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Posts Tagged ‘Nase’

Zwischenstop

Mein literarisches Ich macht nun zunächst einmal eine kleine Pause. Nach vielen leichten, aber auch vielen verzweifelten Buchseiten lege ich nun die Füße hoch und mache mir ein Bier auf. Es fühlt sich gut an, wie nach langer Fahrt am Urlaubsort anzukommen und endlich die Spannung und Konzentration loszulassen und zu verschnaufen.
Vielleicht packe ich nach dem Essen das Auto aus und trage die Koffer aufs Zimmer oder erst am nächsten Morgen. Vielleicht ist es schöner, jetzt eine Weile am Meer zu stehen und mir den Wind um die Nase wehen zu lassen, solange es noch hell ist.
Es gibt kein Programm für heute Abend, nur das, was ich daraus mache.
Ich kann eine neue Geschichte schreiben, das Blinken des Leuchtturmes zählen oder ich gehe mit Murat einfach einen Döner essen.

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Waswenn

Was passiert, wenn ich eines Tages berühmt bin? Halten mir junge Frauen ihre Schlüpfer zum Unterschreiben vor die Nase? Werde ich auf der Straße von wildfremden Menschen erkannt? Muss ich meine Nummer aus dem Telefonbuch streichen lassen und meinen Namen am Briefkasten überkleben? Passt das ganze Geld, das ich dann verdiene, überhaupt noch auf mein Konto oder muss ich in die Schweiz umziehen und mir Immobilien und teure Sportwagen kaufen? Bin ich öfter als einmal pro Woche zu einer Talkshow im öffentlich- rechtlichen Fernsehen geladen oder bekomme ich sogar den Deutschen Buchpreis verliehen?
Und was, wenn das alles wirklich einmal passiert?
Lass mich Arzt, ich bin durch!

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Nach meinem überwältigenden Sieg beim Netnovela- Schreibwettbewerb „Vom Sofa in die Bestsellerliste“ mit meiner Geschichte Freu dich nicht zu spät! drängt Murat nun mit Händen und Füßen darauf, dass ich eine Fortsetzung seiner Memoiren schreibe. Meinetwegen.

Die Geschichten dieses zweiten Teiles fasse ich (vorerst) unter „Murat Reloaded“ zusammen. Viel Spaß damit.

 

Vorübergehend bewölkt

Ehrlich betrachtet, unser kleiner Laden läuft wie ein Streuguthandel in der Sahara, wir bekommen keinen Kredit mehr in der Sparkasse und keinen Deckel mehr bei Renzo. Jetzt haben wir für unsere letzten fünf Euro Zigaretten gekauft und brettern auf der Autobahn durch das nächtliche Ruhrgebiet. Murat, der alte Renndackel, bläst den Dieselmotor bei 130 km/h frei, immer nur Kurzstrecke sei ja Gift für so eine hochtechnisierte Maschine. Die Handbremse hat er ein Stück angezogen, damit wir nicht so schnell sind. Ich lehne meine Wange an die klamme Seitenscheibe, nehme ein Schluck Bier aus der Dose, krame in der Schachtel nach einem Teerlutscher, blase Olympische Ringe in die Luft und spiele verträumt mit dem Lego- Leuchtstein.
„Das Leben ist genauso“, denke ich, „irgendwann geht das Licht aus.“
Wacklige Szenen in Super 8 – Qualität erobern meine medialen Temporallappen und rufen Erinnerungen hervor. Wie der Sturm das Lagerfenster eingedrückt hat und Brackwasser unseren gesamten Vorrat an Haushaltsrollen, Servietten, Klopapier und Hoffnung fraß. Augenblicklich kommt der Geruch von feuchtem Keller wieder hoch und reizt meine Gaumensegel. Ich schlucke es wieder hinunter, hat schließlich Geld gekostet und blicke zu Murat.
Er wischt mit einem alten Socken die Windschutzscheibe sauber, „Sauwetter und überall Tempolimits!“, schimpft er.
Ich nicke und sacke wieder in meine Gedanken zurück. „Wir müssten einfach mal raus“, sage ich dann, „raus aus dem Trott. Den Alltag hinter uns lassen. Nach vorne blicken und neu beginnen. Den Kopf frei blasen wie einen Dieselmotor!“
„Saufen und kiffen?“, fragt Murat knapp.
„Nein, wir brauchen Urlaub!“

