziehungsberechtigten, als sie am Abend vor unserer Haustür stand.
Natürlich habe ich geworfen, nur leider nicht getroffen, sonst hätte der Kartenständer nicht den Physiklehrer zuerst erwischt. Die dumme Sau hatte ich erst später auf meiner To-do-Liste.
Mein Papa war da echt cool, »Englisch- und Sachkundepauker braucht kein Mensch«, sagte er zu ihr, »der eine ist sich zu fein, um Scheiße zu sagen, der andere zu doof zum Hinunterspülen!«

Bedauerlicherweise war diese Unterhaltung meiner weiteren Karriere an dieser Penne nicht wirklich zuträglich, auch wenn ich ihm in der Sache heute noch recht geben muss. Wozu gibt es denn den Google-Übersetzer, Siri oder Leo?

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Nach meinem überwältigenden Sieg beim Netnovela- Schreibwettbewerb „Vom Sofa in die Bestsellerliste“ mit meiner Geschichte Freu dich nicht zu spät! drängt Murat nun mit Händen und Füßen darauf, dass ich eine Fortsetzung seiner Memoiren schreibe. Meinetwegen.

Die Geschichten dieses zweiten Teiles fasse ich (vorerst) unter „Murat Reloaded“ zusammen. Viel Spaß damit.

 

Vorübergehend bewölkt

Ehrlich betrachtet, unser kleiner Laden läuft wie ein Streuguthandel in der Sahara, wir bekommen keinen Kredit mehr in der Sparkasse und keinen Deckel mehr bei Renzo. Jetzt haben wir für unsere letzten fünf Euro Zigaretten gekauft und brettern auf der Autobahn durch das nächtliche Ruhrgebiet. Murat, der alte Renndackel, bläst den Dieselmotor bei 130 km/h frei, immer nur Kurzstrecke sei ja Gift für so eine hochtechnisierte Maschine. Die Handbremse hat er ein Stück angezogen, damit wir nicht so schnell sind. Ich lehne meine Wange an die klamme Seitenscheibe, nehme ein Schluck Bier aus der Dose, krame in der Schachtel nach einem Teerlutscher, blase Olympische Ringe in die Luft und spiele verträumt mit dem Lego- Leuchtstein.
„Das Leben ist genauso“, denke ich, „irgendwann geht das Licht aus.“
Wacklige Szenen in Super 8 – Qualität erobern meine medialen Temporallappen und rufen Erinnerungen hervor. Wie der Sturm das Lagerfenster eingedrückt hat und Brackwasser unseren gesamten Vorrat an Haushaltsrollen, Servietten, Klopapier und Hoffnung fraß. Augenblicklich kommt der Geruch von feuchtem Keller wieder hoch und reizt meine Gaumensegel. Ich schlucke es wieder hinunter, hat schließlich Geld gekostet und blicke zu Murat.
Er wischt mit einem alten Socken die Windschutzscheibe sauber, „Sauwetter und überall Tempolimits!“, schimpft er.
Ich nicke und sacke wieder in meine Gedanken zurück. „Wir müssten einfach mal raus“, sage ich dann, „raus aus dem Trott. Den Alltag hinter uns lassen. Nach vorne blicken und neu beginnen. Den Kopf frei blasen wie einen Dieselmotor!“
„Saufen und kiffen?“, fragt Murat knapp.
„Nein, wir brauchen Urlaub!“

