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Posts Tagged ‘Windschutzscheibe’

So isses!

Die Tage werden schon wieder merklich dunkler und die Bäume im Garten verlieren ihr Laub. Morgens ist die Windschutzscheibe beschlagen und es dauert sicher nicht mehr lange und ich muss das erste Mal kratzen. Lebkuchen uns Spekulatiuskekse erobern bereits die Supermarktregale und ich überlege, in welchen Farben ich die Tanne wohl diesmal schmücke. Es ist Zeit, die Skianzüge aus dem Keller zu holen, die Schlittenkufen zu wachsen und den Silvesterpunsch aufzusetzen.
Am besten wird sein, ich mache das jetzt gleich und warte nicht noch länger damit.
Ich bin sonst immer zu spät dran und dann gucken die Nachbarn so komisch. Aber dieses Jahr nicht. Nicht mit mir!

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Nach meinem überwältigenden Sieg beim Netnovela- Schreibwettbewerb „Vom Sofa in die Bestsellerliste“ mit meiner Geschichte Freu dich nicht zu spät! drängt Murat nun mit Händen und Füßen darauf, dass ich eine Fortsetzung seiner Memoiren schreibe. Meinetwegen.

Die Geschichten dieses zweiten Teiles fasse ich (vorerst) unter „Murat Reloaded“ zusammen. Viel Spaß damit.

 

Vorübergehend bewölkt

Ehrlich betrachtet, unser kleiner Laden läuft wie ein Streuguthandel in der Sahara, wir bekommen keinen Kredit mehr in der Sparkasse und keinen Deckel mehr bei Renzo. Jetzt haben wir für unsere letzten fünf Euro Zigaretten gekauft und brettern auf der Autobahn durch das nächtliche Ruhrgebiet. Murat, der alte Renndackel, bläst den Dieselmotor bei 130 km/h frei, immer nur Kurzstrecke sei ja Gift für so eine hochtechnisierte Maschine. Die Handbremse hat er ein Stück angezogen, damit wir nicht so schnell sind. Ich lehne meine Wange an die klamme Seitenscheibe, nehme ein Schluck Bier aus der Dose, krame in der Schachtel nach einem Teerlutscher, blase Olympische Ringe in die Luft und spiele verträumt mit dem Lego- Leuchtstein.
„Das Leben ist genauso“, denke ich, „irgendwann geht das Licht aus.“
Wacklige Szenen in Super 8 – Qualität erobern meine medialen Temporallappen und rufen Erinnerungen hervor. Wie der Sturm das Lagerfenster eingedrückt hat und Brackwasser unseren gesamten Vorrat an Haushaltsrollen, Servietten, Klopapier und Hoffnung fraß. Augenblicklich kommt der Geruch von feuchtem Keller wieder hoch und reizt meine Gaumensegel. Ich schlucke es wieder hinunter, hat schließlich Geld gekostet und blicke zu Murat.
Er wischt mit einem alten Socken die Windschutzscheibe sauber, „Sauwetter und überall Tempolimits!“, schimpft er.
Ich nicke und sacke wieder in meine Gedanken zurück. „Wir müssten einfach mal raus“, sage ich dann, „raus aus dem Trott. Den Alltag hinter uns lassen. Nach vorne blicken und neu beginnen. Den Kopf frei blasen wie einen Dieselmotor!“
„Saufen und kiffen?“, fragt Murat knapp.
„Nein, wir brauchen Urlaub!“