Am nächsten Morgen machen wir uns verkatert auf den Weg zu Doktor Gesch, Gesch wie gelber Schein. Dieser Mann hat einen zweifelhaften Ruf, und wir ein ebensolches Anliegen. Keiner weiß, ob und wo er wirklich promoviert hat, und noch viel schlimmer: Worüber?! Der Blinddarm – Sackgasse oder Durchbruch? Ein Wanderhoden auf Abwegen oder am Ziel – Google Streetview enthüllt!? Beinamputation als Alternative zur Penisverlängerung? Oder über Elektroschocks zur Vorbeugung bei Herzinfarkt? Noch ehe ich mich weiter echauffieren kann, tippt mir Murat auf die Schulter und zeigt nach rechts. Ich bleibe stehen und stutze, so schlimm hatte ich mir das nicht vorgestellt. Die Praxis liegt in einem grauen Hinterhof, wo nachts die Fässer brennen, Ratten die Spinnen fressen und es in den Mülltonnen klopft. Misstrauisch blicke ich mich um, zähle laut bis drei und renne los. Murat ist mir dicht auf den Fersen. Dann strauchelt er über einen toten Schädel und landet vornüber in dem wurmigen und Öl durchtränkten Dreck. Die ersten Aasfresser schauen neugierig zu uns herüber.
„Nicht liegen bleiben“, schreie ich, reiche ihm meine Hand und ziehe ihn ruppig aus der Gefahrenstelle.
„Danke, Alter.“
„Da nich für“, entgegne ich.

Unter einem löchrigen Vordach, das einen schwarzen Kellereingang nicht mehr schützt als eine Baustahlmatte, verschnaufen wir kurz, ehe wir das muffige Treppenhaus betreten. Die Wände sind zugekritzelt wie ein Berliner Hauptschul- WC und es riecht auch so, die Stufen vermüllt wie das Handschuhfach eines Messis. Sofort greift das alte Unbehagen wieder nach meiner Kehle, ich halte die faule Luft an. Spitzbeinig erreichen wir die dritte Etage, klopfen uns den Staub aus den Klamotten und drücken die Klingel neben dem Hand geritzten Messingschild. Am anderen Ende der Wand kreischt eine Glocke wie eine alte Straßenbahn, dann höre ich ein wenig Putz rieseln.
„Is offen“, knarzt es kurz darauf unwirsch von drinnen. Mit dem Ellenbogen stoße ich die Tür auf. Eine unansehnliche Matroschka am Empfang weist uns, ohne nach der Krankenversicherungskarte zu fragen, mit abgehackten Worten und hartem, rostigen Akzent den Weg zum Wartezimmer.

