Elemeno P.

Fortsetzung von Freu Dich nicht zu spät! (Kapitel 1), Abstelltraum (Kapitel 2), Strebergarten (Kapitel 3), Wortgeflecht (Kapitel 4), Kassensturz (Kapitel 5), Gleicheitrige (Kapitel 6), Gesichtsyoga (Kapitel 7), Übergangsbinde (Kapitel 8), Strafstoß (Kapitel 9) und Stockdunkster (Kapitel 10)

Es regnet in Strömen, als ich erwache. Der Wind peitscht Fäden gegen das Fenster und begehrt Einlass. Das Wetter passt zu meiner Stimmung: Düster und schwarz. Ich setze mich an den Küchentisch und puste frustriert Asche und Tabakkrümel von der Platte. Seit drei Monaten leben wir nun schon von der Hand in den Mund und übermorgen ist der neue Quartalsvorschuss für Miete und Gewerbesteuer fällig. Wir haben noch nicht einmal eine komplette Kupferrolle in der Geschäftskasse und Murats hanebüchene Idee mit dem Lego Bau Service – LBS – war ein totaler Reinfall. Statt in Geld in unserem Speicher zu schwimmen, müssen wir jetzt wegen Markenrechtsverletzungen kräftig abdrücken.

Dabei fing alles so gut an mit unserem mobilen Wiederaufbau- Service: Gleich beim Vorstandsvorsitzenden einer großen deutschen Bausparkasse sollten wir an einem einzigen Tag den großen Lego Star Wars Todesstern wieder aufbauen. Eine haushaltsnahe Dienstleistungsbeschäftigte habe das Prachtmodell vom Schreibtisch gefeudelt und die Aufbauanleitung gleich mit geschreddert. Und so kamen wir ins Spiel. Wir waren gut wie die Everly Brothers, es liefert alles wie geschmiert. Die steuerfreie Einmalzahlung plus Bonus winkte schon in der Hand von Darth Sidious, als ihm Murat seine Visitenkarte hinlegte. Ich erhaschte schnell einen kurzen Blick darauf: „Murat und Partner, LBS- Direktoren“, las ich. Der mächtigste Sith winkte nur kurz mit dem kleinen linken Finger und weitere 499 kostenlose Vistaprint- Kärtchen huschten aus Murats Innentasche durch das Bernsteinzimmer. Sie wirbelten durch die Luft und bildeten die Worte „Ich bin die LBS, wer bist du?“ Murat fasste sich an die Kehle, verdrehte die Augen und röchelte: „Ich bin dein Vater!“ Bunte Lasersalven flirrten durch den Raum und lösten an der Börse ein wahren Kursrutsch aus, als ein 2,28 m großer Fellprimat uns in letzter Sekunde aus dem lodernden Inferno rettete. „Danke, Chewie“, hörte ich Murat noch sagen, ehe ich ihm seinen Businessplan um die Ohren schlug.

Wie gesagt, das war ein Reinfall. Alle Kosten dafür werde ich ihm von seiner Kapitaleinlage abziehen, wenn es denn reicht! Ich will eben aufstehen und ihm den Gesellschaftervertrag kündigen, als es an der Ladentür klingelt. Durch ein Loch im Vorhang schiele ich in den kleinen Verkaufsraum, kann aber niemanden entdecken. Dann höre ich Stimmen.  „Wo steckt denn Murat bloß?“, denke ich und drehe das Radio lauter. Wolfsheim spielt grade Kein Weg zurück. Ich zupfe mir mein Homer Simpson T- Shirt zu Recht und gehe nach vorne.

Ein dunkelschwarzer dreiteiliger Zwirn steht vor mir und wischt sich die Nässe von den Schultern. Draußen parkt mitten vor der Tür ein warnblinkender Oberklasse- Kombi, der Einarmwischer zappelt über die Windschutzscheibe.
„Der kann da aber nicht so stehen bleiben“, ranze ich den Anzug an, „das ist eine Feuerwehrzufahrt!“
Doch der Mann in Black pfeift stattdessen den Refrain mit, was gesagt ist, ist gesagt. Das habe er auch grade gehört, schön, nicht? Und ob ich der Eigentümer dieses netten Geschäftes sei oder einen gewissen Murat kennen würde?
„Weder noch”, antworte ich, „ich bin der Generalbundesanwalt und einem Zigarettenschmugglerring auf der Spur.“
„Ah so“, meint die Flachpfeife, aber auch dann müsste ich meine Fernseh- und Rundfunkgebühren bezahlen. Von mir lägen ihm gar keine Anmeldedaten vor!
Mir schwillt der Kamm. Da steht dieses hutzlige Männchen verbotswidrig in der Einfahrt und glaubt allen Ernstes, hier jetzt eine Kabinenansprache zu halten. „Schlimmer sind ja nur noch die Zeugen Jehovas“, schmeiße ich ihm entgegen. „Für welche Leistung wollen Sie kassieren? Für langweilige Wettshows mit lockigen Moderatoren? Für dröge Politsendungen und Comedy im Format Hallervorden und Carrell? Für Marienhof und Mainz bleibt Mainz?! Oder für 25 Jahre Blindenstraße? Ich habe nie eine einzige Sendung gesehen! Ich will Fernsehen, wann ich will und was ich will!“, schreie ich, „und das lade ich mich mir herunter!“
Wutschnaubend drehe ich mich um und stapfe in meine kleine Nische. Murat, der alles mit angehört hat, huscht ängstlich zur Seite. Ich blitze ihn an, rupfe das Radio mit der Steckdose ruppig aus der Wand, gehe wieder nach vorne und werfe dem Wiesengesicht den Monorecorder vor die Lackschuhe, dass er zerbricht, „und jetzt fahr deinen Aufsitzmäher da weg!“
Der Ladenhüter weicht zur Seite, aber er schickt sich noch nicht an zu gehen.
Ich hole weiter aus: „Das letzte, was ich jemals im öffentlich- rechtlichen Fernsehen geschaut habe, war Dinner for one und das war eine Wiederholung! Und seitdem ist auch nix Neues mehr produziert worden. Meine Schuld ist also längst bezahlt!“
Der Agent im schwarzen Frack beginnt zu taumeln, seine Mundwinkel zittern leise.
„Du Lothar!“, sprudelt es jetzt aus mir heraus, „es gibt kein Weg zurück!“

Ich greife zu Murats Besen und hole zum finalen Schlag aus. Dann endlich klackern die Schuhe des GEZ- Helden, die Tür fliegt auf ohne zu Klingeln und eisiger Wind peitscht herein.
„Arschloch“, rufe ich ihm hinterher, „es wird kalt!“
Draußen heult eine 2- Liter- Maschine auf und kurze Zeit später brettert die Heckschleuder über die große Kreuzung. Die Ampel zeigt schon lange rot, als sie ihn frontal ablichtet.
„Hoffentlich in Full- HD“, denke ich mir.