Am nächsten Morgen machen wir uns verkatert auf den Weg zu Doktor Gesch, Gesch wie gelber Schein. Dieser Mann hat einen zweifelhaften Ruf, und wir ein ebensolches Anliegen. Keiner weiß, ob und wo er wirklich promoviert hat, und noch viel schlimmer: Worüber?! Der Blinddarm – Sackgasse oder Durchbruch? Ein Wanderhoden auf Abwegen oder am Ziel – Google Streetview enthüllt!? Beinamputation als Alternative zur Penisverlängerung? Oder über Elektroschocks zur Vorbeugung bei Herzinfarkt? Noch ehe ich mich weiter echauffieren kann, tippt mir Murat auf die Schulter und zeigt nach rechts. Ich bleibe stehen und stutze, so schlimm hatte ich mir das nicht vorgestellt. Die Praxis liegt in einem grauen Hinterhof, wo nachts die Fässer brennen, Ratten die Spinnen fressen und es in den Mülltonnen klopft. Misstrauisch blicke ich mich um, zähle laut bis drei und renne los. Murat ist mir dicht auf den Fersen. Dann strauchelt er über einen toten Schädel und landet vornüber in dem wurmigen und Öl durchtränkten Dreck. Die ersten Aasfresser schauen neugierig zu uns herüber.
„Nicht liegen bleiben“, schreie ich, reiche ihm meine Hand und ziehe ihn ruppig aus der Gefahrenstelle.
„Danke, Alter.“
„Da nich für“, entgegne ich.

Unter einem löchrigen Vordach, das einen schwarzen Kellereingang nicht mehr schützt als eine Baustahlmatte, verschnaufen wir kurz, ehe wir das muffige Treppenhaus betreten. Die Wände sind zugekritzelt wie ein Berliner Hauptschul- WC und es riecht auch so, die Stufen vermüllt wie das Handschuhfach eines Messis. Sofort greift das alte Unbehagen wieder nach meiner Kehle, ich halte die faule Luft an. Spitzbeinig erreichen wir die dritte Etage, klopfen uns den Staub aus den Klamotten und drücken die Klingel neben dem Hand geritzten Messingschild. Am anderen Ende der Wand kreischt eine Glocke wie eine alte Straßenbahn, dann höre ich ein wenig Putz rieseln.
„Is offen“, knarzt es kurz darauf unwirsch von drinnen. Mit dem Ellenbogen stoße ich die Tür auf. Eine unansehnliche Matroschka am Empfang weist uns, ohne nach der Krankenversicherungskarte zu fragen, mit abgehackten Worten und hartem, rostigen Akzent den Weg zum Wartezimmer.

Unter normalen Umständen hätte ich einen solchen schäbigen Raum selbst als Cholera-Kranker nicht betreten, so groß ist die Infektionsgefahr auf den speckigen Holzstühlen, sich was Ernsthaftes zu holen. Aber die Umstände treiben uns hierher. Murat und ich bleiben stehen und schauen in die Pflastergesichter der anderen. Die meisten sehen aus, als wären sie aus dem Armenviertel vertrieben worden. Wer hier mit uns das Dasein fristet, steht schon beim Tod auf dem Einkaufszettel. Ich achte peinlichst darauf, nichts zu berühren und starre an die vergilbte Decke, an der die Nachtfalter um die Leuchtfunzel ihre Namen tanzen. Ohne zu murren wartet die Hiobsgemeinde stoisch, als wäre das hier ein ukrainischer Provinzbahnhof und man hofft, dass etwas passiert, aber man weiß es nicht genau. Nach etwa zwei Stunden nehme ich mir eine abgewetzte Fachzeitschrift vom Altpapierstapel in der Ecke. Ich entdecke grade einen interessanten Artikel über die durchschnittlichen Liegezeiten in der Pathologie „So wollen die Krankenkassen auf unsere Kosten sparen!“, als uns die rauchige Stimme Captain Flints in sein verrauchtes und verruchtes Zimmer ruft. Ich denke über den Katalysator für Zigaretten nach.
Stumm zeigt er auf einen Packen Briefumschläge auf seinem verwarzten Schreibtisch. Aus jedem einzelnen blinzeln Geldscheine heraus.
„Großes Sorge, großes Schein. Kleines Sorge, kleines Schein“ redebrecht er.
Murat überreicht ihm einen Stapel Formulare, die uns unsere Krankenkasse zugeschickt hat. Sein dicker Daumen blättert hindurch und hinterlässt auf jeder Eselsecke einen Nikotin gelben Abdruck.
„Sehr großes Sorge“, murmelt er.
Murat und ich schauen uns an, wir sind blank wie ein zypriotischer Kleinfischer.
Flint ist dieses nicht entgangen, „schönne Uhr“, sagt er beiläufig, „Rolex?“
Murat schüttelt mit dem Kopf, „Taucha“, sagt er, nimmt sie ab und legt sie ihm zögerlich vor seine dicke Nase.
Der gierige Pirat nimmt sie hoch, dreht sie ein paar Mal im Licht, schaut auf den Deckel, zieht eine mächtige Schublade vor seinem Bauch auf und lässt sie klingelnd darin verschwinden.
„Und schönes Auto!“
Murat schaut mich flehend an, ich aber fische die breit gesessenen Papiere aus meiner Arschtasche, löse den Rapidschlüssel vom Bund und lege beides auf den Tresen.