Unter normalen Umständen hätte ich einen solchen schäbigen Raum selbst als Cholera-Kranker nicht betreten, so groß ist die Infektionsgefahr auf den speckigen Holzstühlen, sich was Ernsthaftes zu holen. Aber die Umstände treiben uns hierher. Murat und ich bleiben stehen und schauen in die Pflastergesichter der anderen. Die meisten sehen aus, als wären sie aus dem Armenviertel vertrieben worden. Wer hier mit uns das Dasein fristet, steht schon beim Tod auf dem Einkaufszettel. Ich achte peinlichst darauf, nichts zu berühren und starre an die vergilbte Decke, an der die Nachtfalter um die Leuchtfunzel ihre Namen tanzen. Ohne zu murren wartet die Hiobsgemeinde stoisch, als wäre das hier ein ukrainischer Provinzbahnhof und man hofft, dass etwas passiert, aber man weiß es nicht genau. Nach etwa zwei Stunden nehme ich mir eine abgewetzte Fachzeitschrift vom Altpapierstapel in der Ecke. Ich entdecke grade einen interessanten Artikel über die durchschnittlichen Liegezeiten in der Pathologie „So wollen die Krankenkassen auf unsere Kosten sparen!“, als uns die rauchige Stimme Captain Flints in sein verrauchtes und verruchtes Zimmer ruft. Ich denke über den Katalysator für Zigaretten nach.
Stumm zeigt er auf einen Packen Briefumschläge auf seinem verwarzten Schreibtisch. Aus jedem einzelnen blinzeln Geldscheine heraus.
„Großes Sorge, großes Schein. Kleines Sorge, kleines Schein“ redebrecht er.
Murat überreicht ihm einen Stapel Formulare, die uns unsere Krankenkasse zugeschickt hat. Sein dicker Daumen blättert hindurch und hinterlässt auf jeder Eselsecke einen Nikotin gelben Abdruck.
„Sehr großes Sorge“, murmelt er.
Murat und ich schauen uns an, wir sind blank wie ein zypriotischer Kleinfischer.
Flint ist dieses nicht entgangen, „schönne Uhr“, sagt er beiläufig, „Rolex?“
Murat schüttelt mit dem Kopf, „Taucha“, sagt er, nimmt sie ab und legt sie ihm zögerlich vor seine dicke Nase.
Der gierige Pirat nimmt sie hoch, dreht sie ein paar Mal im Licht, schaut auf den Deckel, zieht eine mächtige Schublade vor seinem Bauch auf und lässt sie klingelnd darin verschwinden.
„Und schönes Auto!“
Murat schaut mich flehend an, ich aber fische die breit gesessenen Papiere aus meiner Arschtasche, löse den Rapidschlüssel vom Bund und lege beides auf den Tresen.

Ein viertel Stunde später verlassen wir die Kajüte des raubeinigen Seeräubers, winken fröhlich ins Leichen blasse Wartezimmer und nehmen die Schwarzbahn zum Laden.

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Nachtlos

Der Vollmond steht hoch über dem Wald und die Eulen rufen durch die Finsternis. Ich spüre, wie mir ein dichter Pelz auf dem Rücken wächst und sich meine Hände zu gefährlichen Krallen versteifen. Der Geruch von eingetrocknetem Blut an den Kielen der handgerupften Gänsedaunen in meinem Kissen entzündet in meiner Nase eine olfaktorische Explosion und droht, meinen letzten Willen zu brechen. Krampfhaft klammere ich mich an die massiven Bettpfosten, die wie morsche Zahnstocher zersplittern und mich nicht mehr halten können. Ich springe auf und taumele aus dem Zimmer.
Im Treppenhaus rieche ich genussvoll an den Gummistiefeln und vor der Tür schlage den Hund des Nachbarn tot, der mich blöde ankläfft. Ich folge dem Ruf der Nacht zum Schlund der Straße, hebe spielerisch den schweren Gullideckel wie einen Kronkorken empor und steige hinab in die enge, unterirdische Speiseröhre der Stadt. Mit gefletschten Zähnen und geiferndem Maul durchstreife ich die verwinkelten Gänge auf der Suche nach Cholesterin und Protein. Ich zerre Maulwürfe aus ihren Löchern und beiße Ratten die Schwänze ab. Und erst, wenn die Filetlaken der Fledermäuse über der Glut des Fegefeuers in rußiger, reiner Schwärze erstrahlen, vollendet sich meine wunderbare Verwandlung vom liebevollen Gemüsemann zum gierigen Fleischmonster. Ich kann gar nichts dagegen tun, ich bin nachtlos.

