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Posts Tagged ‘Welle’

Der Jever- Mann
Ich gehe noch einmal in den Garten hinaus, hinten zum Stall und schaue hinein. Aber Klopf ist nirgends zu sehen. Vorsichtig hebe ich das Holzhäuschen hoch und schiebe das Stroh ein wenig zur Seite. Glück gehabt, er ist auch diesmal in seinem Lieblingsversteck. Schnell stopfe ich ihn in meinen Rucksack, er tut so, als merke er es gar nicht. Dann renne ich zum Auto. Papa hupt schon und fächert mit den Armen. „Wo warst du denn noch?“, will er prompt wissen. „Ich habe nur Klopf auf Wiedersehen gesagt“, flunkere ich. Schon brausen wir los.
Nach zähen und unendlichen Stunden auf der Autobahn, einem Dutzend Fünf Freunde- CDs und ebenso vielen Nutellabrötchen kommen wir endlich am Fähranleger in Rømø an. Seit vor ein paar Jahren ein Sturm einen Laster vom Sylt- Shuttle gepustet hat, fahren wir immer über Dänemark auf unsere Urlaubsinsel. Papa ist da abergläubisch, „wer einen Laster umschmeißt“, sagt er immer, „der macht auch vor einer E- Klasse nicht halt.“
Wir sind spät dran diesmal und der Kapitän trötet bereits dreimal, als Papa endlich die Tickets in der Hand hat und wir auf den Autokutter fahren können. Im Internet zu buchen ist auch nicht so seine Sache. Auf dem völlig überfüllten Deck quetschen wir uns zwischen Fahrräder und Kinderwagen auf eine hölzerne Backskiste. Der Wind pfeift uns um die Ohren und die Abendsonne lächelt müde. Dann brummen die schweren Dieselmotoren los. Das Schiff vibriert wie eine alte Waschmaschine, dunkler Rauch steigt empor, die Möwen stieben von den schiefen Birken im Fahrwasser auf und hoffen auf einen Bissen.
Ich schaue meinen Bruder an, er nickt und schon wuseln wir durch Wolfstatzen- Jacken, Fleece- Pullovern, Softshell- Westen zum Bug. Doch ausgerechnet dort feiern die Kicker vom Team Sylt lautstark das Erreichen des Achtelfinales beim Dana- Cup in Nord- Jütland mit Koffein haltigen Kaltgetränken, Fassbrause und Eistee. Kurzerhand machen wir kehrt und schlängeln uns zum Heck mit den riesigen Propellern. Wir packen unsere Toggo- Lutscher aus und spucken ins aufgeschäumte Wasser. Papa ist sitzengeblieben und muss auf unsere Sachen aufpassen.
Am Inselhafen List fallen mir die Augen zu. Ich träume von Knicklichtern, Taschenlampen, Gartenfackeln und Grillen am Strand. Erst als Papa mich zudeckt und mir einen Gute- Nacht- Kuss gibt, blinzele ich ihn schlaftrunken an. „Wo sind wir?“, will ich wissen. „Da, wo der Klabautermann auf Kaperfahrt geht“, sagt er lieb. Dann schlafe ich wieder ein. Papa geht zurück ins Wohnzimmer und fällt um wie der Jever- Mann.

