Der Jever- Mann

Kapitel 1

Ich gehe noch einmal in den Garten hinaus, hinten zum Stall. Klopf ist nirgends zu sehen. Ich hebe das Holzhäuschen hoch und schiebe das Stroh ein wenig an die Seite. Er ist auch diesmal in seinem Lieblingsversteck. Schnell stopfe ich ihn in meinen Rucksack. Er tut so, als merkt er es gar nicht. Dann renne ich zum Auto. Papa und seine neue Freundin warten schon. Sie hupt und fächert mit den Armen, ich solle mich beeilen. Eigentlich ist es ja Papa, der es so eilig hat, wir hätten noch über eine halbe Stunde Zeit, hat Isabelle gesagt. Und zum Bahnhof seien es nur zehn Minuten. „Wo warst du denn noch?“, will Papa prompt wissen. „Ich habe nur Klopf auf Wiedersehen gesagt“, flunkere ich. Dann geht es los. Wie Bolle freue ich mich auf diesen Urlaub. Es ist der erste, seit Mami weg ist. Papa hat uns eine Schnitzeljagd versprochen, mit Knicklichtern, Taschenlampen, Gartenfackeln und Grillen am Strand. Ich bin mal gespannt, ob er diesmal hält, was er verspricht. Isabelle kommt schnell voran und zwanzig Minuten zu früh stehen wir vor dem Hauptbahnhof. Zusammen heben sie die Koffer aus dem Auto, weil Papa noch dolle Rückenschmerzen hat. Die beiden knutschen noch eine Weile, weil Isabelle erst in ein paar Tagen hinterher kommt. Dann wird die Zeit doch wieder knapp. Wie immer streite ich mich mit meinem Bruder darüber, wer jetzt den Trolli holen darf. Wer den Chip einwerfen darf. Wer ihn zuerst schieben darf. Wer zuerst im Fahrstuhl auf hoch oder runter drückt. Wer den Trolli zurück bringt. Es steht 3:2 für mich. Mein Bruder schimpft, dann könne er ja gleich zu Hause bleiben. Dann hätte ich Papa für mich. Aber er steigt doch ein. Schwer bepackt laufen wir durch den Zug bis zu unseren Plätzen. Er sitzt neben Papa, Mist, unentschieden. Dafür mache ich als erster die Tasche mit dem Proviant auf und schnappe mir eine Bifi- Roll. Der Zug ist schön leer, wir hätten gar keine reservierten Plätze gebraucht. Nach knapp einer Stunde müssen wir das erste Mal umsteigen. Papa schimpft, was wir denn alles eingepackt hätten. Am Bahnsteig auf der anderen Seite fährt unser nächster Zug grade ein. Papa wird hektisch, ich denke das erste Mal an Klopf. Freundliche Menschen um uns herum helfen uns und irgendwie schaffen wir es doch. Elende sieben Waggons schieben und stoßen wir unsere Koffer durch die erste Klasse und das Bordbistro bis bis zu unseren neuen Sitzen. Auch hier schön leer. Wie steht es denn jetzt eigentlich? Na ja, egal. Wir schnicken halt, Bombe und Rakete gibt es nicht, das habe ich dem Doofmann schon einhundert Mal gesagt. Eine olle Schachtel beschwert sich, wir seien zu laut, hier im Zug säßen noch andere Leute und wollten arbeiten oder sich erholen. Papa stellt sich taub, wir machen weiter. Wir müssen wieder umsteigen, diesmal ist der Zug rappel voll, Füße ragen in den Gang, Koffer versperren den Weg. Warum hat Papa nicht reserviert? Weil er es trotzdem hinkriegt! Die nächsten beide Male müssen wir nur auf das Gleis gegenüber. Das schaffen wir locker. Es ist auch wieder deutlich leerer. Wir spielen mit der Bordtoilette, die eine lustige automatische Tür hat. Papa ist eingeschlafen. Ich füttere Klopf mit Papas mitgebrachtem Tomaten- Mozzarella- Brötchen. Als der Zug nicht weiterfährt, wecken wir ihn. Soeben huschen wir noch in den letzten Bus. Den Koffer auf den Knien rumpeln wir über Kopfsteinpflaster bis zum Fähranleger. Ein gewagtes Spiel mit der Zeit. Als der Kapitän dreimal trötet, hat Papa auch endlich die Tickets in der Hand und die Koffer abgegeben. Zusammen mit den Ratten erklimmen wir das überfüllte Deck. Der Wind pfeift um unsere Ohren und um kleine Birken, die das Fahrwasser markieren. Erschöpft kuschele ich mich an Papa. Die Sonne blendet mich. Die Sportvereinskameraden Wittmund auf Auswärtsspiel wärmen sich mit obergärigen Getränken auf, die Jugendreisegruppe aus Schieder blockiert Minuten lang für ein Foto die Treppe zum Heck und zu den Propellern. Die Drecksmöwen kreuzen für jeden Bissen gegen den Wind und ich schlafe ein. Ein letzter Ritt mit der Bimmelbahn zwischen Jack Wolfskin- Jacken, Bench- Fleecepullovern, Schöffel- Westen, Fahrrädern, Kinderwagen, plärrenden Kindern mit Nutella- Schnuten und schweren Windeln, zwischen Okzident und Orient, als wir endlich den Inselbahnhof erreichen. Mein Bruder und ich sind zu müde, um Papa tragen zu helfen. An der alten Museumslokomotive warten wir auf ihn. Er kommt mit einem quietschenden Bollerwagen und einem langen Gesicht zurück.

Wir erstürmen die Wohnung wie Dieter Bohlen früher die Charts. Dann wollen wir an den Strand, mein Bruder und ich. Papa möchte erst eine Pause machen. Beim Hüpfen auf der Matratze komme ich höher als mein Bruder, stoße mir aber den Kopf. Ich entdecke als erster die Fernbedienung und schalte den Fernseher ein. Ein Shanty- Chor vor einem großen Segelschiff liebt die Stürme. Papa kann nicht einschlafen und wir ziehen uns wieder an. Über rot geklinkerte Wege stürmen wir an Juckpulverbüschen, Knallerbsensträuchern und kahlen Kiefern vorbei, im Slalom um jeden Pöller, Anker und Bojen in Vorgärten zählend, mit Schwung über eingegrabene Paletten die Dünentäler hinunter und an Papas Hand wieder hinauf. Hinter der letzten Biegung liegt das Meer dann plötzlich da: Groß, weit und grau. Was Klopf jetzt wohl macht, fällt mir plötzlich ein. Dann stößt mir der Wind die Kapuze vom Kopf und ich meinen Bruder. Laut brüllend wie auf Kaperfahrt erobern wir die Welt. Papa fällt um wie der Jever- Mann.

Hier geht die Geschichte weiter

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5 Kommentare zu „Der Jever- Mann

  1. Ja, klar Nordsee. War auch schon in Jever und das Bier ist eines meiner Lieblingsbiere, weil schön herb und nicht son Süßkram wie Be*** für Frauen.
    Trotzdem: Ostsee ist von Strand und Wasser schöner!

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