Sturm in der Brandung

Der Jever- Mann
Ich gehe noch einmal in den Garten hinaus, hinten zum Stall und schaue hinein. Aber Klopf ist nirgends zu sehen. Vorsichtig hebe ich das Holzhäuschen hoch und schiebe das Stroh ein wenig zur Seite. Glück gehabt, er ist auch diesmal in seinem Lieblingsversteck. Schnell stopfe ich ihn in meinen Rucksack, er tut so, als merke er es gar nicht. Dann renne ich zum Auto. Papa hupt schon und fächert mit den Armen. „Wo warst du denn noch?“, will er prompt wissen. „Ich habe nur Klopf auf Wiedersehen gesagt“, flunkere ich. Schon brausen wir los.
Nach zähen und unendlichen Stunden auf der Autobahn, einem Dutzend Fünf Freunde- CDs und ebenso vielen Nutellabrötchen kommen wir endlich am Fähranleger in Rømø an. Seit vor ein paar Jahren ein Sturm einen Laster vom Sylt- Shuttle gepustet hat, fahren wir immer über Dänemark auf unsere Urlaubsinsel. Papa ist da abergläubisch, „wer einen Laster umschmeißt“, sagt er immer, „der macht auch vor einer E- Klasse nicht halt.“
Wir sind spät dran diesmal und der Kapitän trötet bereits dreimal, als Papa endlich die Tickets in der Hand hat und wir auf den Autokutter fahren können. Im Internet zu buchen ist auch nicht so seine Sache. Auf dem völlig überfüllten Deck quetschen wir uns zwischen Fahrräder und Kinderwagen auf eine hölzerne Backskiste. Der Wind pfeift uns um die Ohren und die Abendsonne lächelt müde. Dann brummen die schweren Dieselmotoren los. Das Schiff vibriert wie eine alte Waschmaschine, dunkler Rauch steigt empor, die Möwen stieben von den schiefen Birken im Fahrwasser auf und hoffen auf einen Bissen.
Ich schaue meinen Bruder an, er nickt und schon wuseln wir durch Wolfstatzen- Jacken, Fleece- Pullovern, Softshell- Westen zum Bug. Doch ausgerechnet dort feiern die Kicker vom Team Sylt lautstark das Erreichen des Achtelfinales beim Dana- Cup in Nord- Jütland mit Koffein haltigen Kaltgetränken, Fassbrause und Eistee. Kurzerhand machen wir kehrt und schlängeln uns zum Heck mit den riesigen Propellern. Wir packen unsere Toggo- Lutscher aus und spucken ins aufgeschäumte Wasser. Papa ist sitzengeblieben und muss auf unsere Sachen aufpassen.
Am Inselhafen List fallen mir die Augen zu. Ich träume von Knicklichtern, Taschenlampen, Gartenfackeln und Grillen am Strand. Erst als Papa mich zudeckt und mir einen Gute- Nacht- Kuss gibt, blinzele ich ihn schlaftrunken an. „Wo sind wir?“, will ich wissen. „Da, wo der Klabautermann auf Kaperfahrt geht“, sagt er lieb. Dann schlafe ich wieder ein. Papa geht zurück ins Wohnzimmer und fällt um wie der Jever- Mann.

Faltiger Autist
Am nächsten Morgen wache ich mit den ersten Sonnenstrahlen auf. Endlich kann ich mich um Klopf kümmern. Vorsichtig hole ich ihn aus meinem Rucksack und schaue ihn an. Er scheint noch zu schlafen. Manchmal denke ich, er könnte mich verstehen, wenn er mich anschaut und seinen faltigen Hals reckt. Dann erzähle ich ihm, wie ich einmal das Feuerwehrauto von meinem Bruder im Sand verbuddelt habe, weil ich so eins auch gerne hätte. Oder wie ich Lauf, seinem Hamster, die Füßchen mit Tesafilm umwickelt habe, weil er schneller war als Klopf. Oder dass ich mir kurz vorm Einschlafen heimlich die Bettdecke in den Schlafanzug stopfe, damit ich morgens nicht nass bin. Sonst dürfte ich Klopf nicht behalten, hat Papa gesagt. Dann nickt Klopf immer und gibt mir Recht. Er ist auch der einzige, der weiß, dass ich gerne Leuchtturmwärter werden möchte. So wie Herr Tur Tur auf Lummerland. Das muss schön sein, abends einmal die Wendeltreppe raufsteigen, die Petroleumlampe anzünden und morgens wieder löschen. Keine Nacht darf es ausbleiben, meinen fünften Geburtstag nicht, nicht Weihnachten, und nicht freitags, wenn die Schmutzfrau kommt. Ich muss immer da hoch. Mit Einbruch der Dunkelheit muss das Licht brennen. Es ist eine wichtige Aufgabe. Klopf versteht mich. Papa nennt ihn manchmal faltiger Autist. Ich weiß nicht, was das ist.
Nach dem Frühstück geht Papa mit uns in einen kleinen Laden in der Friedrichstraße. Postkarten mit Zackenrand erzählen Legenden aus Wilhelminischen Zeiten. Dutzende Stocknägel mit Strandkorbmotiven und Insel- Silhouetten reihen sich in kleinen, offenen Schächtelchen. Leuchttürme in allen Größen von der F- bis zur A- Jugend, Schneekugeln, Bernsteinfigürchen, Buddelschiffe und ganze Kutterflotten verteidigen ihre Regalwand gegen eine Korblandschaft aus plüschigen Wattwürmern, Möwen und Seehunden fernöstlicher Produktion. Papa versucht ständig, unser eigenes Taschengeld zu sparen. Wir hätten genug Spielzeug zu Hause. Aber eben keinen Riesenkraken, der Wasser spritzen kann! Dann meint er wieder, das Wellenbrett sei zu groß, das kriegten wir in keinen Koffer rein. Oder die Ritterfestung sei zu teuer, das Aufblaskrokodil zu gefährlich. Muscheln, Seesterne und Kescher hätten wir noch vom letzten Urlaub zu Hause, im Keller! Boah, ich habe echt keine Lust mehr und zeige auf mein T- Shirt. I’m the boss steht da. Das zählt nicht, erklärt Papa mir, Papa sei mehr als Chef. Dann will ich doch lieber Leuchtturmwärter werden. Oder faltiger Autist.