Ein viertel Stunde später verlassen wir die Kajüte des raubeinigen Seeräubers, winken fröhlich ins Leichen blasse Wartezimmer und nehmen die Schwarzbahn zum Laden.

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Satansbraten

Manchmal tanzt der Staub im Morgenlicht, manchmal gähnt mich der Kühlschrank an. Manchmal knatscht die Treppe und die Klospülung rauscht. Manchmal grübele ich nachts über ungeschriebene Geschichten. Manchmal ruft mein Kopfbewohner, dieser Dummschwätzer, laut dazwischen und ich kann nicht schlafen.
Manchmal läuft der Stift in rasantem Tempo über das Papier, dann wiederum steht er manchmal Minuten lang im Stau. Manchmal wartet er nur kurz an einer Ampel, manchmal gibt er bei Gelb noch Gas. Manchmal sucht er Runde um Runde einen Parkplatz, manchmal bummelt der Vordermann, wenn er es grade eilig hat. Dann schlägt er mit der flachen Hand aufs Lenkrad, hupt und gestikuliert. Manchmal sprengt ein Steinchen einen Krater in die Windschutzscheibe oder im Armaturenbrett geht einfach ein kleines Lämpchen an. Manchmal denke ich, das ist aus Boshaftigkeit absichtlich so eingebaut, weil ich aus Prinzip nicht zur Inspektion fahre, das sind doch alles Halsabschneider, die im Mittelalter als Henkersknechte gearbeitet haben, Halunken und Verbrecher, Taugenichtse und Strauchdiebe.

Manchmal ist Ruhe einfach schön.

Und wenn dann irgendwer, warum auch immer, anruft, er wolle dieses oder jenes und ob ich schon wüsste oder hätte, dann wünsche ich, wen auch immer, manchmal zum Teufel.

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Fortsetzung von Freu Dich nicht zu spät! (Kapitel 1), Abstelltraum (Kapitel 2), Strebergarten (Kapitel 3), Wortgeflecht (Kapitel 4), Kassensturz (Kapitel 5), Gleicheitrige (Kapitel 6), Gesichtsyoga (Kapitel 7), Übergangsbinde (Kapitel 8), Strafstoß (Kapitel 9) und Stockdunkster (Kapitel 10)

Es regnet in Strömen, als ich erwache. Der Wind peitscht Fäden gegen das Fenster und begehrt Einlass. Das Wetter passt zu meiner Stimmung: Düster und schwarz. Ich setze mich an den Küchentisch und puste frustriert Asche und Tabakkrümel von der Platte. Seit drei Monaten leben wir nun schon von der Hand in den Mund und übermorgen ist der neue Quartalsvorschuss für Miete und Gewerbesteuer fällig. Wir haben noch nicht einmal eine komplette Kupferrolle in der Geschäftskasse und Murats hanebüchene Idee mit dem Lego Bau Service – LBS – war ein totaler Reinfall. Statt in Geld in unserem Speicher zu schwimmen, müssen wir jetzt wegen Markenrechtsverletzungen kräftig abdrücken.

