Henkersmahlzeit und andere Delikatessen

Hautnah

Die Sonne stand schief am Himmel, die Stadt versank in rosarot. Die Luft war warm und zart, Gewittertierchen tanzten im Abendlicht. Ich fuhr mit dem Auto in die Einfahrt, stellte den Motor ab, drehte das Radio lauter und schloss die Augen. Vorsichtig zitterten sanfte Klänge in meinen Ohren, dann brüllte der Bass aus den Boxen, dass die Blumen auf der Wiese mit den Köpfen nickten. Frau Amsel setzte einen Notruf ab. Bunte Lichtwellen durchzogen meine Welt und entführten mich auf eine Reise.

Ich stand in der offenen Haustür und lauschte der Stille, hinten im Garten konnte ich die Ameisen schmatzen hören. Die Zypressen am Horizont hatten noch ihre Schlafanzüge an, das Dorf erwachte erst langsam. Ich liebte diese jungfräuliche Morgenluft, die mir ein Abenteuer versprach und nach Olivenöl, Chianti und getrockneten Tomaten schmeckte. Ich ging zum Schuppen, schob die Vespa nach vorne, setzte meinen Rucksack auf den Rücken und fuhr knatternd und knirschend den Kiesweg entlang. Unten am Tor zog ich die Corriere della sera aus dem Kasten, steckte sie in meine Manteltasche und fuhr weiter. Ich wohnte etwas abseits des Dorfes in einer kleinen alten Sägemühle. Hierhin hatte ich mich meine Expedition mit meinem Wohnmobil geführt. Hier hielt ich an und blieb. Hier packte ich meinen Koffer aus und stellte meine Staffelei auf. Wie schon einmal, als ich in jungen Jahren in Mailand Kunst studieren wollte. Dann starb mein Vater und ich kehrte zurück nach Deutschland. Ich wischte mir mit dem Handrücken eine Mücke aus dem Auge. Das Dorf lag vor mir, die letzte Kurve genoss ich wie in Zeitlupe. Marktfrauen trugen frisches Obst und Gemüse aus dreirädrigen Rollermobilen zu ihren Ständen. Alte Männer saßen vor ihren Häusern und spielten. Junge Ragazzi standen zusammen und zählten einen Batzen Geldscheine. Als ich um die Ecke brummte, hob Don Pascale die Hand und winkte mich zu ihm herüber. Er hatte sich in all den Jahren als echter Freund erwiesen. Die Dorfgemeinschaft hatte mich anfänglich misstrauisch beäugt, aber er hatte es durchgesetzt, dass ich als Tedesco die Mühle kaufen konnte. „Ciao, caro amico“, begrüßte er mich. Ich umarmte ihn, nickte den Anderen zu und setzte mich. Ich erzählte ihm von dem neuen Wasserrad, das mir ein Holzbaumeister aus Torino nach alten Plänen, die ich hinter einem Küchenschrank gefunden hatte, angefertigt hat. Bald würde die Mühle wieder in altem Glanz erstrahlen. Seine Augen leuchteten. Er war dort geboren und so war es mir um so mehr Ehre, seine alte Erinnerung wieder aufzubauen und mir gleichzeitig einen Traum zu verwirklichen. Er kam jede Woche mindestens einmal vorbei, immer verbunden mit einer Einladung zum Essen. Heute mache seine Frau Elena die berüchtigten Trippa alla fiorentina. Nach ihrem fantastischen Saltimbocca alla romana beim letzten Mal zögerte ich keine Sekunde und sagte zu. Wir verabredeten uns zum Mittagessen und ich schlenderte noch ein Weilchen über den Markt. Ich kaufte mir eine Schale Oliven und ein Stück Schafskäse bei Franco. Er war eigentlich Schlosser und half mir bei der Restaurierung. Die alte marode stählerne Antriebswelle hatte er wieder zum Laufen bekommen. Wir beratschlagten uns noch ein wenig, naschten Bruschette und feixten gestikulierend.
Als ich mich zum Gehen umdrehte, stand sie plötzlich hautnah vor mir, lächelte mich an und ich wusste sofort, dass dieser Tag völlig aus den Fugen gerät. Ihre Haare glänzten kupfern in der Sonne wie frische Maroni und umspielten zart ihre Wangen wie Wellen eine Muschel. Ihre grünen Augen ließen Zucchinis in den Auslagen erblassen. Es donnerte in meinem Kopf. Nervös nestelte ich an meiner Brille, die auf einmal auf den Nasenflügeln und hinter den Ohren drückte. Plötzlich stand Don Pascale neben ihr, legte seine Arme um diesen Engel und stellte mir seine Nichte Carlotta vor, sie studiere in Milano. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Mir fehlten deutsche und italienische Wörter für diesen Moment. Kurzatmig stellte ich mich vor. Sie lächelte mich an und reichte mir ihre Hand. Adriano Celentano brüllte in meinem Hinterkopf Dinge, die ich hier jetzt nicht wirklich wiedergeben möchte. Als ich sie hölzern berührte, durchschlug mich der Blitz wie 1771 den jungen Werther, als er sagte: Ich habe so viel und die Empfindung an ihr verschlingt alles. Ich habe so viel und ohne sie wird mir alles zu Nichts. Im Original, nicht in irgendeiner lausigen Plenzdorf– Interpretation. Der Himmel verdunkelte sich schlagartig, als ich sie wieder los ließ. „Wir müssen gehen“, sagte Don Pascale, „la mamma ist bestimmt schon so weit.“ Ich schaute auf und nickte. Carlotta hakte sich bei uns unter. Mamma Elena war eine Herzens gute Frau. Sie liebte das Leben, gutes Essen und guten Wein. Keinen Abend, den ich bei ihr und Don Pascale verbrachte, kam ich nüchtern nach Hause. So sollte es auch diesmal wieder sein. Der Rotwein gelierte süß in meinem Rachen und als ich mich weit nach Mitternacht verabschiedete, ratterte die Mühle in meinem Kopf schon. Erinnerungen und Hoffnungen gerieten zwischen die steinernen Mahlräder, ich hatte Kastanien braune Haare auf der Zunge. Irritiert sank ich in mein Bett. Der Mond rief unablässlich Carlottas Namen, in der schwülen Stille summte eine Mücke.

Die Musik im Auto verstummte. Ich schlug die Augen auf, zertrümmerte den Blut gierigen Zweiflügler auf meinem Arm und ging ins Haus. Es roch nach Leberkäse und Bratkartoffeln.