Wir lieben die Stürme
Der Wind kurvt mit uns im Slalom um jeden Poller, jeden Anker und jede Boje herum. Er taumelt über rot geklinkerte Wege, braust an Juckpulverbüschen, Knallerbsensträuchern und kahlen Kiefern vorbei, saust mit Schwung über eingegrabene Paletten die Dünentäler hinunter und mit uns an Papas Hand wieder hinauf. Auf dem Sandgipfel bleiben wir stehen und staunen: Groß, weit und dunkel erstreckt sich der graue Riese bis zum Horizont. Grollend wirft er seine kalten Arme ans Ufer, als sei er nie weg gewesen. Sein eisiger Atem fegt feuchte Gischt wie eine Horde aufgescheuchter Krabben beim Schulausflug vor sich her, schmeißt Standkörbe um und drückt dicke Kinder die Rutsche wieder hoch. Volleyballnetze stehen steif in der eisigen Brise wie schwer gefüllte Reusen, Klaffmuscheln graben sich tiefer in den Sand. Mein Käppi reißt sich los wie ein wild gewordenes Seeungeheuer, scheucht Thalasso- Wanderer vor sich her und sprengt eine Gruppe Qigong- Tänzer im Dünengras auseinander.
Benommen stolpern wir in die Villa Kunterbunt zum Piratentag. Laut brüllend entern wir die Welt, lotsen unser Boot durch gefährliche Untiefen und an Monster- Riffen vorbei. Wir schießen mit Korken- Kanonen auf Kokosnüsse, schruppen das Deck und pumpen Wasser aus den Kajüten. Wir überstehen die Pest und Skorbut, verlieren dabei alle Zähne und ein Bein. Wir jagen Ratten von Bord, Wale im tiefen Meer und heben auf einer einsamen Insel einen großen Schatz.
Erst bei Sonnenuntergang laufen wir wieder in unseren Hafen ein. In der Kombüse gibt es salziges Pökelfleisch und faules Wasser. Der leuchtende Zyklop blinzelt uns aufmunternd zu. Der Sturm hat sich gelegt.

Du bist nicht mehr mein Freund!
“Matschpatsch” macht es immer wieder. Ich greife mit den Händen in das trübe Wasserloch, das ich mit einem kleinen Deich vom Meer abgetrennt habe. Mit dem Plattmacher klopfe ich die Mauern fest. Auf einer Seite habe ich so viel Sand heraus gebuddelt, dass ein richtiger Berg entstanden ist. Aus beiden Fäusten lasse ich die Matschepampe von weit oben darauf fallen. Es sieht aus, als hätte ein ganzer Möwenschwarm nur auf diesen einen Fleck geschissen und ich sehe aus wie ein paniertes Schnitzel. Ich weiß schon selbst nicht mehr, ob ich überhaupt eine Badehose anhabe.
Ich beauftrage meinen Bruder aufzupassen, so lange ich Muscheln suche. Aber der Stinkstiefel will meinen Kescher dafür haben. „Ich bin nicht mehr dein Freund“, brülle ich, trampele meine Burg selbst kaputt und marschiere los. Papa hat mir erklärt, dass da, wo viel kleines schwarzes Holz an den Strand gespült wird, ich auch Bernsteine und Haifischzähne finden kann. In meinen Eimer sammle ich Krebspanzer, Seesterne und kräftige Herzmuscheln zum Kämpfen, er ist bald randvoll. Ich schmeiße tote Quallen zurück ins Wasser und laufe weiter. Endlich habe ich eine Stelle gefunden. Erst bohre ich mit dem Bockermann in dem Prütt herum, dann schiebe ich ihn mit dem ganzen Fuß hin und her. Schließlich lasse ich mich auf die Knie fallen und siebe mit den Händen. Alles, was gelb oder honigfarben ist, lecke ich ab. Harz schmeckt man doch! Ich finde ein altes Gummibärchen, eine geschliffene Glasscherbe und einen Feuerstein, sogar ein noch eingepacktes Campino- Bonbon. Es ist weich und salzig. Plötzlich scheucht mich eine große Welle auf und schmeißt meinen Eimer um. Erschrocken greife ich nach dem Henkel. Meine Schätze flüchten dabei mit dem rückfließenden Wasser: Bernsteine so groß wie Kiesel und Haifischzähne so scharf wie Säbel! Mein Bruder wird staunen.