Dabei fing alles so gut an mit unserem mobilen Wiederaufbau- Service: Gleich beim Vorstandsvorsitzenden einer großen deutschen Bausparkasse sollten wir an einem einzigen Tag den großen Lego Star Wars Todesstern wieder aufbauen. Eine haushaltsnahe Dienstleistungsbeschäftigte habe das Prachtmodell vom Schreibtisch gefeudelt und die Aufbauanleitung gleich mit geschreddert. Und so kamen wir ins Spiel. Wir waren gut wie die Everly Brothers, es liefert alles wie geschmiert. Die steuerfreie Einmalzahlung plus Bonus winkte schon in der Hand von Darth Sidious, als ihm Murat seine Visitenkarte hinlegte. Ich erhaschte schnell einen kurzen Blick darauf: „Murat und Partner, LBS- Direktoren“, las ich. Der mächtigste Sith winkte nur kurz mit dem kleinen linken Finger und weitere 499 kostenlose Vistaprint- Kärtchen huschten aus Murats Innentasche durch das Bernsteinzimmer. Sie wirbelten durch die Luft und bildeten die Worte „Ich bin die LBS, wer bist du?“ Murat fasste sich an die Kehle, verdrehte die Augen und röchelte: „Ich bin dein Vater!“ Bunte Lasersalven flirrten durch den Raum und lösten an der Börse ein wahren Kursrutsch aus, als ein 2,28 m großer Fellprimat uns in letzter Sekunde aus dem lodernden Inferno rettete. „Danke, Chewie“, hörte ich Murat noch sagen, ehe ich ihm seinen Businessplan um die Ohren schlug.

Wie gesagt, das war ein Reinfall. Alle Kosten dafür werde ich ihm von seiner Kapitaleinlage abziehen, wenn es denn reicht! Ich will eben aufstehen und ihm den Gesellschaftervertrag kündigen, als es an der Ladentür klingelt. Durch ein Loch im Vorhang schiele ich in den kleinen Verkaufsraum, kann aber niemanden entdecken. Dann höre ich Stimmen.  „Wo steckt denn Murat bloß?“, denke ich und drehe das Radio lauter. Wolfsheim spielt grade Kein Weg zurück. Ich zupfe mir mein Homer Simpson T- Shirt zu Recht und gehe nach vorne.

Ein dunkelschwarzer dreiteiliger Zwirn steht vor mir und wischt sich die Nässe von den Schultern. Draußen parkt mitten vor der Tür ein warnblinkender Oberklasse- Kombi, der Einarmwischer zappelt über die Windschutzscheibe.
„Der kann da aber nicht so stehen bleiben“, ranze ich den Anzug an, „das ist eine Feuerwehrzufahrt!“
Doch der Mann in Black pfeift stattdessen den Refrain mit, was gesagt ist, ist gesagt. Das habe er auch grade gehört, schön, nicht? Und ob ich der Eigentümer dieses netten Geschäftes sei oder einen gewissen Murat kennen würde?
„Weder noch”, antworte ich, „ich bin der Generalbundesanwalt und einem Zigarettenschmugglerring auf der Spur.“
„Ah so“, meint die Flachpfeife, aber auch dann müsste ich meine Fernseh- und Rundfunkgebühren bezahlen. Von mir lägen ihm gar keine Anmeldedaten vor!
Mir schwillt der Kamm. Da steht dieses hutzlige Männchen verbotswidrig in der Einfahrt und glaubt allen Ernstes, hier jetzt eine Kabinenansprache zu halten. „Schlimmer sind ja nur noch die Zeugen Jehovas“, schmeiße ich ihm entgegen. „Für welche Leistung wollen Sie kassieren? Für langweilige Wettshows mit lockigen Moderatoren? Für dröge Politsendungen und Comedy im Format Hallervorden und Carrell? Für Marienhof und Mainz bleibt Mainz?! Oder für 25 Jahre Blindenstraße? Ich habe nie eine einzige Sendung gesehen! Ich will Fernsehen, wann ich will und was ich will!“, schreie ich, „und das lade ich mich mir herunter!“
Wutschnaubend drehe ich mich um und stapfe in meine kleine Nische. Murat, der alles mit angehört hat, huscht ängstlich zur Seite. Ich blitze ihn an, rupfe das Radio mit der Steckdose ruppig aus der Wand, gehe wieder nach vorne und werfe dem Wiesengesicht den Monorecorder vor die Lackschuhe, dass er zerbricht, „und jetzt fahr deinen Aufsitzmäher da weg!“
Der Ladenhüter weicht zur Seite, aber er schickt sich noch nicht an zu gehen.
Ich hole weiter aus: „Das letzte, was ich jemals im öffentlich- rechtlichen Fernsehen geschaut habe, war Dinner for one und das war eine Wiederholung! Und seitdem ist auch nix Neues mehr produziert worden. Meine Schuld ist also längst bezahlt!“
Der Agent im schwarzen Frack beginnt zu taumeln, seine Mundwinkel zittern leise.
„Du Lothar!“, sprudelt es jetzt aus mir heraus, „es gibt kein Weg zurück!“