Am nächsten Morgen machen wir uns verkatert auf den Weg zu Doktor Gesch, Gesch wie gelber Schein. Dieser Mann hat einen zweifelhaften Ruf, und wir ein ebensolches Anliegen. Keiner weiß, ob und wo er wirklich promoviert hat, und noch viel schlimmer: Worüber?! Der Blinddarm – Sackgasse oder Durchbruch? Ein Wanderhoden auf Abwegen oder am Ziel – Google Streetview enthüllt!? Beinamputation als Alternative zur Penisverlängerung? Oder über Elektroschocks zur Vorbeugung bei Herzinfarkt? Noch ehe ich mich weiter echauffieren kann, tippt mir Murat auf die Schulter und zeigt nach rechts. Ich bleibe stehen und stutze, so schlimm hatte ich mir das nicht vorgestellt. Die Praxis liegt in einem grauen Hinterhof, wo nachts die Fässer brennen, Ratten die Spinnen fressen und es in den Mülltonnen klopft. Misstrauisch blicke ich mich um, zähle laut bis drei und renne los. Murat ist mir dicht auf den Fersen. Dann strauchelt er über einen toten Schädel und landet vornüber in dem wurmigen und Öl durchtränkten Dreck. Die ersten Aasfresser schauen neugierig zu uns herüber.
„Nicht liegen bleiben“, schreie ich, reiche ihm meine Hand und ziehe ihn ruppig aus der Gefahrenstelle.
„Danke, Alter.“
„Da nich für“, entgegne ich.

Unter einem löchrigen Vordach, das einen schwarzen Kellereingang nicht mehr schützt als eine Baustahlmatte, verschnaufen wir kurz, ehe wir das muffige Treppenhaus betreten. Die Wände sind zugekritzelt wie ein Berliner Hauptschul- WC und es riecht auch so, die Stufen vermüllt wie das Handschuhfach eines Messis. Sofort greift das alte Unbehagen wieder nach meiner Kehle, ich halte die faule Luft an. Spitzbeinig erreichen wir die dritte Etage, klopfen uns den Staub aus den Klamotten und drücken die Klingel neben dem Hand geritzten Messingschild. Am anderen Ende der Wand kreischt eine Glocke wie eine alte Straßenbahn, dann höre ich ein wenig Putz rieseln.
„Is offen“, knarzt es kurz darauf unwirsch von drinnen. Mit dem Ellenbogen stoße ich die Tür auf. Eine unansehnliche Matroschka am Empfang weist uns, ohne nach der Krankenversicherungskarte zu fragen, mit abgehackten Worten und hartem, rostigen Akzent den Weg zum Wartezimmer.

Unter normalen Umständen hätte ich einen solchen schäbigen Raum selbst als Cholera-Kranker nicht betreten, so groß ist die Infektionsgefahr auf den speckigen Holzstühlen, sich was Ernsthaftes zu holen. Aber die Umstände treiben uns hierher. Murat und ich bleiben stehen und schauen in die Pflastergesichter der anderen. Die meisten sehen aus, als wären sie aus dem Armenviertel vertrieben worden. Wer hier mit uns das Dasein fristet, steht schon beim Tod auf dem Einkaufszettel. Ich achte peinlichst darauf, nichts zu berühren und starre an die vergilbte Decke, an der die Nachtfalter um die Leuchtfunzel ihre Namen tanzen. Ohne zu murren wartet die Hiobsgemeinde stoisch, als wäre das hier ein ukrainischer Provinzbahnhof und man hofft, dass etwas passiert, aber man weiß es nicht genau. Nach etwa zwei Stunden nehme ich mir eine abgewetzte Fachzeitschrift vom Altpapierstapel in der Ecke. Ich entdecke grade einen interessanten Artikel über die durchschnittlichen Liegezeiten in der Pathologie „So wollen die Krankenkassen auf unsere Kosten sparen!“, als uns die rauchige Stimme Captain Flints in sein verrauchtes und verruchtes Zimmer ruft. Ich denke über den Katalysator für Zigaretten nach.
Stumm zeigt er auf einen Packen Briefumschläge auf seinem verwarzten Schreibtisch. Aus jedem einzelnen blinzeln Geldscheine heraus.
„Großes Sorge, großes Schein. Kleines Sorge, kleines Schein“ redebrecht er.
Murat überreicht ihm einen Stapel Formulare, die uns unsere Krankenkasse zugeschickt hat. Sein dicker Daumen blättert hindurch und hinterlässt auf jeder Eselsecke einen Nikotin gelben Abdruck.
„Sehr großes Sorge“, murmelt er.
Murat und ich schauen uns an, wir sind blank wie ein zypriotischer Kleinfischer.
Flint ist dieses nicht entgangen, „schönne Uhr“, sagt er beiläufig, „Rolex?“
Murat schüttelt mit dem Kopf, „Taucha“, sagt er, nimmt sie ab und legt sie ihm zögerlich vor seine dicke Nase.
Der gierige Pirat nimmt sie hoch, dreht sie ein paar Mal im Licht, schaut auf den Deckel, zieht eine mächtige Schublade vor seinem Bauch auf und lässt sie klingelnd darin verschwinden.
„Und schönes Auto!“
Murat schaut mich flehend an, ich aber fische die breit gesessenen Papiere aus meiner Arschtasche, löse den Rapidschlüssel vom Bund und lege beides auf den Tresen.