PS: Es handelt es sich hierbei um ältere, überarbeitete Beiträge, sozusagen alter Wein in neuen Schläuchen.

Potpourri

Das wollte ich schon länger mal machen: Eine Geschichte schreiben, in der alle meine Schlagwörter („Tag-Links“, siehe am rechten Rand) mindestens einmal vorkommen. Ich probiere es mal alphabetisch!

Es ist Heiligabend. Soeben öffne ich das letzte Törchen vom Adventskalender. Was ist das denn? Ich traue meinen Augen nicht: Ein kleines Schokoladenauto. Und wer steigt grade aus? Der Bofrostmann! Wo will der denn so spät hin? Will der etwa noch Tiefkühl- Brötchen ausliefern? Wo denn? Hier in dieser unwirtlichen Gegend, mitten am Deich? Hier gehen die Eier zu Ende, die Frauen spielen Fußball und Haare wachsen am Horizont! Was in aller Welt hat der hier verloren? Leise schleiche ich ihm nach. Das gespenstische Licht des Mondes verzerrt die Schatten der Hühner im Garten von Kapitän Ahab zu einer Karawane Fleisch fressender Saurier. Plötzlich bleibt der Bofrostmann stehen und blickt sich misstrauisch um. Ich zucke zusammen. Hat er mich gesehen? Dämonisch sieht er aus, als würde er Kinder fressen. Ich fürchte um mein Leben, als er einige Schritte auf mein Versteck zugeht. Sein eisiger Atem stirbt in der klirrenden Kälte, kaum dass er sein Maul verlässt. „Ich bin ein Mann“ , denke ich, „zum Sterben ist jetzt keine Zeit!“ und laufe weg. Meine Schritte hallen in der Dunkelheit wie die Schläge des Belzebubs zum Altweiberfasching auf dem glühenden Amboss. Atemlos renne ich zum Meer. „Heiliges Murmeltier, steh mir bei“, schreie ich. Der graue Riese schmeißt unbarmherzig seine kalten Arme nach mir und spült Muscheln um meine Füße. Unsichtbare Möwen schreien durch die Nacht. Meine Nase saugt den salzigen Odem des Todes ein, in den Ohren knistert es nach zertretenem Playmobil. Das Radio in meinem Kopf spielt Julis „Woanders zu Hause“. Dann ist plötzlich Ruhe. Kognitiver Stromausfall. Unendliche Stille. Das Meer schweigt, als habe Neptun Mittagsschlaf verordnet und drohe jedem, der dieses Gesetz missachtet, mit einer Einzelstunde Eurythmie. Mit meinen Zehen presse ich den Sand in meinen Schuhen immer wieder zusammen, bis sich ein kleiner Damm darin bildet. Die Welt um mich herum ist stumm, wie in der Schule beim Englisch- Unterricht, mucksmäuschen still. Selbst die Segel eines trüben, vorüberziehenden Seelenverkäufers halten sich an das unausgesprochene Redeverbot. Ich fröstle.
Mit lautem Getöse poltert die Brandung Ruptus artig wieder los, glitschig wie Seife prescht sie mir ihre klamme Gischt ins Antlitz. Ich muss spucken und kneife die Augen zusammen. Als ich sie wieder öffne, brennt die Sonne, obwohl es eben noch stockfinster war. Bis zu den Knien eingegraben stehe ich am Strand, es ist heller Tag. Hinter mir entdecke ich eine schimmernde Tür. Das Wasser frisst gierig ihren Rahmen und drückt an die Buhnen.

Das Leben ist wie die Flut an Weihnachten“ , denke ich, „was die Welle nicht reißt, das reißt der Wichtel!“
In der Tür drehe ich mich noch einmal um und blicke ein letztes Mal zum Ende der Welt. Der Wind bläst mir ins Gesicht, das hält die Windschutzscheibe nicht.