Ich greife zu Murats Besen und hole zum finalen Schlag aus. Dann endlich klackern die Schuhe des GEZ- Helden, die Tür fliegt auf ohne zu Klingeln und eisiger Wind peitscht herein.
„Arschloch“, rufe ich ihm hinterher, „es wird kalt!“
Draußen heult eine 2- Liter- Maschine auf und kurze Zeit später brettert die Heckschleuder über die große Kreuzung. Die Ampel zeigt schon lange rot, als sie ihn frontal ablichtet.
„Hoffentlich in Full- HD“, denke ich mir.

„Komm Murat“, rufe ich, „wir müssen Abrechnung machen!“
Er guckt geduckt um die Ecke, „wie immer?“, fragt er vorsichtig.
„Wie immer“, antworte ich.
Er schaltet den Plasma- Fernseher an und legt die DVD mit der dritten Al Bundy- Staffel ein, die Ferguson- Toilette rauscht männlich.
„Wer fängt an?“, fragt er.
Ohne zu antworten, sage ich „A“ und zähle in Gedanken das Alphabet weiter.
Mitten drin bei elemeno sagt Murat Stopp.
„P“, antworte ich.
“P?“, fragt er misstrauisch.
„Ja“, sage ich.
Dann blättern wir durch die sortierten Rechnungen.
„P?“, fragt er noch einmal, „haben wir nicht!“
„P wie Politesse“ sage ich feierlich und ziehe ein Knöllchen aus dem Stapel. Es ist von Murat. Ich überprüfe es sorgfältig.
„Wann war das denn?“, will ich wissen, „ach egal, was getan ist, ist getan!“

ENDE

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Strafstoß

Fortsetzung von Freu Dich nicht zu spät! (Kapitel 1), Abstelltraum (Kapitel 2), Strebergarten (Kapitel 3), Wortgeflecht (Kapitel 4), Kassensturz (Kapitel 5), Gleicheitrige (Kapitel 6), Gesichtsyoga (Kapitel 7) und Übergangsbinde (Kapitel 8)