„Komm Murat“, rufe ich, „wir müssen Abrechnung machen!“
Er guckt geduckt um die Ecke, „wie immer?“, fragt er vorsichtig.
„Wie immer“, antworte ich.
Er schaltet den Plasma- Fernseher an und legt die DVD mit der dritten Al Bundy- Staffel ein, die Ferguson- Toilette rauscht männlich.
„Wer fängt an?“, fragt er.
Ohne zu antworten, sage ich „A“ und zähle in Gedanken das Alphabet weiter.
Mitten drin bei elemeno sagt Murat Stopp.
„P“, antworte ich.
“P?“, fragt er misstrauisch.
„Ja“, sage ich.
Dann blättern wir durch die sortierten Rechnungen.
„P?“, fragt er noch einmal, „haben wir nicht!“
„P wie Politesse“ sage ich feierlich und ziehe ein Knöllchen aus dem Stapel. Es ist von Murat. Ich überprüfe es sorgfältig.
„Wann war das denn?“, will ich wissen, „ach egal, was getan ist, ist getan!“

ENDE

Übergangsbinde

Fortsetzung von Freu Dich nicht zu spät! (Kapitel 1), Abstelltraum (Kapitel 2), Strebergarten (Kapitel 3), Wortgeflecht (Kapitel 4), Kassensturz (Kapitel 5), Gleicheitrige (Kapitel 6) und Gesichtsyoga (Kapitel 7)

Es dämmert schon, als wir schweigend zurück fahren. Jeder hängt seinen Gedanken nach. Längst glaubte ich, Ayse vergessen zu haben. Zumindest wollte ich das so, seit ich sie im letzten Herbst einmal an der Kasse im dm- Markt getroffen habe. Wir haben lange süß geplaudert, bis ich bemerkte, dass sie eine große Packung Kondome mit Fruchtgeschmack und ein Döschen Kieselsäuretabletten auf das Band legte. Ab da war es mit der Träumerei aus und vorbei, vergessen und verloren. Nie wieder. Ich brachte keinen Ton mehr heraus und knallte stumm den Trennstab hinter ihre Lustartikel. Verzweifelt griff ich nach einem Karton Slipeinlagen aus dem Sonderangebot und legte es zu meinen Nasenhaarschneider, der Zahnseide und der Anti- Grau- Tönung. Ohne auf mein Wechselgeld zu warten, verließ ich den Ort der trügerischen Eitelkeiten. Aber jetzt merke ich, dass Ayse mir doch wieder durch den Sinn huscht. Tausend kleine schillernde Momente fallen mir ein. Wie ihre dunklen Augen funkeln, ihr Lachen strahlt oder sie ihre langen Haare zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand zwirbelt. Ich denke an die kleinen Grübchen auf ihren Wangen, wenn sie lacht. Die Luft flimmert zart und ihre Nasenflügeln vibrieren ganz sanft, wenn sie spricht. Ich blicke zu Murat und muss husten. Er raucht schon die dritte steuerfreie Tabakfackel, die er Stangenweise von Renzo kauft. Das Zeug qualmt wie ein isländischer Vulkan, die Sicht ist schlecht. Plötzlich taucht dicht vor uns eine riesige Gemüsepfanne in dem Nebel auf. Murat stampft mit beiden Galoschen auf das Bremspedal, reißt hupend das Lenkrad herum und flucht wie ein betrogener, arabischer Kamelhändler. Dann prügelt er ohne zu kuppeln knatschend den zweiten Gang rein und treibt unsere Droschke auf der linken Spur Zentimeter für Zentimeter an den Tiefkühlwagen heran. Aug in Aug mit dem Bofrostmann rauscht er an unserer Ausfahrt vorbei. Ich wische die Scheibe frei.

Über eine schier endlose Landstraße fahren wir nun durch dichten Nebel. Ich suche nach Lichtpunkten in der Dunkelheit, doch selbst die Scheinwerferkegel unseres Rapids werden nach etwa zwei Metern unbarmherzig wie von einem riesigen, schwarzen Maul verschluckt. Die Tankanzeige ist schon lange im zweiten Untergeschoss angekommen und blinkt hektisch. Die Chance, lebend gefunden zu werden, wenn uns jetzt der Sprit ausginge, gleicht einer homöopathischen Hochpotenz. Ich taste nach dem Reservekanister hinter meinem Sitz, um festzustellen, dass ich ihn im Heizungskeller vergessen habe. Nervös hält Murat auf einer kleinen Anhöhe an. Ich drehe das Radio stumm, gehe nach hinten, setze mich auf die Laderaumkante und lausche Minuten lang mit spitzen Ohren der Finsternis. Hier und da glaube ich, etwas zu hören, aber es ist zu weit entfernt um herauszufinden, was es ist. Mit einem Mal werden die Geräusche lauter. Es ist, als habe jemand eine Tür geöffnet. Schweres, dumpfes Grollen wabert zu uns herüber. Dann erkenne ich den Rhythmus: Es ist Smoke on the water von Deep Purple! Ich peile den Kurs der Musik an, aber das ist hoffnungslos unter diesen Bedingungen. Vorsichtig lässt Murat den Wagen den Hügel hinunter rollen, es gibt eh nur zwei Richtungen: Die, aus der wir gekommen sind und die, in die wir fahren. Wie beim Blinde Kuh- Spiel tapsen wir voran, der lauter werdenden Musik entgegen. Nach endlosen Minuten, die langsam wie Adventssonntage im Nieselregen verrinnen, biegen wir auf einen Schotterparkplatz ein und stellen den Wagen ab. An einem Gebäude flackert im staubigen Fenster blass- grau ein Open– Schild, Fetzen von Child of vision wehen uns entgegen. Wir gehen hinüber, öffnen die Tür und betreten einen zum Bersten gefüllten Wirtsraum. Dichte Rauchschwaden schlagen uns entgegen. Wir schieben uns durch das Menschengetümmel, quetschen uns nahe der Theke zwischen tump dreinblickende Treckerköpfe und blicken uns stumm um. Tropfkerzen verhüllen Flaschen mit grotesken Mänteln, Kunstblumen blühen wie frisch verliebt und Häkeldeckchen auf den verharzten Tischen erstrahlen in Persilweiß. Graue Greise gehen hüftsteif die steilen Stufen zu den moosgrün gefliesten Toiletten hinab und kommen als windelnasse Jungspunde wieder herauf. Es wirkt, als seien die, die noch Frittenfett im Tank ihres Strich- 8er hatten, heute Abend in die Stadt gefahren. Alle anderen sind noch hier: der Horn bebrillte Bürgermeister in Cordhose, der blasse Vorsitzende der Taubenzüchter, der pralle Schatzmeister vom Kaninchenzuchtverein „Deutsche Riesen“, die gesamte örtliche Bewegungssportgruppe -Abteilung Ausdruckstanz- und die aktive Frauengemeinschaft von den Weight Watchers. Erinnerungen an den wild gewordenen Mob auf der Messe werden in mir wach. Auf einer kleinen Bühne spielt eine Band guten, alten Rock. Und wir mittendrin.