Meine Perle und ich

Da liegt sie nun. Ich stehe einen Moment nackt vor dem Bett und schaue sie an. Dann gehe ich leise ins Bad. Unter der Dusche lasse ich mir das Wasser auf den zerschundenen Rücken prasseln. Ich schließe die Augen und sehe die Szenen von gestern Nacht wieder vor mir: Als ich nach der Arbeit nach Hause kam, wartete sie schon. Ich hatte Blumen mitgebracht und stellte sie auf den Küchentisch. Im ganzen Haus roch es nach frischer Farbe, die Maler konnten noch nicht lange weg sein. Es war schön, die Wohnung jetzt nach Wochen langer Renovierungsphase so zu sehen. Für alle hat das Einschränkungen bedeutet. Tagsüber waren die Handwerker da und abends waren wir einfach zu erschöpft und zu erschlagen, um noch einen Spaziergang am Meer zu machen und den Sand auf der Haut zu spüren. Ich war früher zurück als sonst. Die Sonne stand glühend am Horizont. Durch das offene Fenster konnte ich hören, wie die Wellen an den Strand schlugen und die Möwen riefen. Die Luft war noch warm und Himmel blau. Es war perfekt.
Ich nahm mir die Eis kalte Flasche Krombacher vom Kopfkissen, schmiss die Schmutzwäsche von meiner auf die andere Seite, schaltete den Fernseher ein und legte mich in voller Montur aufs Bett: Bundesliga- Rückrundenstart. Mit meiner Perle der Natur.

Einfach zu haben

Haha, falsch gedacht! So einfach ist das nicht. Es ist manchmal viel komplizierter, als es aussieht. Zum Beispiel steckt im Mond eine kleine Lampe, die nur nachts angeht, manchmal aber auch durchbrennt. Bei der Sonne ist es fast genau anders herum, aber nur fast. Es ist schwer, das zu verstehen. Es ist leichter, das zu akzeptieren. Ich vermute mal, der Glühfaden in der Sonne ist einfach viel dicker und weniger Belastungsspitzen ausgesetzt, wie sie durchs An- und Ausschalten entstehen. Sie leuchtet ja bekanntermaßen immer, wenn nicht hier, dann genau auf der anderen Seite der Welt. Wenn man genau durch die Mitte der Erde ein langes Loch bohren könnte, könnte man sie jetzt scheinen sehen, obwohl es grade Nacht bist. Ist das nicht fantastisch? Noch einfacher wäre es, wenn die Erde transparent wäre. Die Solaranlagen auf den Dächern in meiner Reihenhaussiedlung könnten Tag und Nacht Strom und heißes Wasser produzieren und sogar noch etwas davon in die öffentlichen Versorgungsnetze speisen. Von der Vergütung dafür könnte ich mir dann Verdunkelungsrollos kaufen und mein Haus klimatisieren lassen. Ich ginge morgens im Hellen zur Arbeit und käme am Abend im Hellen zurück. Die Murmeltiere müssten Sonnenbrillen tragen, das käme der lähmenden Konjunktur zu Gute und die Grünen würden stärkste Partei in Bayern. Ich würde am Strand auch unter den Füßen braun und es gäbe bald Schuhe mit UV- Schutz. Wenn die Sonne hinter dem Horizont abtaucht, fächert sie ihr Licht wie durch ein Prisma gebrochen auf und so lange, bis sie auf der anderen Seite wieder aufgeht, überspannt ein Regenbogen den Okzident bis zum Orient. Weihnachten könnten wir die Geschenke draußen im Garten bei angenehmen 20 Grad verstecken. Das, was wir nicht wieder finden, kann bis Ostern liegen bleiben. Wir würden wieder Palmen statt Koniferen mit Christbaumkugeln und Lichterketten schmücken, ein bethlehemsches Gefühl. Darunter streuten wir künstlichen Schnee. Hühner legten nur noch braune Eier, die haben weniger Cholesterin. Zugvögel könnten sich die lange und beschwerliche Reise sparen und teilten sich fortan mit den Möwen die Sandbänke. Hase und Igel könnten schon vor dem Frühstück um die Wette laufen und der Fuchs bräuchte nicht mehr „Gute Nacht“ zu sagen. Väter oder Mütter bräuchten ihren Kindern keine Geschichte mehr zum Abend vorlesen. Der Sandmann könnte sich getrost noch einmal umdrehen. Frauen wären doppelt so oft fruchtbar und Männer hätten doppelt so oft Sex. Sie dürften schon vor 20 Uhr auf dem Sofa sitzen und „Hallo Robby“ gucken. Ein Ende der vielen Vorteile ist gar nicht abzusehen. Das ist doch ganz einfach zu haben!

Wir lieben die Stürme

Fortsetzung von Der Jever- Mann (Kapitel 1), Faltiger Autist (Kapitel 2), Du bist nicht mehr mein Freund! (Kapitel 3), Zauberpuste (Kapitel 4) und Die Augen gucken mit (Kapitel 5)

Kapitel 6 (ursprünglicher Beitrag vom 16.02.2010. Ich war so frei, ihn zu verschieben!)