Ein viertel Stunde später verlassen wir die Kajüte des raubeinigen Seeräubers, winken fröhlich ins Leichen blasse Wartezimmer und nehmen die Schwarzbahn zum Laden.

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Zappzerapp

Manchmal tanzen meine Gefühle auf dem heißen Blechdach Tango. Ich stehe daneben, die Hände lässig in den Taschen, wippe mit dem Fuß und gucke vergnügt zu. Eins, zwei, Wie- ge- schritt, Rück, Seit, Schluss.
„Hähä, ich kanns noch“, grinse ich in mich hinein.
Mein Schatten tänzelt inzwischen schon ein wenig ekstatischer, als auch mich die pure Lust packt. Ich schmeiße mich auf den Rücken, meine Beine zucken in die Luft empor, dann hole ich kurz Schwung und drehe auf dem schmalen First um meine Längsachse. Zappzerapp, das wars. Ich wippe wieder mit dem Fuß und schaue in die warme Nacht, bisdie Musik leise verstummt.
„Schön, wenn man Träume hat!“, denke ich und klettere durch die Luke zurück ins Haus. Eine Katze schaut mich mit großen Augen an.

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Manchmal bin ich müde und kann einfach nicht einschlafen. Mir geistern dann noch tausend Gespenster des Tages laut rasselnd durch den Kopf. Warum der Bofrostmann keine frischen Brötchen hat. Oder warum der Postbote Pfingsten nicht kommt. Ob der sich vielleicht zusammen mit dem lästigen Tiefkühlfahrer im Stadtpark bei einem kleinen Wippermann eins ins Fäustchen lacht? Ha, ich habe es schon immer gewusst! Denen werde ich es zeigen! Kurzerhand gehe ich zum Schuppen und hole mein Fahrrad.
„Wo willst du noch so spät hin?“, ruft mir eine Stimme nach.
„Brötchen holen“, schnaufe ich.
„Aber es ist zwei Uhr morgens?!“
„Ich habe Hunger“, grantle ich und mache mich unbeirrt auf meinen Weg. Wie ein Glühwürmchen funzelt mein Vorderlicht durch die schwarze Finsternis, ohne einen Schatten zu werfen. Es ist bitterkalt, die Eulen sind längst eingeschlafen und haben sich warm zugedeckt. Doch meine Wut kennt keine Angst, obwohl sie Brüder sind. Ich scheiße auf Familie und trampele weiter, bis ich endlich um die letzte Kurve biege. In dichten Nebel gehüllt liegt die städtische Hundescheißfläche jetzt vor mir, gefährlich und unbezwingbar wie der Marianengraben. Ich bremse ab und beobachte mein Glühwürmchen beim Sterben. Die Grabesstille ist hörbar in meinem Kopf und frage ich mich, ob ich nicht manchmal übertreibe. Jede Nacht stehe ich hier und lasse mich fressen von meinen Gedanken. Von Zweifeln und Sorgen. Von Gram und Groll. Von Mut und Matsch.
Vielleicht hätte es ein Wippermann auch getan. Oder auch zwei. Da muss ich mal drüber nachdenken, wenn ich wieder zu Hause bin.