„Was trinkt ihr?“, fragt uns eine blondierte Zapfhenne hinter dem Tresen, die nach Tosca riecht. „Ein Guinness“, schreie ich durch den Bassdschungel. „Was ist das denn? Das kenne ich nicht!“ „Dann bring mir ein Pils. Habt ihr das?“ Ich warte nur noch darauf, ein Wicküler zu bekommen und in DM bezahlen zu können. Kurze Zeit später stellt sie mir einen großen Glashumpen auf den Tisch und für Murat ein Wasser, er muss ja noch fahren. Sie macht ein X und ein U auf den Deckel. „Habt ihr auch was zu essen?“, frage ich sie. „Da musst du hinten raus, da wird gegrillt!“ Draußen ist nicht viel los, eine Frau in weißer Kittelschürze hinter einer Biergartengarnitur dreht grade Würstchen und riesige Fleischlaken um. Ich bestelle eine Bratwurst mit Kartoffelsalat. „Hausgemacht“, wie sie extra betont. Bei der  Portion, die ich bekomme, hätten selbst alle Hunde aus dem Tierasyl noch mitessen können und wären satt geworden. Mit einem Wagenrad großen Teller gehe ich wieder hinein. Murat ist eingeschlafen, die Band spielt Dr. House is dead und ich frage mich, ob er an der Portion gestorben ist oder ob er hier vor Ort erschossen wurde, weil er nicht aufaß? Ich nehme grade den letzten Schluck von meiner obergärigen Kaltschale, als mir Tosca schon das nächste Einmachglas vor die Nase setzt.

Am nächsten Mittag bricht die Sonne grell durch die Ritzen der Jalousien und zeichnet Streifenmuster auf die vergilbte Blumentapete der Wirtsschänke. Ich schäle mein schmerzendes Knautschgesicht von der klebrigen Tischplatte und blicke auf. Anscheinend hat die Party gestern noch lange getobt. Überall liegen umgeworfene Stühle herum und leere Flaschen rollen über den Boden. Im Humpen vor meiner Nase ist eine Pferdebremse ertrunken, auf meinem Deckel stehen jetzt fünf X und ein U. Durch die offene Tür sehe ich die Metzgersgattin auf der Terrasse den Grill schruppen. Ich stoße Murat an, der mit einem Ohr im Kartoffelsalat auf meinem Teller liegt. „He“, rufe ich entrüstet, „wer soll das denn noch essen?“ Die Fleischersfrau schaut misstrauisch herüber, schnappt sich einen Reisigbesen und marschiert entschlossen auf uns zu. Schnell schiebe ich Murat den Deckel unter die Nase, „zahl du schon mal, ich warte am Auto auf dich!“ Grade als ich mich draußen an einer Konifere vorm Eingang erleichtere, stürmt Murat heraus. Die eine Hand umklammert eine verstaubte Flasche Chivas Regal, die ich eben noch hinter der Theke glaubte gesehen zu haben, und die andere einen original Atika- Aschenbecher, mit dem er den ganzen Abend geliebäugelt hat. Meine Augen leuchten. Schweren Schrittes trommelt die geprellte Kittelschürze hinter ihm her, ihr Atem rasselt wie Hui Buh in Ketten. „Schnell“, ruft er, „der letzte Bus fährt!“ Mühsam verstaue ich mein Gemächt, wische mir die Hände an der öligen Hose ab und springe auf den Beifahrersitz, als auch schon der Feudel gegen die Hecktür donnert.
Der Motor heult auf, der Donnerbesen faucht, wirbelnde Kiesel prasseln gegen die hölzerne Fassade des Saloons, dann schwänzelt der Rapid vom Hof. „Gib mir fünf“, sagt Murat. Und die kriegt er, als nach 100 Metern auch der letzte Tropfen Diesel aufgebraucht ist.

Was geschieht dann? Werden wir entkommen? Lest hier weiter!

Strebergarten

Fortsetzung von Freu Dich nicht zu spät! (Kapitel 1) und Abstelltraum (Kapitel 2)

Ich stehe auf und gehe am versteinerten Murat vorbei. Entschlossen schnappe ich mir die herum liegenden Bierflaschen, sammle sie in den Kasten zurück und stelle ihn dem kleinen Muck genau vor die Füße. „Musste das sein?“, frage ich ihn, „du weißt genau, dass heute Eröffnung ist!“ Murat starrt weiter in den hohlen Raum, ein bisschen Sand rieselt ihm aus den Haaren und lässt mich vermuten, dass er noch nicht ganz mumifiziert ist. „Wie siehst du überhaupt aus?“ „Also, ich, äh …, du hast …“, stammelt er sich in den Schnauz. „Ach, red jetzt keine Opern, hilf mir mal, ich krieg das Fass hier nicht auf. Bin mal gespannt, was ich da günstig ersteigert habe!“ Wortlos überreicht mir Murat die Spitzhacke. Mit einem einzigen gezielten Hieb schlage ich den Deckel ab. „O’zapft is!“, verkünde ich stolz, klettere über das Splitterholz und linse in den Container. „Ich glaub’s nicht“, rufe ich, „Murat, komm her, das musst du dir unbedingt anschauen!“ Unsicher stolpert er zu mir, den Kopf dreht er dabei nach hinten, als könne jeden Augenblick ein Flaschengeist erscheinen und ihn zur ewigen Knechtschaft zwingen.
Plötzlich steigt süßlicher Rauch empor und wirbelt immer schneller durch unser Lager. Zitternd stehen wir da, helle Lichtpunkte sausen wie Schneeflocken im Sturm auf uns zu. Murat weicht erschrocken zurück, ich greife nach dem Klappspaten und halte ihn abwehrend vor das Gesicht. Die Wucht des Tornados reißt ihn mir aus den Händen, scheppernd fliegt er durch den Laden und schlägt das große Schaufenster ein. Dumpf höre ich Murat hinter mir kreischen und drehe mich erschrocken um. Er schwebt in der offenen Tür und strampelt verzweifelt, die Füße etwa 50 cm über dem Boden. Ich will ihm zu Hilfe eilen, als mich mit einem Ruck der rasende Nebel packt, in die Höhe reißt, im Kreis herum schleudert und mit einem Drei- Punkte- Wurf gekonnt in das enge Fass einnetzt. Mit einem lauten Rums schlägt der Deckel über mir zu und verdunkelt die Welt. Minuten lang geschieht nichts, ich höre nur meinen eigenen Atmen von den Holzwänden widerhallen, die Luft ist schwül und stickig. Schließlich schiebt sich Totenstille zwischen die Ritzen.