Space Invaders

Am nächsten Morgen rumpelte es laut in meinem Kopf. Draußen vorm Fenster wurden Stämme abgeladen und schlugen dumpf an einander. Eine schwere Kiste mit Eisenbeschlägen kippte vom Laster, zerbrach und verteilte klöternd ihren Inhalt auf dem ganzen Hof. Haarige Männerstimmen fluchten und zischten altlateinische Vulgärvokabeln.
Ich riss die Augen auf. Fliegende Fäden attackierten mich wie die Space Invaders. Sie wurden immer schneller und kamen näher. Ich lag starr im Bett, konnte mich nicht regen. Zuerst eroberten sie meine Zunge, dann meine Zähne und schließlich verfilzten sie meinen gesamten Mundraum. Instinktiv hielt ich die Luft an, um den Verwesungsgestank der Gefallenen nicht einatmen zu müssen. Mordor war eine Parfümerie dagegen. Schnappatmend rannte ich nach einer Viertelminute zum Fenster, schwallartig erbrach ich mich eine Viertelstunde lang davor. Ein rotes Ufo traf mich und ich sackte zusammen. Blut lief mir aus den Augen, mein rechter Arm hing baumelnd über dem Fensterbrett. Dann fiel ich in den Schlaf zurück.
Als ich aufwachte, blinzelte bereits der Abend im Auenland. Mein Schädel brummte wie der von Mario Basler nach der Nacht der legendären 1:2 Niederlage im Champions League-Finale 1999 gegen Manchester United. Ächzend schüttelte ich mir den Staub aus den Haaren und ging zur Tür. Die Luft war klar und rein, wie nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraut. Ich drehte mir eine Zigarette und pumpte die Teergase mit hohem Druck bis in die Alveolen, wo sie zu einem Gerinnsel verklumpten, das mich plötzlich und unerwartet mit 103 Jahren jäh aus dem Leben reißen wird. Ich war 46 und ließ es mir schmecken. Eben, als ich mich umdrehte, um wieder ins Haus zu gehen, entdeckte ich auf der Bank neben der Tür einen Korb. Rotkäppchen hatte ihn schön abgedeckt mit einem rotkariertem Geschirrtuch. Ich nahm es hoch, wischte mir damit die Tabakkrümel vom Mund und schaute in das Weidengeflecht. Mein Hunger starrte auf Oliven, Schafskäse, eine luftgetrocknete Salami und eine Flasche Chianti. Mein Herz stolperte über eine Hand geschriebene Karte: Danke für den wunderschönen Abend. C

Verkorkt

Baff stand ich da und grübelte. Ich versuchte, mich an besagten Abend zu erinnern, aber meine Synapsen waren noch verkorkt. Sie ließen keinen Gedanken an irgendetwas, das vor heute lag, zu. So sehr ich mich auch anstrengte, es war nur ein hohles Pfeifen und Sausen da, als bliese der Sensenmann sein Willkommenslied auf der Schalmei. Mir wurde heiß, Schweiß tropfte von meiner faltigen Stirn und verwischte die Tinte auf der Karte. Suchend bohrte sich mein Blick hindurch und fand auf der Rückseite ein abgedrucktes Rezept der Trippa. Ich würgte sofort, spuckte ein paar warme Brocken aus und rannte zum Haus, hielt aber schon auf halbem Weg an der Magnolie an und düngte sie reichlich. Sie sah schon ganz verkümmert aus. Mit einem Kanonenschlag flog mein Hirnkorken in den weiten Kosmos, eine Raumfähre musste ein riskantes Ausweichmanöver einleiten. Der gestrige Abend war wieder lebendig, Carlottas Lachen klang in meinen Ohren nach. Plötzlich schlängelten sich Scheinwerfer den Weg zu meiner Mühle hoch. Das wandernde Licht schleuderte meinen Schatten an die Hauswand. Panik breitete sich aus. Ich angelte einbeinig nach meinem Schlappen, schlug die Tür hinter mir zu und starrte in den Spiegel. Rauchen und Fleisch fressen bestrafte Gott an mir sichtbar doppelt, der Suff tat sein Übriges. Dann parkte draußen ein Auto, kurze Zeit später klopfte es. Ich gefror und merkte, dass überall im Haus das Licht brannte. Eine plausible Ausrede schien so fern wie Arminia Bielefeld vom Wiederaufstieg und so wartete ich darauf, dass der böse Wolf meine Strohhütte einfach um pustete. Es klopfte noch einmal. Ich hielt die Luft an, bis die Venen hervortraten. Eine Bande hinterhältiger Mücken nutzte meine Wehrlosigkeit schamlos aus. Ich wünschte mich auf die Autobahn in ein Stauende und dass ein Betonlaster hinein rast, mich zerkrümelt und meinen Organspendeausweis hinfällig macht. Eine zarte Stimme rief meinen Namen, dann knirschte es, Schritte entfernten sich, ein Motor sprang an und verschwand in der Dunkelheit. Fauchend atmete ich aus, mir war speiübel. Ich schleppte mich zu meinem Bett und wälzte mich unruhig hin und her. Der Mond war bleich und stumm, die Stille drückend.

Strafzimmer

Da lag ich nun, was auch immer ich mir eingefangen hatte, es war stärker als ich. Es gab Momente, da schaffte ich es wenigstens aufzustehen, ein Glas Wasser zu trinken und abzuführen. Dann wieder packte mich die kalte Pest und fesselte mich Stunden lang ans Bett. Manchmal wusste ich nicht, ob Tag oder Nacht war und wie lange ich schon hier in diesem Strafzimmer verbrachte. Vielleicht flohen gar schon die Ratten ob meines Anblickes panisch unter meiner Türe hindurch und erreichten das Dorf eben zur Abendmesse in der heiligen St. Pius- Kirche. Padre Giuseppe schwenkte grade ein letztes Mal das Weihrauchfass, als der modernde und beißende Gestank wie in einer römischen Latrine das Segnen überflüssig machte. Der Papst schickte entsetzt seine besten Exorzisten auf den Weg und betete täglich auf dem Petersplatz. Die bleichen Toten und Rattenkadaver wurden in den nahe gelegenen Fluss geworfen, von wo aus sie durch die Strömung wieder zu meiner Mühle geschwemmt wurden und dort am frisch renovierten Wasserrad eine natürliche Staumauer bildeten. Der Pegel stieg innerhalb kürzester Zeit um das Hundertfache, riss das ganze Dorf mit sich, löste in Japan einen Tsunami aus, zerstörte ein marodes Atomkraftwerk und ließ die Welt trudeln. Selbst die sture Bundesregierung um einen Hosenanzug aus der Uckermark sprang auf den verspäteten und überhitzten Zug der Deutschen Bundesbahn, schwor, schon immer gegen Atomkraft gewesen zu sein und gab Sarrazin die ganze Schuld. Die Nato und der Warschauer Pakt brachten ihre Marschflugkörper in Stellung. Und als wäre das alles nicht schlimm genug, probten Dieter Bohlen und David Hasselhoff gemeinsam als D’n’D für meine Trauerfeier. Eine Cover- Version des Songs sollte 2004 als der „Holzmichl“ die deutschen Charts erobern.

Wenn schon tot, dachte ich, dann bevor die beiden auf Welttournee gehen. Ich plünderte das geflochtene Lunchpaket von Carlotta, biss völlig unterfettet in die grobe Salami, stocherte den Korken in die Flasche, leerte sie in zwei Hieben und rauchte die gierige Glut im Bett.

Schnurlos

Beim letzten Aufbäumen vor dem schwarzen Tod vibrierte plötzlich mein Handy …brrrt …brrrt. Dann wieder …brrrt …brrrt. Mein Blick graste fieberhaft den Raum ab, hier irgendwo musste es doch liegen, und blieb am Fenster hängen.  In der Ecke sah ich eine Mücke im Netz einer riesigen Spinne verzweifelt zappeln. …brrrt …brrrt. Tarantula schaute vergnügt ein Weilchen zu, bis der Stechschmarotzer erschöpft war, dann überwältigte sie ihn mit einer heimtückischen Wickeltechnik. Ruhe. Stille. Nach ein paar Minuten brummte es wieder, doch diesmal blieb das Netz ruhig. Zu dem dumpfen Brummen gesellte sich jetzt ein scheppernder Oberton …brrrtbop …brrrtbop. Dann entdeckte ich mein Handy auf der Fensterbank, wie es an die Scheibe klopfte, genau unter den Fängen meines arachnophobischen Traumas. Acht Augen richteten sich sofort auf das zuckende Opfer. Ich schnappte mir einen Reisigbesen und kämpfte erbittert mit der schwarzen Witwe, doch sie war gut, fast so gut wie General Grievous. Sie fauchte wild, hob drohend ihre Vorderläufe und setzte zum alles entscheidenden Sprung an. Ich stolperte rückwärts und setzte panisch mit der Glut meines letzten Teerstäbchens das Birkengezweig meiner Waffe in Brand. Sie wich einen winzigen Moment zurück, den ich nutzte, ihr mit dem Laserbesen erst einen Arm, dann einen weiteren abzuschlagen. Vor Schmerz rollte sie sich zusammen. Ich richtete ihr einen kleinen Scheiterhaufen her und zündete ihn an. Sie zuckte ein letztes Mal, bevor es zu Ende ging, es roch nach Perücke auf dem Gasherd.