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Nachtlos

Der Vollmond steht hoch über dem Wald und die Eulen rufen durch die Finsternis. Ich spüre, wie mir ein dichter Pelz auf dem Rücken wächst und sich meine Hände zu gefährlichen Krallen versteifen. Der Geruch von eingetrocknetem Blut an den Kielen der handgerupften Gänsedaunen in meinem Kissen entzündet in meiner Nase eine olfaktorische Explosion und droht, meinen letzten Willen zu brechen. Krampfhaft klammere ich mich an die massiven Bettpfosten, die wie morsche Zahnstocher zersplittern und mich nicht mehr halten können. Ich springe auf und taumele aus dem Zimmer.
Im Treppenhaus rieche ich genussvoll an den Gummistiefeln und vor der Tür schlage den Hund des Nachbarn tot, der mich blöde ankläfft. Ich folge dem Ruf der Nacht zum Schlund der Straße, hebe spielerisch den schweren Gullideckel wie einen Kronkorken empor und steige hinab in die enge, unterirdische Speiseröhre der Stadt. Mit gefletschten Zähnen und geiferndem Maul durchstreife ich die verwinkelten Gänge auf der Suche nach Cholesterin und Protein. Ich zerre Maulwürfe aus ihren Löchern und beiße Ratten die Schwänze ab. Und erst, wenn die Filetlaken der Fledermäuse über der Glut des Fegefeuers in rußiger, reiner Schwärze erstrahlen, vollendet sich meine wunderbare Verwandlung vom liebevollen Gemüsemann zum gierigen Fleischmonster. Ich kann gar nichts dagegen tun, ich bin nachtlos.

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Der Jever- Mann
Ich gehe noch einmal in den Garten hinaus, hinten zum Stall und schaue hinein. Aber Klopf ist nirgends zu sehen. Vorsichtig hebe ich das Holzhäuschen hoch und schiebe das Stroh ein wenig zur Seite. Glück gehabt, er ist auch diesmal in seinem Lieblingsversteck. Schnell stopfe ich ihn in meinen Rucksack, er tut so, als merke er es gar nicht. Dann renne ich zum Auto. Papa hupt schon und fächert mit den Armen. „Wo warst du denn noch?“, will er prompt wissen. „Ich habe nur Klopf auf Wiedersehen gesagt“, flunkere ich. Schon brausen wir los.
Nach zähen und unendlichen Stunden auf der Autobahn, einem Dutzend Fünf Freunde- CDs und ebenso vielen Nutellabrötchen kommen wir endlich am Fähranleger in Rømø an. Seit vor ein paar Jahren ein Sturm einen Laster vom Sylt- Shuttle gepustet hat, fahren wir immer über Dänemark auf unsere Urlaubsinsel. Papa ist da abergläubisch, „wer einen Laster umschmeißt“, sagt er immer, „der macht auch vor einer E- Klasse nicht halt.“
Wir sind spät dran diesmal und der Kapitän trötet bereits dreimal, als Papa endlich die Tickets in der Hand hat und wir auf den Autokutter fahren können. Im Internet zu buchen ist auch nicht so seine Sache. Auf dem völlig überfüllten Deck quetschen wir uns zwischen Fahrräder und Kinderwagen auf eine hölzerne Backskiste. Der Wind pfeift uns um die Ohren und die Abendsonne lächelt müde. Dann brummen die schweren Dieselmotoren los. Das Schiff vibriert wie eine alte Waschmaschine, dunkler Rauch steigt empor, die Möwen stieben von den schiefen Birken im Fahrwasser auf und hoffen auf einen Bissen.
Ich schaue meinen Bruder an, er nickt und schon wuseln wir durch Wolfstatzen- Jacken, Fleece- Pullovern, Softshell- Westen zum Bug. Doch ausgerechnet dort feiern die Kicker vom Team Sylt lautstark das Erreichen des Achtelfinales beim Dana- Cup in Nord- Jütland mit Koffein haltigen Kaltgetränken, Fassbrause und Eistee. Kurzerhand machen wir kehrt und schlängeln uns zum Heck mit den riesigen Propellern. Wir packen unsere Toggo- Lutscher aus und spucken ins aufgeschäumte Wasser. Papa ist sitzengeblieben und muss auf unsere Sachen aufpassen.
Am Inselhafen List fallen mir die Augen zu. Ich träume von Knicklichtern, Taschenlampen, Gartenfackeln und Grillen am Strand. Erst als Papa mich zudeckt und mir einen Gute- Nacht- Kuss gibt, blinzele ich ihn schlaftrunken an. „Wo sind wir?“, will ich wissen. „Da, wo der Klabautermann auf Kaperfahrt geht“, sagt er lieb. Dann schlafe ich wieder ein. Papa geht zurück ins Wohnzimmer und fällt um wie der Jever- Mann.