„Schneller, die Oase ist nicht mehr weit“, schreit er mir ins Ohr. Ich blicke stumm auf. Die Wüste flimmert wie die A2 im Gegenlicht vor den Kühltürmen des Kohlekraftwerks. Müde und schwer setze ich einen Fuß vor den nächsten. Dann endlich keimen die ersten Palmenblätter am Horizont. Vor Aufregung stolpere ich eine Senke hinunter. Die kühle Hoffnung rollt sich zusammen wie eine Leinwand am Ende des Dia-Abends. „Nein“, stammele ich und sinke auf die Knie. Mit beiden Händen greife ich in den glühenden Sand und schmeiße ihn in die Luft. Ich kneife die Augen zusammen und ziehe die Schultern hoch, als er wie ein Meteoritenschauer auf mich herunter prasselt. Zornig schüttele ich mir den Kies aus den Haaren. Mein kleiner Mann ruft wieder: „Los, raff dich auf! Du schaffst es!“ Ich will ihn ignorieren. Zu oft hat er mich schon falsch beraten. Wie damals, als er meinte, ich solle mich zu diesem Kurs anmelden „Männer kochen anders“ und ich mich in einem Anti- Aggressionstraining für Akademiker wiederfand. Nur verhärmte Sozialarbeiter und Geschichtslehrer in Cordhosen. Das war vielleicht ein Reinfall. Ein anderes Mal drängte er mich zu einem Niederländisch- Sprachkurs und dann war ich im Urlaub doch wieder im Harz. Aber diesmal hat er wahrscheinlich Recht. Hier Burgen zu bauen, rettet mich nicht. Matt rappele ich mich wieder hoch. Ich blinzele in die Sonne, die erbarmungslos meinen Liquor zum Kochen bringt. Jeder Schritt gleicht dem stechenden Schmerz einer Spinalanästhesie. Mühsam schleppe ich mich durch die Senke und schon auf halben Weg höre ich das muntere Feilschen der Kamelhändler. Dann endlich tauchen Zelte aus dem Gekrümel auf und es riecht nach Bratapfel mit Zimt. „Vorsicht“, tönt es hohl in meinem Kopf. „Ruhe!“, murmele ich, „ich entscheide!“ Mit letzter Kraft krieche ich an toten Schädeln im Wüstensand vorbei bis zum ersehnten Wasserloch. Gierig stecke ich meinen Schlund hinein, in großen Schlucken saufe ich das trübe Nass. Trunken falle ich auf den Rücken, schließe die Augen und denke an die kühlen Tannen im Harz. An den trüben Sommer und die verregneten Tage in der muffigen Pension. Die alten Holzstufen knatschten und führten zu meinem kleinen und dunklen Zimmer im ersten Stock, unten wohnte die Vermieterin. Das Bad war auf dem Flur, kalt und moosgrün, wie das Wasser dieses Tümpels. Das Metallrost des Bettes quietschte bei jeder Bewegung. Der Hirsch röhrte im Dickicht und unterhielt sich mit seinem gemalten Kollegen über dem winzigen Tisch mit der Häkeldecke und den Trockenblumen im bröseligen Steckgrün. Morgens stellte die alte Hexe das Frühstück schon um 6.30 Uhr vor die Tür. Auf dem Weg zur Toilette trat ich in der ersten Nacht in die Teewurst auf dem Goldrandteller. Fluchend und humpelnd hüpfte ich über den roten Sisalläufer zum Ende des Ganges, um dann festzustellen, dass Mütterlein Gicht das Bad verschlossen hatte. Ich griff erleichternd zu der Teekanne des Herrn von Zimmer 7, als mich ein Teppichklopfer streifte.
In diesem Augenblick tritt mir ein Beduine in die Seite und zeigt grinsend seine schwarze Zahnpracht. Ich zucke zusammen, schlage die Augen wieder auf und setze mich. „Ich habe dich gewarnt“, ruft da mein kleiner Begleiter wieder, „das hast du jetzt davon.“ „Ach, halt’s Maul“, sage ich zu ihm, „Du hast mir die Suppe mit dieser Karawane doch überhaupt erst eingebrockt! Bleib doch hier, wenn du willst.“ Dann stehe ich auf und gehe auf das größte Zelt zu. Ich schiebe den schweren Baumwollstoff zur Seite und trete ein. Das Einkaufsparadies von Teppich Kibek eröffnet sich mir in seiner ganzen Pracht. Der Garten Eden des Vorwerkmannes, die Welttournee seines Kobolds, das Eldorado der Milbenallergiker. Und ich mittendrin. Der Beduine von Loch Ness betritt das Zelt. „Willst du kaufen schöne Kelim?“, fragt er. „Wie alt ist sie denn?“, frage ich zurück. „Was wie alt?“ „Die Kelim!“ „Kelim ist ganz neu! Guckst du hier“, sagt er und geht zu einem Haufen Vorleger, blättert darin herum und zupft von unten eine Katzendecke hervor. Kritisch reibe ich den Stoff zwischen Daumen und Zeigefinger. „Die kratzt ja“, sage ich, „hast du nicht etwas anderes?“ und gehe auf einen Stapel zu, den er mir bewusst nicht gezeigt hat. „Was ist denn mit dem da?“, will ich wissen und zeige auf einen alten Fetzen, der aussieht, als habe Ali Baba darauf an einem Stück die Sahara und alle arabischen Wüsten durchritten. Entgeistert guckt er mich an. „Das ist ganz besondere Teppich“, stammelt er. „Ich weiß“, entgegne ich, „aber genau den will ich! Den und keinen anderen! Was kostet er?“ „Du willst wirklich habe fliegende Teppich?“, fragt er noch einmal. „Ja.“ „Dann du musst mir gebe kleine Mann von deine Schulter!“ „Meinen Dschinn? Niemals!“, entrüste ich mich. Er geht einen Schritt auf mich zu, „gib!“ zischt er. Zögerlich fasse ich meinen kleinen Begleiter am Rockzipfel, er tanzt und tobt wie Daniel Küblböck in der ersten Staffel von DSDS. Ich greife fester zu und halte ihn am ausgestreckten Arm dem Zeltgesicht entgegen. Er will eben zupacken, da schnellt meine Hand mit dem Superstar zurück. „Und noch genügend Wasser für zwei, nein, für drei Tage dazu!“, pokere ich. Finster gucke ich in seine gierigen Augen. „Du bist schlimmer als wie meine Brüder“, knurrt er, schlägt dann aber doch ein. Schnell ruft er zwei Schergen hinein, die draußen den Teppich und den Kaktussaft bereit stellen sollen. Er selbst stopft den Dschinn in ein altes Holzfass und nagelt den Deckel zu. Dann schlägt er seinen Kaftan über den Arm und weist mir den Weg mit einer eleganten, fast Hesterschen Geste hinaus. Dort liegt mein Teppich plan im Streugut, mitten drauf glänzen drei pralle Bocksbeutel ledern in der Sonne. Die vermummten Gebrauchtwagenverkäufer stehen feixend und johlend drum herum, Schwielensohler schieben spöttisch ihre Kiefer vor und zurück. Ich bahne mir einen Weg hindurch, setze mich auf den zerschlissenen Fußabtreter und durchkämme mit beiden Händen akribisch den dünnen Flor. Hohn prasselt auf mich nieder wie Reis auf das vermeintlich glückliche Brautpaar. Nach endlosen Minuten ertasten meine Finger das, wonach ich suchte. Ich richte mich auf und mit einem Ruck ziehe ich einen goldenen Faden heraus. Unter den bass erstaunten Gesichtern der Campinggemeinde im luftigen Tuch hebe ich flatternd ab. Ein unfassbarer Jubel, wie ihn nur ein deutscher Außenminister auf dem Balkon der Prager Botschaft kennt, weht zu mir empor. Hoch oben über ihrem Outlet-Store blicke ein letztes Mal zurück und sage meinem alten Dschinn Lebewohl. Ich kann bis hier hören, wie er wütend an die Wände seines Gefängnisses pocht.