„Matschpatsch“ macht es immer wieder. Ich greife mit den Händen in das trübe Wasserloch, das ich mit einem kleinen Deich vom Meer abgetrennt habe. Die Schippe habe ich gegen den Plattmacher getauscht, klopfe damit die Mauern fest. Auf einer Seite habe ich so viel Sand heraus gebuddelt, dass ein richtiger Berg entstanden ist. Aus beiden Fäusten lasse ich die Matschepampe von weit oben darauf fallen. Es sieht aus, als hätte ein ganzer Möwenschwarm nur auf diesen einen Fleck geschissen und ich sehe aus wie ein paniertes Schnitzel. Ich weiß schon selbst nicht mehr, ob ich überhaupt eine Badehose anhabe.
Ich beauftrage meinen Bruder aufzupassen, so lange ich Muscheln suche. Papa hat mir erklärt, dass da, wo viel kleines schwarzes Holz an den Strand gespült wird, ich auch Bernsteine und Haifischzähne finden kann. Ich marschiere los, sammle Krebspanzer, Seesterne und kräftige Herzmuscheln zum Kämpfen. Mein Eimer ist bald randvoll. Ich schmeiße tote Quallen zurück ins Meer und laufe weiter. Endlich habe ich eine Stelle gefunden. Erst bohre ich mit dem Bockermann in dem Prütt herum, dann schiebe ich ihn mit dem ganzen Fuß hin und her. Schließlich lasse ich mich auf die Knie fallen und siebe mit den Händen. Alles, was gelb oder honigfarben ist, lecke ich ab. Harz schmeckt man doch! Ich finde ein altes Gummibärchen, eine geschliffene Glasscherbe und einen Feuerstein, sogar ein noch eingepacktes Campino- Bonbon. Es ist weich und salzig. Plötzlich scheucht mich eine große Welle auf und schmeißt meinen Eimer um. Erschrocken greife ich nach dem Henkel. Meine Schätze flüchten dabei mit dem rückfließenden Wasser: Bernsteine so groß wie Kiesel und Haifischzähne so scharf wie Säbel!

ENDE

Die Augen gucken mit

Fortsetzung von Der Jever- Mann (Kapitel 1), Faltiger Autist (Kapitel 2), Du bist nicht mehr mein Freund! (Kapitel 3) und Zauberpuste (Kapitel 4)

Kapitel 5

Das Wellenbad ist unser Fluchtort für windige oder verregnete Inseltage. Also sind wir in unserem Urlaub öfter dort, als Papa in der vergangenen Saison im Fußballstadion. Die Handtücher und Badehosen haben es schwer, wieder zu trocken. Matt hängen sie abends auf dem Balkon über dem klapprigen Wäscheständer.

Vollgepackt wie zur Einberufung stiefeln wir an diesem Morgen los. Ich schleudere meine Badeclogs im Looping hoch und treffe dabei meinen Bruder. Gelbe Karte. Mist. Am Bäcker haben wir Hunger, doch Papa meint, wir hätten eben erst gefrühstückt. Es beginnt zu regnen. Nach 20 Minuten kommen wir durchnässt an.
Am Eingang ist es voll wie auf einer Ü40- Party um halb zwölf beim Gratis- Sekt. Männer in Adiletten und mit ausgebleichten Wasservogelstelzen reihen sich entnervt hinter Frauen mit Portemonnaies dick wie Leitz- Ordner. Endlich checken wir ein. In der Sammelumkleide untersuchen jedes Schließfach laut klappernd nach vergessenen Euro- Stücken. Im Sauseschritt ziehen wir uns um, duschen kurz und verschwinden gleich zur Rutsche.

Papa liegt im „Eierkocher“, wie er den Whirlpool nennt. Junge Mädchen mit hochgesteckten Haaren lassen sich das Bikini- Oberteil zu Doppel- D aufblasen. Babys mit Badewindeln und Schwimmflügeln trudeln wie junge Hunde umher. Alte Frauen mit Hautfalten wie geplatzte Luftballons suchen prustend ihren Zahnersatz. Hilfsbereite, aber kurzsichtige Greise fischen nur gelbliche Zehennägel aus dem Wasser. Tätowierte Verkäuferinnen lassen sich grinsend die Klitoris massieren, käselaibige Urologen die Prostata.
Im Strömungskanal blockieren Dorfjugendliche mit Luftmatratzen die Weiterfahrt oder picklige Fremdenverkehrsazubis hängen am Brückengeländer. Tröstende Väter werden fort gerissen und holen mit den Armen rudernd die Schwimmmeisterin von den Beinen. Übergewichtige Fastfood- Verzehrer werden von den Düsen brutal in den Unterleib geschossen, so dass sie ihre letzte Mahlzeit in das Salzwasser retournieren. Der Überlauf quittiert es röchelnd.
Hackfleisch gesichtige Kite- Surfer in extralangen Shorts donnern die Rutsche herunter wie Polen die A2 nach Osten, dünnhäutige Spaghetti- Girls kommen erst nach einer Ewigkeit frostbleich unten an.
Klare, grüne, blaue oder dunkle Schwimmbrillen springen vom Beckenrand bunten Tauchringen hinterher. Aus ihren Badehosen und Mündern steigen Blasen empor, als sie sich die Köpfe rammen.
Künstliche Pflanzen sind mit Snickers- Papier und Tampons dekoriert, in der Dusche trägt ein haariger Dermatologe Proben auf Nährkulturen auf.
Nach nicht einmal drei Stunden meint Papa, wir müssen raus. Wir wollen nur noch einmal rutschen und duschen kurz. In der Sammelumkleide untersuchen wir jedes Schließfach laut scheppernd nach vergessenen Euro- Stücken. Am Ausgang müssen wir nachzahlen und wollen aus einem schwitzenden Automaten ein Eis.