Ich ließ frische Lust ins Zimmer und schnappte mir mein Handy. Ein kleiner animierter Briefumschlag teilte mir den Eingang einer SMS mit. Mit fahrigen Wurstfingern zappte ich mich durch verschachtelte Menüs, stellte dabei versehentlich das Sprachlayout auf Mandarin, musste das Gerät verzweifelt auf Werkseinstellungen zurücksetzen und löschte dabei den kompletten Telefonspeicher. Alle Kontakte, persönlichen Einstellungen, Fotos, Nachrichten und Notizen waren verschwunden. Inklusive meiner PIN und meiner eigenen Nummer, die ich unter Ich abgespeichert hatte, weil ich sie mir nicht merken konnte. Einzig den Notruf hätte ich noch absetzen können, wenn nicht der Akku in dem Moment an Überhitzung gestorben wäre.

Murmeltier und Sehnsucht

Gut eine Woche nach der Einladung bei Don Pascale war ich wieder bei Sinnen. Ich hatte 5 kg abgenommen und davon die Hälfte in Bartbehaarung investiert. Jeder Yeti wäre froh gewesen, endlich einen Paarungspartner gefunden zu haben, meinem Spiegel wurde aber schwarz vor Augen. Ich nahm das verstaubte Rasiermesser vom Waschbeckenrand und schäumte meinen Kopf aus. Die Klinge musste sich mehrere Male knisternd und knackend wie ein Lagerfeuer durch unwegsames Gelände graben, ehe endlich so etwas wie ein Gesicht zum Vorschein kam. Zahlreiche Glutnester brannten rot auf meiner Haut. Rückwärts pfeifend ging ich zum alten Brunnen hinter dem Haus. Grillen und Zikaden verstummten, als ich den ächzenden Eimer hochzog. Das Wasser darin war kalt und klar wie ein Gletschersee. Ich schmiss mir zwei Hände davon auf das Lavafeld, das zischend erlosch. Mit meinem Saunagesicht ging ich in die Küche und setzte einen Espresso auf. Nach ein paar Minuten röchelte es gluckernd auf dem Herd. Ich nahm die Cafetière von der Flamme, goss mir den kochenden Schwarzsirup ein und setzte ich mich auf meine wilde Terrasse. Sie war unaufgeräumt, überall standen und lagen Fundstücke herum: Rinden, Steine, Blätter, Zapfen, Kastanien, aber für mich war es der Quell verwöhnter Momente. Hier saß ich gerne, hier bekam meine Seele Flügel und erhob sich hoch über meine alte Mühle. So weit sie blicken konnte, so sehr genoss sie jeden einzelnen Moment. Jeder Baum wurde zum Drehort, jede Wiese zum Theater, jeder Bach zum Hauptdarsteller und jeder Tag zum Happy End. Mit Ausnahme der letzten Woche, da lag meine Seele zerschunden und ausgekotzt in der Ecke. Jetzt kehrte langsam wieder Leben in die Totgesagte zurück. Ich wollte mir grade einen Glühfaden anzünden, als sie von weit oben Ermes, unseren Dorfbriefträger, mit seiner alten 72er Gilera Strada über die Serpentinen brausen sah und in mir eine stille Hoffnung weckte. Kurze Zeit später hörte ich ihn den Kiesweg hinaufdonnern. Ich hatte ihn längere Zeit nicht gesehen, eigentlich niemanden und ich fühlte mich der Sprache wieder mächtig genug. So tranken wir noch einen Cappuccino zusammen und plauderten ein wenig. Über dieses und jenes, über den Sommer und den Ausbruch der Pest in Afrika, über Don Pascale, seinen Großvater, und die Frauen im Allgemeinen. Und schließlich überreichte er mir schelmisch grinsend eine Postkarte und ich wusste sofort, dass er sie gelesen hatte. Noch bevor ich ihm eine Walnuss an den Kopf werfen konnte, sprang er spottend auf seine Postkutsche und trieb die Pferde an. Als er endlich verschwunden war, betrachtete ich die Karte: Ein Mann mit schwarzem Zylinder hielt ein blinzelndes Murmeltier ins Licht. Die Bank bebte, als ich mich setzte und mir das Herz, als ich las:

Caro amico, ich musste leider schon abreisen, ohne dich noch einmal wieder gesehen zu haben. Unseren Abend bei Don Pascale habe ich sehr genossen. Und dann warst du so plötzlich verschwunden, dass ich dich nicht einmal mehr nach deiner Telefonnummer fragen konnte! Ich habe gewartet, dass du zurück kommst. Ich habe gehofft, dass du es ernst meinst, dass Deine Empfindung für mich alles verschlingt. Ich habe geglaubt, du meinst mich, nicht die Trippa! Jetzt fühlt sich mein Herz so schwer an wie ein Stein. Mein Hunger, dich wieder in meine Arme zu schließen, brennt lichterloh in mir. Komm mich doch in Mailand besuchen. Mein Onkel weiß, wo. In Liebe, Carlotta.

Und plötzlich war mir klar, was alles durch den Magen geht.