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Abstelltraum

Fortsetzung von Freu Dich nicht zu spät! (Kapitel 1)

Montag mittag steht endlich der Laster mit unserer ersten Lieferung quer auf dem Bürgersteig vorm Geschäft. Murat schaut schon seit den frühen Morgenstunden aus dem Schaufenster, zählt verstreichende Minuten und vorübereilende Passanten. Als er endlich das Butterschiff sieht, springt er panisch auf und stürzt hinaus. Ein Packer in einem bekleckerten Unterhemd surrt grade auf der Ladebühne herab. Bass erstaunt glotzt Murat auf die Palette, die sich vor seinen Augen senkt. „Voll krass, man!“, murmelt er. Wir hatten bei ebay in Österreich bei einer „Riesigen Lagerauflösung!“ zugeschlagen und gieren jetzt auf unsere Ware. Rumpelnd schiebt der Schluchtenscheißer den Hubwagen in unser Lager, lässt ihn ab und trollt sich zum Laster, einen weiteren Fichtensarg zu holen. Murat tanzt die ganze Zeit herum wie ein Derwisch zum Zuckerfest, bis ich ihn die Brechstange suchen schicke. Toni setzt in der Zwischenzeit den zweiten und letzten Holzcontainer ab, hält mir mürrisch die Frachtpapiere unter die Nase und springt dann in seine bunt beleuchtete Fahrstube zurück. Kurze Zeit später bläst der Diesel eine dicke, schwarze Rauchwolke in den Himmel und von den nahe gelegenen Bergen hallt mehrfach das Zischen der Druckluftbremse zurück. In einer Bewegung verschwindet er hinter der nächsten Ecke und Murat taucht wieder auf. „Wo bleibst du?“, bluffe ich, nehme ihm den Polenschlüssel aus der Hand und hebe damit krachend und knarzend den Deckel an. „Mach das Licht aus, hol die Kerzen und den Asti aus dem Kühlschrank“, befehle ich, „diesen Moment wollen wir genießen wie das erste Mal!“ Ich bin mir nicht sicher, ob Murat weiß, was ich meine, warte aber geduldig, bis er mit dem Stearinstengel neben mir steht. Langsam zähle ich den Countdown rückwärts, exakt bei „Null“ splittert die Paneele auseinander und poltert zu Boden. Murat haucht das Wachsfeuerchen aus und wir stehen im Dunklen. Als er das grelle Neonlicht wieder einschaltet, löst sich die Spannung auf wie eine Aspirin plus C im warmen Wasser. Ich bin mir jetzt sicher, dass er nicht wusste, was ich meine. Ungeschönt fällt unser Blick auf eine Lage aufgeweichter Faltkartons, ein feiner Pelz nagt schon in den Ecken. Mit dem Kuhfuß schiebe ich den matschigen Pulp beiseite und lande bei einer noch trockenen Schicht. Ich stutze und schaue Murat an, „was hast du da gekauft?“, frage ich. „3800 Überraschungskartons!“ Mir fällt scheppernd der Donnerbalken aus der Hand. Der Spumante flutet mir direkt ins Stammhirn und hält die Gipfelkonzentration auf letaler Plateauhöhe. Mein Augeninnendruck steigt, meine Zunge klebt am Gaumen und in meinen Ohren rauscht ein Intercity. Schaum quillt mir aus dem Maul, ungelenk schleudere ich meine Arme hin und her. Murat weicht bleich zurück, taumelt und sucht hinter dem zweiten Pritschenkoffer Deckung. Zitternd zeige ich darauf, „wa i da in?“, quetsche ich zwischen den Zähnen hindurch. „Da … da“, stammelt er, „sind Wundertüten drin!“ Dann rennt er los, das Glockenspiel über dem Eingang klingelt zart und er verschwindet in einer Schülerbrandung, die grade aus einem Bus strömt. Mit großen Augen gaffe ich ihm hinterher. Ich will ihn jagen und reißen, aber meine Beine schlurfen nur mürbe über den Boden, als habe mir ein abhängiger und hagerer Anästhesist seine Tagesdosis Fentanyl verabreicht. Krachend falle ich gegen die hölzerne Laube und rutsche an ihrer Nordwand herunter, wütende Späne schlagen mir in den Rücken.  Schwer verwundet robbe ich mich zum Bierkasten und versuche, mir mit tauben Händen ein Flasche zu öffnen. Dann holt mich der Nachtfrost, die Tür steht Sperrangel weit offen.