Auf dem Rückweg am Strand zertrampelt Papa jede Burg. Warum ist der bloß so aggressiv?

Wann wird’s mal wieder richtig Sommer? Vielleicht hier!

Zauberpuste

Fortsetzung von Der Jever- Mann (Kapitel 1), Faltiger Autist (Kapitel 2) und Du bist nicht mehr mein Freund! (Kapitel 3)

Kapitel 4

Am nächsten Morgen werde ich davon geweckt, dass Papa verzweifelt seine Reisetasche sucht. Durch die Schlitze der Jalousie sehe ich, wie er auf dem Balkon fündig wird. Er entdeckt den zerfetzten Kicker, flucht dreimal laut und gibt mir und meinem Bruder in Abwesenheit die rote Karte. Das heißt: Kein Eis heute und kein Fernsehen vor dem Schlafen gehen mehr. Ich husche schnell zurück in mein Bett und kneife die Augen zusammen. Was ist, wenn er Klopf entdeckt? Das würde bestimmt rote Karte bedeuten bis ich zehn bin, oder hundert. Und nie wieder Delfino- Eis und Wickie gucken. Ich stupse meinen Bruder an, der zieht sich die Decke über den Kopf. Ich trete die Flucht nach vorn an, kneife mir den Schnippel zu und renne zum Klo, um zu sehen, was Papa vorhat. Kurz vor dem Bad bleibe ich wie angewurzelt stehen: Er greift tief in die Tasche und zieht ein angefressenes Salatblatt heraus. Ich stoße mir plötzlich das Knie und fange an zu weinen. Papa legt die Tasche zur Seite und tröstet mich. Dabei linse ich über seine Schulter und sehe, wie Klopf sich unter dem Kleiderschrank verkrümelt. Mit Zauberpuste tut das Knie auch schon nicht mehr weh.
Schlaftrunken kommt mein Bruder aus unserem Zimmer. „Was ist denn hier los?“, will er wissen. „Ich habe mich gestoßen“, sage ich, ehe sich Papa an die verschwundene Reisetasche und den Kicker erinnern kann.

“Was wollt ihr heute machen?“, fragt er nach dem Frühstück. „Shoppen“, antworten wir aus einem Mund und klatschen uns ab. Widerstand ist zwecklos, das weiß auch Papa, weil wir uns sonst ständig streiten oder über Langeweile klagen. Trotzdem packt er die Strandmuschel, die Liegedecke und das Beachball- Spiel zusammen und verstaut alles in unsere Salewa- Rucksäcke. Die geschmierten Brötchen und den aufgebrühten Tee trägt er in einem Stoffbeutel mit Delial- Aufdruck.
Im einzigen Laden hat das ehemals samtweiße Holzpaneel bereits einen bahama- beigen Ton angenommen. Postkarten mit Zackenrand erzählen Legenden aus Wilhelminischen Zeiten. Dutzende Stocknägel mit Strandkorbmotiven und Insel- Silhouetten reihen sich in kleinen, offenen Schächtelchen. Leuchttürme in allen Größen von der F- bis zur A- Jugend, Schneekugeln, Bernsteinfigürchen, Buddelschiffe und ganze Kutterflotten verteidigen ihre Regalwand gegen eine Korblandschaft aus plüschigen Wattwürmern, Möwen und Seehunden fernöstlicher Produktion. Papa versucht ständig, unser eigenes Taschengeld zu sparen. Wir hätten genug Playmobil zu Hause. Aber eben keinen Riesenkraken, der Wasser spritzen kann! Dann meint er, das Wellenbrett sei zu groß, das kriegten wir in keinen Koffer rein. Oder die Ritterfestung sei zu teuer, das Aufblaskrokodil zu gefährlich. Muscheln, Seesterne und Kescher hätten wir noch vom letzten Urlaub zu Hause, im Keller!
Boah, ich habe echt keine Lust mehr und kaufe mir einen Zungenmalerlutscher und saure Colabonbons und gehe mit ihm an den Strand.

Und es hört nicht auf, sondern geht noch weiter!

Du bist nicht mehr mein Freund!