Holzklasse

Mit Carlottas Anschrift in der Tasche stand ich in aller Herrgotts Frühe und Mutterseelen alleine auf dem einzigen Gleis unseres kleinen verschlafenen Provinzbahnhofes. Zweimal in der Woche hielt hier quietschend ein völlig überfüllter Schienenschlitten, es war die einzige Verbindung ins drei Stunden entfernte Mailand. Ich blinzelte gegen die aufgehende Sonne. Aus der Ferne konnte ich den Tross schon seit 10 Minuten schnaufen hören, jetzt endlich bog er mühsam gegen die Erdrotation um die letzte langgezogene Kurve. Als er zum Stehen kam, geriet die Welt für einen Moment in eine instabile Lage. Sensoren in Castrop-Rauxel verzeichneten ein Beben von 2,6 auf der nach oben offenen Richter- Skala, ein Kartenhaus stürzte zusammen und Oma Elli plürrte in der Zechensiedlung mit der Steckrübensuppe auf das gestärkte, leinene Tischtuch. Träge tropfte die Brühe auf den Boden, zischend und dampfend erschlug sie dabei eine Mücke, die sich über eine herunter gefallene Scheibe Blutwurst hermachte. Dat Elli wischte sich die Hände in der Kittelschürze ab und fluchte, die verklebten Gesichter an den Scheiben tauten auf. Ich balancierte mit meinen Rucksack über morsche Bretter und fand im verkokten Waggon direkt hinter der Tenderlokomotive einen Platz. Im Gepäcknetz flatterten schon ein paar Hühner, und so stopfte ich mein Hab und Gut unter die Holzbank. Langsam wie eine Wanderdüne ruckte unser schwarzer Koloss wieder an. Nach gut 20 Minuten hatte der letzte Pritschenanhänger die Bahnhofsgleise verlassen, die Pest hat sich im Mittelalter schneller verbreitet. Die Landschaft wechselte sich ab wie ostwestfälisches Wetter: Mal humpelten wir vorbei an sanft aufgewühlten Hügeln. Da Vinci wäre aus Wellen förmigen Malbewegungen gar nicht mehr herausgekommen und hätte dabei gleichzeitig die kleine Nachtmusik dirigieren können, wenn es sie schon gegeben hätte. Dann wieder balancierten wir schmale Kletterpfade empor, schroffe und zugleich abenteuerliche Felswände beugten sich zu uns herab. Einmal preschten wir über eine selbst tragende Holzbrückenkonstruktion. Mutig wie ein Bungeespringer und unbeirrbar wie Lothar Matthäus, der immer glaubte, irgendwann einmal ein deutsches Traineramt übernehmen zu können, schoben wir uns auf das fragile Mikadogerüst. Es ächzte wie ein alter Truhendeckel und bog sich in der Mitte durch, aber es hielt. Leonardo schaute stolz aus dem Fenster. Über mir gackerte es erleichtert und Federn stoben hektisch durch die Luft, als schüttele Frau Holle die Betten auf. Und schließlich durchquerten wir den letzten Finstertunnel vor der weiten Ebene Norditaliens. Die bleichen Köpfe meiner Mitreisenden begannen wieder zu schnattern. Ich hörte ihnen nur mit einem Ohr zu, mit dem anderen lauschte ich Carlottas Stimme in meinem Kopf. Ihr Lachen hatte schon beim ersten Mal ein zartes Crescendo in mir ausgelöst, begleitet von André Rieu auf seiner Quietschfiedel. Ich schloss die Augen. Mein Kopf wippte im Takt, als mich eine sonore Bassstimme ansprach und nach meinem Biglietto verlangte. Subito verstummte die Stadivari, es war Mucksmäuschen still im Konzertsaal. Übermüdete und verschwitzte Statisten drehten sich zu mir um, als er die Aufforderung wiederholte. Ich schreckte hoch, schaute in das Antlitz des Dunklen Lord und kramte hektisch in den Untiefen meines Rucksackes nach meiner Fahrkarte. Wie ein Murmeltier grub ich mich tiefer und tiefer hinein, vorbei an Tramezzini in aufgeweichten Brottüten, Ciabatta mit Marmelade, hart gekochten Eiern und einer undichten Thermoskanne. Endlich pflückte ich erleichtert eine aufgeweichte grüne Pappe hervor und reichte sie ihm Axel zuckend. Er nickte stumm und ratschte eine dicke Ecke davon ab. Ich wollte sie eben wieder in die Tasche packen, als ich feststellte, dass er Carlottas halbe Anschrift, die ich mir auf der Karte notiert hatte, abgerissen hatte! Außer Via Dora und einer fragmentarischen Telefonnummer war nichts mehr zu lesen! Entgeistert schaute ich ihm hinterher, meine Augen scannten hektisch den ganzen Subraum um mich herum ab. Ich spulte die Szene zurück, die Stimmen klangen dabei wie der Singsang verliebter Buckelwale. Dann hatte ich den Moment gefunden, stoppte und spielte ihn wieder ab: Ich gab ihm das Ticket in die Hand, er riss davon einen Batzen ab und … ließ das Stückchen einfach fallen. „Grazie“, hörte ich mich sagen. Wie Herbstlaub sah ich es noch zu Boden tänzeln. Ich starrte auf das löchrige Holzpaneel unter meinen Füßen. Pechschwarz eilten alte Bahnschwellen darunter zurück. Endlich entdeckte ich das goldene Los, den Bundesschatzbrief, das letzte fehlende Sammelbild, die Schatzkarte, den Lottoschein mit dem höchsten Jackpot seit Jack Sparrow. Ich bückte mich und behutsam streckte ich meine Hand hervor, als Oma Elli eine saubere Tischdecke auflegte und ein kräftiger Zug durch den Zug wehte. Mein Leben rutschte durch einen finsteren Spalt und flatterte davon wie eine aufgescheuchte Möwe.

Zurück in die Zukunft

Entsetzt starrte ich zu Boden, der grade die schönste Frau seit Ornella Muti verschlungen hat. Ich wusste nicht, welchem Impuls ich zuerst nachgeben sollte: Den bärtigen Bass von der offenen Plattform werfen, den Zug aufschaukeln, bis er von den Gleisen kippt, das krakeelende Hühnervieh über mir opfern oder sollte ich selbst so schnell gegen die Fahrtrichtung rennen, in der Hoffnung, dass meine Geschwindigkeit beim Absprung für einen Zeitsprung ungefähr fünf Minuten zurück reichte? Dieser Gedanke schien mir am sinnvollsten. Ich stürzte auf und als gelte es, noch alle sportlichen Vorsätze in den letzten Sekunden des verstreichenden Jahrtausends zu erfüllen, rannte ich los. Die Schwingtüren öffneten sich ehrfurchtsvoll von alleine und gafften mir hinterher. Dann endlich hatte ich den hintersten Wagen erreicht. Die Theorie besagte, dass man mit der ausgestreckten Hand den Horizont berühren und dabei fest an die vergangene Situation denken müsste. Ich war wild entschlossen, diese Chance zu nutzen, als sich ein kleiner Gedanke zäh und dumpf in meinen Kopf bohrte, wo ich denn sei, wenn ich jetzt springen würde. Sicher nicht im Zug! Als habe die letzte Tür diesen Zweifel gehört, blieb sie verschlossen wie ein nordirischer Pub nach 22 Uhr. Ich krachte scheppernd in suizidal anmutender Absicht dagegen. Holz splitterte und Scheiben klirrten, der Druck der Detonation war sogar noch in der Lokomotive zu spüren. Der Zugführer glaubte, ein Waggon sei aus den Schienen gesprungen und leitete eine Vollbremsung ein. Ich wurde dadurch quer durch den ganzen Zug zurück geschleudert. Die Saloontüren flogen mit lautem Getöse auf. Ich überholte das Licht der untergehenden Sonne und saß Sekundenbruchteile später wieder auf meinen Platz. Was war geschehen? Ich war mir nicht sicher und blickte in die Gesichter der anderen Zeitreisenden. Doch keiner nahm Notiz von mir. Nur der Hahn war tot, er hing schlapp im Schleppnetz. Ich schaute auf mein Handy, die Uhrzeit war verschwunden wie mein Ticket zuvor und der Speicher war komplett leer! Ich hatte drei Tage gebraucht, um alle Kontakte nach dem chinesischen Sprachangriff wieder mühselig per Hand einzupflegen! Erst als sich die Rocky Horror Picture Show um mich herum von ihren Plätzen erhob, ihr Gepäck inklusive toten Hahn nahm und ausstieg, bemerkte ich, dass der Zug stand. Ich drückte meinen Kopf an das Fenster, Milano Centrale las ich schräg. Geschäftiges Treiben huschte auf und ab, eine blecherne Lautsprecherdurchsage hallte über die endlosen Gleise. Irritiert klopfte ich mir Scherben und Holzspäne von der Hose, mir taten die Knochen weh.