Am anderen Morgen liegt etwa Knie tief dichter Schnee auf den Straßen. Er hat sich schon etwa 2 Meter weit durch das Mauerloch zu mir hineingefressen und meinen Bockermann bereits bis auf den Knochen abgenagt. Ich schrecke hoch, als mir ein Schneeball genau in die Fresse fliegt. Schnaubend puste ich den Eisrotz beiseite und schaue hinaus. Draußen steht Murat, vermummt wie Tenzing Norgay beim Everest- Aufstieg 1953. Er hält einen Schneeschipper in der Hand, „na“, ruft er, „ist das ein geiles Wetter?“ Verwirrt schaue ich mich um, flüchtige Gedanken rauschen mit exakt 33 1/3 U/min um einen silbernen Mitteldorn durch meine Hippocampi. Der Tonarm setzt knackend im Jahr 79 auf, „Kiss“ stürmen grade die Charts. Wir Jungs spielen Luftgitarre auf dem Schulhof wie Paul Stanley und die Mädchen knabbern Flips auf Kellerparties. „Du Spinner, mach die Tür zu und geh in die Schule!“, brülle ich raus. Murat tritt einen Schritt näher, „alles klar, Chef?“, fragt er. Ratschend springt die Nadel auf meiner Zeitplatte ins Jahr 84. Verpickelt stehe ich mit Lederschlips beim Abschlussball, alle Bräute unter 90 kg sind schon vergriffen. Übrig bleiben nur noch Pommes-Walli mit einer vier Pfund schweren Zahnspange und einem lahmen Bein und die schnelle Schantall, die mit jedem schon mal hinterm Vorhang auf Tuchfühlung war, nur mit mir nicht. „Und es hat Zoom gemacht“, singe ich. „Das merke ich“, sagt der Kaffeeröster mir gegenüber und zeigt auf 12 verstreute, leere Bierflaschen, „hast du die alle getrunken?!“ Ich zucke zusammen und stoße an den massiven Drehteller in meinem Kopf. Der Abtastdiamant hüpft polternd über die schwarzen Vinylrillen und setzt dumpf auf wie Knight Rider beim Sprungversuch über die Berliner Mauer. Wir schreiben das Jahr 1989. Mit lautem Getöse kracht der fahrende Ritter mitten hinein. Sie fällt in sich zusammen wie ein Altenburger Kartenhaus. Ein terracotta gebrannter David Hasselhoff steigt aus, hält nach Freiheit Ausschau und tanzt dabei wie ein Braunbär auf Koks. Etwa 20000 Sandys und Mandys grölen ihm zu und werfen Strickschlüpfer auf die Bühne. Einer trifft mich hart am Kopf, ich erwache. „Murat, was ist los?“, frage ich, „warum räumst du nicht auf?“ „Chef, bist du nicht mehr sauer?“ Ich rappele mich hoch, „los, wir müssen die Ware auspacken und den Laden aufmachen! Was stehst du hier so dumm rum und hältst Maulaffen feil?“

Fortsetzung hier

Erfischend

Fortsetzung von Hautnah (Kapitel 1), Space Invaders (Kapitel 2), Verkorkt (Kapitel 3), Strafzimmer (Kapitel 4), Schnurlos (Kapitel 5), Murmeltier und Sehnsucht (Kapitel 6), Holzklasse (Kapitel 7), Zurück in die Zukunft (Kapitel 8), Sucht und Ordnung (Kapitel 9), Hättichmal (Kapitel 10), Nie wieder zweite Liga! (Kapitel 11), Traumfahrer (Kapitel 12) und Hitzeschwelle (Kapitel 13)

Ab Samstag sanken tatsächlich die Temperaturen ein wenig. Der Pegel des modrigen Naviglio kletterte bis zur Niedrigmarke der großen Dürrekatastrophe von 1976. Der aufgeweichte Asphalt erstarrte wie ein Arminia- Fan nach dem entscheidenden Gegentor in der Nachspielzeit, Abstieg, Liga 4. Die Buschfeuer am Rande der Stadt verloschen, der Wind hauchte sanft durch die Straßen und die Schatten der Häuser hörten auf zu schwitzen. Mit jedem Tag begann das Leben mehr Normalität zurück zu gewinnen, die es vor der Sonneneruption gehabt hatte. Schon nach einer Woche war es wieder möglich, das Haus zu verlassen, ohne dass sich gleich Nekrosen auf der Haut bildeten. Auf dem Domplatz verteilte der Katastrophenschutz Hilfsgüter und Sonnencreme an die hungernde Bevölkerung, die Carabinieri klemmten Strafzettel hinter die Windschutzscheiben und mein Pensionswirt brachte einen neuen Spülkasten an. Ich ließ mir darin ein Fußbad ein und genoss den Abend bei einer Flasche Rotwein und einer Partie Tetris auf meinem Gameboy. Geschickt rotierte ich mit den primär- und sekundärfarbigen Würfeln herum, verschob sie nach links und rechts und packte in jede noch so kleine Lücke ein Päckchen wie ein UPS- Fahrer. Die Musik fiepte dazu gemächlich in einer Endlosschleife ein Sankt- Martinlied. Ich sammelte allerlei Leckeres und Süßes ein. Dann plötzlich platzte das Versandzentrum wie in der Vorweihnachtszeit aus allen Nähten, der heilige Bischof zerteilte seinen ollen Mantel jetzt in Techno- Frequenz. Immer schneller wirbelten mir bunt verpackte Geschenke um die Ohren, dicke, dünne, große, kleine. Schließlich stürzte ein riesiger Überseekoffer herab und blockierte die Einfahrt. Das Förderband schmiss noch ein paar unnütze Last- Minute- Präsente hinterher. Rien ne vas plus. Das Spiel war aus. Frustriert brach der Klodeckel unter mir zusammen. Meine Füße noch im Wasserkasten, strampelte ich wie eine Wespe im Apfelsaft, ehe ich mich aus dieser misslichen Lage befreien konnte. Mit nassen Hosen und einem neuen Highscore stand ich im Badezimmer, als es auf einmal klopfte. Ich hüpfte zur Tür, öffnete und blickte in den dunklen Flur, doch es war niemand da. Na ja, vielleicht hatte ich mich auch nur verhört oder mein Zimmernachbar wollte sich über den Krach beschweren und bullerte mit der Fernbedienung gegen die morsche Wand. Doch dann fiel mein Blick auf den pieksigen Kokosteppich unter meinen nackten Füßen. Ein verschlissener Karton lag da, als sei er aus dem Spiel gefallen. Verwundert bückte ich mich und hob ihn auf. Ich schlug die Tür hinter mir und ging wieder in mein Zimmer zurück. Angestrengt legte ich mein Ohr auf den Kasten, aber er schwieg wie ein Apnoetaucher. Mit dem wohltuenden Gedanken, jeder Zeit in die Luft fliegen zu können, riss ich ihn auf, wühlte mich durch eine Schicht Verpackungsflocken und zog ein angeschmortes Handy heraus. Ich drehte es hin und her und versuchte es einzuschalten. Es krähte ein paar Töne und begrüßte mich mit den Worten „Trippa ist Tod auf Raten“. Ein eisiger Schreck durchfuhr mich, als ich darin MEIN Handy wieder erkannte, dass ich dem Kaltbeinigen in den Rachen geworfen hatte. Mit zitternden Händen starrte ich es an, mir war mit einem Mal so kalt, dass mein Atem sichtbar wurde. Blassgraue Wolken entstiegen meinem Maul, der Pelz auf meinem Rücken stellte sich auf. Zäher Geifer tropfte mir von den Lefzen, als ich nach der letzten SMS blätterte, für die ich beinahe meinen Esbit betriebenen Dampfwandler hergegeben hätte:

Flupp*!* Dies*ist*eine*Mailschnuppe*.* Sie*bringt*dir*Glück*. *Sende*sie*an*6*ganz*ganz*liebe*Menschen* weiter*und*sie*wird*dir*einen*Wunsch*erfüllen*!* Alles Liebe*,* Carlotta*.*

Sprachlos, gedankenlos und kopflos klickte ich auf „Weiterleiten“, trug sechsmal Carlottas Nummer ein und jagte die SMS in den Äther oder zum Teufel, ich wusste es nicht so genau. Ich änderte meinen Begrüßungstext in „Tod ist Trippa zum Braten“, versenkte die schnurlose Wählscheibe im Spülkasten und legte mich schlafen.

Zum letzten Mal!

Nie wieder zweite Liga!

Fortsetzung von Hautnah (Kapitel 1), Space Invaders (Kapitel 2), Verkorkt (Kapitel 3), Strafzimmer (Kapitel 4), Schnurlos (Kapitel 5), Murmeltier und Sehnsucht (Kapitel 6), Holzklasse (Kapitel 7), Zurück in die Zukunft (Kapitel 8), Sucht und Ordnung (Kapitel 9) und Hättichmal (Kapitel 10)

Exakt nach dem gleichen Krankheitsverlauf wie schon zuvor, wurde ich nach einer Woche entlassen. Carlotta hatte sich in dieser Zeit nicht bei mir gemeldet und auch sonst niemand. Ein wenig enttäuscht stand ich mit meinem Gepäck und einer Fußbandage in der prallen Mittagsglut vor dem Mailänder Dom. Majestätisch schob sich der gotische Marmorbau empor. Hier auf dem Vorplatz versammelten sich mehr scheiß Tauben als Zuschauer zu manchem Heimspiel von Arminia auf der guten alten Alm. Aber das ist eine andere Geschichte. Durch das Getümmel steuerten zwei junge Mädchen auf mich zu, einen Arm wie einen Handtuchhalter unter einem leichtem Stoff verborgen, in der anderen Hand hielten sie eine Begrüßungsrose. Ich hob meinen Rucksack auf, blaffte sie an und drohte, ihnen das Kettenkarussell um die Ohren zu schlagen. Sie huschten aus einander und begeisterten direkt neben mir einen dicken Touristen mit Krücken, der über so viel italienische Gastfreundschaft ganz hin und weg war und erst im Hotel bemerkte, dass sein prall gefülltes Reiseportemonnaie ganz weg war. Ich überlegte, was ich jetzt tun sollte. Ich kannte mich ein wenig aus in der Stadt, jetzt aber wollte mir nichts Gescheites einfallen, also bummelte ich zum Naviglio Grande, dem großen Kanal von Mailand. Zahlreiche Brücken überspannten die gegenüber liegenden kleinen Uferstraßen. Dicht an dicht drängelten sich hier Bars, Clubs, Mode- und Schmuckboutiquen, Ateliers und winzige Galerien. Im schwarzen Wasser dazwischen dümpelten Restaurant- und Ausflugskähne beengt auf Reede wie polnische LKW am ehemaligen Grenzübergang Helmstedt. Morgens belagerten Reisebussrentner und Blechzeltvagabunden wie zur Maueröffnung jeden Stehplatz doppelt und am Abend stürmte die einheimische Gameboy- Generation die morschen Schaluppen, die selbst der Klabautermann sich weigerte zu betreten. Ich lehnte mich über ein Geländer und schaute Gedanken verloren einer schwimmenden Plastiktüte hinterher, als ich plötzlich Carlotta auf der anderen Seite aus einem Hinterhof die Straße betreten sah. Ich glaubte meinen Augen kaum, schrie und jubelte wie beim Unentschieden gegen Osnabrück in der Saison 2003/2004, das uns den Aufstieg in die 1. Bundesliga und den Titel „Rekordaufsteiger“ sicherte. Sie sah verdammt gut aus und ich konnte sogar auf diese Entfernung sehen, dass sie abgenommen hatte. Dann blickte sie endlich hoch, ließ ihre Tasche fallen, bekam von zwei jungen Mädchen eine Rose zur Begrüßung und wir beide rannten, ein jeder auf seiner Seite des Kanals, zur nächsten Brücke. Wir brüllten und riefen und erzählten uns die vergangenen Wochen. Die letzten Meter schon begann es zu klingeln und rot zu leuchten, dann hob sich unsere Brücke direkt vor uns empor und eine pralle Gondel mit gaffenden Ausreisewilligen schob sich quälend langsam hindurch. Ich verlor Carlotta aus den Augen, dann zerrten mich zwei Carabinieri aus dem wartenden Pulk und stellten mich dem vierbeinigen dicken Touristen gegenüber. Er nickte grimmig. Es war schon früher Abend, als ich die Polizeiwache verlassen durfte. Die Brücke war geschlossen und Carlotta wieder einmal aus meinem Leben verschwunden. Ich trank ein Bier im Scimmie und schiffte von einem verlassenen Seelenverkäufer in den Kanal. Müde suchte ich mir in der Nähe eine kleine Pension. Sie war teuer, aber ich hoffte, dass Carlotta hier im Viertel wohnte und ich sie wieder träfe. Die Lage war weniger aussichtslos als gestern, ich hatte heute wenigstens ein paar Anhaltspunkte mehr. Ich legte mich auf das Bett und klappte sofort zusammen wie ein Schulbutterbrot. Mühsam und ächzend schälte ich mich wieder hinaus. Mit dem Bit- Adapter aus meinem Victorinox – Taschenmesser schraubte ich die Tür vom Kleiderschrank ab und schob sie unter die Matratze. Herrlich. Dann schlüpfte ich unter das Labyrinth von geschichteten Bezügen und Decken und schlief einfach nur ein.