Fortsetzung von Der Jever- Mann (Kapitel 1) und Faltiger Autist (Kapitel 2)

Kapitel 3

Der Sturm schmeißt Standkörbe und drückt dicke Kinder die Rutsche wieder hoch. Er treibt die Gischt des Meeres noch kilometerweit übers Land auf die Gleitsichtgläser alter Frauen im Straßencafé. Volleyballnetze stehen steif im Wind wie schwer gefüllte Reusen, Klaffmuscheln graben sich tiefer in den Sand. Ein losgerissener Drache scheucht Thalasso- Wanderer vor sich her und sprengt schließlich eine Gruppe Qigong- Tänzer im Dünengras auseinander. Es ist oberhammerscheiß Wetter und heute ist Strandfest.

Ich will da nicht hin. Um 14 Uhr macht der Laden auf, in dem ich gestern die coolen Bionicles gesehen habe. Papas Geld hat nicht mehr gereicht und er hat mir versprochen, da heute mit uns wieder hinzugehen. Jetzt ist 11 Uhr und ich setze mich demonstrativ vor die Eingangstür. Ich will da warten, ich will nicht an den Strand. Da ist es doof, das weiß ich jetzt schon. Papa nimmt die Tupperdose mit dem Brezel und den Fruchttiger aus dem Rucksack, stellt es mir vor die Füße, damit ich nicht verhungere und geht. Mein Bruder, der Verräter, läuft mit. „Ich bin nicht mehr dein Freund“, brülle ich ihm hinterher und trete mit den Füßen die Flasche weg. Als die beiden um die Ecke sind, hole ich sie mir schnell wieder, das ist mein ganzer Vorrat. Nach zehn Minuten sind die Brezel und der Fruchttiger alle und mit einem Malstein schreibe ich meinen Namen auf die Treppe vorm Geschäft. Dann sause ich hinterher. Die beiden Doofen sitzen am alten Rettungskreuzer auf einer Bank und lecken Eis. Noch bevor ich wieder los krähen kann, fragt mich Papa, ob ich auch eins möchte. Stolz gehe ich mit einem grünen Becher und einer Kugel Delfino- Eis mit zum Strand. Da ist es picke packe voll. Piratenkinder und Seeräubereltern lotsen Boote durch gefährliche Untiefen und an Monster- Riffen vorbei. Sie schießen mit Korken- Kanonen und pumpen Wasser aus dem Schiff. Sie überstehen die Pest und Skorbut, verlieren dabei alle Zähne und ein Bein. Sie jagen die Ratten von Bord und heben auf einer einsamen Insel einen großen Schatz. In der Kombüse gibt es Pökelfleisch und faules Wasser. Der Sturm hat sich gelegt.

Wo liegt denn eigentlich Taka-Tuka-Land? Hier!