Faltiger Autist
Am nächsten Morgen wache ich mit den ersten Sonnenstrahlen auf. Endlich kann ich mich um Klopf kümmern. Vorsichtig hole ich ihn aus meinem Rucksack und schaue ihn an. Er scheint noch zu schlafen. Manchmal denke ich, er könnte mich verstehen, wenn er mich anschaut und seinen faltigen Hals reckt. Dann erzähle ich ihm, wie ich einmal das Feuerwehrauto von meinem Bruder im Sand verbuddelt habe, weil ich so eins auch gerne hätte. Oder wie ich Lauf, seinem Hamster, die Füßchen mit Tesafilm umwickelt habe, weil er schneller war als Klopf. Oder dass ich mir kurz vorm Einschlafen heimlich die Bettdecke in den Schlafanzug stopfe, damit ich morgens nicht nass bin. Sonst dürfte ich Klopf nicht behalten, hat Papa gesagt. Dann nickt Klopf immer und gibt mir Recht. Er ist auch der einzige, der weiß, dass ich gerne Leuchtturmwärter werden möchte. So wie Herr Tur Tur auf Lummerland. Das muss schön sein, abends einmal die Wendeltreppe raufsteigen, die Petroleumlampe anzünden und morgens wieder löschen. Keine Nacht darf es ausbleiben, meinen fünften Geburtstag nicht, nicht Weihnachten, und nicht freitags, wenn die Schmutzfrau kommt. Ich muss immer da hoch. Mit Einbruch der Dunkelheit muss das Licht brennen. Es ist eine wichtige Aufgabe. Klopf versteht mich. Papa nennt ihn manchmal faltiger Autist. Ich weiß nicht, was das ist.
Nach dem Frühstück geht Papa mit uns in einen kleinen Laden in der Friedrichstraße. Postkarten mit Zackenrand erzählen Legenden aus Wilhelminischen Zeiten. Dutzende Stocknägel mit Strandkorbmotiven und Insel- Silhouetten reihen sich in kleinen, offenen Schächtelchen. Leuchttürme in allen Größen von der F- bis zur A- Jugend, Schneekugeln, Bernsteinfigürchen, Buddelschiffe und ganze Kutterflotten verteidigen ihre Regalwand gegen eine Korblandschaft aus plüschigen Wattwürmern, Möwen und Seehunden fernöstlicher Produktion. Papa versucht ständig, unser eigenes Taschengeld zu sparen. Wir hätten genug Spielzeug zu Hause. Aber eben keinen Riesenkraken, der Wasser spritzen kann! Dann meint er wieder, das Wellenbrett sei zu groß, das kriegten wir in keinen Koffer rein. Oder die Ritterfestung sei zu teuer, das Aufblaskrokodil zu gefährlich. Muscheln, Seesterne und Kescher hätten wir noch vom letzten Urlaub zu Hause, im Keller! Boah, ich habe echt keine Lust mehr und zeige auf mein T- Shirt. I’m the boss steht da. Das zählt nicht, erklärt Papa mir, Papa sei mehr als Chef. Dann will ich doch lieber Leuchtturmwärter werden. Oder faltiger Autist.

Wir lieben die Stürme
Der Wind kurvt mit uns im Slalom um jeden Poller, jeden Anker und jede Boje herum. Er taumelt über rot geklinkerte Wege, braust an Juckpulverbüschen, Knallerbsensträuchern und kahlen Kiefern vorbei, saust mit Schwung über eingegrabene Paletten die Dünentäler hinunter und mit uns an Papas Hand wieder hinauf. Auf dem Sandgipfel bleiben wir stehen und staunen: Groß, weit und dunkel erstreckt sich der graue Riese bis zum Horizont. Grollend wirft er seine kalten Arme ans Ufer, als sei er nie weg gewesen. Sein eisiger Atem fegt feuchte Gischt wie eine Horde aufgescheuchter Krabben beim Schulausflug vor sich her, schmeißt Standkörbe um und drückt dicke Kinder die Rutsche wieder hoch. Volleyballnetze stehen steif in der eisigen Brise wie schwer gefüllte Reusen, Klaffmuscheln graben sich tiefer in den Sand. Mein Käppi reißt sich los wie ein wild gewordenes Seeungeheuer, scheucht Thalasso- Wanderer vor sich her und sprengt eine Gruppe Qigong- Tänzer im Dünengras auseinander.
Benommen stolpern wir in die Villa Kunterbunt zum Piratentag. Laut brüllend entern wir die Welt, lotsen unser Boot durch gefährliche Untiefen und an Monster- Riffen vorbei. Wir schießen mit Korken- Kanonen auf Kokosnüsse, schruppen das Deck und pumpen Wasser aus den Kajüten. Wir überstehen die Pest und Skorbut, verlieren dabei alle Zähne und ein Bein. Wir jagen Ratten von Bord, Wale im tiefen Meer und heben auf einer einsamen Insel einen großen Schatz.
Erst bei Sonnenuntergang laufen wir wieder in unseren Hafen ein. In der Kombüse gibt es salziges Pökelfleisch und faules Wasser. Der leuchtende Zyklop blinzelt uns aufmunternd zu. Der Sturm hat sich gelegt.