Ich sitze in der offenen Beifahrertür und rauche, meine nackten Füße spielen mit dem Gras. Das Ticken des Warnblinkers und das Zirpen der Grillen auf den Feldern sind die einzigen Geräusche, die durch die Stille schleichen. Schon vor zwei Stunden habe ich Murat losgeschickt, von irgend woher ein paar Liter Diesel zu besorgen, damit ich noch rechtzeitig zum Sonntagsspiel zurück bin. Ich drücke die Kippe zu den anderen Knickwinkeln in den großen Porzellanascher, den ich auf das Armaturenbrett gestellt habe. Mein Blick fällt auf die Uhr, die Partie wird bald angepfiffen und Murat ist immer noch nicht wieder da. Was macht der bloß?! Der kann was erleben! Nervös drehe ich am Autoradio, Uli Zwetz berichtet bereits live. Ich brülle die Mannschaftsaufstellung mit, Spucketropfen klatschen von innen an die Windschutzscheibe. Mit zitternden Fingern fische ich die letzte Zigarette aus der Packung, zünde sie mir an, nehme einen großen Schluck aus dem Regal, hänge meinen Schal aus der Tür und singe lauthals die Hymne mit. Plötzlich schaudert es mich und ich denke an die Zeit zurück, als das Stadion noch liebevoll „Alm“ hieß, eine Bretterbude und zugleich eine Festung war und keine Glas- Arena. Der Ball war aus echtem Leder und die Bratwurst groß wie ein Unterarm. Murat und ich kickten oft mit seinem abgewetzten Tango Rosario auf der Straße, ein knarrendes Saba- Radio stand im offenen Fenster und brüllte in unregelmäßigen Abständen „Tor, Tor, Tor“. Die größte und unvergessene Legende aber geschah an einem verregneten März- Samstag, als die arroganten Krachledernen dahoam mit 4:0 untergingen. Ich stand mit Pickeln und Arbeitshandschuhen im Gartentor und habe vor Freude geweint. Vom Pfandgeld aus Opas Keller habe ich mir heimlich die nächste Eintrittskarte gekauft und stand fortan zu jedem Heimspiel auf der Tribüne, habe gejubelt und geschimpft, gestaunt und geflucht wie ein Großer. Am Ende der Saison sind wir trotzdem abgestiegen. Mich aber hatte eine Leidenschaft gepackt, die mich nicht mehr losgelassen hat. Und ausgerechnet heute geht es gegen die Unaussprechlichen aus Telgte- West. Genau deswegen sollte ich auch jetzt auf den vertrauten Betonstufen stehen und meine Mannschaft anfeuern, so lange sie noch auf Gras spielt. Es geht zwar um nix mehr, aber mein Herzblut ist immer noch blau.
Gespannt sauge ich jedes Wort auf, das aus den Boxen klingt. Die Atmosphäre schwappt zu mir herüber und ich hüpfe im Auto, weil ich kein Preuße bin, die Winkekatze überm Tacho spielt verrückt. Noch ein Schluck der schottischen Malzbrause. Der Schiri pfeift grade einen Elfmeter, als ich Murat im Rückspiegel zurückkriechen sehe. Schnell suche ich den Deutschlandfunk mit irgendeinem klassischen Kammerkonzert und ratsche mit den Fingern gelangweilt über das Lüftungsgitter.

Murat sagt kein Wort, als er einen verbeulten Blechtrichter in den Tankstutzen hängt und aus einem schwarzen Gülleeimer selbst gepresstes Rapsöl nachgießt.
„Hast du Zigaretten mit gebracht?“, frage ich giftig.
Er schießt die leere Plaste wütend aufs Feld, „nein“, knurrt er. „Was hörst du denn da eigentlich für einen Rotz?“, will er wissen, „läuft heute nicht Fußball?“
„Warum sagst du das nicht gleich“, kreische ich empört und suche einen anderen Sender. „Alles muss ich selber machen“, sage ich und zeige ihm bedauernd die Flasche, „außer fahren!“

Ich kann es nicht lassen! Hier treibt mich der nächste Wahnsinn!

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Erfischend

Fortsetzung von Hautnah (Kapitel 1), Space Invaders (Kapitel 2), Verkorkt (Kapitel 3), Strafzimmer (Kapitel 4), Schnurlos (Kapitel 5), Murmeltier und Sehnsucht (Kapitel 6), Holzklasse (Kapitel 7), Zurück in die Zukunft (Kapitel 8), Sucht und Ordnung (Kapitel 9), Hättichmal (Kapitel 10), Nie wieder zweite Liga! (Kapitel 11), Traumfahrer (Kapitel 12) und Hitzeschwelle (Kapitel 13)