Sucht und Ordnung

Ich stieg als letzter aus dem Hogwards Express aus, den Blick suchend über die kahlen Holzbänke und den schmalen Gang zur Tür umher streifend. Doch meine vage Hoffnung, die verlorene Hälfte meines Tickets doch noch zu finden, war vergebens. Jetzt stand ich mit meinem Gepäck verloren auf Gleis 9 3/4, die Mittagshitze war selbst hier unter den kühlenden Rundbögen zu spüren. Trotzdem pulsierte die Metropole um mich herum. Überall schlängelten sich Ameisenstraßen entlang, verdickten sich einen Moment zu einer sechsspurigen Autobahn, um sich im nächsten Augenblick wieder zu trennen und zu verschiedenen Abfahrten zu strömen. Minuten lang beobachtete ich den Berufsverkehr, meinen Rucksack zwischen die Beine geklemmt. Für eine Nicht- Ameise war es die Hölle. Ich überlegte, ob ich den Rückzug antreten sollte, so sehr war ich von allem verunsichert und überfordert. Am Ende der großen Halle erspähte ich das Reisezentrum. Ich wollte eben zum Schalter gehen, um nach der nächsten Verbindung zu fragen. Plötzlich stutzte ich und starrte konzentriert zum Ausgang. War das nicht Carlotta? Sie musste gekommen sein, um mich abzuholen! Dass ich daran nicht gedacht habe, ich hatte ihr doch meine Zugverbindung mitgeteilt! Aufgeregt wollte ich los rennen, mein Herz schlug mir bis zum Steißbein, als ich über meinen Rucksack stolperte und auf das selbige stürzte. Mit Schmerz verzerrtem Gesicht kullerte ich über den Bahnsteig, mir wurde schwarz vor Augen. Sofort bildeten die Ameisen eine Traube um mich herum, ihr Anführer bellte ein paar Befehle und acht Arbeiterinnen trugen mich in ihren Bau zum Opferraum.
Ich merkte, wie jemand mir die Stirn kühlte, nur schemenhaft konnte ich das Gesicht einer Frau erkennen. Ich stellte mir vor, dass es Carlotta wäre, die mich nach einem schweren Unfall liebevoll pflegte. Drei Tage und Nächte saß sie an mein Bett und wich einzig in der Visitenzeit kurz zur Toilette. Eine Diät, die eine ohnehin wunderschöne Frau nicht gebraucht hätte. Dann, am Ende des vierten Tages, erwachte ich plötzlich und blickte in ein Lächeln, zart wie eine junge Rose. Ich versuchte ein Wort zu formen, doch meine Lippen blieben stumm. Sie legte mir ihren Zeigefinger auf den Mund und bedeutete mir, nichts zu sagen. Ich merkte, dass ich das auch gar nicht konnte, da noch ein Fallrohr dicker Tubus samt Beatmungsschlauch darin steckte. Sofort begann ich zu würgen. Hektische Piepstöne der Überwachungsmonitore schlugen über zwei Oktaven Alarm und polterten wild durch einander, als hätte ich bei Donkey Kong den Highscore gebrochen. Dann ging alles sehr schnell: Drei Sanitätsameisen stürmten in geordnetem Marsch herbei. Während zwei Arme mich absaugten, zwei den Block des Tubus öffneten und mich von dem Krötentunnel befreiten, legte mir Arm Nummer fünf eine Infusion an, sechs stellte das Krankenbett in Schocklage und die Geldspielautomaten ab. Eigentlich hätte eine Ameise dafür gereicht, überlegte ich mir. So schnell wie sie gekommen waren, verschwanden sie auch wieder.
Als ich aus meinem Dämmerschlaf erwachte, lag ich in einem großen, aber nahezu leeren Raum. Ich schaute mich um. Auf dem verloren wirkenden Nachttisch lag eine Zeitung, ich schielte auf das Titelblatt, ganz Italien fiebere dem Champions League – Finale entgegen. „Wieso“, dachte ich mir, „das habe ich doch schon vor Ewigkeiten geguckt“. Dann fiel mein Blick auf den Abreißkalender mit der Tageslosung neben dem Kruzifix und schließlich auf die Digitaluhr mit Datumsanzeige über der Tür. Irgendetwas stimmte hier nicht. Das hier war Zweifels ohne das Ospedale Maggiore in Mailand. Hier schlummerte irgendwo in einer Formaldehydlösung meine Gallenblase, das gute Stück musste ich vor knapp zwei Jahren hierlassen, ich erkannte es wieder. Heiser grübelte ich darüber nach, was überhaupt geschehen war. Aber ich kam in meiner Erinnerung immer nur bis zum Mittagessen bei Don Pascale, zur Trippa, zu Carlotta. Und bis dahin, dass ich eine Woche sterbens- und liebeskrank in meiner Sägemühle eine halbe Tagesreise entfernt von hier lag. Was aber danach kam, lag völlig im Dunkeln.

Hättichmal

Aber wieso war ich in Mailand?! Und wenn ich hier war, wo war dann Carlotta? So langsam dämmerte mir, dass zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ein glaubwürdiger Zeitsprung gelungen war. Und das ausgerechnet mir, der ich in Sport immer nur eine „Vier“ in der Grundschule hatte, weil die rhythmische Gymnastik meine Note immer wieder nach unten zog. Ich wusste nicht, wer sich diesen Quatsch mit dem Zeitkatapult überhaupt ausgedacht hat: Einstein, Bill Gates oder James T. Kirk. Sie gingen jedenfalls alle davon aus, dass man die Vergangenheit und die Zukunft am gleichen Ort quasi verschieben könne. Die lineare Raumkrümmung hatten sie aber alle nicht bedacht, denn allem Anschein nach hatte mein Zeitsprung zwar funktioniert, mich dabei leider viel zu weit und an einen ganz anderen Ort geschleudert. Das machte es nicht wirklich leichter! Dabei habe ich mir immer gewünscht, manche Dinge ganz anders zu machen, wenn ich noch einmal die Gelegenheit dazu hätte. Zum Beispiel würde ich nie wieder in Lycos- Aktien investieren, auf Arminia Bielefeld wetten oder 100 DM beim Hütchenspiel in Amsterdam setzen. Ich hätte im Bad nur zehn Zentimeter weiter unten gebohrt und mir den Wasserschaden erspart. Und wenn ich Mitte 30 endlich das Micky Maus- Abo gekündigt hätte und nicht die Hausratversicherung mir wegen offener Beitragszahlungen, dann hätte ich behaupten können, ein Schlauch an der Waschmaschine wäre geplatzt. Und nie, wirklich nie wieder, würde ich meinen Sohn Kevin Pascal nennen. Das war kein Name, das war eine Diagnose! Schade auch, dass ich Kahn keins auf die Fresse gehauen habe, als er im Matheunterricht beim Tintenpatronenkugelfußballspielen mein Geodreieck zerbrochen hat. Ich traute mich nicht, er trug schon damals ein rohes Schnitzel als Sternzeichen um den Baumstamm dicken Hals, hatte einen geistigen Horizont wie ein Dessertteller und Hände groß wie Bratpfannen. Ich kniff auch, als ich auf der Klassenfahrt Astrid beim Flaschendrehen mit Zunge küssen sollte. Ich kriegte keinen Ton heraus, als Christine Neubauer eines Tages in der Hotellobby im Urlaub neben mir stand. Aber am meisten wurmte mich das mit der Pille und Natascha damals im Strandkorb auf Borkum. Es wehte ein eisiger Wind, die Wellen schlugen hoch, wir hatten zwei Flechthäuschen Kopf an Kopf gestellt und uns unter meinen Fleece- Pullover gekuschelt. Es war unsere letzte gemeinsame Nacht, ehe sie mit ihren Eltern zurück in den Harz fuhr. Wenn ich manchmal doch nur ein bisschen mutiger gewesen wäre, dann wäre vieles ganz anders gelaufen. Vielleicht wäre ich dann schon Opa! Ich verwarf diesen Gedanken sofort wieder, aber so langsam leuchtete mir ein, warum es mir so schäbig ging: Ich lag durch den Zeitsprung wieder mit dem gleichen unbekannten Fieber und Wahn wie schon vor zwei Wochen im Bett. Ich hatte also gute Überlebenschancen. Aber etwas ganz Besonderes ging mir nicht mehr aus dem Kopf: Was war in der Zwischenzeit geschehen, woran ich mich nicht erinnern konnte? Würde ich Carlotta jemals wieder sehen?