Du bist nicht mehr mein Freund!
“Matschpatsch” macht es immer wieder. Ich greife mit den Händen in das trübe Wasserloch, das ich mit einem kleinen Deich vom Meer abgetrennt habe. Mit dem Plattmacher klopfe ich die Mauern fest. Auf einer Seite habe ich so viel Sand heraus gebuddelt, dass ein richtiger Berg entstanden ist. Aus beiden Fäusten lasse ich die Matschepampe von weit oben darauf fallen. Es sieht aus, als hätte ein ganzer Möwenschwarm nur auf diesen einen Fleck geschissen und ich sehe aus wie ein paniertes Schnitzel. Ich weiß schon selbst nicht mehr, ob ich überhaupt eine Badehose anhabe.
Ich beauftrage meinen Bruder aufzupassen, so lange ich Muscheln suche. Aber der Stinkstiefel will meinen Kescher dafür haben. „Ich bin nicht mehr dein Freund“, brülle ich, trampele meine Burg selbst kaputt und marschiere los. Papa hat mir erklärt, dass da, wo viel kleines schwarzes Holz an den Strand gespült wird, ich auch Bernsteine und Haifischzähne finden kann. In meinen Eimer sammle ich Krebspanzer, Seesterne und kräftige Herzmuscheln zum Kämpfen, er ist bald randvoll. Ich schmeiße tote Quallen zurück ins Wasser und laufe weiter. Endlich habe ich eine Stelle gefunden. Erst bohre ich mit dem Bockermann in dem Prütt herum, dann schiebe ich ihn mit dem ganzen Fuß hin und her. Schließlich lasse ich mich auf die Knie fallen und siebe mit den Händen. Alles, was gelb oder honigfarben ist, lecke ich ab. Harz schmeckt man doch! Ich finde ein altes Gummibärchen, eine geschliffene Glasscherbe und einen Feuerstein, sogar ein noch eingepacktes Campino- Bonbon. Es ist weich und salzig. Plötzlich scheucht mich eine große Welle auf und schmeißt meinen Eimer um. Erschrocken greife ich nach dem Henkel. Meine Schätze flüchten dabei mit dem rückfließenden Wasser: Bernsteine so groß wie Kiesel und Haifischzähne so scharf wie Säbel! Mein Bruder wird staunen.

PS: Es handelt es sich hierbei um ältere, überarbeitete Beiträge, sozusagen alter Wein in neuen Schläuchen.

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Zuckenbusch

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Bungalowexpedition

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Kassensturz

Fortsetzung von Freu Dich nicht zu spät! (Kapitel 1), Abstelltraum (Kapitel 2), Strebergarten (Kapitel 3) und Wortgeflecht (Kapitel 4)

