Zauberpuste

Schokolade heilt alle Wunden, sagte Tante Elli immer, wenn ich wieder einmal mit blutverschmierten Knien in ihrer Küche saß und weinte. Nur diesmal war es nicht wegen der Schmerzen, sondern weil mein funkelnigelnagelneues Fahrrad nur noch schrottreif reif war. Einfach so. Jeden Groschen habe ich mir selbst verdient, Zeitungen und Prospekte ausgetragen, Rasen gemäht und Schnee geschippt. Zwei Jahre lang. Gestern war es dann endlich soweit. Mit dem prallgefüllten Sparschwein lief ich zu Landmaschinen Lampe und holte es ab. In der Garage montierte ich den silbernen VDO- Tacho und die Blinker, ehe ich immer wieder die steile Bergstraße hinunter fuhr und stolz wie Oskar einen Rekord nach dem anderen brach. Bald würde es dämmern und ich müsste zurück nach Hause. Nur noch einmal wollte ich wie Niki Lauda Zeit und Raum hinter mir lassen und der Schnellste sein. Kraftvoll trat ich in die Pedalen, als gäbe es kein Morgen mehr. Fünfzig, einundfünfzig. Plötzlich passierte es: Die Tachowelle löste sich und das lose Ende geriet unheilvoll zwischen die Speichen. Nun konnte ich sogar fliegen.
So kam es, dass ich heute bei Tante Elli landete. Sie war meine gute Fee, wenn ich schlechte Noten in der Schule geschrieben hatte und meine Mutter drohte, mich in ein Heim zu stecken. Sie war mein bester Freund, wenn ich Liebeskummer hatte, weil Anke mit Holger ging. Sie war meine Krankenschwester, wenn mir etwas wehtat. Manchmal stellte ich mir sogar vor, wie es wäre sie zu küssen, wenn sie mir über den Kopf streichelte und lächelte. Doch das traute ich mir nicht, Elli war bestimmt schon siebenundzwanzig. Wieder musste ich bitterlich weinen. Und dann holte Elli endlich diese wunderbare Karamellschokolade aus dem Schrank, brach sie in kleine Stücke und pustete meine Knie. Alles war gut.

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