Nie wieder zweite Liga!

Exakt nach dem gleichen Krankheitsverlauf wie schon zuvor, wurde ich nach einer Woche entlassen. Carlotta hatte sich in dieser Zeit nicht bei mir gemeldet und auch sonst niemand. Ein wenig enttäuscht stand ich mit meinem Gepäck und einer Fußbandage in der prallen Mittagsglut vor dem Mailänder Dom. Majestätisch schob sich der gotische Marmorbau empor. Hier auf dem Vorplatz versammelten sich mehr scheiß Tauben als Zuschauer zu manchem Heimspiel von Arminia auf der guten alten Alm. Aber das ist eine andere Geschichte. Durch das Getümmel steuerten zwei junge Mädchen auf mich zu, einen Arm wie einen Handtuchhalter unter einem leichtem Stoff verborgen, in der anderen Hand hielten sie eine Begrüßungsrose. Ich hob meinen Rucksack auf, blaffte sie an und drohte, ihnen das Kettenkarussell um die Ohren zu schlagen. Sie huschten aus einander und begeisterten direkt neben mir einen dicken Touristen mit Krücken, der über so viel italienische Gastfreundschaft ganz hin und weg war und erst im Hotel bemerkte, dass sein prall gefülltes Reiseportemonnaie ganz weg war. Ich überlegte, was ich jetzt tun sollte. Ich kannte mich ein wenig aus in der Stadt, jetzt aber wollte mir nichts Gescheites einfallen, also bummelte ich zum Naviglio Grande, dem großen Kanal von Mailand. Zahlreiche Brücken überspannten die gegenüber liegenden kleinen Uferstraßen. Dicht an dicht drängelten sich hier Bars, Clubs, Mode- und Schmuckboutiquen, Ateliers und winzige Galerien. Im schwarzen Wasser dazwischen dümpelten Restaurant- und Ausflugskähne beengt auf Reede wie polnische LKW am ehemaligen Grenzübergang Helmstedt. Morgens belagerten Reisebussrentner und Blechzeltvagabunden wie zur Maueröffnung jeden Stehplatz doppelt und am Abend stürmte die einheimische Gameboy- Generation die morschen Schaluppen, die selbst der Klabautermann sich weigerte zu betreten. Ich lehnte mich über ein Geländer und schaute Gedanken verloren einer schwimmenden Plastiktüte hinterher, als ich plötzlich Carlotta auf der anderen Seite aus einem Hinterhof die Straße betreten sah. Ich glaubte meinen Augen kaum, schrie und jubelte wie beim Unentschieden gegen Osnabrück in der Saison 2003/2004, das uns den Aufstieg in die 1. Bundesliga und den Titel „Rekordaufsteiger“ sicherte. Sie sah verdammt gut aus und ich konnte sogar auf diese Entfernung sehen, dass sie abgenommen hatte. Dann blickte sie endlich hoch, ließ ihre Tasche fallen, bekam von zwei jungen Mädchen eine Rose zur Begrüßung und wir beide rannten, ein jeder auf seiner Seite des Kanals, zur nächsten Brücke. Wir brüllten und riefen und erzählten uns die vergangenen Wochen. Die letzten Meter schon begann es zu klingeln und rot zu leuchten, dann hob sich unsere Brücke direkt vor uns empor und eine pralle Gondel mit gaffenden Ausreisewilligen schob sich quälend langsam hindurch. Ich verlor Carlotta aus den Augen, dann zerrten mich zwei Carabinieri aus dem wartenden Pulk und stellten mich dem vierbeinigen dicken Touristen gegenüber. Er nickte grimmig. Es war schon früher Abend, als ich die Polizeiwache verlassen durfte. Die Brücke war geschlossen und Carlotta wieder einmal aus meinem Leben verschwunden. Ich trank ein Bier im Scimmie und schiffte von einem verlassenen Seelenverkäufer in den Kanal. Müde suchte ich mir in der Nähe eine kleine Pension. Sie war teuer, aber ich hoffte, dass Carlotta hier im Viertel wohnte und ich sie wieder träfe. Die Lage war weniger aussichtslos als gestern, ich hatte heute wenigstens ein paar Anhaltspunkte mehr. Ich legte mich auf das Bett und klappte sofort zusammen wie ein Schulbutterbrot. Mühsam und ächzend schälte ich mich wieder hinaus. Mit dem Bit- Adapter aus meinem Victorinox – Taschenmesser schraubte ich die Tür vom Kleiderschrank ab und schob sie unter die Matratze. Herrlich. Dann schlüpfte ich unter das Labyrinth von geschichteten Bezügen und Decken und schlief einfach nur ein.

Traumfahrer

Kurz nach Sonnenaufgang stemmte ich mich klebrig aus meiner Kajüte, mein erster Blick fiel auf mein Handy: Keine Nachricht, kein Anruf und keine Kontakte! Es schien, als habe mein Zeitsalto rückwärts nicht nur mein Handy resettet und alles gelöscht, sondern auch das von Carlotta. Wackelig taumelte ich in meine Shorts, mein lädierter Fuß schmerzte immer noch vom Sturz über meinen Rucksack. Die Ärzte meinten, ich sollte mich schonen, damit der Knochen heilen könne und nicht steif verwachse. Vorsichtig humpelte ich die steile Treppe hinunter zum Frühstückraum. Unten erwartete mich ein karges Buffet wie in einer schwäbischen WG: Brötchen, Marmelade, Caffè. Fertig. Aus. Ich packte mir brummig zwei Weißmehlkugeln und sieben Pröbchen Sauerkirschkonfitüre auf einen Teller, griff mir die Corriere della sera vom Vortag von der Theke und setzte mich an einen freien Tisch am Fenster. Tief stach ich das Messer in das hohle Weizenmausoleum, teilte es, füllte es Rand hoch mit dem klebrigen Wespenlockstoff und biss hinein. Ein dicker Spritzer Fruchtmus stürzte herab und traf Carlotta, die mich aus dem Kulturteil anblickte. Erschrocken hustete ich den Teigling wieder hoch und wischte ihr den roten Kleckshut beiseite. „Ausstellungseröffnung“ überflog ich den Artikel hektisch, schüttete mir den lauen und übersüßten Caffè in den Ösophagus, schnappte nach der Zeitung und stürzte auf die Straße.
Draußen war ein Sommer, wie ich ihn noch nie erlebt hatte, nicht in Mailand, nicht in Bielefeld oder irgendeiner anderen Metropole. Trotz der Frühe waren Stehplätze im Schatten bereits ausverkauft, das Blau des Himmels geschmolzen, ich blickte einfach hindurch in die explodierende Sonne. Die Hitze war unerträglich. Im Kanal blubberte das Wasser, Tauben gingen zu Fuß, weil die Luft zu dünn zum Fliegen war. Der Asphalt auf den Straßen war weich wie eine Ritter Sport Zartbitter im Handschuhfach eines Fiat Ritmo. Teerpappe tropfte in langen Fäden von den Dächern und erschlug einen Fahrradkurier. Ich versuchte, mir mit einer Markisenkurbel sein Velo zu angeln, sank dabei aber selbst ein wie in frischer Hundewurst. Fluchend schmiss ich das glühende Brandeisen in den Kanal. Tür um Tür kämpfte ich mich voran, drückte mich eng an die Hausmauern, turnte über überbackene Nagetiere und tänzelte über Lavaschollen, aber dieser Schmelzofen erstreckte sich endlos und unbarmherzig vor mir wie eine Wüste. Mein Liquor begann zu kochen, ich stolperte und schlug breitseits in die lodernde Pfanne. Erst am Abend schälte mich ein Wasserwerfer der Carabinieri wieder heraus. Frittiert und labbrig schleppte ich mich zurück in meine Pension, trug dickschichtig Speisequark und Olivenöl auf meinen Leib auf, wickelte mich in Aluminiumfolie und schaltete den Fernseher ein. Alle privaten Kanäle brachten Sondersendungen über die größte Hitzewelle Norditaliens seit der Erstausstrahlung von Sex in the city: Auf dem Grund des ausgetrockneten Lago Maggiore tauchte das Bernsteinzimmer auf. In einer Dringlichkeitssitzung beschloss Silvio Berlusconi, es im Palazzo Grazioli, seinem Wohnhaus in Rom, wieder aufzubauen. Der schmierige Breitkopfaal grinste mich in Full HD an, Arm in Arm mit einer schlanken Brünetten. Wahrscheinlich eine Medienreferentin im Praktikum, kurz vor ihrer mündlichen Abschlussprüfung. Dann verlas er seinen 2- Punkte- Plan zur Bewältigung der Klimakatastrophe:
1.) Ab sofort darf Trinkwasser nur noch schluckweise verzehrt werden, und
2.) Auf den Verkauf von Reservekanistern, Fässern und Eimern wird eine Sondersteuer erhoben.
Noch ehe der Staubsaugervertreter mit dem Charme einer Filtertüte die Auflösung des Parlaments, sowie die Privatisierung aller öffentlichen Sendeanstalten und Verlage verkünden konnte, schaltete ich auf um. MilanoArte berichtete von einer Künstlerin, die aus Kutteln und Schmelzkäse eine lebensgroße Plastik des Ministerpräsidenten und selbsternannten Nachtclubpapstes gefertigt hat und nun eifrig in ihrem Heimatdorf im kühleren Süden an der Umsetzung des Vatikans im Maßstab 1:32 arbeitete. Die Kamera schwenkte auf eine Sägemühle, neben der Tür stand eine mir gut vertraute Bank. Zoom auf Carlotta, ein Reporter fragte sie aus dem Off, wie sie zu diesem außergewöhnlichen Material gekommen sei. Plötzlich begann das Bild zu flackern, die Stimmen rissen ab und klangen blechern. Dunkelheit legte sich über die ganze Stadt, der Strom kroch in seine unterirdischen Höhlen zurück.