Faltiger Autist
Am nächsten Morgen wache ich mit den ersten Sonnenstrahlen auf. Endlich kann ich mich um Klopf kümmern. Vorsichtig hole ich ihn aus meinem Rucksack und schaue ihn an. Er scheint noch zu schlafen. Manchmal denke ich, er könnte mich verstehen, wenn er mich anschaut und seinen faltigen Hals reckt. Dann erzähle ich ihm, wie ich einmal das Feuerwehrauto von meinem Bruder im Sand verbuddelt habe, weil ich so eins auch gerne hätte. Oder wie ich Lauf, seinem Hamster, die Füßchen mit Tesafilm umwickelt habe, weil er schneller war als Klopf. Oder dass ich mir kurz vorm Einschlafen heimlich die Bettdecke in den Schlafanzug stopfe, damit ich morgens nicht nass bin. Sonst dürfte ich Klopf nicht behalten, hat Papa gesagt. Dann nickt Klopf immer und gibt mir Recht. Er ist auch der einzige, der weiß, dass ich gerne Leuchtturmwärter werden möchte. So wie Herr Tur Tur auf Lummerland. Das muss schön sein, abends einmal die Wendeltreppe raufsteigen, die Petroleumlampe anzünden und morgens wieder löschen. Keine Nacht darf es ausbleiben, meinen fünften Geburtstag nicht, nicht Weihnachten, und nicht freitags, wenn die Schmutzfrau kommt. Ich muss immer da hoch. Mit Einbruch der Dunkelheit muss das Licht brennen. Es ist eine wichtige Aufgabe. Klopf versteht mich. Papa nennt ihn manchmal faltiger Autist. Ich weiß nicht, was das ist.
Nach dem Frühstück geht Papa mit uns in einen kleinen Laden in der Friedrichstraße. Postkarten mit Zackenrand erzählen Legenden aus Wilhelminischen Zeiten. Dutzende Stocknägel mit Strandkorbmotiven und Insel- Silhouetten reihen sich in kleinen, offenen Schächtelchen. Leuchttürme in allen Größen von der F- bis zur A- Jugend, Schneekugeln, Bernsteinfigürchen, Buddelschiffe und ganze Kutterflotten verteidigen ihre Regalwand gegen eine Korblandschaft aus plüschigen Wattwürmern, Möwen und Seehunden fernöstlicher Produktion. Papa versucht ständig, unser eigenes Taschengeld zu sparen. Wir hätten genug Spielzeug zu Hause. Aber eben keinen Riesenkraken, der Wasser spritzen kann! Dann meint er wieder, das Wellenbrett sei zu groß, das kriegten wir in keinen Koffer rein. Oder die Ritterfestung sei zu teuer, das Aufblaskrokodil zu gefährlich. Muscheln, Seesterne und Kescher hätten wir noch vom letzten Urlaub zu Hause, im Keller! Boah, ich habe echt keine Lust mehr und zeige auf mein T- Shirt. I’m the boss steht da. Das zählt nicht, erklärt Papa mir, Papa sei mehr als Chef. Dann will ich doch lieber Leuchtturmwärter werden. Oder faltiger Autist.