An einem dunklen und lausigen Abend sitze ich mit unserer Geldkassette in unserer kleinen Küchennische. Heute ist ein besonders schwarzer Freitag. Keine Menschenseele hat sich in unseren Laden verirrt, den wir vor etwa drei Wochen eröffnet haben. Ich stecke den Schlüssel ins Schloss und drehe ihn um. Im Dunklen kullern ein paar Silberlinge herum und eine Handvoll Kupfer hockt um einen kleinen geknickten Zettel. Sonst nix. Ich nehme ihn heraus und falte ihn auf. In seiner krakeligen Schrift hat Murat etwas notiert, das jede Grundschuh (!)- Referendarin zum freiwilligen Exil im analphabetischen Neustrelitz getrieben hätte. Ich rufe ihn kurzerhand an. Besetzt. Dann wähle ich die Nummer seines Bruders. Irgendwo in Istanbul geht einer dran. Ich höre gutturales Geschnatter und ein rasselndes Dönermesser. „Murat“, schreie ich gegen einen Flachbildschirm an, der im Hintergrund die türkischen Top40 plärrt, „bist du das?“ Es rappelt furchtbar und röchelt wie eine Klospülung in der Sommerdürre. Eine Männerstimme ruft seinen Namen rüber zum europäischen Teil der Stadt. „Efendim?“, kräht es durch die Leitung. Plötzlich ist der Draht still. Entnervt schleudere ich den Telefonknochen auf den Tisch, knülle den Zettel und versenke ihn über Bande in der Rundablage. Ich mache mir ein Efes- Bier auf, das einzige Gesöff, das ich in diesem Imbiss hier finde. Herb rinnt es meinen Bosporus hinunter und bringt im Marmarameer eine griechische Thunfischflotte auf, die verbittert Gegenwehr leistet. Kaum haben sich die Wellen ein wenig geglättet, stoße ich kräftig ins Nebelhorn. Der tranige Nachgeschmack lässt mich schwindeln. Rudernd suche ich Halt an der dämlichen Rattangarderobe, die uns Murats Eltern stolz zur Einweihung geschenkt haben. Wie ein angeschlagener Boxer umklammere ich das gebeizte Peddigrohrmöbel und taumele damit schwankend hin und her. Das Kilo schwere magische Auge an der goldenen Panzerkette, das darin baumelt und uns vor bösen Blicken und Wasserrohrbrüchen schützen soll, gerät in hektische Rotation und trifft mich hart an der Schläfe. Mein rechtes Auge schwillt ohne Nachzudenken spontan zu und ich pralle mit dem Schädel auf den Glastisch. Der Krümelsauger poltert herum und starrt giftig auf die Unordnung. Hyperventilierend schnappe ich nach Luft. Unbeeindruckt und erbarmungslos zählt mich die Schwarzwälder Kuckucksuhr über der Tür an, erst das Piepsen der Eieruhr bewahrt mich in letzter Sekunde vor dem endgültigen Knockout. Noch benommen stemme ich mich in der zweiten Runde empor und greife nach dem Henkel der Geldkassette. Blind vor Schmerz verpasse ich erst der Jackensäule einen schnellen Jab und schließlich dem Meisterwerk taiwanischer Uhrmacherei einen tödlichen Uppercut. Der Kleiderständer sackt in sich zusammen wie ein Osterfeuer und der heimische Vogel piepst ein letztes Mal, ehe er im dichten Qualm erstickt.
Ich gönne mir einen weiteren Schluck Efes, schüttele mich und drücke die Wahlwiederholungstaste. Aus der Küchenschublade klingelt irgendein Asi- Rapper mit abgebrochener Baumschule vom Typ Sido, Bushido oder wie die Hackfressen heißen. Ich habe Murat schon tausend Mal erklärt, dass er sich damit in den falschen Gegenden jede Menge Ärger einhandeln kann, wenn sein Handy klingelt und er es nicht dabei hat. Wie will er mich dann anrufen, damit ich ihn aus der Scheiße wieder raushole? Soweit denkt der Muselmann wieder einmal nicht und jetzt haben wir den Salat. Es sieht hier aus wie Hulle, er hat Kehrwoche, treibt sich rum und ich muss zusehen, wie ich den Laden über Wasser halte.

Wie geht es weiter? Das erfahrt ihr hier!

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Wortgeflecht

Fortsetzung von Freu Dich nicht zu spät! (Kapitel 1), Abstelltraum (Kapitel 2) und Strebergarten (Kapitel 3)

