Die Stille am Teich

Ich betrachtete die Stille. Kein Wind kräuselte das Spiegelbild. Irgendetwas stimmte da nicht …

Ich überlegte, was es wohl war. Irgendwie schienen die Farben blasser zu sein und die Geräusche klangen dumpf wie im Bauch eines alten Schiffes. Was war geschehen? Wo war ich? Ich saß zwar wie immer hier im Park auf meiner Bank, aber es war es nicht so wie sonst. Verunsichert guckte ich herum. Ich wollte wissen, ob es den anderen Menschen, die um den kleinen Teich wandern, auch so geht, aber was ich sah, irritierte mich erst recht: Sie gingen alle rückwärts, jedoch fiel das offenbar niemandem außer mir auf. Nur ich saß dumm rum und verstand die Welt nicht mehr.

»Was ist, wenn die Welt plötzlich eckig wäre?«, schoss es mir durch den Kopf, »kann sie sich dann noch drehen, oder schiebt sie sich bloß wie eine Schrankwand von Ecke zu Ecke?«

Misstrauisch starrte ich ein Pärchen an, das wie selbstverständlich rückwärts auf mich zu schlenderte. Dazu hätten sie allerdings vorher schon einmal an mir vorbeigegangen sein müssen. Aber warum kann ich mich daran nicht erinnern?! Ich schaute auf meine Uhr: Stolz und rebellisch drehte der Sekundenzeiger die Runden entgegengesetzt seines üblichen Tuns.

Mir fiel fast die Kinnlade in den Schoß, als sich plötzlich eine junge, verdammt hübsche Frau zu mir auf die Bank setzte und fragte: »Tsgam ud nie sie?«

Wieder blieb mir nichts anderes übrig, als ein blödes Gesicht zu machen. Das hier ging auf keinen Fall mit rechten Dingen zu. Irgendetwas stimmte nicht und ich wusste nicht, was.

Irgendetwas ist ja immer.

In der Hüpfburg

Ich habe einen Schlüssel und ein Namensschild. Ich kann raus, wenn ich will, muss mein Handy nicht im Dienstzimmer abgeben und darf mit echtem Besteck essen, ohne dass einer zuguckt. Doch manchmal bemerke ich gar nicht, wie verrückt ich selbst bin.

Dann frage ich mich, wie es wohl wäre, wenn ich auf der anderen Seite des Tisches säße? Worüber würde ich berichten, was verheimlichen? Ich könnte mich unzensiert meinen wildesten Gedanken hingeben und müsste nicht versuchen, mich zu ordnen. Alles dürfte ich, ohne Angst bestraft oder ausgelacht zu werden, erzählen. Von meiner Kindheit oder dem Wunsch nach einem flotten Dreier. Von meinem ersten Bier oder meiner Lieblingsserie. Es könnte alles so einfach sein.

Aber in Wahrheit ist es das nicht mehr. Seitdem ich meine Tabletten abgesetzt habe, habe ich sogar den Eindruck, alles wird immer komplizierter. Vielleicht ist es auch eine Frage des Alters, oder besser gesagt: meines Alters. Es gibt so viele Sachen, die ich nicht mehr verstehe. Pokémon zum Beispiel. Früher gab es Maja, Willi, Kurt, Flip und die Lehrerin Kassandra. Die passte auf, dass die böse Spinne Thekla nicht in den Bienenstock krabbelte. Das waren alle und es waren genug. Da war die Welt noch überschaubar. Doch heute tummeln sich bereits in einer einzigen Folge Pokémon mehr merkwürdige Wesen als im gesamten Bundestag zur Diätenabstimmung.

Ich überlege deswegen, den großen Jagdschein zu machen und diese Plüschtiger einfach abzuknallen, bis schließlich keine mehr da sind. Dann würde in meine Anstalt endlich Ruhe zurückkehren und ich könnte auch mal wieder die Schlümpfe gucken oder mit Kimba durch den Dschungel stolzieren und die Schimpansen vor dem Feuertod retten. Ich könnte mit Nils Holgerson auf einer Gans fliegen oder mit Pinocchio den Fuchs ärgern, ohne dass einer umschaltet. Nichts ist mehr, wie es einmal war.