Wir lieben die Stürme
Der Wind kurvt mit uns im Slalom um jeden Poller, jeden Anker und jede Boje herum. Er taumelt über rot geklinkerte Wege, braust an Juckpulverbüschen, Knallerbsensträuchern und kahlen Kiefern vorbei, saust mit Schwung über eingegrabene Paletten die Dünentäler hinunter und mit uns an Papas Hand wieder hinauf. Auf dem Sandgipfel bleiben wir stehen und staunen: Groß, weit und dunkel erstreckt sich der graue Riese bis zum Horizont. Grollend wirft er seine kalten Arme ans Ufer, als sei er nie weg gewesen. Sein eisiger Atem fegt feuchte Gischt wie eine Horde aufgescheuchter Krabben beim Schulausflug vor sich her, schmeißt Standkörbe um und drückt dicke Kinder die Rutsche wieder hoch. Volleyballnetze stehen steif in der eisigen Brise wie schwer gefüllte Reusen, Klaffmuscheln graben sich tiefer in den Sand. Mein Käppi reißt sich los wie ein wild gewordenes Seeungeheuer, scheucht Thalasso- Wanderer vor sich her und sprengt eine Gruppe Qigong- Tänzer im Dünengras auseinander.
Benommen stolpern wir in die Villa Kunterbunt zum Piratentag. Laut brüllend entern wir die Welt, lotsen unser Boot durch gefährliche Untiefen und an Monster- Riffen vorbei. Wir schießen mit Korken- Kanonen auf Kokosnüsse, schruppen das Deck und pumpen Wasser aus den Kajüten. Wir überstehen die Pest und Skorbut, verlieren dabei alle Zähne und ein Bein. Wir jagen Ratten von Bord, Wale im tiefen Meer und heben auf einer einsamen Insel einen großen Schatz.
Erst bei Sonnenuntergang laufen wir wieder in unseren Hafen ein. In der Kombüse gibt es salziges Pökelfleisch und faules Wasser. Der leuchtende Zyklop blinzelt uns aufmunternd zu. Der Sturm hat sich gelegt.

Du bist nicht mehr mein Freund!
“Matschpatsch” macht es immer wieder. Ich greife mit den Händen in das trübe Wasserloch, das ich mit einem kleinen Deich vom Meer abgetrennt habe. Mit dem Plattmacher klopfe ich die Mauern fest. Auf einer Seite habe ich so viel Sand heraus gebuddelt, dass ein richtiger Berg entstanden ist. Aus beiden Fäusten lasse ich die Matschepampe von weit oben darauf fallen. Es sieht aus, als hätte ein ganzer Möwenschwarm nur auf diesen einen Fleck geschissen und ich sehe aus wie ein paniertes Schnitzel. Ich weiß schon selbst nicht mehr, ob ich überhaupt eine Badehose anhabe.
Ich beauftrage meinen Bruder aufzupassen, so lange ich Muscheln suche. Aber der Stinkstiefel will meinen Kescher dafür haben. „Ich bin nicht mehr dein Freund“, brülle ich, trampele meine Burg selbst kaputt und marschiere los. Papa hat mir erklärt, dass da, wo viel kleines schwarzes Holz an den Strand gespült wird, ich auch Bernsteine und Haifischzähne finden kann. In meinen Eimer sammle ich Krebspanzer, Seesterne und kräftige Herzmuscheln zum Kämpfen, er ist bald randvoll. Ich schmeiße tote Quallen zurück ins Wasser und laufe weiter. Endlich habe ich eine Stelle gefunden. Erst bohre ich mit dem Bockermann in dem Prütt herum, dann schiebe ich ihn mit dem ganzen Fuß hin und her. Schließlich lasse ich mich auf die Knie fallen und siebe mit den Händen. Alles, was gelb oder honigfarben ist, lecke ich ab. Harz schmeckt man doch! Ich finde ein altes Gummibärchen, eine geschliffene Glasscherbe und einen Feuerstein, sogar ein noch eingepacktes Campino- Bonbon. Es ist weich und salzig. Plötzlich scheucht mich eine große Welle auf und schmeißt meinen Eimer um. Erschrocken greife ich nach dem Henkel. Meine Schätze flüchten dabei mit dem rückfließenden Wasser: Bernsteine so groß wie Kiesel und Haifischzähne so scharf wie Säbel! Mein Bruder wird staunen.

PS: Es handelt es sich hierbei um ältere, überarbeitete Beiträge, sozusagen alter Wein in neuen Schläuchen.

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