„Nun komm schon, du alter Schisser“, rufe ich Murat zu, „wovor hast du Angst? Da springt keiner raus und packt dich!“ Vorsichtig wie ein Fahranfänger tritt er Schritt für Schritt neben mich. „Buh!“, mache ich, noch ehe er einen Blick in das Fass werfen kann. Murat springt drei Meter rückwärts. Kreidebleich steht er im Türrahmen, sein verwaschenes „I love N Y“ – Shirt klebt klamm auf seiner Haut. Er starrt mich mit Melonen großen Augen an, als wäre ich ein 3 – Zentner- Blindgänger aus dem 2. Weltkrieg. „Na, dann muss ich eben alleine ….“, lache ich auf, halte dann aber inne. „Murat! Sche-Herz!“, rufe ich und halte harmlos meine Hände nach oben. Zögerlich tapst nach er vorne und lugt misstrauisch über den Beckenrand. Dumpf klappt sein Kinn nach unten, als er die bunten Plastikbausteine erblickt, kleine ekstatische Stromimpulse durchzucken seinen Körper. Begeistert greift er bis zu den Ellenbogen hinein, wühlt drin herum und schaufelt schließlich einen achter Leuchtstein nach oben. Sofort rennt er nach hinten und kramt laut in einer Klappkiste nach einer 4,5 Volt – Flachbatterie. Stolz, als habe das Osmanische Heer Wien doch noch eingenommen, kehrt er im Schein der mattgelben Soffitte zurück. „Sie brennt sogar noch“, sagt er mit breiter Brust, „weißt du noch, was wir damit alles gebaut haben?!“ „Na klar“, rufe ich glückselig zurück, „du hast den Stein als Scheinwerfer in mein Polizeiauto gebaut!“ Murat umschließt den Noppenquader sanft in der hohlen Faust und linst hinein, „willst du auch mal?“, fragt er. Vorsichtig blinzele ich durch den Spalt zwischen seinen Fingern, sie riechen nach Marlboro und Hammelfleisch. „Dann war er eines Tages weg, Mama hatte gesaugt“, sage ich mit erdrückter Stimme. Murat versteift, schaut verlegen zu Boden und lässt die Hand sinken. „Was ist?“, will ich wissen. „Weißt du, das war …“, stammelt er, „das war … nicht der Staubsauger. Ich habe ihn versteckt, weil ich auch einen haben wollte!“ Dann hält er mir den Lichtwürfel hin, „hier, er gehört dir!“ Ich blicke ihn an und muss ihn einfach umarmen, „komm, wir schauen, ob wir noch einen finden!“ Gemeinsam stoßen wir hinab bis zum Grund der hölzernen Trommel, rühren und rieseln winzige Einer, blaue Vierer und breite Achter, zerbrochene Fenster und Räder ohne Reifen und sogar einen noch selteneren fluoreszierenden Sechser empor. Schließlich schütten wir die ganze Litfasssäule aus und kramen fieberhaft herum. Dann materialisiert sich der Glimmblock überraschend wie von selbst aus den unendlichen Weiten der Legogalaxien. Ganz unerwartet liegt er da, als sei er nie weg gewesen. Ich jubele glucksend in mich hinein und Murat strahlt wie ein kleiner Junge am Weltspartag, dem ein greiser Filialleiter für seine gesammelten 47 Kupferstücke einen schielenden Plüschhasen überreicht. Vergnügt bauen wir unsere große Feuerwache mit Hubschrauberlandeplatz und Garage für den Notarztwagen nach den originalen Aufbauanleitungen von 1982 wieder auf. Beschwingt geht Murat zum Radio und schaltet es ein, Udo Jürgens steht im Neon hellen Treppenhaus. Keiner von beiden war schon einmal in New York. Dann, wie auf ein verabredetes Kommando, singen wir beide mit: „Einmal verrückt sein und aus allen Zwängen flieh’n!“ Schlagartig vermisse ich meinen Keinohrhasen und verstumme. Murat dreht das Radio leiser, zündet sich eine Zigarette an und bläst den teerhaltigen Fall- Out zur Decke, von wo sich der giftige Niederschlag langsam über uns senkt. Draußen dämmert es inzwischen, Nieselregen rinnt mäandernd die Schaufensterscheibe hinunter. Unten bildet er dicke Pfützen, die sich dann wie Lemminge vom Marmorsims stürzen. Jeder Tropfen reißt ein blutiges Stück aus meiner Leber. Unwillkürlich taste ich nach der Narbe auf meinem rechten Oberbauch. Mit dem Fingernagel spiele ich an der Borke und schaue schmerzverzerrt aus dem Fenster. Passanten huschen mit Schirmen von Dach zu Dach, in der Mitte des kleinen Platzes tritt der Brunnen über die Ufer. Ein altes Kaugummi taumelt in den Wogen. Der Regen nimmt zu, peitscht es wild umher und drückt es immer wieder komplett in die schlammige Brühe, bis die Springflut es mitreißt und in den Strom schleudert. Prustend und schnaubend taucht es nach bangen Sekunden wieder auf. Haltlos saust der Beißbrocken jetzt in einem wahnsinnigen Tempo dahin, überholt einen Kronkorken und einen durchweichten Aldi-Prospekt. Plötzlich ragt ein umgeknickter Ast gefährlich ins tosende Wasser, ein rechtsdrehender Strudel öffnet gierig seinen Schlund, Wellen türmen sich Zentimeter hoch auf. Mit der Verzweiflung eines zum Tode verurteilten Gefangenen gelingt es ihm in allerletzter Sekunde, sich an einer mitströmenden Pommesschale festzuklammern und an Bord zu klettern. Mit rasselndem Atem schaut das Schmatzstück in den schwarzen Himmel, Wolken huschen vorbei wie der Berufsverkehr auf der Hauptstraße. Erschöpft rutscht es an der bunten Kunststoffgabel herunter und landet in einem ranzigen Mayonnaiserest. Es hört das leise Gurgeln des herannahenden Gullys nicht.
Unerwartet schwillt das Gluckern zu einer donnernden Toilettenspülung an. Ein Wind bläst mir steif ins Gesicht, ich blicke mit dem Schrecken eines überraschten Liebhabers auf. Meine Gedanken zerplatzen wie Seifenblasen im Kinderzimmer, als ich Ayse in der offenen Tür stehen sehe. Sie hält eine völlig durchnässte Kuchenpappe in ihren Händen. Dicke Fäden tropfen ihr von ihrer Nase und aus den Haaren. Dann hält sie uns das Gebäckpaket entgegen, „alles Gute zur Eröffnung“, sagt sie, lächelt süß wie Paris Hilton in Gummistiefeln und ich kann gar nichts dagegen tun.