Ich will mehr!

Holzklasse

Fortsetzung von Hautnah (Kapitel 1), Space Invaders (Kapitel 2), Verkorkt (Kapitel 3), Strafzimmer (Kapitel 4), Schnurlos (Kapitel 5) und Murmeltier und Sehnsucht (Kapitel 6)

Mit Carlottas Anschrift in der Tasche stand ich in aller Herrgotts Frühe und Mutterseelen alleine auf dem einzigen Gleis unseres kleinen verschlafenen Provinzbahnhofes. Zweimal in der Woche hielt hier quietschend ein völlig überfüllter Schienenschlitten, es war die einzige Verbindung ins drei Stunden entfernte Mailand. Ich blinzelte gegen die aufgehende Sonne. Aus der Ferne konnte ich den Tross schon seit 10 Minuten schnaufen hören, jetzt endlich bog er mühsam gegen die Erdrotation um die letzte langgezogene Kurve. Als er zum Stehen kam, geriet die Welt für einen Moment in eine instabile Lage. Sensoren in Castrop-Rauxel verzeichneten ein Beben von 2,6 auf der nach oben offenen Richter- Skala, ein Kartenhaus stürzte zusammen und Oma Elli plürrte in der Zechensiedlung mit der Steckrübensuppe auf das gestärkte, leinene Tischtuch. Träge tropfte die Brühe auf den Boden, zischend und dampfend erschlug sie dabei eine Mücke, die sich über eine herunter gefallene Scheibe Blutwurst hermachte. Dat Elli wischte sich die Hände in der Kittelschürze ab und fluchte, die verklebten Gesichter an den Scheiben tauten auf. Ich balancierte mit meinen Rucksack über morsche Bretter und fand im verkokten Waggon direkt hinter der Tenderlokomotive einen Platz. Im Gepäcknetz flatterten schon ein paar Hühner, und so stopfte ich mein Hab und Gut unter die Holzbank. Langsam wie eine Wanderdüne ruckte unser schwarzer Koloss wieder an. Nach gut 20 Minuten hatte der letzte Pritschenanhänger die Bahnhofsgleise verlassen, die Pest hat sich im Mittelalter schneller verbreitet. Die Landschaft wechselte sich ab wie ostwestfälisches Wetter: Mal humpelten wir vorbei an sanft aufgewühlten Hügeln. Da Vinci wäre aus Wellen förmigen Malbewegungen gar nicht mehr herausgekommen und hätte dabei gleichzeitig die kleine Nachtmusik dirigieren können, wenn es sie schon gegeben hätte. Dann wieder balancierten wir schmale Kletterpfade empor, schroffe und zugleich abenteuerliche Felswände beugten sich zu uns herab. Einmal preschten wir über eine selbst tragende Holzbrückenkonstruktion. Mutig wie ein Bungeespringer und unbeirrbar wie Lothar Matthäus, der immer glaubte, irgendwann einmal ein deutsches Traineramt übernehmen zu können, schoben wir uns auf das fragile Mikadogerüst. Es ächzte wie ein alter Truhendeckel und bog sich in der Mitte durch, aber es hielt. Leonardo schaute stolz aus dem Fenster. Über mir gackerte es erleichtert und Federn stoben hektisch durch die Luft, als schüttele Frau Holle die Betten auf. Und schließlich durchquerten wir den letzten Finstertunnel vor der weiten Ebene Norditaliens. Die bleichen Köpfe meiner Mitreisenden begannen wieder zu schnattern. Ich hörte ihnen nur mit einem Ohr zu, mit dem anderen lauschte ich Carlottas Stimme in meinem Kopf. Ihr Lachen hatte schon beim ersten Mal ein zartes Crescendo in mir ausgelöst, begleitet von André Rieu auf seiner Quietschfiedel. Ich schloss die Augen. Mein Kopf wippte im Takt, als mich eine sonore Bassstimme ansprach und nach meinem Biglietto verlangte. Subito verstummte die Stadivari, es war Mucksmäuschen still im Konzertsaal. Übermüdete und verschwitzte Statisten drehten sich zu mir um, als er die Aufforderung wiederholte. Ich schreckte hoch, schaute in das Antlitz des Dunklen Lord und kramte hektisch in den Untiefen meines Rucksackes nach meiner Fahrkarte. Wie ein Murmeltier grub ich mich tiefer und tiefer hinein, vorbei an Tramezzini in aufgeweichten Brottüten, Ciabatta mit Marmelade, hart gekochten Eiern und einer undichten Thermoskanne. Endlich pflückte ich erleichtert eine aufgeweichte grüne Pappe hervor und reichte sie ihm Axel zuckend. Er nickte stumm und ratschte eine dicke Ecke davon ab. Ich wollte sie eben wieder in die Tasche packen, als ich feststellte, dass er Carlottas halbe Anschrift, die ich mir auf der Karte notiert hatte, abgerissen hatte! Außer Via Dora und einer fragmentarischen Telefonnummer war nichts mehr zu lesen! Entgeistert schaute ich ihm hinterher, meine Augen scannten hektisch den ganzen Subraum um mich herum ab. Ich spulte die Szene zurück, die Stimmen klangen dabei wie der Singsang verliebter Buckelwale. Dann hatte ich den Moment gefunden, stoppte und spielte ihn wieder ab: Ich gab ihm das Ticket in die Hand, er riss davon einen Batzen ab und … ließ das Stückchen einfach fallen. „Grazie“, hörte ich mich sagen. Wie Herbstlaub sah ich es noch zu Boden tänzeln. Ich starrte auf das löchrige Holzpaneel unter meinen Füßen. Pechschwarz eilten alte Bahnschwellen darunter zurück. Endlich entdeckte ich das goldene Los, den Bundesschatzbrief, das letzte fehlende Sammelbild, die Schatzkarte, den Lottoschein mit dem höchsten Jackpot seit Jack Sparrow. Ich bückte mich und behutsam streckte ich meine Hand hervor, als Oma Elli eine saubere Tischdecke auflegte und ein kräftiger Zug durch den Zug wehte. Mein Leben rutschte durch einen finsteren Spalt und flatterte davon wie eine aufgescheuchte Möwe.

Hier geht es dann weiter.