Ab Samstag sanken tatsächlich die Temperaturen ein wenig. Der Pegel des modrigen Naviglio kletterte bis zur Niedrigmarke der großen Dürrekatastrophe von 1976. Der aufgeweichte Asphalt erstarrte wie ein Arminia- Fan nach dem entscheidenden Gegentor in der Nachspielzeit, Abstieg, Liga 4. Die Buschfeuer am Rande der Stadt verloschen, der Wind hauchte sanft durch die Straßen und die Schatten der Häuser hörten auf zu schwitzen. Mit jedem Tag begann das Leben mehr Normalität zurück zu gewinnen, die es vor der Sonneneruption gehabt hatte. Schon nach einer Woche war es wieder möglich, das Haus zu verlassen, ohne dass sich gleich Nekrosen auf der Haut bildeten. Auf dem Domplatz verteilte der Katastrophenschutz Hilfsgüter und Sonnencreme an die hungernde Bevölkerung, die Carabinieri klemmten Strafzettel hinter die Windschutzscheiben und mein Pensionswirt brachte einen neuen Spülkasten an. Ich ließ mir darin ein Fußbad ein und genoss den Abend bei einer Flasche Rotwein und einer Partie Tetris auf meinem Gameboy. Geschickt rotierte ich mit den primär- und sekundärfarbigen Würfeln herum, verschob sie nach links und rechts und packte in jede noch so kleine Lücke ein Päckchen wie ein UPS- Fahrer. Die Musik fiepte dazu gemächlich in einer Endlosschleife ein Sankt- Martinlied. Ich sammelte allerlei Leckeres und Süßes ein. Dann plötzlich platzte das Versandzentrum wie in der Vorweihnachtszeit aus allen Nähten, der heilige Bischof zerteilte seinen ollen Mantel jetzt in Techno- Frequenz. Immer schneller wirbelten mir bunt verpackte Geschenke um die Ohren, dicke, dünne, große, kleine. Schließlich stürzte ein riesiger Überseekoffer herab und blockierte die Einfahrt. Das Förderband schmiss noch ein paar unnütze Last- Minute- Präsente hinterher. Rien ne vas plus. Das Spiel war aus. Frustriert brach der Klodeckel unter mir zusammen. Meine Füße noch im Wasserkasten, strampelte ich wie eine Wespe im Apfelsaft, ehe ich mich aus dieser misslichen Lage befreien konnte. Mit nassen Hosen und einem neuen Highscore stand ich im Badezimmer, als es auf einmal klopfte. Ich hüpfte zur Tür, öffnete und blickte in den dunklen Flur, doch es war niemand da. Na ja, vielleicht hatte ich mich auch nur verhört oder mein Zimmernachbar wollte sich über den Krach beschweren und bullerte mit der Fernbedienung gegen die morsche Wand. Doch dann fiel mein Blick auf den pieksigen Kokosteppich unter meinen nackten Füßen. Ein verschlissener Karton lag da, als sei er aus dem Spiel gefallen. Verwundert bückte ich mich und hob ihn auf. Ich schlug die Tür hinter mir und ging wieder in mein Zimmer zurück. Angestrengt legte ich mein Ohr auf den Kasten, aber er schwieg wie ein Apnoetaucher. Mit dem wohltuenden Gedanken, jeder Zeit in die Luft fliegen zu können, riss ich ihn auf, wühlte mich durch eine Schicht Verpackungsflocken und zog ein angeschmortes Handy heraus. Ich drehte es hin und her und versuchte es einzuschalten. Es krähte ein paar Töne und begrüßte mich mit den Worten „Trippa ist Tod auf Raten“. Ein eisiger Schreck durchfuhr mich, als ich darin MEIN Handy wieder erkannte, dass ich dem Kaltbeinigen in den Rachen geworfen hatte. Mit zitternden Händen starrte ich es an, mir war mit einem Mal so kalt, dass mein Atem sichtbar wurde. Blassgraue Wolken entstiegen meinem Maul, der Pelz auf meinem Rücken stellte sich auf. Zäher Geifer tropfte mir von den Lefzen, als ich nach der letzten SMS blätterte, für die ich beinahe meinen Esbit betriebenen Dampfwandler hergegeben hätte:

Flupp*!* Dies*ist*eine*Mailschnuppe*.* Sie*bringt*dir*Glück*. *Sende*sie*an*6*ganz*ganz*liebe*Menschen* weiter*und*sie*wird*dir*einen*Wunsch*erfüllen*!* Alles Liebe*,* Carlotta*.*

Sprachlos, gedankenlos und kopflos klickte ich auf „Weiterleiten“, trug sechsmal Carlottas Nummer ein und jagte die SMS in den Äther oder zum Teufel, ich wusste es nicht so genau. Ich änderte meinen Begrüßungstext in „Tod ist Trippa zum Braten“, versenkte die schnurlose Wählscheibe im Spülkasten und legte mich schlafen.