Hitzeschwelle

Weit nach Mitternacht flackerten vereinzelt Lichter wieder auf, wahrscheinlich wurden erst die öffentlichen Gebäude mit Bruzzelmasse aus Notstromaggregaten versorgt. Der Großteil der Stadt blieb jedoch schwarz wie eine Neumondnacht in Wanne- Eickel. Ich schaute auf das Wetter-App meines Handys: Immer noch 24 Grad. Die 5- Tages- Prognose versprach steigende Temperaturen, Abkühlung erst am Samstag auf etwas unterhalb des Siedepunktes. Mit zittrigen Fingern überflog ich die Schlagzeilen der Nachrichten: Ganz Mailand war durch den Stromausfall von der Außenwelt abgeschnitten, der öffentliche Nahverkehr komplett zusammen gebrochen. Korrupte Beamte plünderten ein Freibad im Schutze der Dunkelheit und ein Video zeigte einen Kanaltaucher, wie er von einer achtlos weggeworfenen Eisenstange eines Touristen in kurzer Hose erschlagen wurde. Die Welt ist schlimm, dachte ich. Die Stadtverwaltung riet den Einwohnern daher dringend, ihre Häuser nicht zu verlassen und tagsüber die Kellerräume aufzusuchen. Das Militär hat eine Luftbrücke zur Sicherstellung der Trinkwasserversorgung eingerichtet. Aus Mitteln des europäischen Katastrophenfonds können alle Betroffenen dafür ab Montag in der örtlichen Präfektur einen Berechtigungsschein beantragen. Ohne Meldebescheinigung werde ich sicher leer ausgehen, überlegte ich, ging ins Bad und drehte den Wasserhahn am Waschbecken auf. Er würgte und erbrach sauren Schleim in die Schüssel. Auch die Dusche rotzte nur braune Brühe ins Moosgrün. Mit dem Zahnputzbecher schöpfte ich einen Schluck Hoffnung aus dem Spülkasten und stillte meinen Durst.
Aus dem Zimmer nebenan rief mich das Handy zurück, es spielte Message in a bottle von Police. Ich blätterte zu meinem Postfach,  jubelte, als ich Carlottas Nummer erkannte und klickte auf die Absenderkennung. Doch so sehr ich auch darauf herumdrückte, nichts geschah. Ich flitze noch einmal ins Bad, kramte im Kulturbeutel nach einem alten Zahnstocher und tackerte damit wild auf dem Display herum. Mit war, als forderte der Tod ausgerechnet in diesem Moment eine alte Schuld ein, die ich ihm vor langer Zeit versprochen hatte, als ich in der Kinderkur den Wurstebrei nicht essen wollte. „Hol’s der Teufel“, hatte ich damals geschimpft, ohne mir im Klaren darüber zu sein, was das denn wirklich bedeutete und wann. Verzweifelt versuchte ich nun, mit ihm zu verhandeln und bot im Tausch für diese eine SMS meine gute, alte Dampfmaschine oder meine UFO- Sammlung von 1975 an. Doch es half alles nichts, der greise Alte zeigte mir sein zahnloses Antlitz, nahm das Funknetz und die Server. Mein Kredit war abgelöst, die Publikumswette verloren. Thomas Gottschalk setzte sich zu mir auf die Couch und tröstete mich, ich sei ja noch so klein gewesen und Michelle müsste jetzt halt die kalte Stippgrütze essen. Mit einem lauten „Fuck the devil“ warf ich mein Handy in Richtung Kanal. Lautlos verschwand es in der dunklen Nacht. Dort, wo es hätte landen müssen, stieg bleicher, kalter Nebel empor. Ich schloss schnell mein Fenster, zog die Vorhänge zu, setzte mich auf die Bettkante und starrte vor mich hin. Ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte, ich hatte keinen Plan B. Hitze, Durst und Hunger belagerten die Stadt und vor meiner Tür trachtete mir der Tod nach dem Leben. Plötzlich krachte und knisterte, donnerte und dröhnte es draußen. Alle Angst und Zweifel vergessen, riss ich das Fenster wieder auf. Dort, wo eben noch eine kleine Rauchsäule waberte, züngelten bereits erste Flammen in den Himmel. Ohne nachzudenken stemmte ich im Bad mit brachialer Gewalt den Wasserkasten von der Wand, polterte damit die Treppen hinunter und rannte über die Straße. Heiße Schwefel- und Ammoniakdämpfe schlugen mir entgegen, versengten mir die Haare, bissen mich in Lunge und Augen. Mit letzter Kraft warf ich mich hindurch und schaffte es schließlich, das Höllenfeuer zu ertränken. Zischend erlosch es. „Fuck the devil“, sagte ich noch einmal, drehte mich um und ging zurück in meine Pension. Flackernde Lichter begleiteten mich auf meinem Weg.