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Hättichmal

Fortsetzung von Hautnah (Kapitel 1), Space Invaders (Kapitel 2), Verkorkt (Kapitel 3), Strafzimmer (Kapitel 4), Schnurlos (Kapitel 5), Murmeltier und Sehnsucht (Kapitel 6), Holzklasse (Kapitel 7), Zurück in die Zukunft (Kapitel 8) und Sucht und Ordnung (Kapitel 9)

Aber wieso war ich in Mailand?! Und wenn ich hier war, wo war dann Carlotta? So langsam dämmerte mir, dass zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ein glaubwürdiger Zeitsprung gelungen war. Und das ausgerechnet mir, der ich in Sport immer nur eine „Vier“ in der Grundschule hatte, weil die rhythmische Gymnastik meine Note immer wieder nach unten zog. Ich wusste nicht, wer sich diesen Quatsch mit dem Zeitkatapult überhaupt ausgedacht hat: Einstein, Bill Gates oder James T. Kirk. Sie gingen jedenfalls alle davon aus, dass man die Vergangenheit und die Zukunft am gleichen Ort quasi verschieben könne. Die lineare Raumkrümmung hatten sie aber alle nicht bedacht, denn allem Anschein nach hatte mein Zeitsprung zwar funktioniert, mich dabei leider viel zu weit und an einen ganz anderen Ort geschleudert. Das machte es nicht wirklich leichter! Dabei habe ich mir immer gewünscht, manche Dinge ganz anders zu machen, wenn ich noch einmal die Gelegenheit dazu hätte. Zum Beispiel würde ich nie wieder in Lycos- Aktien investieren, auf Arminia Bielefeld wetten oder 100 DM beim Hütchenspiel in Amsterdam setzen. Ich hätte im Bad nur zehn Zentimeter weiter unten gebohrt und mir den Wasserschaden erspart. Und wenn ich Mitte 30 endlich das Micky Maus- Abo gekündigt hätte und nicht die Hausratversicherung mir wegen offener Beitragszahlungen, dann hätte ich behaupten können, ein Schlauch an der Waschmaschine wäre geplatzt. Und nie, wirklich nie wieder, würde ich meinen Sohn Kevin Pascal nennen. Das war kein Name, das war eine Diagnose! Schade auch, dass ich Kahn keins auf die Fresse gehauen habe, als er im Matheunterricht beim Tintenpatronenkugelfußballspielen mein Geodreieck zerbrochen hat. Ich traute mich nicht, er trug schon damals ein rohes Schnitzel als Sternzeichen um den Baumstamm dicken Hals, hatte einen geistigen Horizont wie ein Dessertteller und Hände groß wie Bratpfannen. Ich kniff auch, als ich auf der Klassenfahrt Astrid beim Flaschendrehen mit Zunge küssen sollte. Ich kriegte keinen Ton heraus, als Christine Neubauer eines Tages in der Hotellobby im Urlaub neben mir stand. Aber am meisten wurmte mich das mit der Pille und Natascha damals im Strandkorb auf Borkum. Es wehte ein eisiger Wind, die Wellen schlugen hoch, wir hatten zwei Flechthäuschen Kopf an Kopf gestellt und uns unter meinen Fleece- Pullover gekuschelt. Es war unsere letzte gemeinsame Nacht, ehe sie mit ihren Eltern zurück in den Harz fuhr. Wenn ich manchmal doch nur ein bisschen mutiger gewesen wäre, dann wäre vieles ganz anders gelaufen. Vielleicht wäre ich dann schon Opa! Ich verwarf diesen Gedanken sofort wieder, aber so langsam leuchtete mir ein, warum es mir so schäbig ging: Ich lag durch den Zeitsprung wieder mit dem gleichen unbekannten Fieber und Wahn wie schon vor zwei Wochen im Bett. Ich hatte also gute Überlebenschancen. Aber etwas ganz Besonderes ging mir nicht mehr aus dem Kopf: Was war in der Zwischenzeit geschehen, woran ich mich nicht erinnern konnte? Würde ich Carlotta jemals wieder sehen?

Der nächste (Teil) bitte!

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