Zum letzten Mal!

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Das wollte ich schon länger mal machen: Eine Geschichte schreiben, in der alle meine Schlagwörter („Tag-Links“, siehe am rechten Rand) mindestens einmal vorkommen. Ich probiere es mal alphabetisch!

Es ist Heiligabend. Soeben öffne ich das letzte Törchen vom Adventskalender. Was ist das denn? Ich traue meinen Augen nicht: Ein kleines Schokoladenauto. Und wer steigt grade aus? Der Bofrostmann! Wo will der denn so spät hin? Will der etwa noch Tiefkühl- Brötchen ausliefern? Wo denn? Hier in dieser unwirtlichen Gegend, mitten am Deich? Hier gehen die Eier zu Ende, die Frauen spielen Fußball und Haare wachsen am Horizont! Was in aller Welt hat der hier verloren? Leise schleiche ich ihm nach. Das gespenstische Licht des Mondes verzerrt die Schatten der Hühner im Garten von Kapitän Ahab zu einer Karawane Fleisch fressender Saurier. Plötzlich bleibt der Bofrostmann stehen und blickt sich misstrauisch um. Ich zucke zusammen. Hat er mich gesehen? Dämonisch sieht er aus, als würde er Kinder fressen. Ich fürchte um mein Leben, als er einige Schritte auf mein Versteck zugeht. Sein eisiger Atem stirbt in der klirrenden Kälte, kaum dass er sein Maul verlässt. „Ich bin ein Mann“ , denke ich, „zum Sterben ist jetzt keine Zeit!“ und laufe weg. Meine Schritte hallen in der Dunkelheit wie die Schläge des Belzebubs zum Altweiberfasching auf dem glühenden Amboss. Atemlos renne ich zum Meer. „Heiliges Murmeltier, steh mir bei“, schreie ich. Der graue Riese schmeißt unbarmherzig seine kalten Arme nach mir und spült Muscheln um meine Füße. Unsichtbare Möwen schreien durch die Nacht. Meine Nase saugt den salzigen Odem des Todes ein, in den Ohren knistert es nach zertretenem Playmobil. Das Radio in meinem Kopf spielt Julis „Woanders zu Hause“. Dann ist plötzlich Ruhe. Kognitiver Stromausfall. Unendliche Stille. Das Meer schweigt, als habe Neptun Mittagsschlaf verordnet und drohe jedem, der dieses Gesetz missachtet, mit einer Einzelstunde Eurythmie. Mit meinen Zehen presse ich den Sand in meinen Schuhen immer wieder zusammen, bis sich ein kleiner Damm darin bildet. Die Welt um mich herum ist stumm, wie in der Schule beim Englisch- Unterricht, mucksmäuschen still. Selbst die Segel eines trüben, vorüberziehenden Seelenverkäufers halten sich an das unausgesprochene Redeverbot. Ich fröstle.
Mit lautem Getöse poltert die Brandung Ruptus artig wieder los, glitschig wie Seife prescht sie mir ihre klamme Gischt ins Antlitz. Ich muss spucken und kneife die Augen zusammen. Als ich sie wieder öffne, brennt die Sonne, obwohl es eben noch stockfinster war. Bis zu den Knien eingegraben stehe ich am Strand, es ist heller Tag. Hinter mir entdecke ich eine schimmernde Tür. Das Wasser frisst gierig ihren Rahmen und drückt an die Buhnen.

Das Leben ist wie die Flut an Weihnachten“ , denke ich, „was die Welle nicht reißt, das reißt der Wichtel!“
In der Tür drehe ich mich noch einmal um und blicke ein letztes Mal zum Ende der Welt. Der Wind bläst mir ins Gesicht, das hält die Windschutzscheibe nicht.

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