Erfischend

Ab Samstag sanken tatsächlich die Temperaturen ein wenig. Der Pegel des modrigen Naviglio kletterte bis zur Niedrigmarke der großen Dürrekatastrophe von 1976. Der aufgeweichte Asphalt erstarrte wie ein Arminia- Fan nach dem entscheidenden Gegentor in der Nachspielzeit, Abstieg, Liga 4. Die Buschfeuer am Rande der Stadt verloschen, der Wind hauchte sanft durch die Straßen und die Schatten der Häuser hörten auf zu schwitzen. Mit jedem Tag begann das Leben mehr Normalität zurück zu gewinnen, die es vor der Sonneneruption gehabt hatte. Schon nach einer Woche war es wieder möglich, das Haus zu verlassen, ohne dass sich gleich Nekrosen auf der Haut bildeten. Auf dem Domplatz verteilte der Katastrophenschutz Hilfsgüter und Sonnencreme an die hungernde Bevölkerung, die Carabinieri klemmten Strafzettel hinter die Windschutzscheiben und mein Pensionswirt brachte einen neuen Spülkasten an. Ich ließ mir darin ein Fußbad ein und genoss den Abend bei einer Flasche Rotwein und einer Partie Tetris auf meinem Gameboy. Geschickt rotierte ich mit den primär- und sekundärfarbigen Würfeln herum, verschob sie nach links und rechts und packte in jede noch so kleine Lücke ein Päckchen wie ein UPS- Fahrer. Die Musik fiepte dazu gemächlich in einer Endlosschleife ein Sankt- Martinlied. Ich sammelte allerlei Leckeres und Süßes ein. Dann plötzlich platzte das Versandzentrum wie in der Vorweihnachtszeit aus allen Nähten, der heilige Bischof zerteilte seinen ollen Mantel jetzt in Techno- Frequenz. Immer schneller wirbelten mir bunt verpackte Geschenke um die Ohren, dicke, dünne, große, kleine. Schließlich stürzte ein riesiger Überseekoffer herab und blockierte die Einfahrt. Das Förderband schmiss noch ein paar unnütze Last- Minute- Präsente hinterher. Rien ne vas plus. Das Spiel war aus. Frustriert brach der Klodeckel unter mir zusammen. Meine Füße noch im Wasserkasten, strampelte ich wie eine Wespe im Apfelsaft, ehe ich mich aus dieser misslichen Lage befreien konnte. Mit nassen Hosen und einem neuen Highscore stand ich im Badezimmer, als es auf einmal klopfte. Ich hüpfte zur Tür, öffnete und blickte in den dunklen Flur, doch es war niemand da. Na ja, vielleicht hatte ich mich auch nur verhört oder mein Zimmernachbar wollte sich über den Krach beschweren und bullerte mit der Fernbedienung gegen die morsche Wand. Doch dann fiel mein Blick auf den pieksigen Kokosteppich unter meinen nackten Füßen. Ein verschlissener Karton lag da, als sei er aus dem Spiel gefallen. Verwundert bückte ich mich und hob ihn auf. Ich schlug die Tür hinter mir und ging wieder in mein Zimmer zurück. Angestrengt legte ich mein Ohr auf den Kasten, aber er schwieg wie ein Apnoetaucher. Mit dem wohltuenden Gedanken, jeder Zeit in die Luft fliegen zu können, riss ich ihn auf, wühlte mich durch eine Schicht Verpackungsflocken und zog ein angeschmortes Handy heraus. Ich drehte es hin und her und versuchte es einzuschalten. Es krähte ein paar Töne und begrüßte mich mit den Worten „Trippa ist Tod auf Raten“. Ein eisiger Schreck durchfuhr mich, als ich darin MEIN Handy wieder erkannte, dass ich dem Kaltbeinigen in den Rachen geworfen hatte. Mit zitternden Händen starrte ich es an, mir war mit einem Mal so kalt, dass mein Atem sichtbar wurde. Blassgraue Wolken entstiegen meinem Maul, der Pelz auf meinem Rücken stellte sich auf. Zäher Geifer tropfte mir von den Lefzen, als ich nach der letzten SMS blätterte, für die ich beinahe meinen Esbit betriebenen Dampfwandler hergegeben hätte:

Flupp*!* Dies*ist*eine*Mailschnuppe*.* Sie*bringt*dir*Glück*. *Sende*sie*an*6*ganz*ganz*liebe*Menschen* weiter*und*sie*wird*dir*einen*Wunsch*erfüllen*!* Alles Liebe*,* Carlotta*.*

Sprachlos, gedankenlos und kopflos klickte ich auf „Weiterleiten“, trug sechsmal Carlottas Nummer ein und jagte die SMS in den Äther oder zum Teufel, ich wusste es nicht so genau. Ich änderte meinen Begrüßungstext in „Tod ist Trippa zum Braten“, versenkte die schnurlose Wählscheibe im Spülkasten und legte mich schlafen.

Habichdoch!

Das Tageslicht hatte noch längst nicht seine volle Reife erreicht, als ich erwachte. Frühstück gab es erst in zwei Stunden. Also beschloss ich, ein wenig durch die kleinen Straßen zu schlendern. Seit zwei Wochen trat ich das erste Mal wieder vors Haus und sog die faule Morgenluft Meter tief ein. Ich bog nach links in Richtung Kanal und Hebebrücke, die Carlotta und mich zum Greifen nah zerrissen hat. Auf meinem Weg begegneten mir nur ein paar Hunde, die auf die Straße kackten. Unauffällig ihre standen ihre Herrchen an der nächsten Ecke, rauchten und schauten sich auf ihrem Iphone Internet- Pornos an. In der Nähe des alten Hafenbeckens, der Darsena, ging ich einem immer dichter werdenden Strom entgegen. Alte Frauen mit knöchernen Bastkörben und weißhaarige Stockgreise mit angehängten Plastiktüten schlurften schweren Schrittes umher. Hinter einem Torbogen tat sich auf einmal ein idyllisch gelegenes Plätzchen mit einem kleinen Markt vor mir auf. Emsig und lautstark bot ein bunter Haufen Heuchler und Händler seine Waren feil. Der Maronenröster predigte neben der würzigen Käsefrau, der Obst- und Gemüsepflücker wetterte zwischen Wurst, Eiern und Blumen. Der triste Bäcker tauschte grade am Klamottenstand Brötchen gegen ein Sixpack Socken und gegenüber lockte ein süßes Marmeladenmädchen. Das eingelegte Gemüse schwieg und lauschte staunend dem tätowierten Rattengesicht, das Mikrofasertücher und Fenstergummis anpries. Jeden Meter auf diesem Einkaufsmoloch mischte Merkur ein anderes traumatisches Wahrnehmungs- und Erlebnisdrama aus der Palette der Farben von Rembrandt bis van Gogh mit Geruchssequenzen von fäkal bis floristisch.
Vor einem Metzgerwagen blieb ich stehen. Abgerissene Extremitäten verendeter Huf- und Klauentiere, gefleckter Wiederkäuer und rosiger Allesfresser baumelten an Arm dicken Tauen links und rechts hinter einem grobschlächtigen und dumpf blickenden Borg. Seine Schürze war Blut verschmiert wie nach einer Kreuzigung. Hinter der beschlagenen Auslage tobte grade eine Schlacht zwischen einem Fliegengeschwader und einer einzelnen Mücke, die verzweifelt hinter einer Motorradhelm großen Schüssel mit Sexual- und Sinnesorganen unklarer Genese Deckung vor dem nächsten Angriff suchte. Auf stumpfen Blechschalen stapelten sich Felddecken große Fleischfahnen in unterschiedlichen Eiterfarben. Angewidert brummte ich „Igitt“ in mich hinein, „was ist das denn?“ „Das ist Trippa“, sagte Carlotta, die wie aus heiterem Himmel neben mir stand, ich blickte in ein Lächeln, zart wie eine junge Rose, „ein Vormagen der Kuh, eine Spezialität der Region“. Sie nahm meine Hand und ließ sie nicht wieder los, „komm, ich lad‘ Dich zum Essen ein!“ „Was gibt es denn?“, fragte ich. „Cozze alla tarantina!“

ENDE

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Ein Kommentar zu „Henkersmahlzeit und andere Delikatessen

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