Der Jever- Mann

Kapitel 1

Ich gehe noch einmal in den Garten hinaus, hinten zum Stall. Klopf ist nirgends zu sehen. Ich hebe das Holzhäuschen hoch und schiebe das Stroh ein wenig an die Seite. Er ist auch diesmal in seinem Lieblingsversteck. Schnell stopfe ich ihn in meinen Rucksack. Er tut so, als merkt er es gar nicht. Dann renne ich zum Auto. Papa und seine neue Freundin warten schon. Sie hupt und fächert mit den Armen, ich solle mich beeilen. Eigentlich ist es ja Papa, der es so eilig hat, wir hätten noch über eine halbe Stunde Zeit, hat Isabelle gesagt. Und zum Bahnhof seien es nur zehn Minuten. „Wo warst du denn noch?“, will Papa prompt wissen. „Ich habe nur Klopf auf Wiedersehen gesagt“, flunkere ich. Dann geht es los. Wie Bolle freue ich mich auf diesen Urlaub. Es ist der erste, seit Mami weg ist. Papa hat uns eine Schnitzeljagd versprochen, mit Knicklichtern, Taschenlampen, Gartenfackeln und Grillen am Strand. Ich bin mal gespannt, ob er diesmal hält, was er verspricht. Isabelle kommt schnell voran und zwanzig Minuten zu früh stehen wir vor dem Hauptbahnhof. Zusammen heben sie die Koffer aus dem Auto, weil Papa noch dolle Rückenschmerzen hat. Die beiden knutschen noch eine Weile, weil Isabelle erst in ein paar Tagen hinterher kommt. Dann wird die Zeit doch wieder knapp. Wie immer streite ich mich mit meinem Bruder darüber, wer jetzt den Trolli holen darf. Wer den Chip einwerfen darf. Wer ihn zuerst schieben darf. Wer zuerst im Fahrstuhl auf hoch oder runter drückt. Wer den Trolli zurück bringt. Es steht 3:2 für mich. Mein Bruder schimpft, dann könne er ja gleich zu Hause bleiben. Dann hätte ich Papa für mich. Aber er steigt doch ein. Schwer bepackt laufen wir durch den Zug bis zu unseren Plätzen. Er sitzt neben Papa, Mist, unentschieden. Dafür mache ich als erster die Tasche mit dem Proviant auf und schnappe mir eine Bifi- Roll. Der Zug ist schön leer, wir hätten gar keine reservierten Plätze gebraucht. Nach knapp einer Stunde müssen wir das erste Mal umsteigen. Papa schimpft, was wir denn alles eingepackt hätten. Am Bahnsteig auf der anderen Seite fährt unser nächster Zug grade ein. Papa wird hektisch, ich denke das erste Mal an Klopf. Freundliche Menschen um uns herum helfen uns und irgendwie schaffen wir es doch. Elende sieben Waggons schieben und stoßen wir unsere Koffer durch die erste Klasse und das Bordbistro bis bis zu unseren neuen Sitzen. Auch hier schön leer. Wie steht es denn jetzt eigentlich? Na ja, egal. Wir schnicken halt, Bombe und Rakete gibt es nicht, das habe ich dem Doofmann schon einhundert Mal gesagt. Eine olle Schachtel beschwert sich, wir seien zu laut, hier im Zug säßen noch andere Leute und wollten arbeiten oder sich erholen. Papa stellt sich taub, wir machen weiter. Wir müssen wieder umsteigen, diesmal ist der Zug rappel voll, Füße ragen in den Gang, Koffer versperren den Weg. Warum hat Papa nicht reserviert? Weil er es trotzdem hinkriegt! Die nächsten beide Male müssen wir nur auf das Gleis gegenüber. Das schaffen wir locker. Es ist auch wieder deutlich leerer. Wir spielen mit der Bordtoilette, die eine lustige automatische Tür hat. Papa ist eingeschlafen. Ich füttere Klopf mit Papas mitgebrachtem Tomaten- Mozzarella- Brötchen. Als der Zug nicht weiterfährt, wecken wir ihn. Soeben huschen wir noch in den letzten Bus. Den Koffer auf den Knien rumpeln wir über Kopfsteinpflaster bis zum Fähranleger. Ein gewagtes Spiel mit der Zeit. Als der Kapitän dreimal trötet, hat Papa auch endlich die Tickets in der Hand und die Koffer abgegeben. Zusammen mit den Ratten erklimmen wir das überfüllte Deck. Der Wind pfeift um unsere Ohren und um kleine Birken, die das Fahrwasser markieren. Erschöpft kuschele ich mich an Papa. Die Sonne blendet mich. Die Sportvereinskameraden Wittmund auf Auswärtsspiel wärmen sich mit obergärigen Getränken auf, die Jugendreisegruppe aus Schieder blockiert Minuten lang für ein Foto die Treppe zum Heck und zu den Propellern. Die Drecksmöwen kreuzen für jeden Bissen gegen den Wind und ich schlafe ein. Ein letzter Ritt mit der Bimmelbahn zwischen Jack Wolfskin- Jacken, Bench- Fleecepullovern, Schöffel- Westen, Fahrrädern, Kinderwagen, plärrenden Kindern mit Nutella- Schnuten und schweren Windeln, zwischen Okzident und Orient, als wir endlich den Inselbahnhof erreichen. Mein Bruder und ich sind zu müde, um Papa tragen zu helfen. An der alten Museumslokomotive warten wir auf ihn. Er kommt mit einem quietschenden Bollerwagen und einem langen Gesicht zurück.

Wir erstürmen die Wohnung wie Dieter Bohlen früher die Charts. Dann wollen wir an den Strand, mein Bruder und ich. Papa möchte erst eine Pause machen. Beim Hüpfen auf der Matratze komme ich höher als mein Bruder, stoße mir aber den Kopf. Ich entdecke als erster die Fernbedienung und schalte den Fernseher ein. Ein Shanty- Chor vor einem großen Segelschiff liebt die Stürme. Papa kann nicht einschlafen und wir ziehen uns wieder an. Über rot geklinkerte Wege stürmen wir an Juckpulverbüschen, Knallerbsensträuchern und kahlen Kiefern vorbei, im Slalom um jeden Pöller, Anker und Bojen in Vorgärten zählend, mit Schwung über eingegrabene Paletten die Dünentäler hinunter und an Papas Hand wieder hinauf. Hinter der letzten Biegung liegt das Meer dann plötzlich da: Groß, weit und grau. Was Klopf jetzt wohl macht, fällt mir plötzlich ein. Dann stößt mir der Wind die Kapuze vom Kopf und ich meinen Bruder. Laut brüllend wie auf Kaperfahrt erobern wir die Welt. Papa fällt um wie der Jever- Mann.

Hier geht die Geschichte weiter

Der graue Riese

Das Meer zeigte sich von seiner rauen Seite. Grollend warf der graue Riese seine kalten Arme ans Ufer. Sein eisiger Atem fegte dicke Schneeflocken vor sich her wie eine Horde aufgescheuchter Krabben beim Schulausflug. Aufgepeitschte Gischt küsste mich feucht wie eine junge Affäre. Benommen stolperte ich über seine Gebeine den Strand entlang, der inzwischen schon knietief unter Schnee begraben lag. Am Horizont blinzelte mir ein Zyklop aufmunternd zu.