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Von Tag zu Tag

Manchmal dringen Gedanken in meinen Kopf, die meine Hirnplatine nicht verarbeiten kann. Die internen Lötstellen beginnen dann langsam zu kokeln und zu schmorgeln und schließlich platzen sie ab. In der enormen Stauungshitze schmilzt mein Mandelkern, es riecht nach koagulierten Besenreisern. Meine Sinne trüben schlagartig ein und alle Bewegungen fallen mir schwer wie dem Papst der Gangnam- Style. Meine Arme hängen nutzlos am Körper herab und meine Beine sind taub und wie von Ameisen zerfressen. Ich will mich nach vorne aufs Sofa kippen lassen, verfehle es aber mangels Steuerungsfähigkeit meilenweit, schlage wie ein Brett auf den Flokati und verschwinde in metertiefen Wollbüscheln. Dankbar stelle ich fest, dass ich nicht mit dem Gesicht in die Katzenbürste gedonnert bin, die mir schon während des Fallens bedrohlich ihre spitzen Stahlfäuste zeigte, ich jetzt aber unentwegt anstarren muss. In ihrem dichten Haarteppich klettern Flöhe wie Affen von Ast zu Ast oder spielen Packen. Sie scheinen so nahe zu sein, dass ich sie mit meiner Zunge vertreiben könnte. Bei dem Versuch, es zu tun, durchtränkt warmer Speichel den linken Pulloverärmel unter meinem Kinn. Es klebt und matscht bereits wie im Keller einer griechischen Kantine und das Wasser steigt immer höher. Mein inneres Auge schickt sofort elektrische Hilfssignale an die völlig zerstörte Kommandozentrale in meinem Inneren. Dort aber läuft nur noch ein alter mechanischer Zuse- Rechner, der den Code des digitalen SOS nicht aufschlüsseln kann und den rudimentären Not- Impuls „Nasale Inhalation“ zurücksendet. Die Primatenbande sucht noch verzweifelt Halt, ehe sie der Sog meines Rüssels in das dunkle Wurmloch saugt. Es zischt und brodelt kurz wie bei einem spuckeüberlaufenden Klammerkind, dann ist es vorbei. Der Flokati steckt halb in meiner Nase und ich frage mich, was ich wohl morgen machen werde.

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Wenn jetzt Sommer wär‘

Warm und weich liegt die Luft über der Stadt, die Sonne lacht schon den ganzen Tag. Erschöpft steige ich aus dem Auto und da packt es mich. Es weht durch die Gärten und Gassen, mischt sich mit dem stillen Duft von frischen Rasenschnitt. Überall steigen Funken glühender Grillkohle empor und Würstchenzangen klappern. Der Speichel in meinem Mund beginnt zu knistern, grüngelber Senf beißt mich in die Nase, Gerbsäure rinnt durch meine Kehle zu einem Straßenfest der Sinne. Das Leben spielt Soul und ich tanze auf dem Tisch.

PS: Es liegt immer noch Schnee draußen, noch weit und breit kein Sommer in Sicht.

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Dawo

Manchmal möchte ich da sein, wo der Wind warm ist, wenn er weht. Wo der Regen klar ist, wenn er fällt. Wo einfach alles so ist, wie es sein soll. Wo die Dinge da sind, wo sie hingehören.
Da, wo ich morgens keinen Schlüssel suchen muss oder den zweiten Socken. Da, wo keiner den Toaster hochdreht und das letzte Blatt Klopapier aufbraucht. Da, wo sich das Essen selber kocht und die Waschküche immer leer ist.
Manchmal wünsche ich mir, mit einer kuschligen Decke unter dem Schreibtisch an der warmen Heizung zu sitzen. Die Geräusche verstummen und die Zeit hört auf zu ticken. Diesen winzigen Moment von Geborgenheit und Gelassenheit bewahre ich mir dann in einem Marmeladenglas auf und schnuppere daran, wenn der kalte Wind bläst und trüber Regen ans Fenster klatscht.
Manchmal möchte ich bei der Aktion Sorgenkind gewinnen.
Manchmal wünsche ich mir eine Fee, die sich um mich kümmert und mir die Sorgen nimmt. Sie muss auch nicht jung sein oder hübsch, auch wenn mich das nicht stören würde. Es reicht, wenn sie die Hecke schneidet oder Playmobil sortiert, die Schuhe zum Schuster bringt oder das Paket von der Post holt. Sie könnte für mich zum Friseur gehen und zum Sport, die Blumen gießen oder das Laub fegen. Und ab und zu sollte sie einen kleinen Kuchen für mich backen oder eine Pesto zubereiten.

Dann hätte ich wieder einmal Zeit für mich. Ich käme unter meinem Schreibtisch hervor, würde in der Nase bohren und das goldene Seepferdchen machen.

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